Titel: Wassereinbruch in eine Kohlengrube und Rettung der eingeschlossenen Arbeiter.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1877, Band 225/Miszelle 1 (S. 607–608)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj225/mi225mi06_1

Wassereinbruch in eine Kohlengrube und Rettung der eingeschlossenen Arbeiter.

Am 11. April d. J. brach in die Tynewydd Kohlengrube (Süd-Wales, England) Wasser ein und ersäufte die etwa 100m unter der Oberfläche liegenden tiefsten Stollen mit einer Wasserschichte von beiläufig 10m. Die dort beschäftigten Arbeiter, 5 an der Zahl, fanden keine Zeit mehr, sich nach einem höheren Stollen zu flüchten und wurden an ihrem Arbeitsort, der in einer Länge von 40m mit 1/8 Steigung nach aufwärts führte, eingeschlossen. Hier jedoch bildete sich ein Luftsack, der das Vordringen des Wassers hinderte und den Unglücklichen vorläufigen Schutz gewährte. Inzwischen hatten sofort nach Einbruch des Wassers die Rettungsarbeiten begonnen und war es gelungen, vier Arbeiter, die an einem höheren Punkte eingeschlossen waren, nach Durchbruch einer 4m starken Kohlenschichte zu befreien. Dies geschah am 12. April, und erst hier hörte man durch dumpfes Klopfen, daß in einem tieferen Orte noch Bergleute eingeschlossen waren, an deren Rettung vor Auspumpen des Wassers nicht gedacht werden konnte. Es wurde deshalb die Wasserförderung mit verdoppeltem Eifer fortgesetzt und außer den bereits functionirenden Schöpfwerken noch eine große Tangye'sche Pumpe in die Grube gebracht und mittels einer 120m langen Dampfleitung von dem Kessel einer rasch beigestellten Locomotive betrieben. Auch versuchte man durch die ersoffenen Stollen Taucher zu den Eingeschlossenen zu bringen, ohne jedoch einen Erfolg zu haben.

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Endlich am 16. April war das Wasser bis auf 0m,5 über dem Boden eines alten Baues, Glynog heading, gesunken, von wo aus der Rettungsstollen getrieben werden sollte. Doch war noch eine Kohlenwand von 35m zu durchbrechen, wozu weitere 4 Tage erforderlich wurden, so daß man fürchten mußte, die schon jetzt seit 5 Tagen Gefangenen nicht mehr lebend zu erreichen; der Ingenieur T. Hurry Riches aus Cardiff stellte daher in 24 Stunden einen Bohrapparat zusammen, mit welchem er die Kohlenschichte in 4 Stunden durchbohren und den Arbeitern, mittels kleiner auf Rollen laufender Hülsen, Nahrung zuführen wollte. Der Apparat bestand aus an einander zu schraubenden Gasrohren, von denen das vorderste nach Art eines Kronbohrers Zähne eingefeilt hatte, die verschränkt und im Einsatz mit Blutlaugensalz und Salmiak gehärtet wurden. Auf das Rohr war ein kleines Stirnrad gesetzt, das durch ein größeres Rad mittels Kurbelantrieb bewegt wurde und das bohrende Gasrohr mitnahm, während dasselbe gleichzeitig durch eine Druckschraube den entsprechenden Vorschub erhielt. Nach Durchbohrung der Schichte sollten an das Ende des Rohres zwei Wechsel kommen, zwischen welchen die Transporthülse eingelegt und nach Abschluß des äußern und Eröffnung des innern Wechsels in der Leitung hinabrollen sollte, ohne einen Druckverlust der das Wasser zurückhaltenden comprimirten Luft herbeizuführen. So rationell dieser Apparat war und so günstig sich derselbe nachträglich bewährte, so hatte man damals doch nicht den Muth, denselben anzuwenden und fuhr mit dem Durchtreiben des Rettungsstollens und den Pumparbeiten fort, bis endlich am 20. April, nach neuntägiger Gefangenschaft, die eingeschlossenen 5 Mann erreicht und sämmtlich gerettet wurden. Das gesammte in dieser Zeit aus einer mittleren Tiefe von 90m ausgepumpte Wasserquantum betrug 34000cbm.

M.

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