Titel: Siemens und Halske's automatische Stromsender für telegraphische Schnellschrift.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1876, Band 221 (S. 529–539)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj221/ar221135

Der Kettenschriftgeber, der Dosenschriftgeber und der Schnelldrucktelegraph von Siemens und Halske in Berlin.

Mit Abbildungen auf Taf. XI [a.c/4].

Die Telegraphenbauanstalt Siemens und Halske in Berlin hatte 1873 in Wien drei (zuerst in der Zeitschrift für Mathematik und Physik, 1873 S. 427 beschriebene) automatische Stromsender für telegraphische Schnellschrift ausgestellt, welche sich von den ältern automatischen Telegraphen sehr wesentlich dadurch unterscheiden, daß bei ihnen eine Vorbereitung des Telegrammes in einem vom Stromsender abzutelegraphirenden gelochten Papierstreifen oder durch Zusammensetzung des Telegrammes aus besondern einzelnen Typen ganz überflüssig ist. Alle drei verbinden nämlich den eine Claviatur enthaltenden Vorbereitungsapparat aufs engste mit dem eigentlichen Schriftgeber, ohne daß jedoch der telegraphirende Theil des Apparates irgendwie von dem vorbereitenden abhängig wäre1), und der in die Telegraphenleitung eingeschaltete Apparat läßt dann das Abtelegraphiren unmittelbar auf das Vorbereiten folgen; auch ist die Länge des Telegrammes nicht durch die Länge des vorzubereitenden Streifens oder eines andern Theiles2) im Empfangsapparate beschränkt. Auf allen dreien wird durch jeden Tastendruck in ähnlicher Weise wie bei dem Siemens'schen Tastenschriftlocher ein ganzer Buchstabe, eine Zahl oder sonst ein Schriftzeichen nebst dem hinter demselben erforderlichen Zwischenraume vorbereitet, und zwar durch Verschiebung von Stiften, bei dem Kettenschriftgeber in einer endlosen Kette, bei dem Dosenschriftgeber und dem Schnelldrucker am Rande einer Büchse oder Dose. Der Telegraphist kann dabei zwischen dem Greifen der einzelnen Tasten längere oder kürzere Zeit verstreichen lassen, ohne Rücksicht auf die Länge der einzelnen telegraphischen Zeichen; denn der Apparat |530| bereitet jedes Zeichen in der nämlichen Zeit vor, läßt auch den vorgeschriebenen Zwischenraum zwischen den einzelnen Zeichen in stets gleicher Größe entstehen, während die größern Zwischenräume am Ende eines Wortes durch Niederdrücken einer besondern weißen Taste erzeugt werden. Der Telegraphist kann ferner eine gewisse Anzahl von Tasten in Vorrath niederdrücken, welche der Apparat dann nach und nach abtelegraphirt; nur darf die mittlere Geschwindigkeit, mit welcher die Tasten gegriffen werden, die dem jedesmaligen Leitungszustande anzupassende Telegraphirgeschwindigkeit nicht überschreiten, auf welche der Apparat eingestellt ist. Diese Vorzüge bieten reichlichen Ersatz dafür, daß bei diesen drei Schriftgebern das einmal vorbereitete Telegramm nicht mehrmals nach einander (z.B. in verschiedene Linien) abtelegraphirt werden kann, wie dies bei Benützung eines gelochten Streifens möglich ist.

Friedrich v. Hefner-Alteneck, Vorstand des Constructionsbureau's von Siemens und Halske, versuchte zuerst ein solches gleichzeitiges Vorbereiten und Abtelegraphiren des Telegrammes durch die Benützung von Kugeln3) zu ermöglichen, welche in einem Sammelbehälter reihenweise aufgespeichert waren und aus demselben mittels eines geeigneten Tastenwerkes in der zur Schriftbildung erforderlichen Weise herausgestoßen werden sollten, worauf sie in einem geneigten, flachen und allseitig geschlossenen Canal gelangten und in diesem nach dem eigentlichen Schriftgeber hinliefen. Die Breite des Canals war etwas geringer als der doppelte Durchmesser zweier Kugeln, auf seinem Boden aber besaß der Canal seiner ganzen Länge nach in seiner Mitte einen etwas vorstehenden Rücken; die Kugeln mußten daher in den durch den Rücken gebildeten beiden Rinnen genau in derselben Ordnung hinabrollen, in welcher sie eingeführt worden waren; indem sie aber in einer den Morsezeichen entsprechenden Gruppirung und Vertheilung auf die beiden Rinnen einer geeigneten Contactvorrichtung zugeführt wurden, vermochten sie mittels derselben die Morseschrift abzutelegraphiren, worauf die Kugeln mechanisch wieder in den Sammelbehälter zurückgebracht wurden. Die an diesem Schriftgeber sich herausstellenden Schwierigkeiten veranlaßten v. Hefner, anstatt der Kugeln zu Metallstiften zu greifen, welche in einer endlosen automatischen Kette verschiebbar eingelegt waren. Dr. Werner Siemens führte diesen Gedanken in der Weise durch, daß er einen sogen. Kettenschriftgeber für Steinheilschrift anfertigen ließ, während v. Hefner im J. 1872 die Erfindung des Dosenschriftgebers machte, des ersten derartigen |531| Senders, welcher in der Praxis zur Verwendung gelangte. Der Ketten- und Dosen-Schnellschriftgeber (und der Schnelldrucker) wurden am 12. December (12. Juni) 1873 für Dr. Werner Siemens und Friedr. v. Hefner-Alteneck in England patentirt. Im J. 1873 erfand Dr. Werner Siemens weiter den Schnelldrucker, welcher das Telegramm in Typenschrift wiedergibt und als Sender einen dem entsprechend abgeänderten Dosenschriftgeber besitzt. Darauf wurde bei Siemens und Halske der in dasselbe System gehörige, ebenfalls Typenschrift liefernde Börsendrucker und ein anderer vereinfachter Typendrucker ausgeführt, welche beide nur mit einer Leitung arbeiten. Der Börsendrucker enthält eine Claviatur mit nur 28 Tasten in 4 Reihen, jedoch zwei Typenräder mit je 28 Typen, von denen das eine die Buchstaben, das andere die Ziffern und sonstigen Schriftzeichen druckt, und zwar erfolgt das Drucken durch einen rein mechanischen (nicht elektrischen) Vorgang während des kurzen Stillstehens der Typenräder nach deren Einstellung.

1) Der Dosenschriftgeber ist in Figur 14 [b/2] perspectivisch abgebildet. Die Tastatur desselben enthält 49 Tasten in 7 treppenförmig über einander liegenden Reihen, und zwar sind die Buchstaben auf die Tasten so vertheilt, daß der Telegraphist bei ungezwungener Lage seiner beiden Hände, deren kleine Finger in die Löcher B₁ und B₂ zu legen sind, die am häufigsten vorkommenden Buchstaben am bequemsten zu greifen vermag. Der ganze Apparat (ohne das auf den Stab N aufgesteckte Lesepult LL) ist nur 21cm breit, 33cm lang und 29cm hoch, die Tastatur je 20cm lang und breit. Er läßt sich ebensowohl für gleichgerichtete Ströme wie für Wechselströme, mit oder ohne Entladung der Leitung zur Erde, einrichten, je nachdem die Beschaffenheit der Linie, für welche er bestimmt ist, das eine oder das andere wünschen läßt. Im ersten Falle ist als Empfänger jeder gute Farbschreiber verwendbar, und ließe sich der Dosenschriftgeber in einer damit besetzten Linie ohne weiteres an Stelle des Morsetasters einschalten. Auch zum Gegensprechen läßt sich der Dosenschriftgeber verwenden, was Siemens und Halske seit dem Herbste 1874 unter Benützung von Wechselströmen versuchten.

Wie die Tastatur zur Vorbereitung des abzusendenden Telegrammes benützt wird, läßt sich am deutlichsten aus dem Durchschnitte Figur 15 sehen. Der Haupttheil, eine auf eine horizontale Achse m aufgesteckte cylindrische Dose D, ist an seinem ganzen Umfange mit dicht neben einander liegenden Stiften s besetzt, welche sich mit einiger Reibung in ihrer Längsrichtung, d.h. parallel zur Dosenachse m ein wenig verschieben lassen. Aus diesen Stiften s werden nun die zur automatischen |532| Beförderung nöthigen Typen dadurch gebildet, daß beim Niederdrücken irgend einer Taste T eine bestimmte Anzahl der Stifte s, in der entsprechenden Weise gruppirt, verschoben werden. Beim Telegraphiren mit gleichgerichteten Strömen (worauf der 1873 in Wien ausgestellte Schriftgeber berechnet war) stehen dann die verschobenen Stifte auf einer und derselben Seite der Dose vor, und zwar liefert 1 verschobener Stift (zwischen 2 nicht verschobenen) einen Morsepunkt, 3 verschobene (zwischen 2 nicht verschobenen) einen Morsestrich; die unverschobenen dagegen geben die Zwischenräume zwischen den einzelnen Punkten und Strichen, sowie zwischen den ganzen Buchstaben und den Worten; so sind z.B. die einzelnen Punkte oder Striche desselben Schriftzeichens durch je einem Stifte entsprechende Zwischenräume von einander getrennt. Das Vorstoßen der Stifte besorgen 19 Stößer n, welche mit den Tasten T nach der zuerst von Siemens bei seinem Tastenschriftlocher zum Vorlochen der Papierstreifen benützten Weise verbunden sind. Es steht nämlich jede der 49 Tasten T der Claviatur mit je einem von 49 verticalen, dicht neben einander stehenden Blechstreifen S in der Art in Verbindung, daß letzterer beim Niederdrücken der Tafte T, mit der einen verticalen Kante voran, in horizontaler Richtung ein Stück vorgeschoben wird. Quer vor den vorangehenden Kanten dieser 49 Blechstreifen S liegen ferner 19 dünne horizontale Bleche Q über einander, deren jedes, wenn es von einem der verticalen Bleche S vorwärts geschoben wird, auf den untern Arm eines verticalen Hebels H wirkt, dessen oberer Arm dann mittels des an ihm befestigten Stößers n den gerade vor diesem Stößer liegenden Stift s der Dose D ein Stück aus dieser heraustreten macht. Damit nun die verticalen Streifen S nicht stets alle horizontalen Bleche vorwärts schieben, sind in den erstern an der den Blechen Q zugewendeten Kante verschieden lange und verschieden vertheilte Lücken eingefeilt, so daß nur die zwischen den Lücken stehen gebliebenen zahnartigen Vorsprünge gerade diejenigen horizontalen Bleche Q treffen und vorwärts schieben, deren Verschiebung zur Bildung des auf der eben niedergedrückten Taste T geschriebenen Schriftzeichens erforderlich ist.

Neben der Dose D befindet sich weiter ein kleiner Sperrkegel a (Fig. 15 und 16), welcher sich in seiner Ruhelage in einen an der Dose D befestigten, mit schrägen Zähnen versehenen Zahnkranz cc einlegt und so verhindert, daß die Dose dem Zuge eines durch ein Räderpaar V und M, von denen das letztere auf der Dosenachse m sitzt, auf sie wirkenden Gewichtes P (oder einer Feder) folgt und sich umdreht; das kleinere Gewicht p dient blos zum Spannen der sonst schlaff hängenden Kettenschleife. Beim Niederdrücken einer Taste T trifft stets der erste |533| der verschobenen Stifte s auf die geneigte Fläche f jenes Sperrkegels a und hebt diesen Sperrkegel aus den Zähnen des Zahnkranzes cc aus; dadurch wird die Dose D frei, dreht sich sprungweise gerade um die Länge des eben mittels der Stifte s vorbereiteten Schriftzeichens nebst dem hinter dem Zeichen nöthigen Zwischenraume und bringt so zugleich wieder frische, noch unverschobene Stifte vor die Stößer n. Zu diesem Zwecke ist die erwähnte geneigte Fläche f des Sperrkegels a etwas breiter, als die innerhalb eines Schriftzeichens vorkommenden, an der Dose D durch nicht verschobene Stifte s wiedergegebenen Zwischenräume; der Sperrkegel a kann daher der Wirkung einer ihn gegen den Zahnkranz drückenden kleinen Feder nicht früher nachgeben und sich nicht früher wieder in die Zähne c einlegen, als bis sämmtliche verschobene Stifte s, d.h. das ganze eben vorbereitete Schriftzeichen, an seiner geneigten Fläche f vorüber gegangen sind. Eine weitere Verbreiterung dieser Fläche f sorgt endlich noch für die Zugabe des vorgeschriebenen Zwischenraumes hinter dem eben vorbereiteten Schriftzeichen. Hält der Telegraphist eine Taste T niedergedrückt, so hindern die zur Verschiebung der Stifte s in die Dose D hineingetretenen Stößer n die Umdrehung der Dose D doch nicht, weil diese Stößer n etwas beweglich gemacht und an ihrem vordern Ende so geführt sind, daß sie schräg seitlich etwas ausweichen können.

Beim Niederdrücken der in der Claviatur zwischen den Tasten c und m liegenden „weißen“ Taste, welche blos die Zwischenräume zwischen je zwei Schriftzeichen oder Wörtern erzeugen soll und deshalb keine Stifte verschieben darf, wird die Drehung der Dose D auf andere, rein mechanische Weise durch die Taste T selbst hervorgebracht.

Zum Abtelegraphiren der so vorbereiteten Morseschrift dient ein zwischen zwei Contactschrauben b und d (Fig. 15) hin und her gehender, dem gewöhnlichen Morsetaster ganz entsprechender zweiarmiger Contacthebel C. Eine Spannfeder q strebt beständig den Hebel C mit seinem obern, federnden Arme an die Ruhecontactschraube b heranzudrücken. Vor der Dose, an derjenigen Seite derselben, auf welcher die Stifte s vorstehen, läuft ferner ein Arm oder Zeiger i um, welcher mit seiner nachgiebig gemachten, schräg abgestumpften Spitze die verschobenen Stifte s in ihrer nach innen liegenden Rundung überstreicht; so oft nun der Arm i auf einen verschobenen Stift s trifft und später denselben wieder verläßt, geht er in radialer Richtung in seiner Führung v ein wenig hin und her und überträgt diese Schwingungen zugleich auf einen kleinen, in der (auf ein und dieselbe Achse mit der Dose D aufgesteckten) Nabe des Zeigers i eingelagerten Winkelhebel r, welcher |534| seinerseits durch einen Spalt in die hier hohle Zeiger- und Dosenachse hineingreift, durch einen in derselben liegenden Stift auf den vor dem Ende dieser Achse liegenden untern Arm des Contacthebels C wirkt und letztern von der Ruhecontactschraube b an die Arbeitscontactschraube d hin bewegt. Jeder einzelne vorgeschobene Stift s legt also den Hebel C auf kurze Zeit an den Batteriecontact d und sendet hierdurch von der Achse des Hebels C aus einen kurzen Strom in die Leitung; je drei hinter einander liegende Stifte legen den Hebel C auf eine dreimal so lange Zeit an den Arbeitscontact d, um einen langen Strom abzusenden. Der kürzere Strom macht den Empfangsapparat einen Punkt, der längere einen Strich schreiben.

Dazu ist aber noch nöthig, daß jener Zeiger i über die Stiftenreihe s, welche sich ja mit der ganzen Dose D beim Niederdrücken der Tasten T selbst sprungweise bewegt, mit relativ gleicher Geschwindigkeit hinläuft. Deshalb ist die Dose D nebst dem an ihr befestigten, sie treibenden Rade M nur lose auf ihre im Gestell gelagerte Achse m aufgesteckt, während der Zeiger i, ein innerhalb der Dose D gelegenes Zahnrad K (das durch mehrere in den Seitenwänden der Dose gelagerte Räder und Triebe, Fig. 16, mit einem ebenfalls fest an der Dose gelagerten, verstellbaren Windflügel W in Eingriff steht) und das eine Ende einer genügend gespannten Feder F mit der Dosenachse m fest verbunden sind. In der Ruhelage hält diese Feder F, deren anderes Ende, wie Figur 15 sehen läßt, am Gestell befestigt ist, den Zeiger i gegen einen Anschlag A fest, welcher dicht hinter der Stelle liegt, wo die Verschiebung der Stifte s beim Niederdrücken einer Taste T bewirkt wird. Die sprungweise Drehung der Dose D beim Niederdrücken der Tasten T entfernt den Zeiger i von diesem Anschlage A und spannt so die Feder F, welche dann in verhältnißmäßig langsamer, gleichförmiger Bewegung den Zeiger i an den vorgeschobenen Stiften s vorbei gegen den erwähnten Anschlag A zurückführt, wobei sie durch jenes auf der Dosenachse m festsitzende Zahnrad K den Windflügel W in Umdrehung versetzt; die Geschwindigkeit der Zurückführung des Zeigers i an den Anschlag A wird somit durch die Stellung des Windflügels W bedingt und regulirt. Kurz bevor die verschobenen Stifte s der Dose D bei deren fortgesetzter sprungweiser Drehung wieder an die Stelle kommen, wo sie den Stößern n gegenüber stehen, streifen sie an eine schräge Fläche R (Fig. 16) des Gestelles an und werden durch diese in ihre Ruhelage zurückgeführt. Wächst der durch ein sehr rasches Greifen der Tasten T erzielte Vorrath an vorbereiteten Schriftzeichen so sehr an, daß er fast die ganze Dose D erfüllt und der Zeiger i sich der zuletzt erwähnten schrägen Fläche nähert, |535| so mahnt eine ertönende Warnglocke k (Fig. 14) den Telegraphisten daran, eine Pause im Greifen zu machen.

Ein geübter Telegraphist wird leicht 5 Tasten in der Secunde greifen können; dies gäbe bei entsprechender Einstellung des gebenden Apparates und unter Einrechnung der erforderlichen Zwischenräume 300 Zeichen in 1 Minute. Wären nun zur vollständigen Erledigung eines Telegrammes durchschnittlich 200 Buchstaben (33 Worte) auf der Leitung hin und her zu befördern, so könnte man in der Stunde 90 Telegramme befördern, d.h. etwa das Doppelte der Mittlern Leistung des Typendrucktelegraphen von Hughes. Als größte, mittels automatischer Telegraphen erreichte Geschwindigkeit nennt man 14 Alphabete in der Secunde. Zu Anfange des J. 1875 war der Dosenschriftgeber auf der Linie Berlin-Breslau in Thätigkeit; er arbeitete ganz befriedigend und blieb in seiner Leistung hinter dem Hughes nicht zurück. Ueber die ersten in Belgien angestellten Versuche mit dem Dosenschriftgeber hat die Direction der belgischen Staatstelegraphen einen ausführlichem Bericht veröffentlicht (vgl. Annales télégraphiques, 1875 Bd. 2 S. 199), aus welchem die folgenden Resultate entlehnt sind.

An jedem Ende der Linie arbeiteten bei den Versuchen im August 1874 zwei Beamte; sie tauschten die Telegramme in Gruppen zu je fünf aus, und die Collationirung gab nach jedem Telegramme der gebende Beamte. Man konnte die Dose nur mit der Mittlern Geschwindigkeit laufen lassen, weil in den Morseschreibern der Papierstreifen nicht so schnell ablief, daß die Schrift bei der größten Geschwindigkeit der Dose deutlich geworden wäre, und weil die Beamten in den Provincialstationen die Morseschrift noch nicht schnell genug vom Streifen abzuschreiben vermochten. Ein geübter Beamter hat indessen auch bei größerer Dosengeschwindigkeit Zeit genug zum Abschreiben, da er, wenn er in 5 Minuten 5 Telegramme empfängt, außer diesen 5 Minuten auch noch die 5 Minuten verfügbar hat, während welchen dann sein College seine 5 Telegramme gibt. Bei den Versuchen stand nur eine Dose zur Verfügung, und die zweite Station mußte daher mit dem gewöhnlichen Morsetaster arbeiten. Mit letzterm brauchte ein geübter Telgraphist zu 3 Telegrammen 3 Min. 47 Sec., während dieselben 3 Telegramme bei mittlerer Geschwindigkeit der Dose 2 Min. 45 Sec., bei einer zwischen der Mittlern und höchsten gelegenen Geschwindigkeit nur 2 Min. 13 Sec. erforderten. Am 8. und 10. August wechselten Brüssel (Nord) und Brüssel (Süd) 40 Telegramme in der Stunde, ebensoviel am 22. Brüssel (Nord) und Charleroi; doch war nicht immer die zu ununterbrochenem Betriebe nöthige Zahl von Telegrammen vorhanden. Man wechselte

zwischen 9 und 10 Uhr 26 Telegramme; Stillstand 20 Min.
10 11 37 5
11 12 32 12
12 1 35 5
3 1/2 4 23 0

Auch am 21. und 22. August wurden zwischen Brüssel und Charleroi oder Antwerpen (Börse) im Mittel 40 Telegramme gewechselt. Um die Ungeübtheit der |536| Provincialtelegraphisten außer Spiel zu lassen, arbeitete man in Brüssel (Nord) aus einem Saale in den andern, an dem einen Ende mit der Dose und einem Siemens'schen Morse, an dem andern Ende mit gewöhnlichem Morsetaster und einem Digney'schen Empfänger, beiderseits mit geübten Beamten; zwischen 2 Uhr 30 Min. bis 4 Uhr 50 Min. wurden, ohne Zwischenpause, 125 Telegramme, o. h. 53 in der Stunde gewechselt, die man aufs Gerathewohl aus den Privattelegrammen herausgriff. Hätte man also von beiden Seiten mit dem Dosenschriftgeber arbeiten und die Dose mit der größten Geschwindigkeit laufen lassen können, so wäre man leicht über 60 Telegramme in der Stunde gekommen. Man muß jedoch voraussetzen, daß unter den gewöhnlichen Betriebsverhältnissen diese Leistung nicht immer erreicht werden wird. Bei Versuchen zwischen Brüssel und Berlin oder Paris, ohne Translation in einer Zwischenstation, nahm Berlin bei großer und Paris bei voller Laufgeschwindigkeit der Dose ohne Anstand auf.

In Paris wurde dabei von einem geübten Beamten auf dem von Ailhaud angegebenen automatischen Telegraphen, über dessen Einrichtung sich in den Annales télégraphiques, 1874 Bd. 1 S. 333 einige Andeutungen finden, gearbeitet, und zwar wurden

am 27. Juli 1874 54 Telegramme in 1 St. 20 Min., mit Collationirung in 1 St. 48 Min.
28. 45 0 54 1 12
31. 40 0 50 1 12

gewechselt.

Die Ergebnisse der vorstehenden Versuche führten zur versuchsweisen Einführung des Dosenschriftgebers in Belgien.

2) Der Kettenschriftgeber enthielt anstatt der Dose eine Gliederkette K ohne Ende (Fig. 17 [a/3]) mit 180 Gliedern von 2mm,5 Länge und in jedem derselben ebenfalls einen metallenen Stift s, welcher sich seiner Länge nach in dem Gliede mit einiger Reibung verschieben ließ, und zwar blos nach links, wenn der Kettenschriftgeber Morseschrift liefern sollte, dagegen nach links oder rechts, wenn der Kettenschriftgeber zur Erzeugung von Punkten in zwei Zeilen (Steinheilschrift) bestimmt war. Die Verschiebung der Stifte wurde übrigens im erstern Falle beim Niederdrücken der Tasten in ganz ähnlicher Weise wie beim Dosenschriftgeber, im letztem Falle aber ähnlich wie beim Schnelldrucker (Fig. 19) und zwar durch eine Art von Scheren bewirkt, und natürlich waren dabei zwei Contacthebel C (Fig. 18) vorhanden, von denen der eine durch die rechts vorstehenden Stifte positive, der andere durch die links vorstehenden Stifte negative Ströme in die Leitung sendete. Diese Ströme von verschiedener Richtung schrieben dann in einem polarisirten Doppelschreiber die Zeichen des Steinheil-Alphabets. Die Vorbereitung der abzutelegraphirenden Schriftzeichen erfolgte an einer Stelle, wo die Kette K über ein Rad U₁ lief, das Abtelegraphiren an einer andern Stelle, wo die Kette über ein zweites, mit einem Windflügel verbundenes Rad g lief; gleich hinter dieser Stelle wurden die abtelegraphirten Stifte |537| durch zwei an den beiden Seiten der Kette anstreifende Rollen R wieder in ihre Ruhelage zurückversetzt. Zwischen den Rädern U₁ und g bildete die Kette K eine Schleife, welche durch eine Feder F oder ein Gewicht gespannt erhalten wurde und um so größer war, einen je größern Vorrath von Schriftzeichen der Telegraphist vorbereitet hatte, welcher noch des Abtelegraphirens harrte. Dieser Kettenschriftgeber wurde weder durch ein Gewicht, noch durch eine Feder getrieben, sondern es wurde beim Niederdrücken einer Taste zugleich mittels eines besondern Hebels der erforderliche Anstoß zur Bewegung gegeben.

3) Der Schnelldrucker ist, wie schon erwähnt wurde, ein Typendrucktelegraph; sein Zeichengeber, welchen die Figur 19 [c/2] im Durchschnitte zeigt, hat die nämliche Einrichtung wie der Dosenschriftgeber. Das auf der Claviatur abgespielte Telegramm wird bei ihm auf einer der oben beim Dosenschriftgeber beschriebenen Dose übrigens ganz ähnlichen Dose D, jedoch mittels zweier Gruppen von Hebeln H₁ und H₂ in links oder rechts aus der Dose hervorgestoßenen Stiften ss vorbereitet und dann mittels zweier, ebenfalls zugleich mit der Dosenachse umlaufenden Arme oder Zeiger i₁ und i₂ und zweier von jenen Armen bewegten Contacthebel C₁ und C₂ automatisch abtelegraphirt. Beides geschieht ganz so wie beim Dosenschriftgeber und auch mittels ganz ähnlicher Theile, welche in Figur 19 mit denselben Buchstaben bezeichnet sind, wie in Figur 15. Das Einstellen des Typenrades, welches den zu telegraphirenden Buchstaben an die Stelle bringt, wo er auf den Papierstreifen aufgedruckt werden kann, wird durch positive und negative Ströme von gleicher Länge bewirkt, von denen die einen durch die rechts aus der Dose vorstehenden, die andern durch die links vorstehenden Stifte in die Leitung gesendet werden. Dabei ist aber ein doppeltes Echappement an dem Typenrade angebracht, und zwar dreht das durch die Ströme der einen Richtung bewegte Echappement das Typenrad sprungweise um je vier Buchstaben auf einmal fort, das durch die entgegengesetzt gerichteten Ströme bewegte Echappement läßt es nur Schritte von je einem Buchstaben machen. Da nun die Ziffern und sonstigen Zeichen gar nicht mit in die Claviatur aufgenommen worden sind, sondern durch Buchstaben ausgedrückt werden sollen, welche in ein im voraus bestimmtes Einschlußzeichen eingeschlossen werden, so ist es möglich geworden, das Typenrad durch höchstens acht Ströme auf jedes Schriftzeichen einzustellen. Dabei mußte aber das 27. Feld des Typenrades leer bleiben, weil in der gewählten Weise 27 Schritte durch acht Ströme nicht gemacht werden können, sondern erst durch neun (sechs Schritte zu je 4 und drei Schritte zu je 1 Buchstaben). Es bleiben demnach 31 Felder des Typenrades |538| zum Geben von 29 Buchstaben und Zeichen verfügbar, weil das 30. Feld für das erwähnte Einschlußzeichen der Ziffern, das 31. Feld aber für den durch die „weiße“ Taste zu telegraphirenden Zwischenraum aufgespart werden müssen. Das Typenrad wird nach jedem Abdruck des eingestellten Buchstabens auf dem Papierstreifen auf den Ausgangs- oder Nullpunkt zurückgeführt, und deshalb können durch ein sich etwa einschleichendes falsches Zeichen die noch nachfolgenden nicht ebenfalls falsch gemacht werden. Die Leistungsfähigkeit dieses Schnelldruckers ist eine bedeutende, weil bei zweckmäßiger Aufeinanderfolge oder Anordnung des Buchstabens auf dem Typenrade im Durchschnitte zur Einstellung des Typenrades nur 3 bis 4 kurze Ströme4) erforderlich sind, und weil das beim Stillstande des Typenrades durch einen Klirrcontact mit Hilfe einer Localbatterie veranlaßte Drucken und die Zurückführung des Typenrades auf den Nullpunkt fast augenblicklich erfolgt. Bei dem übrigens sehr leistungsfähigen Typendrucktelegraphen von Hughes rechnet man, daß das Typenrad bei seiner Einstellung auf den zu telegraphirenden Buchstaben im Mittel 17 bis 18 Schritt machen muß, und dabei ist überdies noch vorausgesetzt, daß der Telegraphirende im Fingersatze gehörig geübt sei. Außerdem braucht zwischen dem Schnelldrucker und |539| dem mit ihm arbeitenden automatischen Zeichengeber nicht Synchronismus in der Bewegung erhalten zu werden, was doch bei zwei zusammenarbeitenden Hughes-Apparaten unerläßlich ist.

E. Z.

|529|

Eine solche Abhängigkeit findet sich z.B. bei Meyer's vierfachem Apparate (*1875 215 310).

|529|

Wie z.B. der Kette in Girarbon's Automaten für den Hughes-Telegraphen (*1876 220 411) und bei der Scheibe des altern Bain'schen Automaten (*1847 105 331), welche sonst mit v. Hefner's Dose eine gewisse Verwandtschaft besitzt. – Uebrigens kann die Einrichtung und Verwendung dieser Dose für Hughesschrift im Princip keine besondern Schwierigkeiten haben.

|530|

Auch Laloy (1875 220 268) benützt in seinem Abstimmungstelegraphen Kugeln.

|538|

Noch weniger Ströme zwar (nämlich höchstens 4), aber nicht weniger Schritte braucht Régnard zur Einstellung des Zeigers an seinen Zeigertelegraph (vgl. Du Moncel: Exposé des Applications de l'Electricité, 3. Aufl., Bd. 3 S. 70), dessen Zeiger über die in 7 Reihen angeordneten 25 Buchstaben des Zifferblattes mittels zweier, von zwei durch Elektromagnete beeinflußten Uhrwerken bewegter Kurbeln durch positive Ströme in verticaler, durch negative in horizontaler Richtung verschoben wird, und zwar um einen Schritt bei der Stromgebung und einen Schritt bei der Stromunterbrechung. Eine ungerade Schrittzahl in der einen oder andern Richtung kann dabei nur durch eine längere Dauer des letzten Stromes erzielt, also nicht in beiden Richtungen zugleich ausgeführt werden. Ein drittes Uhrwerk führt den Zeiger schließlich nach jedem Zeichen wieder in die Ruhelage zurück. – Etwas Verwandtes findet sich in einem englischen Patente vom 14. December 1846 (Repertory of Patent Inventions, 1849 Bd. 13 S. 9. Vgl. auch D. p. J. 1849 112 130); es wird da vorgeschlagen, die Buchstaben paarweise auf die Buchstabenscheibe zu stellen, damit man nur die Hälfte Schritte zur Einstellung brauche; die Einströmung sollte dann durch positive oder negative Ströme erfolgen, damit eine durch diese abgelenkte Nadel entweder auf denjenigen Buchstaben des eingestellten Paares, welcher gelten sollte, hinzeigte, oder durch ein Schirmchen aus Papier den andern verdeckte. – Auch bei den Typendrucktelegraphen versuchte man durch geeignete Einrichtung der Typenräder die zur Einstellung erforderliche Anzahl von Strömen oder Schritten zu vermindern; so Dr. Schreder in Wien 1862 dadurch, daß er die 54 Schriftzeichen auf einer Typenwalze in Dreiecksform anordnete und die Typenwalze durch Ströme von der einen Richtung drehen, durch Ströme von der andern Richtung achsial verschieben ließ; so ferner Mouilleron und Gossain (Annales télégraphiques, 1861 S. 22) durch Vertheilung der 25 Buchstaben auf 5 parallele, auf dieselbe hohle Welle aufgesteckte Typenräder, welche durch Ströme der einen Richtung gedreht wurden, während Ströme der andern Richtung die hohle Welle auf ihrer Achse verschoben. Schreder brauchte zu seinen 54 Zeichen 5 bis 13, Mouilleron und Gossain zu ihren 25 Zeichen höchstens 10 Ströme. Auch in dem erwähnten Siemens-Hefner'schen Patente ist noch von einigen andern Einrichtungen zu Erreichung des nämlichen Zweckes die Rede.

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