Titel: Stanford, über Jodfabrikation.
Autor: Stanford, E. C. C.
Fundstelle: 1877, Band 226 (S. 85–94)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj226/ar226026

Ueber Jodfabrikation; von E. C. C. Stanford in Glasgow.

Das Jod wurde 1812 von Courtois entdeckt, aber seine Fabrikation ist hier nicht früher als um das J. 1841 in nennenswerther Menge betrieben worden. Die Einfuhr von Kelp betrug in jenem Jahre 2565t. Der Kelp wurde damals zur Seifenfabrikation verwendet und das Jod aus den Seifensiederlaugen ausgezogen. 1854 gab es viel kleine Fabriken, welche Jod herstellten, hauptsächlich aus Seifenlaugen. 1846 gab es schon 20, von denen die meisten den Kelp direct auslaugten. Die Einfuhr dieses Artikels stieg 1845 auf 6000t. Allein in Folge der erheblichen Schwankungen in den Jodpreisen und der außerordentlich verschiedenen Beschaffenheit des Rohmaterials gab ein Fabrikant nach dem andern sein Geschäft auf und jetzt existiren nur noch 3 Jodfabriken in oder bei Glasgow.

Die plötzlichen Schwankungen im Preise des Jodes, welche sich zwischen 4 und 34 Schilling für 1 Pfund (454g) bewegt haben, während der Preis des Rohmaterials ziemlich derselbe blieb, haben vielen Fabrikanten große Verluste bereitet, da sie die Nachtheile der flauen Zeiten allein zu tragen hatten, während die Gewinne der guten Zeiten gewöhnlich den Speculanten zufielen. Die ganze Fabrikation ist so begrenzt, daß sie den Speculanten ein ungewöhnlich weites Feld gelassen hat.

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Die untenstehende Uebersicht1) zeigt die Einfuhr von Kelp in den Clyde-Busen und die Jodpreise.

Das Auslaugen des Kelp, wie es gegenwärtig hier bewerkstelligt wird, ist ein einfacher Proceß. Der Kelp wird in Stücke von der Größe des Straßenschotters zerbrochen und in verbundenen Bütten, welche ähnlich den bei der Auslaugung der Rohsoda gebräuchlichen mit Dampf erhitzt werden, ausgelaugt. Die Lösung wird bei etwa 40 bis 45° T. abgelassen, in gewöhnlichen offenen Siedepfannen von 2m,75 Durchmesser eingedampft und die sich absetzenden Salze herausgefischt. Bei etwa 62° T. hat sich ein hartes Salz abgeschieden, welches aus 50 bis 60 Proc. Kaliumsulfat, verbunden mit Glaubersalz und Kochsalz, besteht. Die heiße Lauge kommt nun in eiserne Kühler – gewöhnlich cylindrisch und von Gußeisen – in welchen nach etwa 3 Tagen eine Kruste Chlorkalium auskrystallisirt. Die Mutterlauge wird (bei gutem Treibkelp 3 mal) wieder eingedampft, nach jeder Operation das abgeschiedene Kelpsalz herausgefischt, auf die Kühler gebracht und eine neue Menge Chlorkalium gewonnen. Diese in den Kühlern nach einander abgeschiedenen Salze enthalten zwischen 30 bis 95 Proc. Chlorkalium. Die jetzt erhaltene Mutterlauge, welche ein spec. Gew. von 80 bis 95° T. hat, wird mit etwa 1/7 Nordhäuser Schwefelsäure (145° T.) vermischt |87| und 24 Stunden absitzen gelassen, wobei die schwefligsauren Verbindungen unter Abscheidung von Schwefel zersetzt werden. Die Flüssigkeit wird darauf mit Braunstein aus einer eisernen Blase mit Bleideckel und zwei Bleiröhren destillirt und die Uebergangsproducte in Steingutgefäße geführt, in welchen sich das Jod in harten Massen verdichtet. Nach der Abtreibung des Jods wird neuer Braunstein hinzugefügt und die Röhren der Destillirblase mit einem andern einfachen Condensationsapparat, entweder aus Blei oder Steingut, verbunden und hierin das Brom aufgefangen. Die Fabrikation betreiben W. und M. Paterson, Hughes und die „North British Chemical Company“ . Ich erwähne diese Firmen besonders deshalb, weil fast alle Handbücher sich auf einen Fabrikanten und dessen Methode beziehen, welch letztere schon länger als 30 Jahre veraltet ist. Selbst Watts' Dictionary, gewöhnlich so zuverlässig, wiederholt diesen Irrthum. W. und M. Paterson, welche mehrere Jahre die größten Jodfabrikanten gewesen sind, haben eine ausgezeichnete Methode mit Dampf einzukochen, welche auch in einigen andern chemischen Fabriken hier eingeführt ist. Die Laugen werden in großen schmiedeisernen Gefäßen durch eine Dampfschlange erhitzt und unter Zuhilfenahme eines mechanischen Rührwerkes eingedampft. Es soll diese Methode Kohlen- und Arbeitsersparniß im Gefolge haben und reinlicher zu handhaben sein als das Kochen in offenen Pfannen.

Die gewonnenen Producte sind: Jod, Brom, das Muriate, enthaltend 80 bis 95 Proc. Chlorkalium; das weiche Sulfat (soft sulphate), enthaltend 50 bis 65 Proc. Kaliumsulfat; das Kelpsalz, bestehend aus Kochsalz und 5 bis 10 Proc. Alkali; der Kelpabfall, welcher, fast nur kohlensauren Kalk und Kieselerde enthaltend, zur Fabrikation der gewöhnlichen Glasflaschen benutzt wird; und der Schwefelabraum, der getrocknet 70 Proc. Schwefel enthält. Alle diese Producte halten Jod zurück, und einige erfordern zur Extrahirung desselben ein sehr sorgfältiges Waschen. Der ganze Proceß hat seit mehreren Jahren eine kleine Abänderung erlitten, weil er in einer Operation gutes trockenes, verkäufliches Jod liefert. In Frankreich, wo man einen Fällungsproceß mittels Chlor eingeführt hat, wird das Jod als feuchtes Pulver erhalten und muß entweder erst sublimirt oder in Jodkalium umgewandelt werden, um verkäuflich zu sein.

Obgleich die Auslaugung des Kelp ein untergeordneter Fabrikationszweig ist, so ist doch die Verarbeitung des Rohmaterials mehr als 100 Jahre lang die Haupterwerbsquelle Tausender von armen Häuslern Irlands und des westlichen Hochlandes gewesen. Zeitweise wurde eine |88| beträchtliche Menge Kelp nach Liverpool geschickt. – Die erste Einführung des Kelp datirt aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts und wurde derselbe wegen seines Gehaltes an Soda in den Handel gebracht. Zu Anfang dieses Jahrhunderts galt er 400 bis 440 Schilling für 1t , und die westlichen Inseln Schottlands producirten allein 20000t. Da begann nun die Einfuhr von spanischer Soda, und bis 1822 betrug der Durchschnittspreis nur 210 Schilling. Im J. 1822 wurde der Einfuhrzoll auf die spanische Soda (Barilla) aufgehoben; der Preis des Kelp fiel auf 170 Schilling, 1823 nach Aufhebung der Salzsteuer auf 60 und 1831 auf 40 Schilling. Von da bis 1845 wurde er nur in der Seifen- und Glasfabrikation Glasgows verwendet. Im J. 1845 begann die eigentliche Jodfabrikation, und Kelp wurde wieder gefragt; aber der Kelp, den man jetzt verlangte, war nicht derselbe, da der an Soda reichste am wenigsten Jod enthält. Hierzu kam, daß der an Jod reichste Kelp auch am meisten Chlorkalium enthielt – ein Salz, welches zu jener Zeit 500 Schilling galt. Die Entdeckung der Staßfurter Salzlager reducirte diesen Preis auf 1/3 und die weitere Entdeckung des Broms im Staßfurter Salz verminderte den Preis des Broms von 38 für 1 Pfund engl. auf 2 Schilling. Die Menge des producirten Broms ist gering und beträgt etwa 1/10 von der des Jods. Die Gesammtproduction desselben in Frankreich und Schottland wird bedeutend übertroffen durch die von Deutschland allein; auch von Amerika wird jetzt Brom in erheblichen Quantitäten eingeführt. (Vgl. 1875 218 462. 1876 222 502.) Die Fabrikanten werden jetzt von einem viel mächtigeren Rivalen bedroht, nämlich von Jod aus den Mutterlaugen des Chilisalpeters von Peru.

In Glasgow beträgt die Production aus etwa 10000t Kelp 50800 bis 61000t Jod. In Frankreich ist sie etwas geringer und beträgt aus 16000t Kelp, welcher viel geringhaltiger ist, etwa 81000t. In der Caliche Perus schätzt man den Jodgehalt auf 0,16 Proc. (vgl. auch Rud. v. Wagner, 1872 205 76), d.h. da etwa 600000t jährlich verarbeitet werden, wenn alles Jod gewonnen werden könnte, 960000k , oder mehr als das neunfache der augenblicklichen Gesammtproduction; selbst zugegeben, daß diese Berechnung zu hoch ausgefallen und 1/3 abgezogen wird, und wir annehmen, daß von den 640000k nur die Hälfte zu produciren möglich ist, so bleiben immer noch 320000k oder das 3 fache der gegenwärtigen Production. Trotzdem haben die Fabrikanten mit bedeutenden Schwierigkeiten zu kämpfen: Das Jod ist als jodsaures Salz vorhanden und kann nicht vollständig ausgezogen werden; aber selbst wenn eine Extraction in größerer Ausdehnung bewerkstelligt |89| werden könnte, würde die Kleinheit des Marktes den Preis bald so sehr herabdrücken, daß ein Verdienst ausgeschlossen wäre, so lange nicht neue Absatzgebiete aufgefunden werden können. Ueber die Extractionsprocesse, welche in den Werken Perus üblich sind, haben wir nichts sicheres erfahren, weil dieselben sehr geheim gehalten und oft geändert werden; zuerst wurde das Jod als Kupferjodür, dann als rohes Jod mit etwa 50 Proc. Jod ausgeführt. Jetzt kommt es in guter Qualität in den Handel und wird wahrscheinlich durch Reduction und Fällung mittels Natriumbisulfat und Sublimation gewonnen.

Wir hängen hinsichtlich unseres Jodbedarfes rollständig von dem Meer ab; nach Sonstadt befindet sich das Jod im Meerwasser als Calciumjodat und schätzt dieser seine Menge auf 1 : 250000, so daß eine Cubikmeile Meerwasser 11072t enthält. Trotzdem ist es viel schwerer aufzufinden als Brom, da nach demselben Forscher 1 Th. Brom in 3333 Th., 1 Th. Jod in 368110 Th. Meerwasser sich befindet. Im Vergleiche zu andern Autoritäten, welche das Jod als nur im Verhältniß von 1 : 30000000 annehmen, ist diese Schätzung etwas hoch.

Einige Algenarten haben eine merkwürdige Fähigkeit, in ihren Geweben Brom und Jod auszuscheiden und anzuhäufen, aber in der Regel nehmen sie zehn Mal so viel Jod als Brom auf. Vor einigen Jahren zeigte sich durch eine große Anzahl von Analysen, daß, wenn auch alle Algen Jod haltig sind, nur wenige Arten größere Mengen davon enthalten. Die folgende Tabelle gibt den Procentgehalt verschiedener Algen. Die unter meinem Namen angeführten Zahlen stellen den Durchschnitt aus mehreren Analysen derselben Pflanze dar, zu verschiedenen Jahreszeiten und von verschiedenen Uferstellen Englands gesammelt. Dies ist namentlich bei den ersten 5 Pflanzen, aus welchen allein der Kelp besteht, der Fall. In 100 Th. getrockneter Algen sind nach verschiedenen Forschern enthalten:

Sarphat. Schweitzer. Godechens. Wallace. Stanford.
Laminaria digitata 0,135 0,625 0,4440 A 0,4535
B 0,2946
Laminaria saccharina 0,230 3,830 0,2880 C 0,2794
Fucus serratus 0,124 0,058 0,177 0,0565 D 0,0856
Fucus nodosus 0,074 0,0396 E 0,0572
Fucus vesiculosus 0,001 F 0,0297
Zostera marina 0,0005 0,0457
Rhodomela pinnastroides 0,0378
Hyderix siliquosa 0,2131
Hymanthalia lorea 0,0892
Chordaria flagelliformis 0,2810
Cladolphlora glomerata
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A Durchschnitt von 18 Mustern D Durchschnitt von 12 Mustern.
B 23 E 4
C 5 F 8

Ich kann hinzufügen, daß diese Muster herstammten von Larne, Ballina, Sligo, Galway und Skibbereen in Irland; von Shetland, Tyree, Coll, Colonsay, Tobermory, Vallay, Baleshare, Boreray, Neisker, Stornoway, Skye, Kilcreggan, Jona, Dunbar, Tife in Schottland; von Scarborough, Weymouth und Worthing in England; von Peele auf der Insel Man; auch von Norwegen, Dänemark und Island.

Die ersten 5 Varietäten in der Tabelle sind die, aus welchen der Kelp gemacht wird, geordnet nach ihrem Jodgehalt. Die beste ist die Laminaria digitata, welche auf Felsen und immer unter Wasser wächst; die nächste, Laminaria saccharina, oder Zuckertang (so genannt, weil sie oft im trockenen Zustande mit einem zarten Anflug von Mannit bedeckt ist), wächst auch unter Wasser auf Sand und losem Gestein, aber in seichtem Wasser. Diese beiden Varietäten werden Triebkraut genannt, weil sie bei Sturmwetter in die Höhe getrieben werden.

Alle Fucusarten wachsen auf Felsen und werden bei niedrigem Wasser biosgelegt. Sie werden von den Felsen abgeschnitten und sind unter dem Namen „Schnittkraut“ bekannt. Der Fucus serratus oder schwarzer Tang ist am längsten unter Wasser und ist der niedrigste bei tiefem Wasserstand. Er soll Silber enthalten; doch ist es mir nicht möglich gewesen, dieses Metall in ihm aufzufinden, obgleich ich mit beträchtlichen Quantitäten arbeitete. Der nächste, Fucus nodosus oder knotige Tang, ist weniger unter Wasser und ärmer an Jod. Der am wenigsten untergetauchte und an Jod ärmste ist der Fucus versiculosus oder Blasentang. Der Kelp aus Triebkraut wird ungefähr 4 mal so viel Jod enthalten als der aus Schnittkraut. Der letztere ist bei den jetzigen Preisen in der That fast werthlos, da einige Sorten weniger als 1k,36 Jod in 1t enthalten und letztere nur etwa 20 Schilling werth ist. Da hierbei das Schneiden, Fahren, Trocknen und Brennen von 20t nassem Tang mit eingerechnet ist, so darf es uns nicht Wunder nehmen, daß seine Anwendung im Aussterben begriffen ist und jetzt nur wenig von diesem Kelp gemacht wird.

Die Kelpfabrikation, wie sie gewöhnlich betrieben wird, ist im höchsten Grade verschwenderisch. Der Seetang wird zum Trocknen am Ufer ausgebreitet in einem Klima, welches von heftigen Regengüssen heimgesucht wird, wobei die Arbeit des Kelpers oft ganz verloren geht. Er wird in langen Oefen, aus losen Steinen und Rasen aufgeführt, gebrannt und erlangt dabei eine sehr hohe Temperatur. Dieser Theil |91| der Arbeit wird von Frauen und Kindern besorgt; die Männer der Familie sind indessen beschäftigt, mittels eiserner Krücken die Asche zu durcharbeiten, bis dieselbe eine geschmolzene Schlacke bildet. Während dieser mühevollen Arbeit werden oft mehr als 50 Proc. Jod und eine große Menge Potasche in die Luft gejagt, und die bei dieser Hitze sich verflüchtigende Soda gibt jenen Oefen in der Nacht ein schauervolles Ansehen. Die hohe Temperatur befähigt ferner den Kohlenstoff sich des Sauerstoffes der Sulfate zu bemächtigen und diese in Sulfide und andere Schwefelverbindungen überzuführen; die letzteren werden in den Mutterlaugen concentrirt, bedingen eine größere Menge Nordhäuser Schwefelsäure und bringen große Nachtheile bei der Auslaugung mit sich. Es ist leicht ersichtlich, daß hierbei auch leicht große Mengen von Sand, Erde, Steine und Kies in den Kelp eingeführt werden und dieser oft stark verunreinigt ist. Diese Verunreinigung ist so gewöhnlich, daß Kelp an einigen Orten bis 12,5 Proc. erlaubtes Mehrgewicht zeigt. Die Gegenwart der Kieselerde unterstützt in hohem Grade die Verflüchtigung des Jods.

In Folge der Schwierigkeit, im Winter zu trocknen, wird zu dieser Zeit sehr wenig gesammelt, obgleich dann der Tang am jodreichsten ist. Diese Uebelstände sind lange erkannt und hervorgehoben, besonders durch D. McCrummen und Dr. Wallace, welcher letztere als rationelles Mittel empfohlen hat, zu einer losen Asche zu brennen; allein es ist fast unmöglich, die Leute von ihren Vorurtheilen zurückzubringen. In früherer Zeit wurde der Kelp aus Schnitttraut gemacht, und die Kelper lernten ihn zu einer dicken glasartigen Schlacke brennen; jetzt wollen sie es durchaus ebenso wie ihre Vorfahren machen, obgleich der Zweck, zu welchem jetzt der Kelp verlangt wird, genau die entgegengesetzten Vorsichtsmaßregeln bedingt. Sie wollen einmal nicht zu Asche brennen, weil sie nicht glauben, daß das Product schwer genug werden könne. Thatsache ist aber, daß das Product, obgleich leichter, eine bedeutend höhere Ausbeute liefert.

Im J. 1862 veröffentlichte ich2) eine Reihe von Untersuchungen über die verderbliche Destillation des Seetangs, welche in ihrem Verlauf auch auf den kolossalen Verlust beim Kelpbrennen hinwies, und für welche die Society of Arts die silberne Medaille ertheilte. Die Untersuchungen beruhten auf dem bei der gewöhnlichen Methode entstehenden Jodverlust; aus meinen seitdem im Großen gemachten Erfahrungen geht |92| aber hervor, daß dieser Verlust erheblich unterschätzt worden ist. Die Untersuchungen zeigten die Nothwendigkeit, den Seetang in geschlossenen Gefäßen zu verkohlen. Es wurde hierbei eine äußerst poröse Kohle erhalten, die beim Auslaugen das ganze Jod und alle Salze liefert, welche überhaupt im Tang vorhanden sind; die Ausbeute an Kohle beträgt das doppelte von dem, was man nach alter Methode an Kelp erhält, und an Jod wird doppelt so viel gewonnen als aus dem Kelp. Als weitere Destillationsproducte werden Ammoniak, Essigsäure, Naphtha, Theer und eine beträchtliche Menge Leuchtgas erhalten.

Die nach dem Auslaugen zurückbleibende Kohle ist im Handel noch neu. Sie stellt einen porösen Körper mit außerordentlicher Absorptions- und Deodorisationsfähigkeit dar, und steht hinsichtlich des Kohlenstoffgehaltes in der Mitte zwischen Holz- und Thierkohle, welcher letzteren sie im Allgemeinen am meisten ähnlich ist. Sie unterscheidet sich von ihr durch den Mehrgehalt an Kohlenstoff, Kalkcarbonat und Magnesiacarbonat und den Mindergehalt an Phosphaten. Diese Substanz kann zum vierten Theil des Preises, welchen jede andere Kohle kostet, erhalten werden und übertrifft alle in Betreff der deodorisirenden Wirkung; sie verdient sicher die Aufmerksamkeit der Chemiker, da sie in großen Mengen erhalten werden könnte und bis jetzt wenig Anwendung gefunden hat. Die gewöhnliche Zusammensetzung der beiden Varietäten ist nachstehend ersichtlich; die Analysen sind auf trockene Kohle berechnet, sie hält jedoch erhebliche Mengen Feuchtigkeit zurück.

Laminaria. Fucus.
Kohlenstoff* 52,54 70,32
Phosphate 10,92 1,90
Kohlensaurer Kalk 15,56 10,25
Kohlensäure Magnesia 11,34 7,92
Gyps 1,93
Alkalien 5,70 1,84
Kieselerde 3,94 5,84
–––––– ––––––
100,00 100,00
*enthaltend Stickstoff = Ammoniak 1,75 2,30.

Die Vortheile dieser Methode sind die, daß durch das Zurückbleiben des ganzen Jods und durch Ausnutzung der Winterzufuhr die Ausbeute an Jod von einer bestimmten Uferstrecke bedeutend steigt, daß die Fabrikation eine ununterbrochene wird und einer armen Bevölkerung viel mehr Beschäftigung gibt, und daß endlich ein Nebenproduct von beträchtlichem Werthe geschaffen wird. Mein Proceß ist im Großen nur auf den Inseln Tyree und Nord-Uist zu großem Nutzen der Bevölkerung ausgeführt worden. Ich brauche zum Beweis dieser Thatsache |93| mich nur auf das Zeugniß des Herzogs von Argyll vor dem Privy Council im letzten Jahr zu beziehen. Daß derselbe eine größere Ausdehnung erlangen wird, unterliegt keinem Zweifel, wenn auch andere Besitzer von ausgedehnten Ufern erkannt haben werden, daß es vortheilhafter ist, die durch den Ort bedingte Industrie ihrer Leute auszubilden, als sie fortzuschicken, um fremde Landstrecken urbar zu machen.

Zum Schluß möchte ich noch hinzufügen, daß, obgleich mein Proceß eine große Vervollkommnung der Jodfabrikation darstellt, derselbe sich nicht allgemein auf die Nutzbarmachung von Seetang anwenden läßt (falls nicht eine große Nachfrage nach der zurückbleibenden Kohle entstehen sollte), sondern nur auf die von an Jod reichem Treibtraut. Die große Franse von Schnittkraut, welche mehrere Ufer ziert und leicht zugänglich ist, wird augenblicklich außer zu Düngezwecken fast gar nicht benutzt. In einer Vorlesung vor der Chemical Society habe ich bereits auf die bemerkenswerthe Zusammensetzung der Seetangasche, welche mehr einer animalen, als einer vegetabilen ähnlich ist, hingewiesen. In Kurzem hoffe ich über die gegenwärtige Zusammensetzung des Seetangs selbst etwas mitzutheilen; der Gegenstand bietet ein weites Untersuchungsgebiet und ist verhältnißmäßig wenig betreten.

Nachschrift. Während ich diesen Artikel schreibe, hat Thorwald Schmidt, Director der chemischen Werke in Aalborg in Dänemark, vorgeschlagen, die Verarbeitung des Kelp mit dem Ammoniak-Sodaverfahren zu verbinden. Er behauptet den Ammoniakverlust auf weniger als 2 Proc. des angewendeten Sulfates reducirt zu haben. Seine mir zugesandten Proben von Soda sind sehr rein. Die einzige Schwierigkeit macht ihm die Verwendung der zurückbleibenden Laugen, welche Chlornatrium und Chlorcalcium enthalten. Diese Laugen sind das Eindampfen zur Wiedergewinnung des Salzes nicht werth und wegen der hohen Salzsteuer sind sie zu kostbar, um fortgeworfen zu werden. Er schlägt vor, die schwefelsauren Alkalien in den Kelplaugen zum Niederschlagen des Kalkes zu benutzen, wobei man die Alkalien als Chloride erhalten würde. Das Verfahren ist leicht ausführbar. Chlorcalcium wurde früher in einigen Kelpwerken zur Umwandlung des Kaliumsulfates in Chlorkalium verwendet, als das letztere noch einen viel höhern Werth hatte. Nachdem man aber das Jod als Jodblei fällt, wird die Flüssigkeit eingedampft, Chilisalpeter zugefügt und so alle Potasche in Kalisalpeter umgewandelt, welcher auskrystallisirt. Die resultirende Chlornatriumlauge wird von neuem im Ammoniak-Sodaverfahren verwendet.

Der vorzüglichste Seetang an Dänemarks Ufern ist die Zostera |94| marina und die Fucusarten. Ich habe mehrere dieser dänischen Tange untersucht; alle sind arm an Jod, aber die Fucusarten sind vorzüglich für den erwähnten Zweck geeignet, da sie reich an schwefelsauren Alkalien sind. (Nach den Chemical News, April 1877 S. 172.)

S–t.

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Einfuhr von Kelp (in Tonnen engl.) und Preise des Jodes (in Schilling und Pence für 1 engl. Pfund). Die im Text angeführten Tonnen sind ebenfalls englische.

1866.1867.1868.1869.1870.1871.1872.1873.1874.1875.
Kelp88588174811689789257938410 049944910 9238643
Preis für 1 Pfd.10/012/012/813/012/814/434/024/815/810/8
1856.1857.1858.1859.1860.1861.1862.1863.1864.1865.
Kelp634986418123819077549722941414 01811 34913 741
Preis für 1 Pfd.13/812/410/69/88/67/05/65/08/47/8
1846.1847.1848.1849.1850.1851.1852.1853.1854.1855.
Kelp362740004400473111 42173205418649146795826
Preis für 1 Pfd.21/311/011/011/010/88/815/015/412/013/4
1841.1842.1843.1844.1845.
Kelp25651887196532636086
Preis für 1 Pfd5/04/86/012/031/1

Schwankungen.

Durchschnitt.10 Jahre. Mitte 1866 bis Mitte 1875.
Kelp91878116im J. 1868 bis 10 923 im J. 1874.
Preis15/11 1/210/0im J. 1866 bis 34/0 im J. 1872.
Durchschnitt.10 Jahre. 1856 bis 1865.
Kelp97306349im J. 1856 bis 14 018 im J. 1863.
Preis8/105/0im J. 1863 bis 13/8 im J. 1856.
Durchschnitt.10 Jahre, 1846 bis 1855.
Kelp58113627im J. 1846 bis 11 421 im J. 1850.
Preis12/118/8im J. 1851 bis 21/3 im J. 1846.
Durchschnitt.5 Jahre, 1841 bis 1845.
Kelp31331887im J. 1842 bis 6086 im J. 1845.
Preis11/94/8im J. 1842 bis 13/1 im J. 1845.
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Chemical News, März 1862 S. 167. (Eine Uebersetzung der Abhandlung von Prof. Martins in Erlangen enthält das Neue Jahrbuch für Pharmacie, Bd. 18 S. 288 ff.)

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