Titel: Das Baumwollbleichen in der Industrieschule zu Flers; von V. Tantin.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1876, Band 222/Miszelle 16 (S. 503–504)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj222/mi222mi05_16

Das Baumwollbleichen in der Industrieschule zu Flers; von V. Tantin.

Für eine Partie von 100k Baumwollgarn wird 1k Kalk abgelöscht und in 400l Wasser mit 1k 72grädigem Sodasalz eingetragen. Man läßt dann mindestens 12 Stunden absitzen, gießt die klare Flüssigkeit über die Baumwolle im Bauchkessel, welcher 12 bis 14 Stunden im Kochen erhalten wird, wässert im Kessel ab, bis durch den Hahn am Boden desselben ganz ungefärbtes Wasser abfließt, wäscht sorgfältig und windet von Hand oder mit der Maschine aus, um das Chloren vorzunehmen.

Die Chlorflüssigkeit wird in einem Behälter aus Stein oder Cement angesetzt, in welchem 1k englische Schwefelsäure und 200l Wasser sich befinden. In diese Flüssigkeit wird langsam und in kleinen Portionen die klare Lösung von 5k 150grädigem Chlorkalk in 150l Wasser eingetragen. Nach 3 Stunden hat sich der schwefelsaure Kalk vollkommen abgesetzt; ein wenig über dem Niederschlag befindet sich der Hahn, aus welchem man die klare Bleichflüssigkeit in ein kleineres Bassin und von hier ab in die eigentliche Chlorstande mit dem Baumwollgarn ausströmen läßt, bis alle 350l in dieselbe übergegangen sind. Dann öffnet man einen Hahn am Boden der Chlorstande, um die angesäuerte Chlorkalklösung in das Bassin zurück und von da wieder in die Chlorstande über die Baumwolle ausfließen zu lassen. Indem man diese Circulation 2 Stunden andauern läßt, werden die Garne mit dem Bleichwasser getränkt, und gleichzeitig ist der Kohlensäure der Luft Gelegenheit gegeben, einen Theil der unterchlorigen Säure des Chlorkalkes frei zu machen. Dann wird der Hahn geschlossen und die Baumwolle 15 Stunden lang in dem Chlorbad liegen gelassen.

Für das darauffolgende Säurebad wird nicht Schwefelsäure, sondern Salzsäure verwendet, nach dem Verfasser hauptsächlich aus dem Grunde, um die Bildung von schwerlöslichem schwefelsaurem Kalk auf der Baumwolle zu vermeiden, welcher später dem Garn ein rauhes Anfühlen ertheilen und wohl auch in Folge von anhaftender freier Säure das Ultramarin der Schlichte zerstören könnte. Durch energisches Waschen ließe sich zwar diesem Uebelstande abhelfen, aber es scheint eben in Flers nicht genügend fließendes Wasser disponibel zu sein. Im Ganzen werden auf 100k Garn 2l Salzsäure verwendet, welche in vier gleiche Portionen vertheilt werden. Die erste wird in 100l des gebrauchten Chlorbades in das kleine Bassin gegeben und diese Mischung |504| auf die Baumwolle in der eigentlichen Säurestande gegossen; ebenso wird der Reihe nach mit den drei andern Theilen der Salzsäure verfahren. Ist auf diese Weise das ganze Quantum der letztern in die Säurekufe gebracht, so läßt man das Gemenge von Säure und Chlorflüssigkeit wieder 2 Stunden circuliren, wie oben die Chlorflüssigkeit, indem man das fortwährend sich füllende Bassin mittels einer Pumpe in die Säurekufe entleert. Begreiflicher Weise muß bei dieser Art zu bleichen eine äußerst penetrante Chloratmosphäre das ganze Local erfüllen, weshalb Tantin empfiehlt, die Pumpe so einzurichten, daß sie von einem über der Bleiche befindlichen Local aus gehandhabt werden kann. Es wäre hier sicher die Anwendung der so bequemen Rotationspumpe mehr anzurathen und gleichzeitig die Frage aufzuwerfen, ob der ganze Proceß für die Garnbleiche nicht auch in der Weise sich abändern ließe, daß man mit einem verhältnißmäßig geringen Mehraufwand von Chlorkalk das Garn zwischen Chlorbad und Säurebad leicht waschen würde, wie es in den Bleichereien der Baumwollgewebe aus Rücksicht für die Gesundheit der Arbeiter längst eingeführt ist.

Nach 24stündigem Liegen in der Säure wird die Baumwolle heraus genommen und mit größter Sorgfalt gewaschen, von Hand oder mit der Waschmaschine. Immerhin kann der Baumwollfaden noch eine Spur Säure und Chlor zurückhalten, welche mit Antichlor entfernt werden müssen. Nachdem hierfür das unterschwefligsaure Natron vorgeschlagen worden, hat sich gezeigt, daß dasselbe zwar jede Spur von Chlor wegnimmt, daß es aber leicht zur Bildung von Säuren Veranlassung gibt, welche der Cellulose gefährlich sind. Kolb hat deshalb als Antichlor das Ammoniak vorgeschlagen, welches Säure und Chlor zugleich unschädlich macht. Das Garn wird zu Büscheln zusammengefaßt und in ganz schwaches Ammoniakwasser (auf 1000 Th. Wasser 1 Th. flüssiges Ammoniak vom spec. Gew. 0,923 oder ungefähr 500g desselben auf 100k Baumwolle) eingetaucht, wiederholt gewaschen und für die weitere Bearbeitung sorgfältig ausgewunden. (Nach dem Moniteur industriel belge, 1876 S. 378.)

Kl.

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