Titel: Die Thierwelt in ihrem Verhalten zur Dampfmaschine.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1876, Band 221/Miszelle 1 (S. 482–483)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj221/mi221mi05_1

Die Thierwelt in ihrem Verhalten zur Dampfmaschine.

Daß dem vorüberfahrenden Eisenbahnzuge ein Hund bellend und mit großer Bravour nachläuft, sich zuletzt überschlägt und eine Strecke weit mit dem Zuge fortkollert, dann aber sich aufrafft und über und über mit Staub und Schmutz bedeckt – jedoch bellend – den Rückzug antritt, – diese heitere Scene wird schon jeder Reisende erlebt haben. – Welches aber sind die Motive des Hundes? Glaubt er etwa, dem Zuge etwas anhaben oder ihn gar zum Stehen bringen zu können? Für so einfältig wird man doch keinen Hund halten dürfen. Ich glaube, es ist vielmehr der Respect vor der herrlichen Erfindung, welchen der Hund in seiner Weise an den Tag legen will, während sein Herr, der Bahnwächter, den Zug in militärischer Haltung salutirt, – oder die Freude an der Sache, wie bei jenem Fohlen, welches etwa 1/2 Meile vor Pùspòk-Ladany neulich seine Mutter verließ, um dem vorüberfahrenden Postzuge bis zur Station zu folgen. Es war ein prächtiger Anblick, wie das schlanke Thier, kein Hinderniß achtend, über Gräben und Hecken hinweg, dicht neben dem Zuge und diesen zuweilen überholend, bis unmittelbar vor der Station folgte. Im Gegensatze dazu fürchtet das dressirte oder ältere Pferd die Eisenbahn. Bei Annäherung des Zuges zittert das Thier an allen Gliedern und der Reiter hat die größte Mühe, es zu beruhigen. Ist es hartmäulig und hat der Reiter einmal den Pferdskopf aus seiner Gewalt verloren, so macht das Pferd kehrt und sprengt in Carrière rechtwinklig zur Bahn davon. Will der Reiter dem Thiere seine Dummheit zu Gemüthe führen, und erlauben Terrain und Umgebung einen tollen Ritt, so thut er gut daran, dem Thiere mit verhängten Zügeln nicht blos seinen Willen, sondern obendrein noch Sporen und Peitsche wirken zu lassen, damit die Ermüdung um so früher erfolge. Nach etlichen derartigen Lectionen ist gewöhnlich das Pferd curirt. Der Hund versteht die Eisenbahn viel besser. Von einem glaubwürdigen Freunde wurde mir erzählt, daß sich im Wiener Südbahnhofe Morgens zum Schnellzuge regelmäßig ein großer Köter einfand, sich zu Bekannten, welche Saisonkarten nach Baden besaßen, gesellte und mit diesen im Coupé 1. Classe dorthin fuhr, sich tagsüber in diesem Curorte herumtrieb, ganz fein lebte und Abends wieder mit Bekannten, natürlich nur erster Classe, die Heimfahrt antrat.

Wie oft sieht man Hunde zwischen den Rädern des abfahrenden Zuges herumlaufen, ohne daß sie den geringsten Schaden nehmen, während eine Menge von Bahnhofsarbeitern alljährlich ihr Leben verlieren. Ich kannte einen Hund, welcher jahrelang im Maschinenhause ganz heimisch war und sich allen Fährlichkeiten aussetzte, ohne daß ihm je ein Haar gekrümmt worden wäre, während sein Herr, der Maschinenwärter, schon ein halbes Dutzend Finger und Zehen eingebüßt hatte. – Dahingegen macht der Ochs seinem Namen alle Ehre; er bleibt ruhig auf dem Gleise stehen, hat keine Ahnung von der ihm durch den Zug drohenden Gefahr und wird auch richtig niedergerannt.

Manche Gattungen von Vögeln scheinen an der Dampfmaschine ihre ganz besondere Freude zu haben. Es ist wiederholt vorgekommen, daß Lerchen unter den Weichen oder Herzstücken stark frequentirter Bahnhöfe ihr Nest gebaut und Junge ausgebrütet haben. In den Maschinenhäusern ist die Schwalbe ein sehr häufiger Gast, z.B. in demjenigen der Szegediner Dampfmühle; es arbeitet dort eine 300pferdige gekuppelte Corlißmaschine mit schlecht verzahntem Schwungrade und zwar Tag und Nacht. In diesem Höllenlärm und unter einer Hitze von 40 bis 45° haben sich zwei Schwalbenpaare in den gegenüber stehenden Ecken der Maschinenhausdecke seit Jahren ihr Nest gebaut und brüten dort regelmäßig Junge. Ist es etwa ein „gruseliges“ Gefühl, welches diesen Thierchen so angenehm ist? – Auf der Westbahn (Wien-Linz) bemerkte ich an gewissen Stellen häufig Bachstelzen und Finken ruhig auf dem Telegraphendrahte sitzend und Front gegen die Bahn, den vorübersausenden Schnellzug betrachtend, und andere Vögel, z.B. Tauben, finden wiederum großes Vergnügen daran, mit dem Zuge um die Wette zu fliegen, während der König der Vogelwelt, der Adler, geruhet, sich etliche Stationen weit vom Zug fahren zu lassen, |483| wie vor etlichen Jahren jener bei Monor (Strecke Pest-Czegled), der längere Zeit hindurch den von Pest abgehenden Früh-Postzug zu seinen Reisen benützte. Spatzen, Finken und anderes Gelichter treiben gern Muthwillen im Maschinenhause, fliegen aus und ein, um das Schwungrad herum und vollführen dabei in der kecksten Weise ihr Gezwitscher, ohne sich vor irgend Einem zu fürchten.

Jedenfalls ist die Schwalbe die treueste Begleiterin der Dampfmaschine und steht zu dieser fast in dem Verhältnisse wie der Hund zum Menschen. Das Unglaublichste in ihrem Vertrauen zur Maschine leistete aber wohl jenes Schwalbenpaar, welches in diesem Frühjahre sich im Radkasten des Dampfers „Regensburg“ anbaute und mit diesem Schiffe die ausgedehnten Fahrten auf der Theiß und Donau von Pest bis Semlin treu mitmachte, während die ausgebrüteten Jungen längst davon geflogen waren und sich nach allen Winden zerstreut hatten.

Dahingegen habe ich noch niemals irgend ein Thier im Kesselhause heimisch gefunden. Selbst der Hund geht den Kesseln aus dem Wege. Es ist beinahe, als ob die Thiere wüßten, welche Unsumme von Unverstand und Leichtsinn dem Kesselbau zu Grunde liegt!

Pest, August 1876.

Otto H. Müller.

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