Titel: Meidinger, über die Leitungen der Blitzableiter.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1877, Band 226 (S. 205–interleaf)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj226/ar226054

Ueber die Leitungen der Blitzableiter.

Es sind in den letzten Jahrzehnten vielfach Drahtseile bei Herstellung von Blitzableitungen in Anwendung gekommen, indem sich solche Seile vermöge ihrer |206| Geschmeidigkeit viel bequemer an den Gebäuden anbringen lassen als die sonst gebräuchlichen massiven Eisenstangen. Man verfertigte diese Seile an manchen Orten aus Eisendraht, an andern aus Messingdraht, am häufigsten und neuerdings fast allein aus Kupferdraht.

Indem man früher von der Ansicht ausging, „die Entladung der sich im Blitz ausgleichenden Elektricitäten folge wie die Ansammlung der ruhenden Elektricität der Oberfläche der Leiter“, so wurden solche Blitzableiter aus Drahtseilen als der Theorie entsprechend ganz besonders angepriesen, denn grade dadurch, daß man die Eisenstange durch solche Seile, die aus dünnem Draht gesponnen waren, ersetzte, wurde ja die Oberfläche des Leiters bedeutend vermehrt. Schon lange Jahre ist die Irrigkeit dieser Ansicht erwiesen und als feststehende Thatsache zu betrachten, daß der elektrische Strom im Allgemeinen, gleichgiltig ob er als continuirlicher von einer Batterie etc., oder als augenblicklicher von einer Wolke etc. geliefert werde, durchaus in der ganzen Masse des Leiters fortschreitet, daß somit für Berücksichtigung der Leitungsfähigkeit des Materials lediglich dessen Gesammtquerschnitt in Betracht zu ziehen ist. Ein physikalischer Grund, der Seilform den Vorzug vor der Stabform zu geben, ist somit nicht geltend zu machen. Rein praktische Gesichtspunkte haben sowohl hinsichtlich der Wahl des Materials wie der Form desselben zu entscheiden.

Messing dürfte gegenwärtig wohl nicht mehr angewendet werden, da dasselbe sich zu veränderlich gezeigt hat, wenn dasselbe längere Zeit im Freien der Einwirkung der Witterung ausgesetzt ist. Das Material wird brüchig, ja zuweilen gradezu in noch unerklärter Weise durchfressen. Die Zusammensetzung des Messings hat hierauf einen großen Einfluß, da manches Fabrikat weniger leicht zerstörbar ist wie ein anderes. Für gleiche Leitungsfähigkeit ist es dazu jedenfalls das theuerste Material.

Es stehen sich nur noch Kupfer und Eisen als Concurrenten gegenüber. Kupfer ist im reinen Zustand ein nahezu 6 Mal so guter Leiter als Eisen, somit bedürfte man für gleiche Sicherheit der Wirkung dem Gewicht nach blos 1/6 so viel Kupfer als Eisen. Bei einem solchen Verhältniß würden sich die Preise beider Materiale etwa gleich stehen und Kupfer, seines geringeren Gewichtes und höheren Grades von Geschmeidigkeit wegen, wodurch es sich viel leichter handhaben und befestigen läßt, auch um seiner im Allgemeinen größeren Widerstandsfähigkeit gegen die atmosphärischen Einwirkungen, der Vorzug vor dem Eisen zu ertheilen sein. Das gewöhnliche Kupfer, das man zu Leitungen verwendet, ist aber nicht rein; in Folge seiner wenn auch geringen Beimengungen fremder Stoffe ist es ein viel schlechterer Leiter geworden, und wird man seine Leitungsfähigkeit im Mittel blos 4 Mal so groß als die des Eisens annehmen dürfen, somit demselben als einzelnem Draht ein Durchmesser von 8mm zu geben sein, wenn Eisen einen solchen von 15mm erhält. Es würde hiernach eine Kupferleitung etwas theurer kommen wie eine eiserne von gleicher Wirkung. Die Preisdifferenz fällt jedoch, alles zusammen berücksichtigt, kaum ins Gewicht, und es bleiben immerhin dem Kupfer noch seine anderen Vorzüge.

Eisen wird gegenwärtig fast nur in Stangenform für Blitzableiter zur Anwendung gebracht, Kupfer in Seilform. Ueber die Frage, welche Form des Leiters und welches Materials sich am meisten empfiehlt, sagt Prof. Bopp: „Bei Blitzableitern aus Eisenstangen sind die im Laufe der Zeit entstehenden fehlerhaften Stellen meist nicht schwer zu finden; anders dagegen ist dies bei solchen aus Drahtseilen; hier kann durch die Bewegungen des Windes oder aus andern Gründen an einer Stelle ein Draht brechen, ohne daß dies für das Auge erkennbar wäre; an einer andern Stelle bricht auf gleiche Weise wieder ein anderer Draht und so fort, so daß |207| nicht mehr alle Drähte, ja oft sogar kein einziger mehr unversehrt durch die ganze Leitung durchgeht; manchmal sind auch ganze Stücke brüchig geworden. Ferner zeigen sich an den Leitungen aus Drahtseilen in sehr vielen Fällen entweder in den Anschlüssen an die Auffangstangen oder an den Befestigungsstellen oft ganz bedenkliche Mängel, die nur schwer zu erkennen sind, und welche deshalb Demjenigen, der mit der Sache nicht ganz vertraut ist, meist verborgen bleiben. So kann es sich also sehr leicht ereignen, daß ein solches Drahtseil für ganz gut und leitungsfähig gehalten wird, während doch eigentlich nur die Mängel äußerlich nicht wahrnehmbar sind, sich aber bei einer etwaigen Inanspruchnahme der Leitung durch Entladung in bedenklicher Weise zu erkennen geben können. Ein weiterer Nachtheil liegt in der großen, den atmosphärischen Einflüssen ausgesetzten Oberfläche der Drahtseile, welche sehr bald unrein wird. Dann ist die Einwirkung des Kalkes auf die Kupferseile sehr nachtheilig; da, wo dieselben mit Kalk bespritzt werden, leiden sie ganz bedeutend. Ferner bewirkt die im Rauche der Essen vorkommende Säure, daß die Seile manchmal grade an den wichtigsten Stellen zerfressen werden, während eine Eisenstange sich in solchen Fällen nur mit einer Kruste überzieht. Hierzu kommt dann noch der Umstand, daß es mit nicht geringen Schwierigkeiten verknüpft ist, die Leitungstheile sicher und mit ungeschwächter Leitungsfähigkeit an einander anzuschließen. Es kann das Verbinden solcher Theile nur durch Löthen geschehen; aber außer dem Silberloth gibt es keines, welches leitungsfähiger wäre als Kupfer, aus welchem das Seil besteht, es hat somit jede Löthstelle eine Verminderung der Leitungsfähigkeit an dieser Stelle und bei Blitzschlag möglicher Weise ein Abschmelzen zur Folge.“

Die Untersuchungen von Bopp würden somit zu dem Resultate führen, daß die Anwendung der üblichen Kupfer-Drahtseile durchaus nicht zu befürworten sei, daß Man im Gegentheil entschieden davon abrathen müsse. Nach Bopp würde den Anforderungen der Theorie und der Praxis am besten eine Eisenleitung aus ununterbrochen zusammenhängendem, kalt biegsamem Feinkorneisen mit dem normalen Querschnitt von 15mm Dicke entsprechen, wobei sämmtliche Verbindungen durch Schweißung herzustellen sind. Eine solche Blitzableitung verbinde mit der erforderlichen Leitungsfähigkeit die nöthige Festigkeit und Dauerhaftigkeit. Solche Leitungen haben z.B. ausgedehnte Anwendung gefunden auf dem Residenzschlosse und der Akademie zu Stuttgart, auf der Rotunde, den Endpavillons und dem Kunstausstellungsgebäude der Wiener Weltausstellung 1873, für deren Sicherheit Prof. Bopp die Garantien übernommen hatte. Sehr ausgedehnt sind auch die nach diesem System ausgeführten Leitungen auf dem Schlosse Zeil (1530m mit 38 Auffangstangen, vollständig durch geschweißte Leitungen verbunden), ferner auf der Baugewerbeschule und der Johanniskirche zu Stuttgart, dem Münster zu Ulm, dem Zuchthaus, dem neuen Magazin und Militärgebäude zu Ludwigsburg.

Wir zweifeln nicht, daß die nach Prof. Bopp's Anweisung hergestellten Leitungen aus Eisen ihrem Zweck vollständig entsprechen und durchaus der Empfehlung verdienen. Von der Verwerflichkeit der Kupferleitungen können wir uns darum aber noch nicht überzeugt halten. Wir vermögen den Mittheilungen doch nur zu entnehmen, daß Kupferleitungen häufig mangelhaft hergestellt worden sind, theils aus mangelnden Erfahrungen, theils aus Nachlässigkeit, wie dies nicht minder bei eisernen Leitungen beobachtet worden ist. Unter Berücksichtigung der von Prof. Bopp, sowie auch theilweise bereits von Anderen gemachten Beobachtungen und Ausstellungen dürfte die Anlage richtiger und dauerhafter Kupferleitungen nicht schwer fallen. Die der Seilform vorgeworfenen Mängel würden sich dadurch beseitigen lassen, daß man |208| nur einen einzelnen Draht von dem oben angegebenen Querschnitt verwendet, auch dann ist das Kupfer noch leicht biegsam und handlich. Die Seilform wurde ja ursprünglich aus dem theoretisch irrigen Grunde, die Leitungsfähigkeit dadurch zu vermehren, besonders befürwortet. Wir möchten den einzelnen Draht noch besonders aus dem Grunde empfehlen, weil man daran besser die richtige Dicke messen kann als an einem Seil. Im übrigen scheint uns ein Seil, wenn es nur aus ganz wenigen Drähten gebildet ist, auch nicht so bedenklich. Den Bewegungen durch den Wind wird man vorbeugen, indem man die Tragkloben in nicht zu großen Abständen anbringt, höchstens 3 zu 3m, und eine Verbindung der Leitung und der Kloben mittels dünneren Kupferdrahtes vornimmt. Sollte wirklich einer der Drähte des Seiles reißen, wofür wir uns übrigens wirklich nicht gut einen Anlaß denken können, so wird doch nur an dieser Stelle die Leitungsfähigkeit um weniges vermindert, da die Drähte sich alle berühren, die Elektricität somit an der Bruchstelle auf die übrigen Drähte übergeht; unwirksam wird darum der unterbrochene Draht durchaus nicht. Die Verbindung der Drahtenden kann ohne jede Verminderung der Leitungsfähigkeit mittels Schlagloth geschehen, wenn man die Drähte auf etwa 5cm Länge um einander dreht; ein Loslösen ist dann auch nie zu befürchten. Die Verbindung der Enden eines einzelnen (8mm dicken) Drahtes würden wir in der Weise vorzunehmen empfehlen, daß man auf etwa 10cm Länge die Enden etwas platt schlägt, dann auf einander legt, mit einem dünnern Kupferdraht umwickelt und endlich mit weichem Loth auf die ganze Länge dicht zulöthet; durch dieses Verfahren wird die Leitungsfähigkeit an der Verbindungsstelle eher erhöht als vermindert. Mehr Gewicht ist auf die Zerstörung des Kupferdrahtes durch den Rauch zu legen; man hatte seither angenommen, daß dieselbe durch das Ammoniak erfolge, und wurde sie unseres Wissens nur bei Fabrikskaminen beobachtet. Die nachtheilige Wirkung des Rauches ist natürlich nur in der Nähe der Ausmündung des Kamins zu beobachten. Man wird nun das Kupfer unzweifelhaft dadurch vollständig schützen können, daß man es an dieser Stelle mit Bleiblech sorgfältig umwickelt, dieses wohl auch noch mit einem Anstrich bedeckt, wenn man nicht vorzieht, bis auf etwa 1m unter die Schornsteinmündung die Auffangstange herabgehen zu lassen. Die schädlichen Wirkungen des Kalkes auf das Kupfer würden sich dadurch vermeiden lassen, daß man nach dem Anstrich oder Ausbessern eines Hauses – denn nur dann wird der Blitzableiter mit Kalk bespritzt werden – jede Spur Kalk von dem Draht abwischen läßt; es setzt dies allerdings die Kenntniß der Sache seitens der Bauführer, sowie der amtlichen Visitatoren der Blitzableiter voraus, woran es übrigens gewiß bald nicht fehlen wird.

Wir vermögen nach diesen Erörterungen das Eisen keineswegs als das praktisch geeignetere Metall für Leitungen zu erklären; wir halten das Kupfer für ebenso empfehlenswerth, gleich richtige Beanlagung vorausgesetzt, und dürfen deshalb die zu treffende Wahl von den Umständen abhängig machen lassen, bezieh. in das Belieben der Betheiligten stellen. Meidinger. (Badische Gewerbezeitung, 1876 S. 141.)

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II. Fleischextract-Conserven.

Textabbildung Bd. 226, S. 209
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Textabbildung Bd. 226, S. 209
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Textabbildung Bd. 226, S. 209

III. Combinirte Conserven.

Textabbildung Bd. 226, S. 209
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Textabbildung Bd. 226, S. 209
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Textabbildung Bd. 226, S. 209

Berichtigung. Der literarische Nachweis zu Nr. 5 S. I (Bd. 223) lautet richtig: Annales d'hygiène, 2. sér. t. 8 p. 94.

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