Titel: Todd's Dampf-Tramwaywaggon.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1875, Band 217 (S. 513–514)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj217/ar217mi06_02

Todd's Dampf-Tramwaywaggon.

Bei dem raschen Aufschwunge, welchen in fast allen größeren Städten die Tramwaybahnen genommen haben, ist es wohl erklärlich, daß zahlreiche Versuche gemacht werden, den so kostspieligen Betrieb mit Pferden durch unbelebte Motoren zu ersetzen. Denn außer der theuren Unterhaltung, welche bei einem Tramwaywaggon wenigstens 10 bis 12 M. täglich zur Ernährung der zum Ziehen verwendeten Pferde beträgt, hat auch die rasche Abnützung des Pferdemateriales und das Risico bei epidemischen Krankheiten einen ganz bedeutenden Einfluß auf die Durchschnittsrentabilität dieses Verkehrssystemes. Wenn man dem entgegen setzt, daß beim Ersatz der Pferde durch Dampfkraft eine Maschine von 4 bis 6e pro Wagen im Tag höchstens für 5 M. Kohlen verbrauchen würde, so ist begreiflich, daß man die Dampfkraft als Motor für Tramwaybetrieb anzuwenden suchte.

Die zahlreichen Versuche aber, bei welchen man nach dem Vorgange der Eisenbahnen, die Waggons durch kleine Locomotiven ziehen wollte, mußten schon deshalb verunglücken, als die Gefahr und die Unannehmlichkeiten eines in den Straßen verkehrenden und geheizten Dampfkessels als unzulässig erschienen. Außerdem waren aber auch die ökonomischen Resultate durchaus nicht der Art, zum Fortschreiten auf der betretenen Bahn zu ermuthigen, und dies erklärt sich leicht durch die kostspielige Bedienung und den geringen Nutzeffect dieser kleinen Locomotivkessel.

Nichts destoweniger sind wir der festen Ueberzeugung, daß man auch beim Betriebe der sogen. Tramways schließlich auf die Verwendung der Locomotiven kommen wird, – wollen aber in der Zwischenzeit nicht unterlassen, vorkommende Novitäten auf diesem Gebiete den Lesern dieses Journals vorzuführen.

Als solche verdient besonders die Todd'sche Construction eines Tramwaywaggons mit Dampfbetrieb Erwähnung, wie sie zuerst im Engineer, April 1875 S. 240, veröffentlicht wurde, und dann mehrfache Besprechung in englischen und amerikanischen Journalen fand.

Falls dieselbe, wie zu erwarten steht, ausgeführt werden sollte, werden wir nicht verfehlen, darauf zurückzukommen und eine nähere Darstellung derselben zu geben. Vorläufig möge nur erwähnt werden, daß die Grundidee, welche ursprünglich von Dr. Lamb in New-Orleans aufgestellt und praktisch erprobt wurde, darin besteht, den Waggon mittels einer Dampfmaschine zu betreiben, die ihren Dampf aus einem Accumulatorkessel nimmt, welcher nur an den festen Haltestationen mit hocherwärmtem Wasser gefüllt wird. Wenn sonach die ursprüngliche Idee schon älteren Datums ist, so verdient doch speciell die Anordnung und Durchführung der ganzen Einrichtung alles Interesse.

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Der Todd'sche Waggon wird in seinem Aeußeren nur durch den auspuffenden Dampf die Existenz einer Maschine verrathen, denn alle Bewegungstheile sind vollkommen verdeckt, und außer dem geschlossenen Wagenkasten und den auf dem Verdeck befindlichen Sitzen sind nur die an beiden Enden angebrachten Hebel für den Führer bemerkbar. Unter dem Boden des Wagens, und oberhalb der Achsen liegen der Länge nach zwei mit einander verbundene Dampfkessel, welche durch mehrfache Umhüllung so gut als irgend möglich gegen Abkühlung geschützt sind. Außerhalb der Räder sind diese Kessel auf einen elliptischen Querschnitt erweitert und erhalten so einen Fassungsraum von zusammen ca. 2cbm.

Am einen Ende des Wagens sind an diese elliptischen Kesseltrommeln die Dampfcylinder (von 230mm Durchmesser und 203mm Hub) außen angeschraubt, und erhalten durch Verbindung mit den Kesseln eine Umhüllung durch das Kesselwasser. Von den Cylindern werden dann, ganz analog den Locomotivmaschinen, das vordere Räderpaar (durch in den Rädern sitzende Kurbelzapfen) und von diesen das hintere Räderpaar durch Kuppelstangen angetrieben; dieser ganze Mechanismus jedoch ist durch eine aufzuklappende Wand verdeckt. Die Steuerung mittels Coulisse, sowie die Einrichtung der an beiden Enden symmetrisch angebrachten Führerstände mit Regulatorhebel und Reversirhebel bedarf keiner näheren Beschreibung.

Das Gewicht des leeren Waggons soll 64 Ctr. betragen, dazu für 20 Passagiere 30 Ctr. und für den ganzen Kesselinhalt voll Wasser circa 36 Ctr., wird das Gesammtgewicht auf den 4 Rädern von 609mm Durchmesser etwa 130 Ctr.

Wird der Kessel an der Endstation mit Wasser von 200° Temperatur – entsprechend circa 15 Atmosphären Dampfspannung – gefüllt, so kann der aus dem Kessel in die Cylinder expandirende Dampf gewiß, wie der Erfinder beansprucht, auf ebener Bahn 15 bis 20km weit zur Bewegung des Wagens ausreichen; bei nur mäßigen Steigungen ändert sich das aber gewaltig, und es ist selbst sehr fraglich, ob das ganze, wegen der großen stabilen Kesselanlagen noch besonders vertheuerte System ökonomisch günstige Resultate ergeben kann, wenn man die große todte Last, welche fortwährend mitgeschleppt werden muß, berücksichtigt.

Jedenfalls aber kann man, wenn das System ausgeführt und praktisch erprobt wird, ganz interessante und nützliche Resultate erwarten.

Fr.

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