Titel: Dampfmäntel.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1876, Band 220/Miszelle 1 (S. 473–474)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj220/mi220mi05_1

Dampfmäntel.

Der Nutzen der Anbringung eines Dampfmantels bei hoch expandirenden Maschinen ist nun schon durch so zahlreiche Experimente „constatirt“ worden, daß dessen Verläugnung als eine arge Ketzerei erscheinen mag, und doch muß es erlaubt sein, daran zu zweifeln, so lange es noch keinem einzigen dieser Experimentatoren gelingen will, einen nur halbwegs plausiblen Erklärungsgrund für diese angebliche Ersparung vorzubringen. Denn daß eine mit Dampf geheizte Maschine schönere Indicatordiagramme aufweist als ein der directen Abkühlung ausgesetzter Dampfcylinder, bedurfte wohl nie eines Beweises; ebenso wenig brauchte constatirt zu werden, daß der Dampfverbrauch des erstern geringer sei wie der des letztern, so lange man nur die Condensation im Dampfmantel nicht dazu rechnete, und endlich mag selbst zugegeben werden, daß mit Berücksichtigung aller dieser Umstände die Maschinen mit Dampfmänteln im allgemeinen bessere Resultate geben, nachdem sie eben im Durchschnitt feiner und raffinirter ausgearbeitet sind.

Warum aber unter übrigens gleichen Umständen der durch directe Abkühlung der Cylinderwandungen entstehende Wärmeverlust, oder Arbeitsverlust, größer sein soll als der durch die Abkühlung der stets bedeutend größern Manteloberfläche entstehende Wärmeabgang, dies zu glauben ist so schwer, daß selbst die most conclusive experiments, welche die Engländer so gerne zu Gunsten der Dampfmäntel anführen, uns noch immer nicht competent genug erscheinen. Haben sich doch auch, trotz dieser bis zu 25 Proc. (übrigens eine Lieblingszahl für alle Verbesserungen) geschätzten Ersparung, selbst die praktischen Engländer noch nicht bewogen gefunden, eine einzige ihrer Locomotivmaschinen mit geheizten Cylindern zu versehen, obwohl gerade diese der Abkühlung am meisten ausgesetzt sind, die höchst gespannten Dämpfe oft genug 10fach expandiren und die Kohlenersparniß ein stets wachsendes Desideratum aller Eisenbahngesellschaften ist. Die Vermehrung des vorn überhängenden Gewichtes um einige hundert Kilogramme wäre unschwer durch andere Gewichtsersparungen auszugleichen und käme speciell bei den so vielfach verwendeten Trucks gar nicht in Betracht. Und dennoch hat noch der erste geheizte Locomotivcylinder zu erscheinen, ohne daß diese so eminent durchdachte Maschinengattung in ihren ökonomischen Leistungen hinter ihren stabilern Coleginnen zurückstände.

Mehr jedoch als die feindseligste Kritik schadet der Sache der Dampfmäntel der Uebereifer ihrer eigenen Freunde, wie dies durch einige Beispiele in den Comptes rendus, 1876 neuerdings treffend illustrirt wird. Hier gibt im Bd. 82 S. 537 H. Resal, der sich übrigens mit 15 bis 20 Proc. Ersparung begnügt, eine genaue mathematische Deduction des Nutzens der Dampfmäntel, indem er annimmt, daß der Dampf im ungeheizten Cylinder nach der adjabatischen Curve, ohne Wärmezu- oder Abführung, expandirt, in dem geheizten Cylinder jedoch nach dem Mariotte'schen Gesetze, bei welchem, um das Product aus Druck und Volum stets constant zu erhalten, eine Wärmezuführung erfolgen muß.

Nun wird die Wärmequantität, welche zur Herstellung der Mariotte'schen Curve aus dem Dampfmantel hergenommen werden müßte, einfach ignorirt, und zum Schlusse ergibt sich denn als Folge einer langwierigen und mit noch einigen andern Fehlern behafteten Rechnung das gewünschte Resultat: die Wärmeausnützung ist bei geheizten Cylindern um 15 bis 20 Proc. günstiger.

Der constructiven Verwirklichung dieser interessanten Deduction begegnen wir in dem Bulletin de la Société d'Encouragement, April 1876 S. 178 ff., wo Ch. Laboulaye vorschlägt, um diese Gratisarbeit des zum Dampfmantel verwendeten Dampfes möglichst auszunützen, den Kesseldampf, welcher bei den sranzösischen |474| Maschinen dieser Art ohnedem zuerst den Cylindermantel Passiren muß, durch einen spiralförmigen Gang von dem Querschnitte des Dampfrohres um den Cylinder herumzuleiten, und erst nachdem er die ganze Höhe desselben bestrichen hat, in den Schieberkasten einzulassen. Dieser glückliche Gedanke ist a. a. O. auf S. 183 in zwei Varianten abgebildet und dabei eine Vergrößerung der Abkühlungsfläche des Cylinders auf beiläufig das Doppelte erzielt, der Weg des Kesseldampfes unter Umständen noch viel mehr verlängert. Da könnte es dann schließlich wohl dahin kommen, daß der Dampf auf seinem Wege zum Cylinder alle Wärme an den Cylinder abgegeben hat und zuletzt als Wasser in den Cylinder eintritt, — jedenfalls der größte Triumph des Dampfmantels.

M-M.

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