Titel: Einfluß von Kabeln in oberirdischen Leitungen auf die Telegraphirgeschwindigkeit; von Sack.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1877, Band 226/Miszelle 17 (S. 556–557)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj226/mi226mi05_17

Einfluß von Kabeln in oberirdischen Leitungen auf die Telegraphirgeschwindigkeit; von Sack.

Culley hat in einem Vortrage vor der Society of Telegraph Engineers die Einwirkung der Telegraphenkabel, welche in Landleitungen sich befinden, dahin festgestellt, daß das an der längsten Landleitung gelegene Amt schneller und besser erhält, als das an der kurzen Landleitung oder an dem Ende des Kabels gelegene Amt. Die oberirdische Leitung schwächt nämlich die in dem Kabel austretenden Ladungserscheinungen in ihrer Wirkung auf die Telegraphirgeschwindigkeit ganz bedeutend ab, und zwar wird die Wirkung der Ladungserscheinungen durch einen langen oberirdischen Theil der Leitung mehr abgeschwächt als durch einen kurzen, weshalb das an der langen Landleitung liegende Amt besser und schneller erhält, als das an der kurzen Landleitung gelegene Amt.

So wurde auf der Linie Amsterdam-London vor Einführung des Hughes mit dem Wheatstone'schen Schnellschreiber gearbeitet, und es konnte Amsterdam 45 Worte in der Minute nach London senden, während London bis auf 30 Worte in der Minute herabgehen mußte. Die Leitungen dieser Linie setzen sich zusammen aus der holländischen Landleitung von 20, dem Kabel von 120 und der englischen Landleitung von 130 englischen Meilen Länge. Gegenwärtig wird zwischen Amsterdam und London mittels Hughes-Apparates gearbeitet, dessen Lippe in zwei gegen einander isolirte Hälften getheilt ist zum Zwecke, die bis jetzt an den Apparaten älterer Construction vorhandene, verhältnißmäßig lange Batterieverbindung mit der Leitung bei jedem Tastendruck auf die Hälfte zu vermindern und dadurch eine längere Zeit zur Entladung der Leitung zu erhalten. Die Geschwindigkeit beträgt gewöhnlich 100 bis 110 Umdrehungen des Schlittens in der Minute; die Batterie besteht aus etwa 90 bis 100 Leclanché-Elementen. Eine höhere Geschwindigkeit ist für ein tadelloses Telegraphiren nicht rathsam, da Amsterdam dann nicht sicher erhält, während London gut empfängt. Ebenso geht auf den Leitungen London-Dublin die Geschwindigkeit des Wheatstone'schen Automaten von London nach Dublin nicht über 40 Worte in der Minute, während Dublin 80 Worte nach London senden kann. Die Landleitungen sind 266 bezieh. 10 und das Kabel 66, die ganze Leitung somit 342 englische Meilen lang.

Auch auf der Leitung Berlin-London über Emden, Norden und Lowestoft erhielt bei einem und demselben Tempo London besser als Emden und dadurch Berlin. Emden ist Uebertragungsamt; somit kommt als Landleitung auf deutscher Seite nur die Strecke von Emden bis Norden mit 25km (das Kabelhaus ist 3 Meilen von Emden entfernt) in Betracht. Das Kabel von Norden bis Lowestoft ist 480km und die englische oberirdische Strecke 180km lang.

Auf der 863km langen französischen Leitung Paris-Marseille machten sich die verzögernden Einwirkungen der in einer oberirdischen Leitung befindlichen Kabel auf die Geschwindigkeit der Uebermittelung sehr bemerklich. Auf genannter Leitung arbeitet (nach den Annales télégraphiques, 1876 S. 605) der Wheatstone'sche Automat als Gegensprecher. Die Leitung führt von Marseille bis Juvisy, ist 839km lang und 5mm stark, während von Paris bis Juvisy 24km Kabel verlegt sind, dessen Ader aus sieben Litzen zusammengedreht ist und 2qmm Querschnitt hat. Bei Einschaltung des Gegensprechers schaltete Paris 7 Microfarads Condenser ein und konnte mittels des Wheatstone'schen Automaten 55 bis 65 Worte in der Minute geben, während Marseille nur 45 bis 55 Worte in der Minute nach Paris sandte. Marseille hatte nur 4 Microfarads und etwa 1000 bis 1400 Ohms (1045,6 bis 1463,84 S. E.) vor den Condenser geschaltet zum Zweck der Abschwächung der Ladung und Entladung. Man ersetzte nun die Kabelstrecke Paris-Juvisy durch einen oberirdischen |557| Draht, und wurden auf diese Weise die Aemter Paris und Marseille auf der ganzen Ausdehnung (ausschließlich der kurzen Stadtkabel, welche nicht in Betracht kommen) oberirdisch mit einander verbunden. Nach der Umschaltung mußte in Paris der Condenser auf 4 Microfarads vermindert, auch ein Widerstand von 1000 bis 1400 Ohms vor den Condenser geschaltet werden wie in Marseille. Die Geschwindigkeit hob sich sofort für beide Theile auf 75 bis 35 Worte in der Minute unter der Benutzung eines Wheatstone'schen Automaten für das Gegensprechsystem.

Auch in Berlin läßt sich gegenwärtig auf dem zwischen Berlin und Halle verlegten, 169km,5 langen Kabel (vgl. S. 363) dieselbe Erscheinung beobachten. Eine Ader dieses Kabels ist in Halle a. S. durch eine oberirdische, 32km,8 lange Leitung mit Leipzig verbunden. Berlin arbeitet nach Leipzig mittels Hughes, unter Benutzung von 20 Elementen, selbst bei 120 Umläufen des Schlittens tadellos, während Leipzig bei solcher Geschwindigkeit nicht ein Wort nach Berlin geben kann. Bei Einschaltung von 25 Elementen in Leipzig geht es etwas besser, jedoch für ein nur annähernd gutes Correspondiren zu schlecht. Bei 115 Umdrehungen kann Leipzig ziemlich gut arbeiten; jedoch ist es geboten, die Geschwindigkeit noch mehr zu vermindern. Bei 108 Schlittenumläufen in der Minute konnte die Correspondenz, wenn auch Berlin nicht so tadellos erhielt wie Leipzig, mehr oder weniger gleichmäßig abgewickelt werden. Mit 100 Umdrehungen, der niedrigsten Geschwindigkeit, welche beiderseits genommen werden konnte, war die Uebermittlung für beide Theile vollkommen gut. Berlin hatte bei diesen Versuchen eine Batterie von 20, Leipzig eine solche von 25 Elementen, da mit 20 Elementen Berlin sehr mangelhaft erhielt.

Beim Hughes wird auf dem nehmenden Amt der Anker, nachdem ihn der Auslösehebel auf die Polflächen zurückgebracht und dann verlassen hat, durch den die Drahtrollen umkreisenden abfließenden (hier dem Telegraphirstrome gleichgerichteten) Entladungsstrom, wenn auch nicht zum zweiten Mal abgestoßen, so doch so lose auf den Polflächen aufliegend gehalten, daß derselbe durch starke Erschütterungen abgeschnellt wird. Diese Erschütterungen erzeugt der Hughes-Apparat durch die Verkupplung, und es werden die dadurch entstehenden Stöße in allen Fällen den Anker abstoßen, wo die Verkupplungen schnell auf einander folgen; doch lassen sich diese Erscheinungen am Hughes durch ein langsames Arbeiten beseitigen. (Nach der Deutschen Allgemeinen Polytechnischen Zeitung, 1877 S. 203.)

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