Titel: Ueber Behandlung der städtischen Kanalwässer.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1878, Band 228 (S. 271–277)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj228/ar228089

Ueber die Ausnutzung und Unschädlichmachung der städtischen Kanalwässer durch Berieselung.

Durch die bereits (1878 227 401) mitgetheilte ministerielle Entscheidung tritt an die Städte die Nothwendigkeit heran, ihr Kanalwasser zu reinigen, bevor sie dasselbe in den Fluſs ablassen. Es möge daher ein kurzer Ueberblick über die neuesten Beobachtungen und Erfahrungen auf diesem Gebiete folgen.

Paris, Ueber die Verunreinigung der Seine durch das Pariser Kanalwasser liegen einige Berichte1) vor, denen wir Folgendes entnehmen.

Bekanntlich wurde zur Zeit des Kaiserreiches in allen amtlichen Organen erklärt, die Abfuhr sei die einzige Methode, die überhaupt nur billiger Weise vom gesundheitlichen und volkswirthschaftlichen Standpunkte aus annehmbar sei; es sind die weitgehendsten Behauptungen, wonach jedes andere Verfahren verwerflich, ja verbrecherisch sei, gerade in Paris aufgestellt und ausgesprochen worden. So ist auch in Paris keine geregelte, systematische Kanalisation entstanden, sondern heimlich, unvollständig haben die Techniker der absoluten Nothwendigkeit Rechnung tragen müssen und für die flüssigen Abfallstoffe, deren Beseitigung durch Abfuhr unausführbar ist, unterirdische Abzugsleitungen angelegt. Paris hatte i. J. 1837 67km, 1850 130km Kanäle und besitzt jetzt über 800km. Diese Kanäle nehmen das Regen – und Hauswasser, einen Theil des Straſsenschmutzes und die flüssigen Abgänge der Diviseurs2) auf.

Die Mündung des Hauptkanales bei Clichy führt der Seine in jeder Secunde etwa 2,5, die des kleineren Kanales bei Saint-Denis 0,5, beide also 3cbm, oder im Jahre etwa 100000000cbm Schmutzflüssigkeiten zu. Diese Massen führen 125000t suspendirte Stoffe mit sich, welche den Fluſs verschlammen, und, da sie 10 bis 25 Proc. organische Stoffe mit 0,4 bis 0,6 Proc. Stickstoff |272| enthalten, stark fäulniſsfähig sind. Auſserdem enthält 1cbm der beiden Kanalwasser im Durchschnitt:

Clichy Saint-Denis
Stickstoff 40g 140g
Flüchtige oder brennbare Stoffe 660 1380
Unorganische Stoffe 1400 1940
––––– ––––––
2100 3460.

Die ungemein starke Verunreinigung des letzteren Kanalwassers erklärt sich durch die Zuflüsse aus den Abfuhrdepots bei Bondy3), welche der Kanal von Saint-Denis aufnimmt.

Da die Seine bei niedrigem Wasserstande selbst nur 45cbm Wasser in der Secunde führt, so ist es leicht begreiflich, daſs dieselbe durch diese Zuflüsse hochgradig verunreinigt werden muſste. Nach dem Bericht der am 22. August 1874 vom Minister ernannten Commission ist der Zustand des Flusses vor Paris noch gut, ändert sich aber unterhalb der Brücke von Asnières sofort. Am rechten Ufer ergieſst sich aus dem groſsen Kanal von Clichy ein Strom schwärzlichen Wassers und setzt sich in der Seine in Gestalt einer parabolischen Curve fort. Dieses Wasser ist bedeckt mit organischen Resten aller Art, mit Gemüseabfällen, Pfropfen, Haaren, todten Hausthieren u.s.w., und meist mit einer fettigen Schicht überzogen. Der abgesetzte Schlamm häuft sich trotz fortgesetzter Baggerung, durch welche jährlich über 80000cbm fortgeschafft werden, immer mehr an, geht in Fäulniſs über und entwickelt oft mächtige Blasen von 1 bis 1m,5 Durchmesser, die den faulen, schwarzen Schlamm mit an die Oberfläche ziehen. Das Gas einer solchen Blase hatte folgende Zusammensetzung:

Sumpfgas 72,88
Kohlensäure 12,30
Kohlenoxyd 2,54
Schwefelwasserstoff 6,70
Verschiedenes 5,58
––––––
100,00.

Da ist es denn nicht zu verwundern, wenn die Fische absterben, wenn II Seinewasser hier 7mg,3 Stickstoff enthält, dagegen nur 1cc Sauerstoff, während das nicht verunreinigte Fluſswasser 10cc,4 Sauerstoff enthält.

Bezüglich der Mittel zur Abhilfe dieser Uebelstände kommt die erwähnte Commission zu dem Schluſs, daſs eine Verlängerung der Sammelkanäle bis zum Seine-Busen oder dem Meer sehr theuer wäre und die Verunreinigung doch nur an eine Stelle der Küste verpflanzen würde. Auch eine Verlängerung der Kanäle bis zum Einfluſs der Olse würde die Verunreinigung des Flusses nur weniger bemerkbar machen, sie aber nicht verringern. Das Absetzenlassen in groſsen Behältern würde die Luft verunreinigen und doch keinen genügenden Erfolg haben; noch weniger ist die Filtration des Kanalwassers praktisch ausführbar.

Auf den Vorschlag von Le Chatelier wurden in groſsen Behältern bei Clichy und bei Gennevilliers groſse Massen Kanalwasser mit schwefelsaurem Aluminium gefällt. Das Wasser hatte vor (I) und nach (II) dieser Behandlung folgende Zusammensetzung:

I II
Flüchtige und brennbare Stoffe 729 240
Stickstoff 37 21
Mineralstoffe 2038 724
–––– ––––
2804 985.
|273|

Von den 37g Stickstoff in 1cbm Kanalwasser waren also 21g nicht mit gefällt; die Reinigung war demnach durchaus ungenügend (vgl. 1874 211 214), kostete aber für 100cbm über 1 Fr.

Auf Veranlassung von Mille wurden in den J. 1867 und 1868 auf einem kleinen Felde bei Clichy Versuche gemacht, das Kanalwasser durch Berieselung zu reinigen. Im Juni 1869 wurden diese Versuche ausgedehnt und wurde mittels Centrifugalpumpen ein Theil des Kanalwassers von Clichy 11m hoch durch eiserne Leitungen in die Ebene von Gennevilliers gepumpt. Anfangs wurde eine Dampfmaschine von 40e, seit 1873 eine von 150e und dann noch eine von 250e angewendet, die jede Secunde fast 1cbm Wasser fördern. Auſserdem wurde, von dem Departement-Sammelkanal sich abzweigend, ein gemauerter Kanal von 1m,6 Höhe und 0m,9 Breite zwischen dem Thor de la Chapelle und der Brücke von Saint-Ouen angelegt, der secundlich etwa 0cbm,5 Kanalwasser durch natürliches Gefälle zuführt. Diese beiden Zuflüsse vereinigen sich in einem gemauerten Graben von 2m Breite und 1500m Länge auf den Deichen von Asnières und Gennevilliers. Von hier aus wird das Wasser durch gemauerte Gruben, dann durch Erdgräben in die Furchen der Felder geleitet. Während so i. J. 1869 nur 650000, i. J. 1872 1500000, 1874 schon 8000000cbm zugeführt wurden, betrug die i. J. 1876 zur Berieselung verwendete Menge bereits 10653420cbm Kanalwasser. Die Gröſse der berieselten Fläche betrug i. J. 1869 6ha,4, trotz der Unterbrechung durch Krieg und Commune im November 1872 schon 51,2, im August 1874 115,5 und Ende 1876 bereits über 300ha. Die Länge der Leitungen und des Vertheilungsnetzes betrug i. J. 1875 erst 5700m, Ende 1876 bereits 26400m. Anfangs wurden diese Leitungen aus Ziegelmauerwerk, jetzt werden sie groſstentheils aus Beton hergestellt, welcher über einen beweglichen Kern gegossen ist.

Die Vertheilung des Kanalwassers geschieht nur mit Zustimmung der betreffenden Pächter oder Eigenthümer der berieselten Fläche. In der irrigen Meinung, die Fruchtbarkeit ins Ungemessene steigern zu können, nahmen diese anfangs durchschnittlich etwa 12cbm auf 1qm Fläche; i. J. 1876 betrug die durchschnittliche Rieselhöhe nur noch 4m,8 (für 220ha). Trotz dieser groſsen Rieselhöhe – dieselhe sollte 2m,5 nicht überschreiten, auf 1ha also nicht mehr als 25000cbm betragen – wird das Wasser vollkommen gereinigt. Das aus einer Drainröhre des Rieselfeldes abflieſsende Wasser enthielt in 11 nur noch 0mg,35 Gesammtstickstoff, das Wasser aus einem inmitten in den Rieselfeldern stehenden Brunnen nur 0mg,3. Es erklärt sich dieses ungemein günstige Resultat aus der Bodenbeschaffenheit der Ebene von Gennevilliers. Dieselbe bildet eine ausgedehnte, sandige und kiesige Anschwemmung von 7 bis 10m Mächtigkeit, die auf einer undurchlässigen Schicht ruht.

Sehr befriedigend ist auch das landwirtschaftliche Erträgniſs. Während 1ha der nicht berieselten Fläche 90 bis 100 Fr. Pacht bringt, werden für 1ha Rieselfläche 400 bis 500 Fr. bezahlt, 1ha bringt 60 bis 120t Luzerne, 100 bis 130t Gras, 100t Rüben, 90t Kohl, 50 bis 100t Carotten, 250 bis 300hl Kartoffeln, 60000 Köpfe Artischocken, 75t Wermuth oder 40t Pfefferminze u.s.w. Die Gemüse werden auf Märkten, von Gasthöfen und Krankenhäusern gern gekauft, Pfefferminze und Wermuth von Destillateuren verarbeitet. Der Werth der auf 1ha gewonnenen Producte beläuft sich auf 1500 bis 3000, in einzelnen Fällen selbst 10000 Fr.

Es wird nun beabsichtigt, einen neuen, 16km langen Kanal nach dem Walde von Saint-Germain zu bauen, mit Abzweigungen nach Gennevilliers, Nanterre, Argenteuil, Bezons, Sartrouville, Achères und damit eine Fläche von 6654ha, wovon 1423ha Stadteigenthum sind, der Berieselung zugänglich zu machen.

Selbstverständlich ist auch diese Anlage vielfach angegriffen und wurde namentlich behauptet, daſs das Wechselfieber in Gennevilliers zugenommen habe. Falls thatsächlich in Folge der mangelhaften Anlage4) eine derartige schädliche Wirkung hervorgebracht sein sollte, so ist doch hervorzuheben, daſs dieser Vorwurf eben nur die übermäſsig zugeführte Wassermasse, für deren |274| Abfluſs nur sehr unvollkommen gesorgt ist, nicht aber die Kanalflüssigkeit als solche trifft. Dem entsprechend spricht sich auch das bekannte Mitglied des deutschen Reichsgesundheitsamtes Finkeinburg (in Eulenberg's Zeitschrift, 1878 S. 167), welcher selbst in Gennevilliers war, dahin aus, daſs für ihn die Berieselung die rationellste und vielversprechendste Lösung der groſsen Frage der Stadtreinigung sei 5 und daſs er aus dem Berichte der Untersuchungscommission für Gennevilliers die Ueberzeugung geschöpft habe, daſs die dortigen Uebelstände in gar keiner Weise mit dem Berieselungssysteme selbst, sondern nur mit den daselbst begangenen Ausführungsfehlern zusammenhänge.5)

Der letzte französische Bericht hebt noch hervor, daſs Berieselung eingeführt wird auſser in England in Reims, Brüssel (4000ha), Florenz, Pest und Madrid. In Boston6) hat man umfassende Vorarbeiten zur Berieselung gemacht. Für Zürich richtet Bürkli-Ziegler7) 122ha Rieselfläche ein. Von den 50000 Einwohnern, deren Abwasser in die Züricher Kanäle gelangt, haben 21000 etwa 1500 Abtrittkübel mit Ablauf, aus denen das Flüssige in die Kanäle abflieſst, die festen Stoffe aber abgefahren werden; von der übrigen Bevölkerung gelangt nur das Hauswasser in die Kanäle. Der Wasserverbrauch in Zürich beträgt für den Kopf 2201, die Abfluſsmenge aber durchschnittlich 4001, da in die Kanäle viel Grundwasser eintritt. Trotz dieser groſsen Wassermenge und obgleich Zürich keine Wasserclosets hat, ist das Kanalwasser stark fäulniſsfähig (vgl. 1878 221 404). Nach Abeljanz enthält 11 im Durchschnitt:

Groſse Stadt Kleine Stadt


Gelöst
Gesammtmenge
Organische Stoffe
Unorganische Stoffe
Stickstoff
Chlor
485mg
190
305
133
25
822mg
424
398
82
13

Suspendirt
Gesammtmenge
Organische Stoffe
Unorganische Stoffe
Stickstoff
149
103
46
16
100
91
9
13
Gesammtstickstoff 149 95.

Die Abtrittkübel will man beibehalten, also, wie in Paris, sogen. Abfuhr und Berieselung. Die Stadt Bern (Die Eisenbahn, *1878 S. 17) führt dagegen das Schwemmsystem ein, läſst aber das Kanalwasser in die Aar abflieſsen.

Die Rieselanlagen von Berlin und Danzig sollen später besprochen werden;, jetzt möge nur erwähnt werden, daſs A. Rufin8) für die Rieselfelder bei Osdorf namentlich den Flachsbau empfiehlt.

Besonders bemerkenswert!! sind noch die neuesten Versuche über die Unschädlichmachung des Kanalwassers durch Berieselung. Nach Ch. Lauth (Comptes rendus, 1877 Bd. 84 S. 617) enthielt 11 des Pariser Kanalwassers im Februar 1877:

mg
Schwebende Stoffe 1242,0
Gelöste Stoffe 682,0
Stickstoff als Ammoniak 6,9
„ „ Salpetersäure 1,9
|275|
mg
Stickstoff der unlöslichen Stoffe 14,0
„ der löslichen Stoffe 18,6
Gesammtstickstoff (nach Dumas) 35,0
Organische Stoffe 660,0.

Sich selbst überlassen, geht dieses Wasser bald in Fäulniſs über; wird es aber mit atmosphärischer Luft gesättigt, so fault es nicht. Ein solches Wasser enthielt in 11 vor (I) und nach der Behandlung mit Luft (II) folgende Stickstoffmengen:

I II
Unlöslicher Stickstoff 14,70 8,05
Löslicher Stickstoff 20,65 26,95
Stickstoff als Nitrat 1,17 1,12
„ „ Ammoniak 8,40 14,00
Gesammtstickstoff 38 38.

Diese Löslichmachung des Stickstoffes und Ueberführung in Ammoniak, ohne Nitrirung, wird noch durch Kalk beschleunigt. Die Entwicklung der im Kanalwasser enthaltenen Algen, Pilze (Penicillium) und Infusorien (Euglena, Paramecium) wird durch das Einleiten von Luft ungemein begünstigt; stinkende Gase treten hierbei nicht auf. Fäulniſs tritt nur ein, wenn das Kloakenwasser von der Luft abgeschlossen bleibt.

Th. Schlösing und A. Müntz (Comptes rendus, 1877 Bd. 84 S. 301. Bd. 85 S. 1018) brachten in ein weites Glasrohr von 1m Länge 5k Quarzsand gemischt mit 100g Kalkpulver und auf dieses jeden Tag so viel Pariser Kanalwasser, daſs die Flüssigkeit 8 Tage gebrauchte, um durch diese Sandschicht hindurch zu sickern. Das abfiltrirte Wasser enthielt keine Nitrate, und der Ammoniakgehalt desselben blieb unverändert. Erst am 20. Tage trat Salpeter auf, die Menge desselben nahm schnell zu, während der Ammoniakgehalt entsprechend vermindert wurde. Diese Erscheinung spricht gegen die bisherige Annahme, daſs die Umwandlung des Ammoniaks zu Nitraten lediglich eine Oxydation durch den Sauerstoff der Atmosphäre sei; sie wird aber sofort erklärlich durch die Annahme organisirter Fermente, welche offenbar erst nach der zufälligen Aussaat und Entwicklung ihrer Keime wirken konnten.

Nachdem diese Salpeterbildung 4 Monate gedauert hatte, lieſs man Chloroformdämpfe auf das Rohr einwirken. Das abflieſsende Wasser enthielt bald keine Spur von Nitrat mehr, wohl aber wieder ebenso viel Ammoniak als das aufgegebene Kanalwasser; die Schmutzflüssigkeit war durch die Sandschicht filtrirt, aber nicht gereinigt. Das Chloroform, welches auf die nicht organisirten Fermente ohne Wirkung ist, wohl aber die organisirten tödtet (vgl. 1875 218 279) hatte offenbar die Salpeter-bildenden Organismen sämmtlich getödtet, und so trat auch in den folgenden Wochen keine Salpeterbildung ein trotz reichlichen Luftzutrittes und gleichmäſsiger Temperatur von etwa 15°. Nun wurden 10g einer Erde, deren Salpeter-bildende Eigenschaft bekannt war, auf die Versuchsröhre gebracht. Genau nach 8 Tagen enthielt das abflieſsende Wasser wieder Nitrate, deren Menge rasch zunahm, während das Ammoniak und die organischen Stoffe verschwanden; das Kanalwasser wurde jetzt wieder vollkommen gereinigt. Auch durch Glühen, selbst durch Erhitzen auf 100°, verlor der Versuchsboden seine Salpeter-bildende Eigenschaft, erhielt dieselbe aber sofort wieder durch Zusatz einer geringen Menge nicht erhitzter Erde.

In entsprechender Weise wurden von R. Warrington (Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft, 1877 S. 2241) vier Glasröhren jede mit 100g feuchter Gartenerde gefüllt; durch die erste Röhre wurde nur Luft angesaugt, durch die zweite Luft, welche mit Carbolsäure geschwängert war, durch die dritte solche, welche Dämpfe von Schwefelkohlenstoff enthielt und durch die vierte mit Chloroformdunst vermengte Luft. Zwei Reihen von Experimenten, bezüglich 39 und 46 Tage dauernd, wurden angestellt; am Ende einer jeden wurden die vorhandenen Nitrate bestimmt und mit dem in der ursprünglichen Bodenart gegenwärtigen verglichen. Das Ergebniſs der Parallelversuche war der folgende Gehalt von Stickstoff in Gestalt von Nitrat und Nitrit in 1l lufttrocknen Bodens:

|276|
mg mg
Ursprüngliche Bodenart 6,12 8,91
Boden durchzogen von Luft 40,87 50,86
„ „ „ „ und Carbolsäure 17,20 40,77
„ „ „ „ „ Schwefelkohlenstoff 6,70 9,75
„ „ „ „ „ Chloroform 9,48 7,86.

Die Beobachtung von Schlösing und Müntz mit Bezug auf Chloroform ist somit richtig. Schwefelkohlenstoff ist ebenso wirksam, während Carbolsäure scheinbar nur geringe Wirkung besitzt; allein diese sonderbare Erscheinung erklärte sich durch den Umstand, daſs die Säure in dem obern Theile der Erdschicht zurückgehalten wird, so daſs die Nitrification im untern Theile vorwärts geht.

Um auch die positive Seite zu prüfen, d.h. um zu erfahren, ob Ammoniakhaltige Flüssigkeiten durch Einführung von Fermentsamen nitrificirt würden, hat Verfasser vier Fläschchen je mit 500cc einer dünnen, 20mg Stickstoff auf 1l Flüssigkeit enthaltenden Salmiaklösung, der etwas Kaliphosphat und Kalkcarbonat zugesetzt werden, gefüllt und zwei derselben im Lichte stehen gelassen, die übrigen zwei in einem dunklen Kasten gesperrt. Zu einer Flasche des ersten und einer des zweiten Flaschenpaares wurde eine kleine Menge einer etwas Mycelium enthaltenden Bodenart zugefügt; nach kurzer Zeit schon war alles Ammoniak in der dunkel gehaltenen Flasche verschwunden, während der Inhalt der im Lichte verbliebenen sich unverändert zeigte. Die nitrificirte Flüssigkeit wurde demnächst zum Befruchten der andern zwei Flaschen – eine im Dunkeln, eine im Licht – welche den ganzen Sommer über unverändert geblieben waren, benutzt*, hier trat ebenfalls Nitrification in der dunkel gehaltenen Flasche ein, nicht aber in der andern.

F. Falk (Vierteljahrschrift für öffentliche Gesundheitspflege, 1877 S. 677) hat auf 300cc in einer ähnlichen Röhre befindlichen Sand täglich 6cc Versuchsflüssigkeit getröpfelt, so daſs nach 8 Tagen das erste Filtrat in das untergesetzte Becherglas abtropfte. Eine Lösung von Emulsin aus süſsen Mandeln, in dieser Weise durch Sand filtrirt, hatte seine Fermentwirkung auf Amygdalin völlig verloren, während eine ebenso alte Lösung, in einem Reagenzgläschen aufbewahrt, dieselbe behalten hatte. Die gleiche Ferment-zerstörende Wirkung zeigte sich beim Filtriren von einer Myrosinlösung, von Mundspeichel und von tuberculösem Sputum. Ferner wurde Blut eines wegen Milzbrand (vgl. 1877 226 215) getödteten Pferdes, mit 25 Th. Wasser verdünnt, durch den Sand filtrirt. Während von der nicht filtrirten Flüssigkeit 4 Tropfen genügten, ein Kaninchen innerhalb weniger Stunden zu tödten, erwies sich das Filtrat vollkommen unschädlich.

Nun wurden vom Berliner Kanalwasser, wie es auf die Rieselfelder gepumpt wird, und von welchem einige Cubikcentimeter genügten, bei einem Meerschweinchen eine septische Blutvergiftung zu erzeugen, täglich 6cc auf den Sand gegossen; das Filtrat war ebenfalls vollkommen unschädlich. Ebenso verhielt sich eine faulende Pferdefleischlösung, von der 2cc ein Meerschweinchen durch Septicämie tödteten, sowie ein Glycerinextract septischen Charakters. Es wurden also durch 8tägiges Verweilen im Sandboden nicht nur die sogen, ungeformten Fermente, sondern auch die organisirten vollkommen unschädlich gemacht. Selbst Strychnin und Nicotin wurden hierdurch zerstört. Wurde jedoch vorher ausgeglühter Boden verwendet, so filtrirten die meisten Lösungen unverändert hindurch; nur Emulsin und das faulende Fleischinfus wurden unschädlich gemacht.

Jeannel (Comptes rendus, 1875 Bd. 80 S. 796. Annales de Chimie et de Physique, 1875 Bd. 5 S. 571) hat eine Reihe Versuche über die Wirkung lebender Pflanzenwurzeln auf faulende Flüssigkeiten gemacht, die ihn zu folgenden Schlüssen geführt haben: Die Wurzeln vegetirender Pflanzen bewirken den Stillstand der Fäulniſs der organischen Stoffe, welche sich in suspendirtem oder gelöstem Zustande im Wasser befinden. Die Wurzeln lebender Pflanzen wirken als Sauerstoffquellen, da unter ihrem Einfluſs Bakterien, Monaden, die unter Luftabschluſs bestehenden Fermente der Fäulniſs, verschwinden |277| und an deren Stelle die luftlebenden Infusorien treten, welche in den verhältniſsmäſsig gesunden Gewässern leben. Der directe Versuch bestätigt demnach die allgemein giltige Ansicht, welche den Gewächsen die Eigenschaft zuschreibt, den mit thierischen, in Verwesung begriffenen Stoffen durchtränkten Boden zu reinigen. –

Wenn somit schon der unbewachsene Boden vermöge der darin enthaltenen Verwesungsorganismen nicht nur den Stickstoff in Nitrate überführt, sondern auch die dem thierischen Organismus direct schädlichen Stoffe zerstört, so geschieht dies noch mehr durch den mit Pflanzen bestandenen Boden der Rieselfelder. Die Berieselung ist demnach nicht nur das einzige, praktisch ausführbare Verfahren, die düngenden Stoffe der städtischen Kanalwasser landwirthschaftlich auszunutzen, sie genügt auch den Anforderungen der Gesundheitspflege, indem sie in Verbindung mit Kanalisation und Wassercloset die sämmtlichen menschlichen Abfallstoffe in kürzester Zeit beseitigt und unschädlich macht.

F.

|271|

Bulletin de la Société d'Encouragement, October 1874 S. 539. September 1875 S. 510. October 1875 S. 567. Januar 1878 S. 61. Comptes rendus, 1876 Bd. 82 S. 1087. 1877 Bd. 84 S. 617. Scientific American, 1877 Bd. 36 S. 367.

|271|

Nach Bürkli-Ziegler's Bericht an den Stadtrath von Zürich über den Besuch von Rieselanlagen (Zürich 1875) hat Paris 123938 Abtritteinrichtungen, und zwar

Aeltere feste Abtrittgruben85775
Abtrittkübel ohne Ablauf19203
Diviseurs mit Gruben für die Flüssigkeiten12520
Abtrittkübel mit Ablauf der Flüssigkeit in die Kanäle 6440.
|272|

Bekanntlich werden die in dem städtischen Abladebehälter an der Route d'Allemagne (Depotoir von La Villette) entleerten Pariser Abfuhrstoffe durch ein Druckrohr in den Wald von Bondy geschafft, um dort landwirtschaftlich verwerthet zu werden. Eine englische Gesellschaft übernahm 1872 die Ausbeutung dieser Abladestelle, zog sich aber bald, nachdem sie 5 Millionen Franken zugesetzt hatte, wieder zurück. An eine nutzbringende Poudrettefabrikation ist eben nicht wohl zu denken. Vgl. Ferd. Fischer: Verwerthung der städtischen und Industrie-Abfallstoffe (Leipzig 1876), S. 117.

|273|

Deutsche Vierteljahrsschrift für öffentliche Gesundheitspflege, 1877 S. 448.

|274|

Vgl. Project für eine Berieselungsanlage bei Zürich (Zürich 1876), S. 29 und Anhang. Friedr. Sander: Handbuch der öffentlichen Gesundheitspflege (Leipzig 1877), S. 403.

|274|

Report of the Board of health of the city of Boston (Boston 1875). The severage of Boston (Boston 1876). A special report on the pollution of rivers (Boston 1876). The pollution of streams (Boston 1877). Referent verdankt diese interessanten Berichte der Güte des Hrn. Ripl. Nichols, der sich an diesen Versuchen in hervorragender Weise betheiligt hat.

|274|

Bürkli-Ziegler und Haster: Bericht über den Besuch einer Anzahl Berieselungsanlagen (Zürich 1875).

|274|

A. Rufin: Die Rieselwirthschaften groſser Städte (Berlin 1878).

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