Titel: Unterirdische Kabel anstatt oberirdischer Telegraphenleitungen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1876, Band 220/Miszelle 6 (S. 92–93)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj220/mi220mi01_6
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Unterirdische Kabel anstatt oberirdischer Telegraphenleitungen.

Durch den diesjährigen deutschen Reichshaushalts-Etat sind die Mittel bereit gestellt worden, um die etwa 160km lange oberirdische Drahtleitung Berlin-Halle, welche stellenweise 31 Drähte enthält, durch ein Kabel zu ersetzen. Bei der Etatsberathung hat der General-Postmeister erklärt, daß, wenn dieser Versuch mit Erfolg gekrönt werden würde, vielleicht schon beim nächsten Budget ein Plan über die Ausdehnung der Kabelleitungen auf alle Hauptlinien der deutschen Telegraphie vorgelegt werden könnte. Daß es indessen auf eine ganz allgemeine Beseitigung der offenen Drähte selbst bei günstigsten Erfolgen mit den Kabelleitungen nicht abgesehen ist, geht aus einer gleichzeitigen Aeußernng des jetzigen Leiters der Reichstelegraphie hervor, in welcher derselbe dem von Seiten eines Abgeordneten ausgesprochenen Wunsche, daß die offenen Leitungen in Städten sämmtlich durch Kabelleitungen ersetzt werden möchten, mit Hinweis auf den hohen Kostenpunkt lebhaft entgegen trat.

Wie allgemein bekannt, sind für die ersten Telegraphenleitungen wie anderwärts auch in Preußen Kabel benützt; 1848/49 wurde der Beschluß gefaßt und in großem Maßstabe auch ausgeführt, die Hauptlinien im ganzen Staate als Kabelleitungen herzustellen; bekannt ist ferner, daß die Kabel sich damals nicht bewährten und man dann zu offenen Leitungen übergegangen ist. Einerseits die zahlreichen Mißstände, welche den offenen Leitungen anhaften, anderseits die großen Vervollkommnungen in der Kabelfabrikation, veranlaßt durch die Legung zahlreicher unterseeischer Kabel, rechtfertigen die Rückkehr zu unterirdischen Kabeln.

Die Mängel offener Leitungen sind nach den Auseinandersetzungen des General-Postmeisters, kurz zusammengefaßt, etwa folgende: 1) Stromverluste, so groß, daß bei einer 450km langen Leitung die Stromstärke mitunter auf ½ der ursprünglichen reducirt wird und in Folge davon die Verbindung zeitweilig ganz aufhört; 2) Drahtbrüche und Drahtberührungen durch Temperaturwechsel; 3) häufige Zerstörungen durch Stürme, wodurch auch der Eisenbahnbetrieb in Mitleidenschaft geräth; 4) Anhängen bedeutender Rauhfrostmassen, die häufig Drahtbrüche veranlassen, weil die Eislast, welche auf eine Spannung von 75m Länge kommt, unter Umständen bis zu 1500k anwachsen kann; 5) Betriebsstörungen durch die atmosphärische Elektricität; 6) Entstehen von Nebenschließungen in der Zeit des Spätsommers durch den sogen. fliegenden Sommer, wenn dieser durch Nebel oder sonstige Niederschläge naß wird; endlich 7) die Gefahren für den Betrieb durch muthwillige und fahrlässige Beschädigung der Drähte und eine ganze Reihe kleiner, nicht speciell anzuführender Ursachen.

Die frühern Mängel der Kabelleitungen (ungenügende Kenntniß des Isolirmaterials, der Guttapercha, unzweckmäßig construirte Maschinen für die Kabelfabrikation, zu wenig tiefe Legung der Kabel (450mm, in welcher Tiefe die Umhüllung der Drähte vor Beschädigungen durch Nagethiere nicht genügend sicher ist) sind jetzt genau erkannt und überwindbar. Eine im Sommer 1875 nach England entsendete Commission von Technikern hat sich derart günstig ausgesprochen, daß man nach Ansicht der Behörde jetzt mit vollem Vertrauen an die Herstellung einer Kabelleitung gehen kann. (Nach der deutschen Bauzeitung, 1876 S. 60.)

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