Titel: Die organischen Keime in der Atmosphäre.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1876, Band 221/Miszelle 8 (S. 284–286)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj221/mi221mi03_8
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Die organischen Keime in der Atmosphäre.

Im Alterthum und selbst noch im 17. Jahrhundert nahm man allgemein eine Urzeugung: Generatio spontanea oder aequivoca an; nicht allein sollten Maden und Ungeziefer von selbst aus Schmutz, Würmer aus kranken Eingeweiden entstehen, auch höhere Thiere wie Mäuse sollten auf künstlichem Wege erzeugt werden können. Der Italiener Francisco Redi war der Erste, welcher in seinen Esperienze intorno alla generazione degli insetti gegen die Urzeugung auftrat und das Entstehen der Maden in faulendem Fleische aus Eiern bewies. Er wurde dafür der Ketzerei angeklagt, weil Simson behauptet hat, daß in dem Aase eines Löwen ein Bienenschwarm entstanden sei. Nach Entdeckung der Infusorien durch Leeuwenhoek fanden sich neue Vertreter der Urzeugung. Needham (1745) kochte einen Aufguß, verschloß das Gefäß mit Mastix und fand nach einiger Zeit eine Infusorienwelt in demselben. Seine Versuche scheinen von entscheidendem Einfluß auf die Theorie der Organismenerzeugung von Buffon (1749) gewesen zu sein.

Der italienische Abbé Spallanzani (1765) wiederholte diese Versuche von Needham, erhitzte die verschlossenen Gefäße aber 3/4 Stunden auf 100° und konnte später keine Organismen auffinden. Der französische Conditor Appert verwerthete diese Versuche, indem er Gemüse in Gefäße einschloß, erhitzte und so conservirte (appertisirte), ein Versuch, der bekanntlich beim Conserviren von Nahrungsmitteln unendlich oft und mit den besten Erfolgen wiederholt wird (vgl. S. 287). Diesen Ergebnissen wurde nun entgegengehalten, daß die organischen Stoffe durch das Erhitzen verändert werden, und daß namentlich, wie Gay-Lussac zeigte, die Luft in den Conservirungsgefäßen keinen Sauerstoff mehr enthalte, daß aber zur Entwicklung des Lebendigen aus todten organischen Stoffen Sauerstoff gehöre. Diese Ausrede wurde 1836 und 1837 von F. Schulze und Schwann dadurch widerlegt, daß keine Organismen erschienen, wenn den organischen Stoffen Luft zugeführt wurde, die zur Zerstörung der darin schwebenden Keime vorher durch glühende Glasröhren oder durch Schwefelsäure geleitet war. Aehnliche Versuche und mit gleichem Resultat wurden von Ure (1840 75 461) und Helmholtz ausgeführt. Schröder und Dusch (1854 132 295) zeigten dann, daß erhitzte organische Stoffe, zu denen man nur Luft zutreten ließ, die vorher durch einen Stöpsel von Baumwolle gegangen und dadurch von den Keimen befreit war, keine Organismen hervorbrachten. Pasteur vereinfachte diesen Versuch noch, indem er den Hals eines Kölbchens zu einer Röhre auszog und diese abwärts bog und durch Erhitzen der betreffenden Flüssigkeit die vorhandenen Keime zerstörte. Obgleich der Hals offen blieb, die atmosphärische Luft also ungehindert zutreten konnte, entwickelten sich keine Organismen. Wurde jedoch die Röhre abgebrochen, so traten bald Organismen auf und die Zersetzung begann. Das Krümmen des Flaschenhalses genügte also, die in der Luft schwebenden Keime zurückzuhalten.

Daß die atmosphärische Luft zahllose Keime enthält, vermuthete schon vor mehr als 2000 Jahren Anaxagoras, der Freund des Perikles; Ehrenberg (1848), Pasteur (1862 165 292), Tyndall u.a. haben dann durch zahlreiche Versuche das Vorhandensein dieser Keime bewiesen. Tichborne bestätigt, daß Staub von der Straße und aus bewohnten Räumen Gährungskeime und Bakterien enthält; Douglas Cuningham zeigt ähnliches von der Luft in Calcutta, und Crace-Calvert, daß namentlich in der Nähe von faulenden thierischen Stoffen die Luft sehr reich an Bakterien ist.

Später wurde die Urzeugung von Hartig, Nägeli, Bastian und von Omimus (1874 213 449) wieder von Neuem behauptet. Letzterer glaubt, daß Bakterien aus Blut und Eiweiß spontan entstehen können. Die Versuche von Crace-Calvert zeigen, daß Eiweiß auch in einer Sauerstoff-Atmosphäre unverändert bleibt und keine Organismen entwickelt werden, wenn nicht Keime derselben hinzutreten können, und Klebs bewies, daß das Blut gesunder Thiere keine Entwicklung niederer Organismen zeigt, wohl aber das von kranken Thieren (vgl. 1874 212 352).

A. de Bary, Cohn sowie die Versuche von Bastian, Frankland und Huxley zeigen hinreichend, wie leicht Irrthümer bei derartigen Beobachtungen unterlaufen können, daß namentlich sehr feine Glassplitterchen mit Braun'scher Bewegung sehr oft für Organismen angesehen werden, daß sorgfältig ausgeführte Versuche und Beobachtungen stets gegen jede spontane Entwicklung sprechen. (F. Fischer: Verwerthung der städtischen und Industrie-Abfallstoffe, S. 15.)

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Die große Tragweite der Frage nach den in der Atmosphäre schwebenden Keimen in Bezug auf die Lehre der Urzeugung, wie auch in Bezug auf die Entstehung und Verhütung von Krankheiten und Fäulnißprocessen, Conservirung der Nahrungsmittel u.s.w. veranlaßte John Tyndall neuerdings (Naturforscher, 1876 S. 137) wieder eine große Anzahl von Versuchen anzustellen. Zum Aufsuchen der Keime in der Atmosphäre bediente er sich des concentrirten Lichtstrahles, der in einem dunkeln Raume alle auf seiner Bahn liegenden kleinsten Theilchen erleuchtet (1870 198 72). Er stellte sich nun eine Reihe von Holzkammern oder Kisten her, deren vordere Wand aus Glas bestand; an den beiden Seitenwänden befanden sich zwei correspondirende, mit Glas verschlossene Oeffnungen, und der Deckel enthielt in luftdichtem Verschluß eine Pipette, die frei beweglich war und das Innere des Kastens luftdicht verschloß, nebst zwei schmalen Glasröhren, welche mit der Atmosphäre communicirten und vielfach auf und nieder gebogen waren, während am Boden sich eine oder zwei Reihen von Oeffnungen befanden, in denen luftdicht die Probirgläschen enthalten waren, in welchen die Flüssigkeiten untersucht werden sollten.

Am 10. September wurde der erste derartige Kasten geschlossen; ein concentrirter Lichtstrahl wurde durch die Seiten desselben geschickt und zeigte, daß die Luft in demselben mit herumfliegenden Substanzen stark beladen war. Am 13. wurde die Luft wieder geprüft, aber von dem durchgehenden Lichtstrahl war keine Spur zu sehen. Dreitägiges Stillstehen genügte also, damit alle Herumfliegenden Substanzen sich an den Boden und die Seiten setzten, wo sie von einer zu diesem Zwecke angebrachten Glycerinschicht festgehalten wurden. Nun wurden, ohne daß die Luft zum Innern Zutritt hatte, die Probirröhrchen mittels der Pipette gefüllt, ihr Inhalt 5 Minuten lang gekocht, und während des Abkühlens der Kammerluft die gebogenen Röhrchen mit Baumwolle verstopft, damit die rasch eindringende äußere Luft keine Keime mit hinein führen könne.

Als Flüssigkeiten wurden bei diesen Versuchen benützt: saure und alkalische Aufgüsse von Heu, Rüben, Thee, Kaffee, Hopfen, Urin und verschiedene Fleischsorten.

Das Resultat dieser Versuche war, daß, als diese Substanzen der gewöhnlichen Luft des Laboratoriums der Royal Institution bei einer Temperatur von 16 bis 21° exponirt waren, sie im Laufe von 2 bis 4 Tagen der Fäulniß anheimfielen. Die Zahl der Probirröhrchen, welche die Aufgüsse enthielten, stieg bis auf 600, aber nicht ein einziges entging der Fäulniß. Anderseits hat in keinem einzigen Falle die Luft, welche durch den prüfenden Lichtstrahl als staubfrei erkannt worden, selbst wenn sie auf Temperaturen zwischen 26 und 32° gebracht wurde, die geringste Fähigkeit gezeigt, lebende Bakterien zu erzeugen oder die mit denselben verbundenen Fäulnißerscheinungen. Die Fähigkeit, solches Leben in der atmosphärischen Luft zu entwickeln, und das Vermögen, das Licht zu zerstreuen, sind somit als untrennbar verbunden erwiesen.

Die einzige nothwendige Bedingung, um diese lang schlummernden Aufgüsse von lebenden Wesen wimmeln zu sehen, besteht in dem Zutritt der in der Luft herumfliegenden Substanzen. Nachdem die Aufgüsse 4 Monate lang so durchsichtig waren wie destillirtes Wasser, genügte das Oeffnen der hintern Thür des schützenden Kastens und der erfolgende Zutritt der mit dem Staub beladenen Luft, um in 3 Tagen die Aufgüsse faul und voll von Leben zu machen. Daß dieses Leben aus den mechanisch suspendirten Theilchen entsteht, ist somit durch den augenscheinlichen Beweis dargethan.

Mayer erklärt es schlechterdings unverständlich, wie alle die reich organisirten Formen unserer Erde entstanden sein sollen, wenn nicht durch elternlose Zeugung, daß man daher auf deductivem Wege zur Annahme einer generatio spontanea komme. (?) – Möge man nun mit Huxley annehmen, daß in den Vorzeiten unseres Planeten physische und chemische Vorbedingungen zur Urzeugung vorhanden waren, längst aber verloren seien, oder mit Thomson, daß die ersten Organismenkeime durch Meteore unserer Erde zugeführt sind, – soweit die Möglichkeit einer Urzeugung bei praktischen Fragen in Betracht kommt, muß sie entschieden verneint werden. Bakterien und Pilze entstehen ebensowenig ohne Keim wie Trichinen und Eingeweidewürmer. (Vgl. auch O. Brefeld: Methoden zur Untersuchung der Pilze, Landwirthschaftliche Jahrbücher, 1875 S. 151.)

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