Titel: Die Beschwerung der Seide.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1877, Band 225/Miszelle 24 (S. 215–Tab. D.)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj225/mi225mi02_24

Die Beschwerung der Seide.

Die mißbräuchliche Beschwerung der schwarzgefärbten Seide, welche bis zu 50,100 und mehr Procent des Gewichtes der Gewebe oder der Garne getrieben wird, ist in den verschiedenen Fachzeitschriften, so auch in diesem Journal (1874 211 312), zu wiederholten Malen als unheilvoll für die Seidenindustrie gekennzeichnet worden. Daß solche Charakterlosigkeiten der Fabrikation das kaufende Publicum mit unendlichem Mißtrauen und schließlich unbesiegbarem Widerwillen erfüllen müssen, braucht so wenig bewiesen zu werden als ein mathematischer Grundsatz. Der Erfolg hat es einmal gezeigt. Die Seidenindustrie ist seit einer Reihe von Jahren leidend, noch ehe man die Schuld auf die Seidenraupenkrankheit schieben konnte, und noch ehe ein berühmtes Welthaus, dessen Name nach einigen Börsenberichten mit dem Anfangsbuchstaben „R“ beginnen soll, den Seidenartikel seiner Aufmerksamkeit würdigte, um in ihm für ein Jahr ein brillantes Geschäft zu machen, ähnlich wie dies vor einigen |216| Jahren mit dem Kaffee und im vergangenen Jahre mit dem Petroleum von anderer Seite in Scene gesetzt worden ist. Dies hatte freilich noch gefehlt, und man kann nunmehr keine Zeitung irgend welcher Gattung in die Hand nehmen, die uns nicht durch die traurigsten Berichte über den dermaligen Stand der gesammten Seidefabrikation betrüben würde. Man sollte nun denken, daß nach menschlichen Berechnungen der thatsächliche Ernst der Situation eine heilsame Reaction innerhalb der Fabrikation hervorrufen würde, um wenigstens, so viel in ihrer Macht liegt, die allgemeine Nothlage zu beschwören. Statt dessen berichtet die Chemical Review von einer verbesserten und vermehrten Seidebeschwerungskunst. Aber wohlweislich gibt sie nicht etwa eine ausführliche Anleitung zu dem neuen Verfahren, sondern sie denuncirt es einfach der Polizei, während Referent sich veranlaßt sieht, den Textile Manufacturer der Inconsequenz anzuklagen, weil dieses Journal in seiner Nummer vom 15. März 1877 S. 86 in einem Athem sowohl die Warnung der Chemical Review, als auch einen förmlichen Katechismus der höchsten und allerhöchsten Beschwerungskunst der Seide mittheilt.

Nach der Chemical Review hat sich bisher die Beschwerung nur auf dunkel, hauptsächlich schwarz gefärbte Seide beschränkt; nun aber werden auch weiße und lichtfärbige Seidenwaaren beschwert, und zwar mit schwefelsaurem oder kohlensaurem Blei. Sie erwähnt die Beschwerung mit Zucker, Eiweiß und Gummi nicht, weil sie offenbar der Ansicht ist, daß dieselbe gegenüber der Beschwerung mit Blei nur ein harmloser, leichtwiegender Appret ist. Denn daß man hier dem Publicum eine Quelle fortgesetzter, langsamer, schließlich aber acuter Vergiftung, namentlich den Personen, welche täglich mit solcher Waare beschäftigt sind, in die Hand gibt, ist nicht blos leicht einzusehen, sondern es liegen auch wirkliche Bleivergiftungsfälle vor, deren Ursachen auf derartig beschwerte Seidenstoffe zurückzuführen sind. Die größte Gefahr existirt offenbar für die Personen, welche derartige Stoffe verarbeiten; sei es, daß sie mit Seidenfaden nähen, den sie oft die löbliche Gewohnheit haben, mit den Zähnen abzubeißen, oder für das Einfädeln mit dem Mund zu netzen, sei es, daß sie das seidene, bleihaltige Kleid den ganzen Tag zwischen den Fingern halten, hin und her schieben und den giftigen Staub einathmen. Natürlich wird der behandelnde Arzt, auch wenn er die Bleivergiftung constatirt hat, in den seltensten Fällen auf diese Ursache verfallen, sondern dieselbe eher im Wasser, Wein, Essig, in schlecht verzinnten Kochgeschirren oder in den Zinnverpackungen von importirtem Fleisch, Butter, Früchten u.s.w. suchen, welche letztere Zinnfolien freilich in neuerer Zeit bleihaltig genug sind. Chemical Review versichert wiederholt, daß ihre Befürchtungen auf solchen thatsächlich vorgekommenen Vergiftungsfällen beruhen, und ist der Ansicht, daß wenn man die Wirthe, die Zuckerbäcker und die Specereihändler für die Reinheit und Ungefährlichkeit der von ihnen ausgebotenen Waaren verantwortlich mache, dasselbe Recht und dieselbe Pflicht auch für die Tuch- und Modewaarenhandlungen bestehen müsse. Referent kann dieser Anschauung nur beipflichten; er ist überdies schon längst zu der Ansicht gelangt, daß es nachgerade zeitgemäß wäre, wenn die größern Verkaufslocale, ob sie nun mit Wolle, Baumwolle, Seide oder mit allem zusammen handeln, sich ein kleines Hauslaboratorium einrichten würden, bestehend in einem Mikroskop, einer Loupe, einem Fadenzähler, einigen kleinen Kochgeschirren mit Gasheizung, einem Marsh'schen Apparat, ferner einigen Gläsern mit Malz, Seife, Zink, Ferrocyankalium, Chlorkalk, Weingeist, Schwefelsäure, Salzsäure, Salpetersäure, Essigsäure, Natronlauge, Salmiakgeist, einer Spritzflasche und etlichen Reagens- und Uhrgläschen. Fügt man dann noch ein Gläschen mit Schwefelwasserstoffwasser hinzu, so hat man damit das sicherste und rascheste Mittel, um weiße oder lichtgefärbte Seide auf Bleibeschwerung zu prüfen.

Kl.

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