Titel: Knösel, über Cellulosefabrikation.
Autor: Knösel, Th.
Fundstelle: 1876, Band 222 (S. 354–363)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj222/ar222097

Einiges über Cellulosefabrikation; von Th. Knösel.

(Schluß von S. 265 dieses Bandes.)

Beim Kochproceß wird beinahe in jeder Fabrik anders gearbeitet, weil fast jeder Betriebsführer sich im Laufe seiner Praxis verschiedene Erfahrungen gesammelt haben will, auf Grund deren dann weitere Schlüsse gezogen worden sind, meist allerdings recht voreilig und falsch, da manche Umstände mitunter ganz außer Acht gelassen wurden. Dabei haben sich sowohl Chemiker, als Maschinentechniker oft getäuscht.

Der ganze Zweck des Kochens ist einfach die Entfernung der inkrustirenden Substanz, des Harzes u.s.w., damit die Faser isolirt zurückbleibt. Nun kocht Einer mit beliebigen Mengen Natron und schiebt alles nur auf die Druckzeit, ein Anderer berücksichtigt blos das Aetznatron in den Laugen, ein Dritter hat wieder andere Ansicht u.s.f. Die Meisten gestehen nun soviel zu, daß es doch nöthig sei, eine immer gleiche Menge Aetznatron zum Kochen anzuwenden, um ein stets gleiches Product zu erzielen, betrachten jedoch das kohlensaure Natron als ganz werthlos. Es ist dies jedenfalls nur eine Annahme, denn bei durch längere Zeit fortgesetzter Untersuchung der frischen und der resultirenden schwarzen Lauge würden sie zu ganz andern Resultaten kommen. An einigen Stellen traf ich eine zwar eifrige, doch unrichtige Titration der Laugen an, indem man dieselben höchst einfach, direct, ohne zu kochen mit Normalsäure behandelte und daraus den wirklichen Gehalt an Aetznatron berechnete, ohne zu bedenken, daß man so neben diesem noch mindestens die Hälfte des vorhandenen kohlensauren Natrons mitbestimmt, je nach der Temperatur, welche gerade die zu untersuchende Lauge hat.

Sicher ist es höchst interessant, immer das Verhältniß zwischen beiden in jeder neuen Lauge zu wissen, und dies geht am einfachsten folgendermaßen: In eine kleine Porzellanschale bringt man 5 oder 10cc der zu untersuchenden Lauge, fügt einige Tropfen Chlorbariumlösung hinzu, um die Kohlensäure auszufällen, dann 1 bis 2 Tropfen in Alkohol gelöste Rosolsäure und titrirt nun vorsichtig mit Normalsäure, bis die Rosa-Färbung fast ganz verschwunden ist. So ermittelt man den Gehalt an Aetznatron; dann titrirt man unter Kochen noch weiter bis zum völligen Ende und erhält dadurch das Gesammtnatron, resp. aus diesen beiden den Gehalt an kohlensaurem Natron. Sehr lange fortgesetzte, vergleichende Analysen nach dieser Methode und der andern unter Abfiltrirung des abgeschiedenen kohlensauren Barits zeigten mir, daß man bei |355| einiger Uebung bis auf den Tropfen genau arbeiten kann. Für die erste Entfärbung scheint ein fast nie fehlender Gehalt von Schwefelverbindungen eher günstig zu wirken, indem der Schwefelwasserstoff ebenfalls entfärbend zu wirken scheint.

Macht man nun vergleichende Versuche, notirt für jeden Kocher genau das ätzende und das gesammte Natron, sowie alle übrigen die Kochung begleitenden Umstände, so wird man sehr bald dahinter kommen, daß etwaige Mißversuche nicht am mangelhaften Kausticiren liegen, sondern immer an ganz andern Dingen; allerdings hilft man sich jetzt meistens bei mißrathenem Stoff mit der Ausrede: „die Lauge war nicht kaustisch“, ohne näher zu untersuchen, ob nicht andere störende Dinge mitgewirkt haben. Vor Allem berechne man sich stets die wirkliche Gewichtsmenge von Natron, welche man in den Kessel pumpt.

Eine fernere, höchst wichtige Arbeit ist die öftere genaue Untersuchung der nach dem Kochen des Holzes resultirenden schwarzen Lauge; man nehme solche von einem guten normalen Kocher, von einem, der zu harten, dunkeln und von einem, welcher zu weichen, hellen Stoff lieferte, und man wird ganz überraschende Resultate erhalten.

Beachtet man ferner, daß dunkler Stoff, mit Sodalauge in der Wärme behandelt, bedeutend heller, ja ganz normal wird, und daß in Papierfabriken täglich ein sehr schlagendes Experiment im Großen ausgeführt wird, indem man mittels Dampf allein Harz in Sodalösung nur zu Harzseife auflöst, so wird man einsehen, wie falsch und grundlos die Behauptung ist, daß das kohlensaure Natron absolut wirkungslos sei; man wird erkennen, welche Wirkung ihm zuerkannt werden muß, und daß man es durchaus nicht unberücksichtigt lassen darf, wenn man gleichmäßig arbeiten will. Natürlich darf man den Mangel an Aetznatron nicht zu weit treiben; bei 25 Proc. kohlensaurem vom Gesammt-Natron erzielt man immer noch ganz gleiche gute Resultate; die inkrustirenden Substanzen erfordern kaustisches Natron, und liegt ja überdies das Harz nicht so frei und rein im Holz da, wie es uns im amerikanischen Colophonium entgegentritt, welches zum Harzleim in der Papierfabrikation Verwendung findet.

Was nun die Untersuchung der schwarzen Lauge anlangt, so soll sich dieselbe natürlich nur auf die Mengenverhältnisse des Natrons in seinen verschiedenen Verbindungen erstrecken. Proben auf Oxalsäure, Vanillin u.s.w. sind meist nur wissenschaftlich interessant; das letztere findet man höchstens in Spuren oder sucht es ganz und gar vergeblich, da erstens einmal das meiste Coniferin in der Schicht dicht unter der Rinde sitzt, die immer vor dem Kochen entfernt wird, und zweitens wirklich |356| noch vorhandenes Vanillin bei einer Temperatur von 180° sicher eine Zersetzung erleidet.

Für die Untersuchung der schwarzen Lauge ist es nur nöthig, das Gesammtnatron, frei und gebunden, zu bestimmen, sowie das freie, scheinbar überschüssige, ätzende und kohlensaure Natron für sich. Um die Endpunkte der Reactionen mit Sicherheit zu erkennen, ist eine ziemliche Uebung erforderlich; nichts desto weniger lasse man sich diese Mühe nicht verdrießen, indem sie über Vieles Aufklärung gibt. Man kommt dann um so sicherer zu dem Schlusse, daß eine gewisse Menge Holz auch eine ganz gewisse Menge Natron erfordert, von dem ein bestimmter Theil ruhig als kohlensaures vorhanden sein kann; bei zu wenig Natron wird der Stoff hart und dunkel bleiben, während er bei zu viel sehr kurz wird; hierbei erhält man gleichzeitig weniger Ausbeute, weil sich der Ueberschuß an Natron mit Cellulose sättigt, indem er sie in Oxalsäure überführt, die später im Sodaofen mit verbrannt wird. Es liegt auf der Hand, daß man sich vor solchen kostspieligen Versuchen hüten muß, und kann dies nur durch eine genaue Laugencontrole. Gerade in diesem Punkte ist bis jetzt außerordentlich viel gesündigt worden, und mancher Centner Cellulose ist in Form von Oxalsäure verbrannt und durch den Schornstein gegangen. Außerdem leidet hierbei sehr noch die Güte der Faser; sie wird kurz und spröde, so daß ihr Werth für die Papierfabrikation bedeutend sinkt. Ich habe so Stoff gesehen, der schon mehr an geschliffenes Holz durch seine auffallende Kürze erinnert; er bricht dabei wie Glas. Wie sehr spricht hier überdies noch der Kostenpunkt mit; denn es ist doch nicht gleichgiltig, ob man aus derselben Menge Holz 600 bis 650k kurzfaseriges oder 750 bis 800k und noch mehr langfaseriges, normales Product erhält; in dem letzten Falle sind die allgemeinen Unkosten durch verminderten Sodaverbrauch u.s.w. sogar noch geringer als in ersterm. In diesem sind übrigens sehr günstige Bedingungen zur Bildung von Oxalsäure vorhanden; bei einer Temperatur von 180 bis 200° findet das überschüssige Natron eine von inkrustirenden Substanzen völlig befreite und blosgelegte Faser, die es um so leichter aufzulösen vermag.

Für eine gute Kochung genügen unter obigen Verhältnissen eine Dampfspannung von 10at, sowie eine Koch- und Druckzeit von zusammen 5 bis 6 Stunden. Es ist illusorisch, durch längere Druckzeit den Mangel an Natron ergänzen zu können, ebenso wie eine solche durchaus nichts schadet, wenn nicht zu viel Natron vorhanden ist; fehlt es an Natron, so kann im ersten Falle, trotz des langen Stehens, eben nicht sämmtliches Harz u.s.w. gelöst werden, und im zweiten Falle gibt es auch kein überschüssiges |357| Natron, welches die fertige Cellulose angreifen könnte. Eine gewisse Zeit ist natürlich erforderlich, und wird man sich durch Versuche leicht von dem richtigen Maß überzeugen können.

Es werden nun in verschiedenen Fabriken zum Kochen Laugen von verschiedenen Baumé-Graden genommen; dies könnte das oben Gesagte nun etwas in Zweifel ziehen lassen, und ist es daher gerathen, die Gründe hierfür etwas näher zu beleuchten. In verschiedenen Fabriken wird auch das Holz in verschiedenem Zustande verarbeitet; die eine hat trockenes Holz, was jahrelang geschlagen gestanden hat, eine zweite frisches aus dem Walde und eine dritte solches, welches im Wasser transportirt worden ist; das letztere ist ordentlich aufgequollen und hat in demselben Rauminhalt die geringste Menge trockenen Holzes und dabei einen Wassergehalt, der bis zu 60 Proc. ansteigen kann. In einem gleich großen Kessel ist nun nicht allein danach eine verschiedene Menge von trockenem Holze, sondern außerdem ist noch das freie Volum verschieden, welches für die einzupumpende Lauge übrig bleibt; ferner dürfte frisch geschlagenes Holz wohl etwas weniger Lauge zum Kochen nöthig haben als altes, und ebenso dürften durch die verschiedenen Holzarten Abweichungen entstehen. Man müßte demnach, um vergleichen zu können, stets sagen, wie viel Kilogramm Natron auf 100k trockenes Holz (in welcher Form und welcher Art) erforderlich sind. Daß so natürlich auch die Ausbeute an Cellulose aus gleich großen Kochern verschieden sein muß, leuchtet ein; nach meinen Erfahrungen beträgt dieselbe zwischen 600 und 900k im luftrockenen Zustande. Da nun die Unkosten pro Kocher im Allgemeinen nicht wesentlich verschieden sein dürften, würde es sich empfehlen, stets ein solches Holz zu verarbeiten, welches unter sonst gleichen Umständen die höchste Ausbeute liefert.

Ueber einen Punkt sind ferner die Ansichten immer noch getheilt, ob man nämlich noch eine Holzmühle anwenden soll, um das geschnittene und durch Walzen zerquetschte Holz weiter zu zerkleinern? Sicher ist diese Frage mit ja zu beantworten; denn nur so werden die Aeste und andern größern Stücke, zumal die Enden der schräg abgeschnittenen Hölzer, welche durch die Quetschwalzen passiren, ohne zerbrochen zu werden, so weit zermalmt, daß sie im weitern Verlauf der Kochung völlig durchdrungen und zerkocht werden. Im andern Falle behält man harte Stücke, welche, schwarz von Farbe, später einzelne Splitter loslassen, zumal wenn der Waschholländer ein Grundwerk hat. Diese passiren nun die Knotenfänger, kommen so in den fertigen Stoff, und da sie später dem Bleichen widerstehen, verunreinigen sie als dunkle Splitterchen das fertige Papier. Von den starken Stücken wird nur eine Hülle von |358| gewisser Dicke durchgekocht und innen bleibt ein dunkler Kern. Nimmt man nun erheblich stärkere Lauge, so kann man allerdings diesen Kern noch weiter auflösen, schädigt jedoch gleichzeitig auch das andere fertige Product durch zu starkes Angreifen; mithin ist Anwendung von stärkerer Lauge für diesen Zweck gänzlich zu verwerfen, da es nicht ganz zum Ziele führt und überdies auf den andern Stoff von erheblichem Nachtheil ist. Die genügende mechanische Zerkleinerung ist das einzige Hilfsmittel in diesem Falle.

Ebenso ist man zuweilen der Meinung, daß man aus raupenfräßigem Holz keine gute Cellulose machen könnte; als Hauptgrund wurde mir seinerzeit von einem sonst ganz tüchtigen Papierfabrikanten entgegengehalten, daß man es ja auch nicht zum Bauen nehmen könne. Die Raupen zerkleinern aber das Holz noch lange nicht genügend; denn vor wie nach muß man es im Holzschneider u.s.w. durcharbeiten lassen, und solche kleine Späne nimmt man doch wahrlich nicht als Bauholz. Wie manche Fabrik hat raupenfräßiges Holz verarbeitet und daraus ein sehr schönes Product hergestellt, was Nichts zu wünschen übrig ließ.

Für das Fertigmachen des Productes wird fast allgemein ein Trocknen über Dampfcylindern angewendet, um erstens die Transportkosten zu verringern und dann die Mißhelligkeiten über die Bestimmung des lufttrockenen Stoffes zu vermeiden, wie sie sich beim Versandt im feuchtem Zustande nöthig machen.

Bei diesem Trocknen, einem heißen Bügeln, verliert nun der Stoff in zweierlei Beziehung; die Faser leidet etwas und der dem Stoff anhängende Farbstoff wird etwas gedunkelt und mehr in denselben eingebrannt, so daß er sich schwerer durch Bleichen entfernen läßt; überdies löst sich feuchter Stoff im Bleichholländer schneller auf oder bedarf für die Gasbleiche keines weitern Anfeuchtens mehr. Aus diesen Gründen versenden einige Fabriken den Stoff im feuchten Zustande, und müßte man nun sehen, den Feuchtigkeitsgehalt möglichst zu verringern und, wenn es anginge, zu einem constanten zu machen, um den oben angeführten Uebelständen auszuweichen.

Ein Nebenproduct, das man neuerdings beim Kochproceß mit gewinnt, ist das Kienöl, was leicht gesondert aufgefangen werden kann; es kommt jedoch nicht immer in gleicher Menge im Holze vor, und sind die verschiedenen Sorten der Nadelhölzer nicht von gleichem Gehalt; Fichtenholz liefert die höchste, Kiefernholz die geringste Ausbeute, die bis zu 4k für den Kocher herabsinkt und bei ersterm bis über 15k steigen kann. Immerhin verlohnt es sich, auch die geringen Mengen aufzufangen, da die Unkosten so gut wie Null sind. Nicht jedes Kienöl ist sofort klar |359| und rein, besonders bei frischem Holz; es gibt da Verunreinigungen, die es trübe machen und ihm einen unangenehmen Geruch verleihen, der an Trimethylamin erinnert; dies sind höchst wahrscheinlich Zersetzungsproducte von Pflanzeneiweiß u.a. Man kann sie sehr leicht entfernen, wenn man das Oel mit ganz wenig Schwefelsäure schüttelt; nimmt man davon zu viel, oder läßt es zu lange darüber stehen, so wird es dunkler gefärbt, gelb bis roth, was man durch Schütteln mit weitern Mengen trüben Oeles zum Verschwinden bringen kann. Auf diese Weise wird das Oel ganz klar und von reinem, kräftigem Geruche erhalten. Ein Gleiches erzielt man durch gelindes Erwärmen; sofort verschwindet die an eine schwache Emulsion erinnernde Trübung und der Geruch verliert die unangenehme Beimengung. Wie in vielen Fällen, so könnte man auch hier die Sonne zum Bleichen benützen. Versuche im Kleinen zeigten, daß Kienöl in einer verschlossenen Flasche, dem directen Sonnenlicht ausgesetzt, alsbald farblos wird; vielleicht findet hier eine Ozonentwicklung statt.

Auch den fertigen Stoff vermag die Sonne zu bleichen, wenn man ihn, ganz wie Leinwand, befeuchtet auf den Rasen legt; er wird nach einiger Zeit ganz schön weiß. Doch sind dies beides Versuche, die wohl nie mehr als ein rein wissenschaftliches Interesse haben werden.

In der Cellulose-Fabrikation ist noch Vieles zu studiren und erheblich zu verbessern; denn sowohl die Fabrikation als auch das Product bedürfen noch wesentlicher Vervollkommnungen; jedenfalls hat dieser Stoff gegründete Aussicht, immer mehr ein Ersatz für Lumpen zu werden. Denn sobald sich die Papierconjuncturen und mit ihr die (zollfreie) Lumpenausfuhr wieder heben, werden die meisten Papierfabriken ohne dieses Surrogat kaum fertig werden; können sie sich doch so ohne Lumpensortirerinen, Lumpenschneider, Lumpenkocher, Halbzeugholländer etc. ihre Production wesentlich erhöhen. Bis jetzt sind es allerdings mitunter noch mangelhaftes Fabrikat, Unkenntniß der Verarbeitung und hieraus entspringende begründete und unbegründete Vorurtheile, sowie die augenblicklich sehr schwache Nachfrage nach Papier und die sehr gedrückten Lumpenpreise, welche die Verwendung der Cellulose noch arg beschränken.

Manche Fabrikanten sind geradezu der Ansicht, daß die Cellulose ein schlechtes Surrogat, ähnlich dem geschliffenen Holzstoff und nur zu „Schundpapieren“ geeignet sei; es fällt ihnen aber nicht ein, Versuche damit anzustellen, um sich vom Gegentheil überzeugen zu können. Andere Fabrikanten, die sie wohl verwenden, gefallen sich darin, die Cellulose zum allgemeinen Sündenbock für alle im Papier sich zeigenden Mängel zu machen, ohne weiter zu untersuchen, ob dies begründet ist; und so wird von Manchen gleich von vorn herein der Stab über sie |360| gebrochen. Es muß der Zeit überlassen werden, diese Abneigung nach und nach zu besiegen; besonders wird für den neuen Stoff höchst günstig wirken, wenn derselbe noch weit vervollkommneter von den Fabriken geliefert wird.

In manchen Fabriken ist das Bleichen noch ein Stein des Anstoßes. Ganz mit Recht wird der Stoff einstweilen fast nur im ungebleichten Zustande versendet; denn läßt man gebleichten Stoff längere Zeit liegen, so gelbt er nach, noch mehr, wenn er über die Papiermaschine und die Trockencylinder gehen muß. Was hilft es dem Papierfabrikanten, wenn er eine gebleichte Cellulose erhält, deren scheinbare Weiße nur durch Farbenzusätze aller Art, Anilinfarben, Ultramarin u.s.w. erzielt wird, die sich dann womöglich nicht mit seinen andern Stoffen im Holländer vertragen? Deswegen ist es einstweilen immer noch am besten, wenn sich jeder Papierfabrikant seine Cellulose selbst bleicht. Man hat nun, ebenso wie für die Lumpen, entweder Gas- oder Holländerbleiche; am besten dürfte vielleicht eine Combination beider sein, da Gasbleiche allein selten zum Ziele führt. Bleicht man nun im Holländer, so nehme man nicht mehr als 2k Schwefelsäure auf 100k trockenen Stoff, um die Reaction einzuleiten, resp. zu beschleunigen; denn ein Mehr ist höchst unnöthig, ja sogar schädlich, indem durch dieses die Faser angegriffen und ganz mürbe und brüchig wird. Hat man doch schon die 10fache Menge und noch mehr genommen und sich so allerdings den Stoff wesentlich verdorben, etwas was man dann oft auf die Wirkung des Chlorkalkes schiebt, doch ganz ungerechtfertigt.

Es genügt, mit der wenigen Säure etwas Chlor freizumachen, und da dieses durch die färbende organische Substanz in Salzsäure übergeführt wird, welche weitere Mengen von Chlor frei macht, so setzt sich der Proceß dann von selbst fort. Die abgehende Bleichflüssigkeit hält immer noch einen ziemlichen Theil des Chlors zurück, und ist es daher ganz vortheilhaft, dieselbe zu sammeln und nochmals wieder mit zu verwenden. Man benützt zum Abfiltriren am besten die Cementfiltrirsteine, die sich zu diesem Zwecke für Lumpen und Cellulose ganz vortrefflich bewähren; man braucht die Stoffkästen nur mit solchen Steinen einfach zu belegen, ohne sie weiter mit Cement zu verbinden. Diese Steine werden jetzt so schön und scharfkantig geliefert, daß man sie blos stumpf an einander zu legen braucht.

Der gebleichten Cellulose hängt nun stets noch ein schwach gelblicher Ton an, den man am besten erkennt, wenn man andere gebleichte Stoffe daneben hält. Es gibt nun eine einfache Behandlung, die meines Wissens erst in einer Fabrik im Großen ausgeführt worden ist, welche |361| einen Stoff liefert, der an Weiße mindestens mit den besten leinenen Lumpen concurriren kann, wenn er auch noch nicht die Baumwolle erreicht; es ist dies eine Behandlung mit wenig Salzsäure, welche die Cellulose von ihrem Eisengehalt befreit. Auch in den sonstigen Eigenschaften dürfte die Cellulosefaser etwa zwischen Leinen und Baumwolle stehen, während sie sich durch die größere Fähigkeit, durchscheinend zu sein, dem Hanf nähert; deshalb auch die starke Verwendung zu den sog. Hanfcouvertpapieren. Unterwirft man nun den Stoff noch der oben angedeuteten Behandlung, so wird er fähig, daß man ihn zu den feinsten Papieren, selbst 25 Proc. zu Post I, nehmen kann, so daß er sich natürlich in diesen am besten calculirt, da er für gewöhnliche Papiere denn doch etwas theuer erscheint.

Für eine gute Verfilzung ist es übrigens nöthig, daß die Faser ein wenig angegriffen wird, d.h. soweit, daß der etwas starre, hohle Schlauch, als welchen sich dieselbe eigentlich darstellt, zerreißt; schon am Griff kann man beurtheilen, wenn die Faser zu Brei aufgelöst ist, ob die Cellulose die gewünschte Beschaffenheit zeigt oder nicht, ein für die Verarbeitung derselben zu Papier ziemlich wichtiges Moment.

Im Uebrigen dürfte wohl die Cellulose zu besserem namentlich Patent-Concept, Schreib-, Druck- auch Cartonpapieren vielfach Verwendung finden und sich nach und nach immer mehr einbürgern, besonders wenn die Vorurtheile besiegt und ihre Eigenschaften noch verbessert werden.

Es gibt auch noch Gegner, welche die Cellulose-Industrie vom volkswirthschaftlichen Standpunkte aus bekämpfen, da sie „die Wälder zu vernichten drohe“; dies ist nun ein durchaus nicht stichhaltiger Grund; denn erstens ist für geschliffenen Holzstoff der Verbrauch ein weit höherer, und verlangt die Cellulose noch weit weniger gerade immer Holz erster Classe, sondern begnügt sich auch mitunter mit Abfällen, da sie stets nur das billigste Holz verarbeitet; auch ist sicher das Quantum Holz noch weit erheblicher, welches selbst noch heute zum Stubenbrand verbraucht wird. Derartige Anfechtungen haben wohl meist einen andern Grund, geschehen um andere Surrogate, wie Stroh etc. zu empfehlen. Gerade für Stroh dürfte die Production immer nur eine sehr beschränkte sein und bleiben, so große Vorzüge auch gebleichter Strohstoff immerhin hat; denn in den meisten Gegenden haben die Strohpreise schon eine Höhe erreicht, bei denen die Herstellung von Strohstoff nicht mehr rentabel ist.

Während auf einer Seite zuviel gegen, so wird von anderer Seite auch zuviel für die Cellulose geschrieben, und auch dies dürfte derselben nicht von Nutzen sein; hierzu rechne ich besonders die jüngst |362| von Rosenhain (1876 220 85) aufgestellte Calculation, welche ein Resultat verspricht, welches bisher noch nicht erreicht ist, und auch schwerlich erreicht werden dürfte; denn bis jetzt existirt wohl noch keine Fabrik, die wirklich erheblich verdient hat. Warum haben sich die meisten derselben mit Liquidationsgedanken getragen, und dieselben nur durch Hoffnung auf bessere Zeiten wieder aufgegeben? Doch sicher nicht, weil sie zu viel verdienten.

Wenn man auch wirklich die dort angegebenen Zahlen für Holz, Kohlen etc., und die augenblicklich sehr niedrigen Preise der Rohmaterialien ansetzt, Zinsen, Amortisation und allgemeine Unkosten, Lohn u.s.w. richtig annimmt, wird besonders jeder Fabrikant leicht beurtheilen können, daß jene Calculation, die 25 Proc. Reingewinn verspricht, ganz falsch ist. Aus eigener Erfahrung wissen ja wohl Alle, daß selbst bei einem Verkaufspreis von 48 bis 50 M. für 100k bis jetzt eine richtige Calculation sich so stellt, daß man kaum Zinsen und Amortisation verdient. Dabei ist ferner noch zu berücksichtigen, daß von Rosenhain der Verbrauch an Soda, Kalk und Kohlen sehr niedrig angenommen worden ist, Zahlen, die bis jetzt wohl noch nirgends erreicht sein dürften. Man sehe blos die wirklichen Betriebszahlen an, welche Dr. Faudel (1876 219 435) aus zwei Fabriken angegeben hat; diese sind sämmtlich bedeutend höher. Wenn die gemachten Angaben richtig wären, warum schießen alsdann nicht die Cellulosefabriken wie Pilze aus der Erde? Es ist gut, daß die Zeiten vorbei sind, wo solche Calculationen vollen Glauben finden, denn sonst müßte gerade Schlesien wegen dem sehr billigen Holze und den billigen Kohlen ein ergiebiges Feld für diese Fabrikation sein. Könnte man es den Papierfabrikanten verargen, wenn sie auf Grund dieser Calculation die Preise für Cellulose noch weiter zu drücken versuchten? Doch auch sie sind selbst eben so gut davon überzeugt, daß es mit den „25 Proc. Reingewinn“ durchaus nicht stimmt.

Was nun nicht ist, kann immerhin noch werden; denn es soll gar nicht geleugnet werden, daß sich in der Fabrikation noch wesentliche Verbesserungen einführen lassen, wohl auch schon Vieles bis jetzt in dieser Beziehung erreicht worden ist. Doch ist es den Technikern immerhin noch vorbehalten, das ganze Unternehmen erst noch zu einem wirklich gewinnbringenden zu machen, und dieses Ziel dürfte ganz sicher über kurz oder lang zu erreichen sein. Auch hier werden nach dieser Richtung verschiedene Versuche angestellt werden, über deren Erfolg ebenfalls berichtet werden soll, sobald sich einmal definitive Zahlen und Resultate ergeben haben.

In mancher Weise mag das Verfahren von Ungerer Vortheile |363| bieten und geeignet sein, bessere Resultate zu erzielen, sowie mehr Licht über die ganze Fabrikation zu verschaffen, wenngleich mir manche Dinge, welche Ungerer (1876 219 367) verspricht, unerreichbar erscheinen. Es wäre höchst interessant, einmal Analysen veröffentlicht zu sehen, welche die Lauge auf ihrem ganzen Wege durch sämmtliche Kessel begleiten würden; dies würde über Manches Aufschluß geben.

Es wäre zu wünschen, daß auch andere Fabrikanten die geheimnißvolle, undurchdringliche Schranke fallen ließen, welche sie um ihre Anlage ziehen; denn gerade ein allgemeiner, gegenseitiger Austausch kann dem Ganzen nur förderlich sein, und ebenso jedem Einzelnen selbst. Ich glaube sicher, daß es in nicht zu langer Zeit gelingen wird, manche Fortschritte zu machen, und die deutschen Techniker können dann darauf stolz sein, wenn sie diesen Fabrikationszweig, welchen uns die Engländer als Frühgeburt gebracht haben, aufgezogen und so weit gebracht haben, daß er wirklich auf seinen eigenen Füßen stehen und sich weiter entwickeln kann.

Zum Schluß fühle ich mich verpflichtet, Hrn. K. Marggraff in Wolfswinkel, unter dessen Leitung ich in die Cellulosefabrikation eingeführt wurde, meine dankbare Anerkennung hier auszudrücken; ganz besonders werthvoll war es für mich, daß ich daselbst die Verarbeitung der Cellulose zu den mannigfaltigsten Papieren mitstudiren konnte. Ebenso muß ich des Verdienstes des Hrn. R. Grüneberg in Alt-Damm gedenken, welcher die Shank'schen Auslaugekästen hier zuerst eingeführt, den Sodaofen und die Auswaschung des Kalkschlammes so verbessert hat, daß der Sodaverbrauch (wie oben gesagt) auf 15 bis 16 Th. für 100 Th. fertigen Stoff herabgesunken ist.

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