Titel: Die Zusammensetzung des Preßglases; von Dr. H. C. Benrath.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1875, Band 218/Miszelle 4 (S. 275–277)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj218/mi218mi03_4

Die Zusammensetzung des Preßglases; von Dr. H. C. Benrath.

Weisen auch bereits altegyptische Funde zur Evidenz nach, daß eine formgebende Behandlung des Glases, die ihr Ziel durch Einpressen der flüssigen oder wenigstens noch weichen Masse in Hohlformen zu erreichen suchte, bereits der hochentwickelten Glastechnik der Zeit der Pharaonen bekannt und geläufig gewesen, so ist doch die Herstellung durch solches Pressen gebildeten Hohlglases ein Zweig unserer Industrie, dessen Inslebentreten, so weit bekannt, erst dem Anfange unseres Jahrhunderts angehört. England gilt für die Heimath des Preßglases, und wäre (nach Lobmeyr) etwa das Jahr 1810 das Geburtsjahr des neuen Verfahrens.

Die Technik des Pressens ist eine, sind auch die benützten Formen oft complicirte, höchst einfache und allbekannte; wenig oder nichts dagegen ist bisher über die Zusammensetzung des auf gepreßte Waare verarbeiteten Materials in die Oeffentlichkeit gelangt, und doch ist diese hier nichts weniger als gleichgiltig. Soll die flüssige Glasmasse sich leicht und möglichst vollkommen den Gestaltungen der Form anschließen und diese dabei nicht übermäßig erhitzt werden, so muß das Glas möglichst leicht schmelzbar sein, und nicht allzu rasch aus dem plastischen in den starren Zustand übergehen. Ebenso wird eine Leichtschmelzbarkeit auch schon durch den Umstand gefordert, daß, um die Unebenheiten und den mangelnden Glanz der in Berührung mit der Metallform erstarrten Flächen nachträglich zu beseitigen, ein rasches Wiedererweichen der Oberfläche des Objectes, wenn dasselbe vor der Arbeitsöffnung des Ofens angewärmt wird, wünschenswerth.

Solchen Anforderungen entsprechen von den bisher verwendeten Glassorten am meisten die schweren, bleihaltigen, das Flintglas, und bildete dieses dann auch das in der Heimath unseres Fabrikationszweiges, sowie in dem mit Erfolg nachstrebenden Frankreich bis vor Kurzem so gut wie ausschließlich verwendete Material. Das relative Verhältniß der Einzelbestandtheile des Gemenges war bei Anfertigung der Preßglascomposition meist das nämliche, wie für vor der Pfeife zu verarbeitenden Krystalle, wie solches ein Vergleich der nachstehenden Ergebnisse einer von Salvétat ausgeführten Analyse geblasenen französischen Krystalles*, und meiner Untersuchung Barrasat'schen Preßglases, dessen specifisches Gewicht = 3,326(2), darthun.

I. II.
Kieselsäure 51,1 50,18
Thonerde nebst Spuren von Eisen und Mangan 1,3 0,14
Bleioxyd 38,3 38,11
Natron 1,7
Kali 7,6 11,62
–––––––––––––
100,0 100,05.

Hatte sich nun auch eine Zusammensetzung, wie die eben aufgeführte, die auf das alte Bleikrystallgemenge (300 Sand, 200 Mennige, 100 Potasche) zurückzuführen ist, hier als ganz geeignet erwiesen, so machte sich bei weiterer Entwickelung der Preßglasindustrie doch die Kostspieligkeit derartiger Mennige-Potasche-Compositionen zu fühlbar, als daß man nicht hätte bestrebt sein sollen, dieselben durch billigere Gemenge zu ersetzen; auch war das sehr hohe specifische Gewicht der Glasmasse, welches die ihrer unvermeidlichen Dickwandigkeit an und für sich schon recht schweren Gläser noch mehr ins Gewicht fallen ließ, ebenfalls kein Vorzug. Mehrfach sieht man daher in der Zusammensetzung derartig hergestellter neueren Gläser das Streben hervortreten, beiden gerügten Umständen entgegenzuarbeiten, indem einerseits der Bleioxydgehalt verringert, andererseits das Kali durch das weniger kostspielige Natron theilweise ersetzt wird. Als Beispiel für das Vorgehen in dieser Richtung diene hier |276| ein neueres englisches Preßflintglas, welches, mit der Fabrikmarke R = versehen, das specifiche Gewicht 2,874 zeigte, und in dem ich fand:

Kieselsäure 61,27
Thonerde, Eisenoxyd und Manganoxydul 0,68
Bleioxyd 22,36
Kalk 1,05
Natron 7,55
Kali 7,07
–––––
99,98

Die gefundene Zusammensetzung ließe sich auf ein Gemenge zurückführen, für welches der Satz der nachstehende:

Gemengebestandtheile liefern ins Glas Zusammensetzung der Gläser
Sand 300 Th. Kieselsäure 300 61,2 Proc.
Mennige (Glätte?) 110 „ Bleioxyd 110 22,4 „
Kreide 10 „ Kalk 6 1,2 „
Soda* 70 „ Natron 38 7,8 „
Potasche 60 „ Kali 36 7,4 „
–––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––––
Gemenge 550 Th. liefern Glas 490 Th. 100,0 Proc.

Außerhalb Englands, Frankreichs und etwa noch Belgiens ist die Fabrikation gepreßten Hohlglases kaum irgend in Flor gekommen. Man hat zwar hier und da, so u.a. auch in Oesterreich, Versuche mit ihrer Einführung gemacht, gelangte aber, da man nicht mit der neuen Bearbeitungsweise auch das sich für diese besonders eignende weiche Material acceptirte, im Ganzen nur zu untergeordneten Resultaten. Die aus gewöhnlichem Weißhohlglase oder sogen. böhmischem Krystall gefertigten Preßgläser zeigten nur stumpfe Kanten der Gesammtform wie des Ornamentes, und auch die Continuität der Oberfläche ließ viel zu wünschen übrig.

War ein Theil der Fabrikanten bemüht, den Bleigehalt ihrer Producte hinabzudrücken und dafür den Natrongehalt zu erhöhen, so schlug ein anderer Theil andere Wege ein, so z.B. P. Regout in Maastricht, welcher den glücklichen Gedanken faßte, einen Theil des Bleioxydes durch Barit und Kalk zu ersetzen, und hierdurch Glas von dem Krystall ähnlicher Leichtschmelzbarkeit und hohem Brechungsvermögen darzustellen. Sein Satz für Preßflintglas lautete, nach einer mir durch Hrn. Civilingenieur C. Nehse in Dresden s. Z. gemachten gütigen Mittheilung, wie folgt, und berechnet sich hiernach die zu erwartende Glaszusammensetzung wie nachstehend angeführt.

Regout's Satz. Berechnete Glaszusammensetzung.
Sand 300 Th. Kieselsäure 61,9
Mennige 80 „ Bleioxyd 16,0
Kalkstein (roh) 40 „ Kalk 4,5
Witherit 40 „ Barit 6,3
Potasche 80 „ Kali 11,3
Salpeter 10 „ –––––
100,0

Daß solches Glas leicht schmelzbar, unterliegt keinem Zweifel, auch ist gegen seine Composition sonst nicht viel einzuwenden; warum aber, wenn doch schon Oekonomie gemacht wurde, nicht an Stelle der 80 Th. Potasche die äquivalente Menge (rund 60 Th.) Soda verwendet werden könnte, ist nicht wohl einzusehen, da kein Grund vorliegt anzunehmen, daß durch solche Ersetzung des theueren Alkalis durch das billigere die Güte des Productes irgend wesentlich beeinflußt werden würde.

Wie die oben besprochenen Bleigläser, so hat unzweifelhaft auch Regout's Blei-Barit-Kalkglas ein sehr hohes specifisches Gewicht, was, da an den Klang neuerdings, seit die hier vollständig berechtigten, zum größten Theile matt gehaltenen Oberflächen mehr und mehr aufgekommen, auch an das Lichtbrechungsvermögen keine hohen Anforderungen gestellt werden, kein Vorzug, sondern ein Uebelstand.

In richtiger Erkenntniß der Sachlage liefern denn auch neuerdings u.a. E. Moore und Comp. zu South-Shields ein Preßflintglas, das aus bedeutend leichterem Material hergestellt, äußerlich sehr schön und dabei bedeutend billiger als das schwere Bleiglas ist. Meine Bemühungen, eine sichere Probe solchen Glases zu erhalten, |277| sind bisher erfolglos geblieben; doch spielte mir der Zufall vor Kurzem eine Probe leichten englischen gepreßten Glases in die Hand, welches bei dem, gewöhnlichem Tafelglas nahestehenden, specifischen Gewicht = 2,524 die nachstehend aufgeführte Procentzusammensetzung besaß.

Kieselsäure 74,19
Schwefelsäure 0,28
Bleioxyd 0,86
Eisenoxyd, Manganoxydul und Thonerde 0,58
Barit 5,16
Kalk 2,88
Natron 17,02
––––––
100,97

Ob das leichte Moore'sche Glas ähnlich zusammengesetzt, steht natürlich dahin; mustergiltig ist die aufgeführte Zusammensetzung nicht, und wäre es im Interesse größerer Elasticität wie bedeutenderer Resistenzfähigkeit gegen chemische, das Glas erblinden machende Einflüsse wünschenswerth, daß der Barit- und Kalkgehalt wesentlich erhöht, dafür dann der Alkali-, und wenn, wie vorauszusehen, erforderlich, auch der Kieselsäuregehalt herabgedrückt werde. Jedenfalls weist das letztere Glas auch wieder darauf hin, daß es für die Preßglascomposition vom größten Interesse ist, das Verhalten der Baritgläser auf der Hütte selbst einem eingehenden, aber auch von theoretischer Seite nicht irregeleiteten Studium zu unterziehen, da wir im Barit Allem bisher hierüber bekannt gewordenen nach ein erwünschtes Ersatzmittel für das Bleioxyd zu besitzen scheinen. (Sprechsaal, 1875 S. 227.)

|275|

Die Glasindustrie, ihre Geschichte, gegenwärtige Entwickelung und Statistik (Stuttgart, Spemann 1874) S. 175.

|276|

Die Alkaliverflüchtigung unberücksichtigt, dagegen sowohl Soda als Potasche zu nur 90 Proc. Alkalicarbonat berechnet.

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