Titel: Priorität in Geradführungen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1877, Band 226/Miszelle 1 (S. 209–210)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj226/mi226mi02_1

Priorität in Geradführungen.

Als auf der Weltausstellung in Wien 1873 der russische Ingenieur Tschebyscheff eine kleine Dampfmaschine ausgestellt hatte, bei welcher die Kurbel mit der Kolbenstange nicht mittels Kreuzkopfführung und Treibstange, sondern durch eine eigenthümliche Geradführung in Verbindung gesetzt war, erschien vielen dieser Mechanismus als etwas völlig Neues und Originelles, wenn man auch bemerken mußte, daß der angebliche Vortheil, die Kurbelwelle recht nahe an den Cylinder zu legen, wohl kaum eine so complicirte und ungünstig beanspruchte Verbindung rechtfertigte.

Schon bei der Beschreibung in diesem Journal (* 1876 220 21) nach Professor Radinger's Weltausstellungsberichte wurde darauf hingewiesen, daß das Neue der Construction allein in der Horizontalgeradführung liege, während die Verticalgeradführung nur die Verkörperung des bekannten geometrischen Satzes bilde, daß der Halbirungspunkt einer Geraden, deren beide Enden in zwei auf einander senkrechten Dichtungen geführt sind, einen Kreis um den Schnittpunkt der Führungen als Mittelpunkt beschreibt.

Dagegen war in Bd. 220 S. 22 angeführt, die ganze Geradführung sei schon mehrere Jahre früher von Peaucellier erfunden worden, während wir anderseits in Reuleaux (Kinematik, S. 354) lesen, daß schon 1868 Tschebyscheff ein Modell seiner Geradführung ausgestellt hatte, und daß auch auf der ersten Londoner Weltausstellung 1851 ein ähnlicher Mechanismus von Booth zu sehen war.

Inzwischen erhielten wir die Mittheilung von Professor Dr. Emsmann in Stettin, daß er schon 1840 von dem in der Tschebyscheff'schen Geradführung verkörperten Gesetze Anwendung gemacht habe, um die Kreisbogenbewegung des Pumpenschwengels bei Brunnenpumpen in die verticale Geradbewegung des Pumpenkolbens |210| umzusetzen, und finden darüber im Polytechnischen Centralblatt, 1841 S. 478 eine ausführliche Beschreibung. Dagegen bemerkt Karmarsch, bei Erwähnung der Emsmann'schen Geradführung in Dingler's polyt. Journal (1842 83 71), daß der Mechaniker Rumpf in Göttingen schon mehrere Jahre vor Emsmann einen ganz gleichen Mechanismus erdacht habe, und daß ein von Rumpf schon viele Jahre vor 1842 verfertigtes Modell sich in der Sammlung der höheren Gewerbeschule zu Hannover befinde.

Wenn somit Professor Emsmann wohl kaum vermögen dürfte, sich einen Antheil an der Tschebyscheff'schen Geradführung zu vindiciren, so theilt er mit diesem das gleiche Schicksal, daß ihre beiden Erfindungen schon viele Decennien früher ausgeführt worden sind. Die Emsmann'sche Geradführung stimmt nämlich völlig überein mit dem Lenker, welcher schon 1801 von dem Amerikaner Oliver Evans bei einer Dampfmaschine angewendet wurde (vgl. Rühlmann: Allgemeine Maschinenlehre, 1. Band, 2. Auflage S. 518). Und ebenso wurde die Umsetzung der Kurbelbewegung in die geradlinige des Kolbens, wie sie Tschebyscheff anwendet, das erste Mal 1816 bei einer Dampfmaschine von Dawes ausgeführt, welche in Reuleaux: Kinematik S. 353 abgebildet ist. Es bleibt somit für Tschebyscheff nichts original, als tue ziemlich uncorrecte Horizontalgeradführung mittels zweier neben einander schwingenden Lenker und einer Zwischenkoppel.

M-M.

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