Titel: Gautier, über die betrügerische Färbung der Weine.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1876, Band 222 (S. 372–380)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj222/ar222101

Ueber die betrügerische Färbung der Weine.

Das künstliche Färben der Weine, welches früher nur in größern Städten mit hohem Consumzoll (Octroi), z.B. in Paris (1841 82 320), ausgeübt wurde, verbreitet sich seit einigen Jahren auch in den Productionsdistricten in solchem Umfange, daß selbst die dazu verwendeten Farbstoffe bedeutend im Preise steigen.1) Diese Fälschung verdient um |373| so mehr die allgemeine Aufmerksamkeit, als dazu selbst giftige Farbstoffe, wie der Saft von Phytolacca decandra, arsenhaltiges Fuchsin u.s.w., verwendet werden. A. Gautier (Bulletin de la société chimique de Paris, 1876 t. 25 p. 435) hat es nun in einer sehr ausführlichen Arbeit unternommen, ein Verfahren zur Entdeckung dieser Verfälschungen anzugeben; wir entnehmen dieser Abhandlung, unter Berücksichtigung der in diesem Journal bereits früher veröffentlichten Untersuchungen, Folgendes.

Die am häufigsten zur künstlichen Färbung des Weines verwendeten Farbstoffe sind folgende:

1. Althaea rosea, deren schwarze Blüthen namentlich von Deutschland aus nach Frankreich eingeführt werden; sie geben an Wasser einen schön weinrothen Farbstoff ab.

2. Die Beeren von Sambucus nigra (vgl. 1831 41 141), deren braunrother Saft bei der Gährung weinroth wird. Mit Weinsäure oder Alaun versetzt, wird er in Frankreich, Portugal und Spanien verwendet.

3. Die Beeren von Sambucus ebulus; der Saft dieser beiden Fliederarten wirkt abführend.

4. Die Beeren von Ligustrum vulgare färben den Wein carmoisinroth, wenn sie demselben frisch zugesetzt werden, tief weinroth, wenn dies erst nach erfolgter Gährung geschieht.

5. Die in Frankreich wenig verwendeten Beeren von Phytolacca decandra, einer schönen nordamerikanischen Pflanze, jetzt in Frankreich, Italien, Portugal, namentlich aber in Elsaß und Württemberg cultivirt, enthalten einen schön violettrothen Saft, der stark abführend wirkt.

6. Die Beeren von Vaccinium myrtillus; Heidelbeersaft ist frisch violettblau, oder nach der Gährung schön violettroth; er wird oft in Paris, namentlich aber in der Schweiz, fast gar nicht in den großen Weindistricten, verwendet und nur zum Färben von Weißweinen.

7. Der Saft der rothen Rüben ist frisch sehr schön violett, entfärbt sich rasch, namentlich durch Gährung; er wird fast nur zur Verdeckung des Fuchsins oder der Cochenille benützt.

8. Die Abkochung des Campecheholzes, welche mit kalkhaltigem Wasser schön violettroth gefärbt ist, wird in Paris zur Herstellung aller Arten Weine angewendet; jungen Weinen ertheilt sie das Ansehen von alten.

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9. Die alkoholische Abkochung des Fernambukholzes ist gelbroth, bei Gegenwart von kohlensauren Alkalien violett. In den großen Weinproductionsgegenden werden die Abkochungen dieser Farbhölzer nicht verwendet.

10. Die Cochenille kommt in großen Mengen in Anwendung. Sie wird theils in Form kleiner Kuchen in den Handel gesetzt, welche durch Befeuchten gepulverter Cochenille mit Ammoniakflüssigkeit und Pressen hergestellt werden, theils in Form von concentrirten Lösungen. Man benützt sie namentlich im südlichen Frankreich zur Färbung derjenigen Weine, welche zur Verfälschung der Burgunder- und Bordeauxweine dienen.

11. Fuchsin, Rosanilin, Anilinroth und Anilinviolett sind oft arsenhaltig; sie werden in großen Mengen verwendet, allein oder mit gelben oder rothen Farbstoffen gemischt.

12. Indigocarmin wird namentlich im südlichen Frankreich zum Färben der Weine gebraucht.

Außerdem sind wohl auch die Blüthen des Klatschmohnes (1843 90 191) 1844 91 393. 1875 217 416) verwendet.

Am meisten werden zur Verfälschung der Weine angewendet das Fuchsin, dann Cochenille, Malve, Hollunder und Indigo, seltener die übrigen Farbstoffe. Cochenille, Fuchsin und Indigo scheiden sich meist beim Stehen wieder ab und reißen dabei einen Theil des natürlichen Weinfarbstoffes mit nieder.

Gautier bespricht dann das Verhalten des Weinfarbstoffes gegen Soda, Natriumbicarbonat, Borax, Ammoniak, Schwefelammonium, Baritwasser, Bleizucker, schweflige Säure, Wasserstoff im statu nascendi und Bariumsuperoxyd, welches je nach dem Alter und der Herkunft des Weines etwas verschieden ist. –

Der Farbstoff des Weines ist früher schon untersucht von Payen (1845 96 320), Glenard (1858 150 235) und Duclaux (1874 213 261). Man hat versucht, den echten Weinfarbstoff von dem gefälschten mittels des Mikroskopes zu unterscheiden. Sorby (1870 198 244) hat denselben mit dem Spectralapparate untersucht, Vogel (* 1876 219 73) mit specieller Rücksicht auf die gewöhnlichen, zur Verfälschung verwendeten Farbstoffe. –

Verfasser faßt mit Balard, Wurtz und Pasteur die künstliche Färbung nur dann als eine betrügerische auf, wenn der zugesetzte Farbstoff mindestens 1/8 des natürlichen beträgt. (Vgl. Stierlin 1874 214 421.)

Die bisher vorgeschlagenen Methoden, den fremden Farbstoff von dem natürlichen Weinfarbstoff zu trennen, haben kein befriedigendes |375| Resultat ergeben. So beobachtete Faure in Bordeaux, daß ein gerbstoffreicher oder mit Gerbstoff versetzter Wein beim Schütteln mit Leim fast völlig entfärbt wird, während der Farbstoff des Flieders, Klatschmohnes, Campeche- und Fernambukholzes, der Maulbeere und Kermesbeere in das Filtrat übergeht. Gautier konnte auf diese Weise keine vollständige Entfärbung des natürlichen Rothweines erzielen, beobachtete jedoch, daß namentlich der natürliche, die fremden Farbstoffe aber nur sehr wenig ausgefällt werden. Dieses Verhalten verwerthete er in der Weise, daß er die zu prüfenden Weine hierdurch von dem natürlichen Farbstoffe möglichst befreite, um so die Einwirkung der Reagentien auf die in Lösung gebliebenen fremden Farben um so deutlicher hervortreten zu lassen. –

Nach Cottini und Fantogini (1871 199 432) wird der echte Weinfarbstoff durch heiße Salpetersäure nicht zersetzt, wohl aber die fremden Farbstoffe. –

Schrader hatte empfohlen, mittels eines Fadens den in einer enghalsigen Flasche enthaltenen Wein auf den Boden eines mit Wasser gefüllten Gefäßes langsam ausfließen zu lassen; der fremde Farbstoff soll sich rascher im Wasser verbreiten als der natürliche. Diese Reaction fand Gautier ebenso wenig bestätigt als die Angabe von A. Facon, daß reiner Rothwein durch Schütteln mit dem gleichen Gewicht pulverisirten Braunsteins2) entfärbt wird, gefälschter dagegen nicht.

Besser ist der Vorschlag (vgl. 1874 214 422), in den Wein mit essigsaurer Thonerde oder Zinnchlorür gebeitzte Wolle oder Seide zu bringen; Campeche, Fernambuk, Cochenille, Fuchsin, Indigo schlagen sich auf der thierischen Faser nieder. – Blume (1863 170 240) wollte in ähnlicher Weise Brodkrumme anwenden, Böttger (1864 172 157) Schwamm; Philipps (1866 180 492) fand, daß diese Stoffe nur durch ihren geringen Eisengehalt mit gefärbten Rothweinen bestimmte Farben geben können. –

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Tabelle I.

Textabbildung Bd. 222, S. 376–377
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Textabbildung Bd. 222, S. 378–379
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Die vorstehende Tabelle I gibt die Reactionen der natürlichen und verfälschten Weine an. Letztere wurden dadurch hergestellt, daß eine mit 10 Proc. Weingeist vermischte wässerige Farbstofflösung von gleicher Intensität wie natürlicher Wein mit 4 Th. Wein, dann mit 1/10 des Volums Eiweißlösung vermischt, einige Minuten geschüttelt und dann filtrirt wurde.

(Schluß folgt.).

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P. Massot, Präsident des Generalrathes der Ostpyrenäen, hat an den Justizminister ein Schreiben gerichtet, in welchem er ganz energisch gegen die kolossale Weinfälschung, welche jetzt in Frankreich geübt wird, zu Felde zieht und um ein Gesetz bittet, das diesen „Schandthaten“ ein Ende macht, welche die Gesundheit gefährden, den moralischen Sinn erschüttern und die ergiebigste Quelle des französischen Nationalwohlstandes in Gefahr bringen. Hiernach wird arsenhaltiges Fuchsin heute centnerweise gebraucht, andere Anilinfarbstoffe sind auf landwirthschaftlichen Ausstellungen sogar prämiirt und werden in Folge dessen öffentlich angepriesen. Um diesen Unfug zu steuern, hat jetzt das Syndicat der Weinhändler von Beziers folgendes nachahmenswerthe Rundschreiben erlassen:

„In Erwägung, daß die künstliche Färbung der Weine schon ernsten Schaden verursacht hat, daß sie den guten Ruf und die Zukunft der französischen Weinberge vernichten muß, und daß es unumgänglich nothwendig ist, sie zu verhindern und, von welcher Seite her sie auch kommen mag, zu verfolgen; – in Erwägung, daß im Augenblick der Weinlese es unumgänglich nothwendig ist, diesen Thatsachen die größtmögliche Publicität zu geben, und die Weinbergbesitzer, welche sich von den Verkäufern von Farbestoffen zu dem ernsten Betrug, den sie begehen, verleiten lassen, von den Gefahren in Kenntniß zu setzen, welche sie sich durch die Fälschung ihrer Weine aussetzen, – hat das Syndicat folgenden Beschluß gefaßt: Der Syndicatausschuß ist speciell beauftragt, von seinen Mitgliedern die Weinproben, welche eine erste Analyse der künstlichen Färbung als verdächtig erscheinen lassen, entgegenzunehmen, um sie einer neuen Prüfung zu unterwerfen. Der Ausschuß wird auf Kosten des Syndicats und im Namen der Mitglieder seinen Statuten gemäß vor allen Gerichtsbarkeiten die verfolgen, welche die verfälschten Weine verkaufen. Er ist beauftragt, den Resultaten der Verfolgungen alle mögliche Publicität zu geben. Endlich hat er die specielle Aufgabe, alle Maßregeln zu ergreifen, welche er für nothwendig hält, um die Ehre und die Interessen des Weinhandels unter diesen ernsten Verhältnissen sicherzustellen.“

Darauf hat der Siegelbewahrer und Justizminister Dufaure an die Generalprocuratoren bei den Appellhöfen ein Rundschreiben gerichtet, in welchem er ihnen anempfiehlt, die Fälschung von Weinen und von Lebensmitteln überhaupt streng zu verfolgen. „Die künstliche Färbung der Weine – heißt es darin – geschieht auf zwei Arten: durch die Mischung verschiedener Weine und durch die Anwendung von Farbstoffen, die keine der colorirenden Eigenschaften gewisser Weintrauben besitzen. Das Mischverfahren ist an und für sich nicht als eine Fälschung zu betrachten und darf daher nicht gerichtlich verfolgt werden, es sei denn, daß der Käufer von dieser Behandlung des Weines keine Ahnung hatte. In einem solchen Falle wäre je nach den Umständen gegen den Verkäufer nicht auf Grund von Fälschung, sondern von Betrug in der Qualität oder Quantität der verkauften Sache vorzugehen. Dagegen ist es eine Fälschung, welche den Betrug nicht ausschließt, wenn die Weine mit Stoffen, welche nicht von der Weintraube kommen, gefärbt werden. Einzelne dieser Stoffe können unschädlich sein, während andere wieder höchst gefährlich sind.... Sie haben daher Verfolgungen gegen alle diejenigen anzuordnen, welche den Wein auf diese Art fälschen, so gefälschten Wein in ihren Magazinen aufbewahren oder zum Verkauf feilbieten und verkaufen.... Die künstliche Fälschung des Weines wird in zahlreichen Zeitungsartikeln und Flugschriften gelehrt und in weit verbreiteten Prospecten und Annoncen angepriesen. Diejenigen, welche in einem bestimmten Falle durch ihre Anleitungen zu einer derartigen Fälschung Anlaß gegeben haben, müssen als Complicen bestraft werden; endlich gestattet das Gesetz auch die Bestrafung solcher, |373| deren Anleitungen wirkungslos geblieben sind. Die Staatsanwälte haben ganz besonders eine nachdrückliche Ahndung zu beantragen, wenn zu der künstlichen Färbung erwiesenermaßen schädliche Stoffe verwendet worden sind. Die Handelskammern, landwirthschaftlichen Comités, Sindicatsvereine, sowie die berufensten Organe der öffentlichen Meinung haben dieses sträfliche Verfahren, welches die Gesundheit des Publicums und die Sicherheit des Handelsverkehrs aufs Spiel setzt, laut gerügt; ich hoffe, daß es Ihrer Wachsamkeit gelingen wird, das Vergehen überall, wo es vorkommt, ausfindig zu machen und die Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen.“

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Lamattina (Comptes rendus, 1876 t. 83 p. 564) gibt an, daß durch 12 bis 15 Minuten langes Behandeln von 100g Wein mit 15g gröblich gepulvertem, eisenfreiem Braunstein und Filtriren durch ein doppeltes Filter der natürliche Farbstoff niedergeschlagen wird, die fremden dagegen in das Filtrat übergehen. Enthält der Braunstein Eisen, so nimmt das Filtrat eine schwach gelbe Farbe an, und das Fuchsin wird mit ausgefällt. Um in diesem Falle das Fuchsin nachzuweisen, behandelt man den Rückstand mit Alkohol, welcher das Fuchsin zu einer schwach violettblauen Flüssigkeit auflöst. Setzt man hierzu concentrirte Essigsäure, darauf einige Tropfen Ammoniak, so erscheint die Fuchsinfarbe nach einigen Augenblicken wieder.

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