Titel: Rasche Zerstörung von Leinentüchern.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1876, Band 221/Miszelle 5 (S. 386–387)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj221/mi221mi04_5

Rasche Zerstörung von Leinentüchern.

In einer der letzten Sitzungen des Karlsruher naturwissenschaftlichen Vereins machte Prof. Dr. C. Birnbaum die Mittheilung, daß er auf Veranlassung eines dortigen Leinenfabrikanten Gelegenheit hatte, eine eigenthümliche Zerstörung von Leinenwaaren kennen zu lernen. Es wurden ihm einige Servietten und Tischtücher übergeben, welche, von dem erwähnten Fabrikanten an Hotels geliefert, nach etwa 1 1/2 jährigem Gebrauch ungemein brüchig und leicht zerreißbar wurden. Die Fäden dieser Leinenwaaren erschienen unter dem Mikroskop stark incrustirt, die auf der Faser abgelagerte Substanz wurde als kohlensaurer Kalk erkannt. Die Gewebe lieferten etwa 8 Proc. Asche, und diese bestand fast ganz aus Calciumcarbonat. Daß eine solche Menge einer anorganischen Substanz, die zwischen und auf den Fasern abgelagert war, einen sehr ungünstigen Einfluß auf die Festigkeit des Gewebes ausüben mußte, liegt auf der Hand. Bei dem Gebrauche der Zeuge, beim Waschen derselben wirkte die Mineralsubstanz wie ein Schleifmittel, welches die Fasern geradezu zerreiben mußte. Es fragte sich nun, ob dieser Aschengehalt von Anfang an in dem Gewebe enthalten war, oder erst von Seiten der Käufer durch unrichtige Behandlung der Waaren in dieselben gebracht wurde. Der Leinenfabrikant übergab, um diese Frage zur Entscheidung zu bringen, an Prof. Birnbaum Leinengarne und Leinengewebe, welche in derselben Zeit in der Fabrik verarbeitet wurden, in der jene Waaren geliefert wurden. Das Leinengarn enthielt 0,32 bis 0,34 Proc. Asche, das Gewebe 0,38 Proc. Aus diesen Zahlen folgt, daß nur von Seiten des Käufers die große Aschenmenge in die Leinenzeuge gebracht sein konnte. Er behauptete, keinen Chlorkalk beim Waschen in Anwendung gebracht zu haben, der bei unrichtiger Benützung vielleicht Kalk auf die Faser hätte liefern können.

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Zufällig brachte Birnbaum in Erfahrung, daß in manchen Gasthäusern gebrauchte Servietten aufgefrischt werden durch Befeuchtung mit Kalkwasser und Pressen. Her dadurch auf das Gewebe gebrachte dünne Kalküberzug gibt dem Gewebe einen etwas harten Griff, eine gewisse Appretur, die Servietten können nach dieser Behandlung leicht für frisch gewaschen gehalten werden. Durch wiederholte Anwendung dieses Mittels kann das Gewebe ganz die Eigenschaft bekommen, die an den zerstörten Waaren beobachtet wurde. Birnbaum zeigte ein Stück Leinenzeug vor, das längere Zeit (etwa 30mal) mit Kalkwasser befeuchtet und dann wieder getrocknet, von Zeit zu Zeit mit Seife gewaschen, dann wieder mit Kalkwasser benetzt wurde etc. Das vorgelegte Zeug zeigte genau das Verhalten der oben erwähnten zerstörten Servietten, so daß es höchst wahrscheinlich ist, daß in dieser Weise die große Kalkmenge auf die Faser des Gewebes gelangte. Vor einer solchen Anwendung von Kalkwasser kann nicht genug gewarnt werden. Es ist eine bekannte Erscheinung, daß in der Faser von Geweben sich bildende Krystalle die Zellen der Faser zersprengen. Kalkwasser läßt aber in dem Gewebe Kalkhydrat auskrystallisiren. Dieses kann also direct die Festigkeit der Faser schwächen. Dasselbe geht an der Luft bald in Carbonat über, vergrößert dabei sein Volum, so daß also wieder eine weitere Zerstörung der Faser eintreten kann. Schließlich kann das entstandene Calciumcarbonat in der oben angedeuteten Weise als Schleifmittel wirken. Ganz abgesehen von den ätzenden Eigenschaften des Kalkwassers kann dasselbe in rein mechanischer Weise höchst schädigend auf die Festigkeit von Geweben einwirken. (Badische Gewerbezeitung, 1876 S. 30.)

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