Titel: Ueber Desinfectionsmittel.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1875, Band 217 (S. 254–255)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj217/ar217mi03_12

Ueber Desinfectionsmittel.

Die von Erismann in Pettenkofer's Laboratorium ausgeführten Versuche erstreckten sich zunächst auf die Ermittelung der in einer bestimmten Zeiteinheit seitens faulender Latrinenstoffe abgegebenen Gase. Es sollte sodann geprüft werden, in wie weit diese Vorgänge durch Zusatz von desinficirenden Mitteln eingeschränkt werden könnten. Es wurde Koth und Harn in den Verhältnissen, in welchen sie in der |255| Abtrittsgrube zusammentreffen, wie 1 : 3, auf Kolben gefüllt und ganze Wochen hindurch gereinigte Luft darüber geleitet, welche alsdann hauptsächlich auf Kohlensäure und auf Ammoniak geprüft wurde. Nach diesen Vorversuchen würde eine Abtrittsgrube von 3m im Geviert und 2m hoch angefüllt, unter mittleren Verhältnissen täglich 11k Kohlensäure und 2k Ammoniak an die benachbarte Luft abgeben. Die Menge des Schwefelwasserstoffgases ist dagegen sehr gering und äußerst schwankend. Sie würde für dieselben Verhältnisse kaum mehr als 33g pro Tag betragen. Dagegen wurden recht ansehnliche Mengen von organischen Gasen, Kohlenwasserstoffe u. dgl. an die über die faulenden Excremente streichende Luft abgegeben. Dieselben wurden durch den Zuwachs der Ventilationsgase an Kohlensäure nach der Verbrennung (mittels Kupferoxyd) quantitativ bestimmt, und die Resultate auf Grubengas berechnet, würden sich 7k solcher organischen Gase in 24 Stunden ergeben. Nach Volume berechnet, würden sogar diese Mengen von organischen Gasen die Mengen der ausgegebenen Kohlensäure überragen.

So groß ist also die Menge von unathembaren oder direct schädlichen Substanzen, die eine einzige, mittelgroße Abtrittsgrube täglich der Atmosphäre übergibt! Man stelle sich nun vor, daß das Tag aus Tag ein, Jahr aus Jahr ein so fort geht, und daß im Allgemeinen jedes Haus seine Abtrittsgrube oder doch einen Ort hat, an welchem die Bewohner ihre Excremente aufbewahren, – und man wird sich nicht mehr wundern über den Gestank, welcher die Häuser und die Straßen unserer Städte oft zu einem recht unangenehmen Aufenthalt macht. Sollte es angesichts dieser Thatsache nicht ein viel verdienstlicheres Werk sein, wenn all die Vereine, die sich für Leichenverbrennung gebildet haben, wenigstens einen Theil ihrer Aufmerksamkeit und ihres Interesses den Abtrittsgruben zuwenden und für möglichst rasche Beseitigung derselben agitiren würden. (Vgl. 1874 214 477.)

Sodann wurde zur Prüfung der Wirksamkeit von Desinfektionsmitteln auf den erörterten Gasaustausch geschritten und zunächst Quecksilbersublimat, das zwar zur Desinfection von Excrementen niemals Verwendung findet, aber das Prototyp eines Antisepticums ist, angewendet. Die Zumischung von einer sehr großen Menge des Sublimates, 8 Proc., veränderte die alkalische Reaction der faulenden Massen in die saure; damit hörte jede Ammoniakentwickelung fernerhin auf, während die Kohlensäureabgabe anfangs gesteigert, sodann auf die Hälfte der früheren Größe vermindert ward. Ungefähr die gleiche Verminderung ergab sich sogleich für die organischen Gase. Schwefelwasserstoff wurde keiner mehr ausgehaucht, und überhaupt hatte sich der üble Geruch sehr vermindert.

Einen ganz ähnlichen Effect hatte die Zugabe einer ansehnlichen Menge (bis über Eintritt der sauren Reaction hinaus) von Eisenvitriol; Ammoniak- und Schwefelwasserstoffentwickelung ward durch diesen Zusatz sistirt, Kohlensäure- und Kohlenwasserstoffausgabe wesentlich eingeschränkt.

Auch verdünnte Schwefelsäure wirkte ähnlich, nur daß die Schwefelwasserstoffentwickelung, wie auch die der Kohlensäure, vorübergehend stark gesteigert wurde.

Für den Desinfectionsversuch mit Carbolsäure konnte leider die Differenz in der Ausgabe organischer Gase nicht constatirt werden, da sie selber sich der durchgesaugten Luft beimengt. Allein sie zeigte, bis zur sauren Reaction beigemengt, eine Verminderung der Kohlensäure- und Ammoniakentwickelung bis zu 2 Dritttheilen, und eine völlige Sistirung der Ausgabe von Schwefelwasserstoff.

Kalkmilch veranlaßte natürlich eine große Ammoniakentwickelung, verhütete aber die Entbindung der übrigen Gase sehr vollständig.

Gartenerde, zu gleichen Gewichtstheilen mit den Fäcalmassen vermischt, erhöhte zwar eher die Kohlensäureabgabe, leistete aber in Bezug auf die anderen Gase Außerordentliches. Die abgesaugte Luft war geruchlos. Aehnlich, nur viel weniger intensiv wirkte die Holzkohle.

Dies sind im Wesentlichen die Versuchsresultate, zu welchen Erismann gelangt ist. Man sieht, daß dieselben sich auf die Unschädlichmachung der chemisch nachweisbaren Ausdünstungen beschränken, während wir wissen oder vermuthen, daß organisirte Keime die Hauptübelthäter in den faulenden Fäcalmassen sind. Deshalb würde es natürlich voreilig sein, die Desinfectionsmittel nach solchen rein chemischen Versuchen classificiren zu wollen. (Zeitschrift für Biologie, Bd. 11 S. 207; Naturforscher, 1875 S. 285.)

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: