Titel: Riemenaufleger für Transmissionen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1876, Band 221 (S. 206–210)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj221/ar221061

Riemenaufleger für Transmissionen.

Mit Abbildungen auf Taf. VI [a.b/1].

Das Auflegen der Treibriemen auf Riemenscheiben während des Ganges ist oft nicht allein mit großen Gefahren für die Arbeiter, sondern auch mit Betriebsstörungen verbunden, die je nach Umständen einer Fabrik sehr theuer zu stehen kommen können, sei es durch Verluste von Entschädigungen an die verunglückten Arbeiter, oder an Quantität oder Qualität der Waare. Die Gefahren für die Arbeiter beim Riemenauflegen sind ja hinlänglich bekannt; verlorene Finger, Hände und Arme geben davon Zeugniß, wenn nicht gar auf gräßliche Weise der Tod der Unglücklichen erfolgte. Betriebsstörungen treten dann ein, wenn ein abgeschlagener oder zerrissener Riemen während des Ganges der übrigen Maschinen sich nicht wieder aufbringen läßt, und muß entweder diese Maschine bis zur nächsten Arbeitspause still stehen bleiben, oder es müssen durch Abstellen der Betriebsmaschine alle übrigen Maschinen eine kurze Zeit pausiren, bis der Riemen der einen wieder betriebsfähig ist. In beiden Fällen sind Verluste an Quantität der Production ganz unvermeidlich. Bei gewissen Fabrikationszweigen, z.B. Schlichten von Kettengarnen, Appretiren und Färben von ganzen Zeugstücken, ist es ohne bedeutende Nachtheile für die Qualität der Waare ganz unthunlich, die Bewegung zu unterbrechen, und in großen Fabriken müssen oft Hunderte von Arbeitern, die Accordlohn haben, auf das Auflegen eines Riemens warten.

Es ist hiernach wohl zweifellos dargethan, wie wichtig es ist, einen Riemen während des Ganges der Transmissionen sicher und rasch aufschlagen zu können, und wenn auch schon früher von verschiedenen Seiten die Wichtigkeit dieser Sache gewürdigt worden ist, so ist doch dem Hannoverschen Bezirksvereine deutscher Ingenieure für eine erneute Anregung derselben (durch Aussetzung eines Preises für einen zweckentsprechenden |207| gefahrlosen Riemenaufleger) Dank zu bringen; denn vielleicht gelingt es, Fabrikbesitzer und Andere dafür zu interessiren, so daß darin, sei es freiwillig oder unfreiwillig, etwas geschieht, zumal hier das Wohl der Arbeiter und das Interesse der Arbeitgeber gleichzeitig gefördert wird.

Wenn kleine Treibriemen bis 50mm Breite auf Riemenscheiben bis 500mm Durchmesser, bei etwa 120 Umgängen, sich auch fast gefahrlos mit der Hand aufschlagen lassen, so können doch Zufälligkeiten Unglücksfälle hervorrufen, und es ist besser, derartige Riemen mittels einer gefingerten Stange aufzulegen; dieselbe – etwa 50mm stark aus zähem Holze – trägt oben eine eiserne Hülse mit zwei rechtwinklig gestellten Fingern. Beim Gebrauche wird der horizontale Finger unter den Riemen gesteckt und letzerer, in der Bewegungsrichtung und der Scheibe zu, aufgeschoben. Man muß dabei auf diejenige Seite der Welle treten, von wo ab man den Riemen mit der Stange am weitesten verfolgen kann.

Was nun mechanische Vorrichtungen zum Auflegen der Treibriemen anlangt, so wurde die erste im J. 1859 von Herland in Paris construirt (vgl. 1859 154 73) * 1860 155 82). Dieser Riemenaufleger entsprach nach Ansicht der Pariser Akademie der Wissenschaften den damaligen Anforderungen so vollkommen, daß der Erfinder den Monthyon-Preis im Betrage von 1500 Franken erhielt.

Später verbesserte Durand (* 1870 197 114) die Herland'sche Vorrichtung, da derselbe im Gebrauche einige Nachtheile zeigte; doch ist auch der Durand'sche Aufleger bei großen Riemen und großer Umdrehungsgeschwindigkeit kaum brauchbar; denn es ist nicht möglich, durch das Andrücken des Auflegers mittels einer Stange in der Höhe, wie Transmissionen gewöhnlich liegen, eine solche Friction zu erzeugen, daß der Riemenaufleger mitgenommen wird.

In den Berichten der Mülhauser Gesellschaft zur Verhütung von Unglücksfällen in Fabriken wird der Riemenaufleger von Baudouin (1872 204 444) sehr empfohlen, und ist derselbe bereits in vielen Exemplaren ausgeführt und mit bestem Erfolge angewendet worden. Derselbe ahmt die Arbeit des menschlichen Armes nach und besteht aus einem hölzernen Arme, welcher an einem Ende (in der Nähe der Welle) um einen Zapfen (Fig. 2) oder um diese selbst (Fig. 3 und 4) drehbar, am andern Ende in der Nähe des Kranzes der Riemenscheibe mit einem schmiedeisernen, handartig gebogenen Winkel versehen ist. Bei kleinern Scheiben und geringern Umdrehungszahlen dreht sich der Arm unmittelbar auf der Welle; bei größern Scheiben und größern Umdrehungszahlen ist dicht neben der Scheibe ein Hängebock (Fig. 2) angebracht, welcher unten zwei nach der Scheibe zu gerichtete Zapfen a und b trägt, wovon |208| der eine a als Drehpunkt, der andere b als Stützpunkt für den Arm dient. Der herabgefallene Treibriemen legt sich auf die Hand und die Nabe des Hebels und nicht auf die treibende Welle, so daß schon dadurch die Gefahr des Aufwickelns des Riemens beseitigt ist. Am Handende des Armes, nach außen gerichtet, befindet sich ein Knopf k, mittels dessen man durch eine Schub- und Zugstange den Arm erfassen und entsprechend drehen kann, so daß er mit seiner Hand einige Centimeter über dem Kranze der Riemenscheibe an dieser vorbei streicht und den mit aufgehobenen Riemen von der schrägen Hand auf den Kranz herabgleiten läßt. Der Riemen legt sich dabei zum Theil auf die Scheibe, deren Umdrehung dann die nothwendige Drehung des Armes und dadurch die ganze Arbeit unterstützt.

Dieser Apparat läßt sich für alle Fälle leicht modificiren, er erfordert aber bei schwerern Riemen und da, wo die Lage es nicht gestattet, daß man mit einer Stange den Arm weit genug drehen kann, mehrere Arbeiter zur Bedienung.

Durch die excentrische Lage des Drehpunktes hebt die Hand den Riemen über den Kranz der Scheibe und verhindert das innige Anschmiegen des Riemens an diesen, so daß die Drehung der Scheibe die nothwendige Drehung des Armes nicht genügend unterstützen kann und der Apparat schwer zu bedienen ist; es müssen zwei Mann, der eine schiebend, der andere ziehend wirken.

Etwas vollkommener ist der Riemenaufleger von T. R. Read in Birmingham (Fig. 5 und 6). Derselbe besteht aus zwei solchen Armen, die unter einem Winkel von 60° mit einer zweitheiligen Nabe über die Welle und einen Stellring s geschoben werden, welcher die Lage der Arme so fixirt, daß ihre Enden dicht am Kranze der betreffenden Riemenscheiben vorbeistreichen. Jeder der Armenden hat einen nach außen gerichteten Knopf k zum Aufhängen in passender Lage und zum Anfassen beim Drehen. Der Apparat wird so gestellt, daß ein herabfallender Riemen sich auf die glatte Seite der Nabe und auf die Hand des ersten Armes legt, so daß er bei entsprechender Drehung von dieser ersten schrägen Handfläche auf den Kranz der Scheibe geführt und von dem zweiten nachfolgenden Arme dabei unterstützt wird. Beide Handflächen sind an der Riemenscheibenseite mit dem Kranze bündig und bewegen sich damit concentrisch, so daß der Riemen sich sofort in einem Bogen von 60° auf den Kranz auflegt und, von diesem mitgenommen, die Manipulation energisch unterstützt. Die sichere Wirkung des Apparates hängt wesentlich von der richtigen Breite der beiden handartigen Winkel ab. Der erste muß etwas schmäler sein als der Riemen, der zweite schmäler |209| als der erste, bei schmalen Riemen fast ganz gerade. Dieser zweiarmige Read'sche Apparat gestattet außerdem auch mit Hilfe des zweiten Armes eine weitere Drehung als der einarmige Baudouin'sche Riemenaufleger, da man bei letzterm mit der Schubstange um 60° früher gegen die Welle kommt, als wenn man den Read'schen Apparat bei dem zweiten Arme anfaßt.

Bei neuen Transmissionen kann man für die Anbringung eines solchen Riemenauflegers gleich neben den betreffenden Riemenscheiben Stellringe mit aufstecken; bei alten Transmissionen ist aber das Aufbringen solcher Stellringe mit viel Arbeit verbunden, und die Anwendung zweitheiliger Ringe würde wieder etwas größere Dimensionen der Nabe nach sich ziehen. Jedenfalls bleibt es aber immer nöthig, diese Naben, gleich Zapfenlagern, zu schmieren, und da man wegen des Umschlagens der Arme Schmierfangschalen nicht anbringen kann, so entstehen hieraus nicht allein Kosten, sondern auch Schmierstellen, die in manchen Localen die Anwendung solcher Apparate verbieten würden. Es ist auch nicht unmöglich, daß durch Mangel an Schmiere oder durch zu festes Anziehen der Nabenschrauben oder durch Zwischensetzen von Unreinigkeiten, bei seltenem Gebrauch, eine Festklemmung der Nabe stattfinden kann, wodurch der Einöler auch in große Gefahr kommen könnte.

Oberingenieur L. Bach in Linden vor Hannover hat deshalb die Read'sche Construction etwas verändert und dabei die gerügten Uebelstände zu vermeiden gesucht. Dieser Riemenaufleger (Fig. 7 und 8) dreht sich um einen die Welle umschließenden, hohlen Zapfen z, welcher wie die Nabe n zweitheilig ist und von einem hängelagerbockartigen, gußeisernen Zapfenträger b gehalten wird, so daß der Apparat an allen möglichen Stellen angebracht werden kann, ohne Theile der Transmission lösen zu müssen. Der hohle Zapfen ist aus hämmerbarem Gußeisen hergestellt, um möglichst kleine Dimensionen zu erhalten; sein innerer Durchmesser beträgt 90mm, weil diese Weite für alle Wellen, wo Ableger anzubringen waren, genügte; die Wandstärke ist 5mm. Die Nabe n ist von Gußeisen, die Arme a, a sind von Schmiedeisen hergestellt, alle Verbindungsschrauben sind versenkt, alle Hervorragung möglichst vermieden, die unvermeidlichen abgerundet.

Der Aufleger wird durch eine Stütze am Zapfenträger oder durch eine dünne Schnur oder einen dünnen Draht in passender Lage erhalten, damit er für den Gebrauch gleich fertig zum Drehen ist. Das Drehen des Auflegers geschieht durch eine gegen den Knopf k gelegte gefingerte Stange, wie sie zum Auflegen kleiner Riemen gebräuchlich ist. Seine Anwendung ist sicher und leicht; ein Mann kann einen Riemen |210| von 20cm Breite auf eine Riemenscheibe von 120cm Durchmesser bei 108 Umgängen mit Leichtigkeit, Sicherheit und ohne jede Gefahr auflegen.

Es sind davon bereits 9 Stück unter verschiedenen Umständen im Gebrauch, welche sich sämmtlich als völlig sicher in Bezug auf das Auflegen und völlig gefahrlos für die damit Arbeitenden bewährt haben. Der Preis eines solchen Auflegers ist für Riemenscheiben von 1m,88 bis 1m,25 Durchmesser 90 bezieh. 75 M., für kleinere Scheiben 50 bis 60 M. (Nach den Mittheilungen des Gewerbevereins für Hannover, 1876 S. 10.)

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