Titel: Zur Kenntniſs des Erdöles.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1878, Band 228 (S. 531–543)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj228/ar228175

Zur Kenntniſs des Erdöles.

Geschichte. Nach Herodot wurde das Erdöl der Insel Zante, von ihm Pissasphaltum genannt, zum Einbalsamiren der Leichname gebraucht. Plutarch berichtet über den brennenden Erdölsee bei Ekbatana; Plinius und Dioscorides schreiben, daſs das Petroleum von Agrigent in Sicilien von den Einwohnern zur Beleuchtung benutzt werde (vgl. 1865 178 107). Die hannoverschen Erdölquellen sind wahrscheinlich schon den ersten Ansiedlern dieser Gegend bekannt gewesen; aus einigen derselben wird seit 500 Jahren das zu Wagenschmiere und als Arzneimittel verwendete Steinöl (Oleum petrae) gewonnen (vgl. 1821 5 124). Auch das Vorkommen des Petroleums in Galizien, Rangoon, Baku ist seit Jahrhunderten bekannt1); aber erst, nachdem am 27. August 1859 auf den Vorschlag von G. H. Bissel, die unterirdischen Oeladern mittels artesischer Brunnen anzuzapfen, von Drake das erste Bohrloch bei Titusville niedergebracht war, wurde der groſse Werth desselben allgemein erkannt.

Vor mehreren Jahren fand man in der Nähe von Titusville runde, bis 9m tiefe und 2m weite Schächte, welche ausgezimmert and so tief abgesenkt waren, bis sie eine Erdöl führende Kluft erreichten. Dieselben waren meist mit Erde ausgefüllt und mit Humus bedeckt, in welchem sich die Wurzeln sehr alter Bäume ausbreiteten, so daſs diese bergmännischen Unternehmungen vor mehr als 500 Jahren im Betriebe gewesen sein muſsten. Aehnliche Reste |532| einstiger bergmännischer Thätigkeit findet man in Ohio und Canada.2) Nach Höfer müssen dieselben einem Volke zugeschrieben werden, welches vor den Indianern jene Gegenden bewohnte, das bereits das Kupfer am oberen See und die Bleierze bei Lexington ausbeutete, bemalte glasirte Geschirre hatte und unter dem der Gebrauch von Bronze zu Waffen und Schmuck bereits allgemein üblich war, welches dann aber wieder vollständig verschwand. Auf einer Karte von 1670 ist nach Höfer in der Nähe des jetzigen Ortes Cuba (N.-Y.) „Fontaine de bitume“ eingeschrieben und auf einer Karte von 1755 ist an der Mündung des jetzigen Oil Creek in den Alleghanyfluſs das Wort „Petroleum“ eingezeichnet. Dieses pennsylvanische Erdölvorkommen wird zuerst von Charlevoix in seinem Journale Mai 1721 erwähnt; derselbe berichtet, daſs nach Mittheilung des Capitäns de Joncaire an einem Hauptarme des Ohio, dem Alleghany, eine Quelle sei, welche eine ölartige Substanz führe, die zur Beruhigung von Schmerzen aller Art verwendet werde. Im J. 1750 berichtet dann der Commandant des Fort Duquesne, jetzt Pittsburg, an General Montcalm über eine Ceremonie der Seneca-Indianer, die jährlich zusammenkämen und das aus dem Boden sickernde Oel als Freudenfeuer anzündeten. Das durch Eintauchen von wollenen Decken oder Abschöpfen mit flachen Löffeln gewonnene Seneca-Oel wurde fast ausschlieſslich als Heilmittel für Wunden u. dgl. verwendet und theuer bezahlt. Noch im Anfang dieses Jahrhunderts kostete 1l Erdöl etwa 19 M. Der Preis für 1l Oel ging in Pittsburg zwar rasch herunter, so daſs er im J. 1843 nur noch 1 M. betrug; doch wurden immer nur verhältniſsmäſsig geringe Mengen gewonnen, und mehrfache Versuche, das Oel in gewöhnlichen Lampen zu brennen, schlugen fehl.

Am Muskingumflusse wurden i. J. 1814 zwei Brunnen zur Gewinnung von Salz gegraben; die Soole gab jedoch wegen des mit austretenden bituminösen Oeles ein völlig unbrauchbares Salz. Ein anderes Bohrloch gab im J. 1829 sogar so viel Oel, daſs durch den Brand des ausflieſsenden Petroleums umliegende Orte gefährdet wurden (vgl. 1836 62 159). Inzwischen blühte in Deutschland und Oesterreich die Mineralölindustrie auf und auch in Amerika wurde im J. 1850 die erste Theerölfabrik eröffnet; dies führte zur Erfindung besonderer Lampen, wodurch der raschen Einführung des Erdöles als Leuchtstoff der Weg geebnet wurde. Als nun, wie erwähnt, Drake (1861 161 76) 162 399) am 27. August 1859 in 22m Tiefe die erste ölführende Kluft eröffnete, die ihm täglich 40hl Oel im Werthe von etwa 2200 M. lieferte, brach das Oelfieber los, welches noch gesteigert wurde, als Funk im Februar 1861 den ersten überflieſsenden Brunnen in Pennsylvanien erhielt, der täglich 477hl Oel lieferte, und seinen Höhepunkt erreichte, als der „Phillips Well“ sogar täglich 3000 Faſs (4770hl) gab. Tausende strömten herbei, zahllose Bohrlöcher wurden durch Dampfkraft niedergebracht, in unbeschreiblich kurzer Zeit entstanden ganze Städte, es wurden ungeheure Reichthümer erworben, aber auch wieder verloren, als in Folge der plötzlich auf 2000000 Fässer (1 Faſs oder Barrel = 159l) gesteigerten Production der Preis für 1 Faſs an Ort und Stelle selbst auf 10 Cents herunterging, so daſs aus vielen überflieſsenden Brunnen das Erdöl in den nächsten Bach oder Fluſs abgeleitet wurde. In Folge dieses ungeheuren Preisrückganges nahm die Anwendung des Erdöles rasch zu. Die 38 Mineralölfabriken in den westlichen Hafenstädten, von denen 2 Albertit aus Neubraunschweig, die übrigen aber Bogheadkohle aus Schottland verarbeiteten, nahmen nun als Rohmaterial ausschlieſslich Erdöl und führten bald groſse Mengen dieses neuen Leuchtmaterials unter der Bezeichnung Kerosin (vgl. 1862 166 319), Pitt-Oel (vgl. Wagner's Jahresbericht, 1862 S. 675), oder als raffinirtes Petroleum (vgl. 1863 167 63) nach Europa aus. Entgegen der anfänglichen Ansicht von Ziurek (1862 166 77) und Jacobi (1863 169 120), daſs das amerikanische Erdöl der deutschen Mineralölindustrie keinen Abbruch thun würde, nahm die Einfuhr desselben derartig zu (vgl. 1863 169 476) |533| 1864 171 467), daſs fast nur die deutschen Braunkohlentheerfabriken die Concurrenz aushielten, um so mehr nun auch die Lampen verbessert wurden (*1863 167 460) und Marx (1862 166 348), Falk (1863 167 226) und Bolley (1863 169 130) zeigten, daſs das gereinigte Erdöl eine gröſsere Leuchtkraft habe als Solaröl.

In Folge der gesteigerten Nachfrage hoben sich die Preise und damit auch die eingeschränkte Produktion wieder. Dies traf mit der Entdeckung zusammen, daſs die Erdölablagerungen nicht, wie man bis zum J. 1866 geglaubt hatte, an die Richtung der oberirdischen Wasserläufe gebunden sei, sondern sich horizontal unter den Hügeln erstrecke und daher mit dem Bohrer in einer Tiefe erreicht werden müsse, welche um so gröſser wäre, je höher die Hügel sich erheben. Es wurden auf diese Weise im J. 1866 die Hügel Bennehoff, Pioneer und Stevenson, im J. 1867 die Hügel Tidioute und Triumph und im folgenden Jahre Pleasantville und Schambury mit Erfolg durchforscht. Alle diese Orte liegen nordöstlich oder nördlich von Franklin und werden unter der Bezeichnung „obere Oelregion“ zusammengefaſst; die „untere“, südlich von Franklin gelegene, deren Oelschichten durchweg über 300m tief liegen, wurde erst im October 1865 in Angriff genommen. Erst im J. 1868 wurde hier weitergebohrt, und jetzt gehört diese Gegend zu den ölreichsten von Nordamerika. Im J. 1873 hat man im südlichen Theile derselben bei Karns-City die Oelschicht des sogen, dritten Sandsteins durchstoſsen und 21m tiefer den vierten erreicht, aus welchem das 468m tiefe Bohrloch täglich 400 Faſs Rohöl liefert. Im März desselben Jahres wurde dann der sogen. Modoc-District erschlossen.

Im Bezirk Enniskillen (Canada), zwischen dem Erie- und Huron-See gewann Williams bereits i. J. 1857 etwas Naphta; nach den Erfolgen Drake's legte er Ende 1859 das erste Bohrloch an und fand durch dasselbe auch bedeutende Mengen Erdöl. Nun wurden zahlreiche 15 bis 40m tiefe Bohrlöcher niedergetrieben, namentlich im Thale des Bear-Creek, so daſs schon i. J. 1860 etwa 15000t Rohöl gewonnen wurden. Im folgenden Jahre erbohrte Shaw die erste flieſsende Quelle, die täglich fast 2000 Fässer oder 300t Oel lieferte. Ein 86m tiefes Bohrloch von Black und Matheson gab sogar einen 7m hohen Strahl und in jeder Minute 8 Fässer Oel. Allein sowohl diese, wie auch die pennsylvanischen Oelquellen (vgl. 1869 191 88) versiegten in wenigen, durchschnittlich in 3 Jahren; die genannte ganze obere Oelregion Pennsylvaniens ist denn auch innerhalb 10 Jahre fast vollständig erschöpft worden.3)

Die beispiellosen Erfolge in Nordamerika lenkten die Aufmerksamkeit auch auf die Erdölvorkommen in Europa, zunächst auf das galizische Petroleum.4) Die Auffindung des Erdöles, Ropa genannt, scheint hier im 13. Jahrhundert erfolgt zu sein; im J. 1788 wird erwähnt, daſs dasselbe in flachen Gruben gesammelt werde. Im J. 1848 brachten jüdische Geschäftsleute schwarzgrüne Ropa zu einem Apotheker in Lemberg, welches die Pharmaceuten Lukasiewicz und Zeh als rohes Bergöl erkannten, destillirten und als Steinol in den Handel brachten. Es wurde fast ausschlieſslich als Heilmittel verwendet; erst im J. 1853 gelang es ihnen, aus dem Rohöl ein zu Beleuchtungszwecken geeignetes Oeldestillat abzuscheiden. A. Schreiner und L. Stiermann in Drohobicz übernahmen nun eine jährliche Lieferung von 10000k Rohöl für die Nordbahn, und wurde durch diese Nachfrage die Förderung von Erdöl so vergröſsert, daſs die Bahn i. J. 1859 bereits ihren ganzen Bedarf von etwa 55000k aus Galizien beziehen konnte. Die amerikanischen Oelfunde gaben dieser Erdölindustrie erhöhten Aufschwung; noch i. J. 1859 gelang es Heindl, das galizische Oel von dem durchdringenden Gerüche zu befreien, 1863 errichtete Wagemann in Wien seine Raffinerie, und nun hob sich die Gewinnung von Steinöl und Ozokerit derart, daſs sie jetzt 30000t beträgt (vgl. 1872 206 237).

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Als im J. 1862 das Erdöl auch in Ruſsland eingeführt wurde, faſste ein pensionirter Gardeobrist Novosilzoff, in Erinnerung an die Beobachtung von Oelquellen, welche er 20 Jahre früher bei den Feldzügen im Kaukasus gemacht hatte, den Entschluſs, diese auszubeuten. Die ersten, mit 12 amerikanischen Bohr-Ingenieuren und Arbeitern ausgeführten Bohrungen im Taman-District hatten keinen Erfolg, obgleich sie innerhalb 2 Jahren 200000 Rubel kosteten. Nun wurden die Amerikaner entlassen und die Bohrungen mit russischen Arbeitern fortgesetzt. Im J. 1865 wurde für das Unternehmen der Bohringenieur Kind, dann der Geologe Hugo Hoffmann gewonnen. Am 4. Februar 1866 stieſs der alte Werkführer Peters bei einem Bohrversuche auf ein hartes Gestein; bald darauf erfolgten mehrere heftige Explosionen, welche das Bohrgerüst hoch in die Luft schleuderten, dann erschien ein Oelstrahl von anfangs etwa 50m Höhe. Nachdem dann dieses Bohrloch von Kind etwas tiefer gebohrt war, lieferte es täglich über 800t oder jährlich für 8760000 Rubel Oel.5)

Vorkommen. Von den Erdölvorkommen in Deutschland versprechen namentlich die in der Provinz Hannover von groſser Bedeutung zu werden. Aus dem Alluvialsande von Wieze bei Celle wird seit etwa 500 Jahren Erdöl ausgewaschen. Von den vorhandenen 8 Gruben ist nach Meyn6) jetzt nur noch eine im Betriebe, und zwar werden aus 40cbm Theersand jährlich etwa 10000k Rohöl ausgewaschen. Harper7), der das hannoversche Erdöl für devonisch hält, schätzt die Menge des hier liegenden Erdöles auf 5000000t. Leider ist der Bohrversuch einer englischen Gesellschaft nur bis 120m fortgeführt, obgleich hier Tiefbohrungen voraussichtlich erfolgreich sein würden. Bei dem nächsten Dorfe Steinvörde ist ein alter Petroleumbetrieb aufgegeben worden, weil der Sand Thon enthält, der das daraus gewaschene Oel zum Schmieren untauglich macht. Ein im vorigen Jahre ausgeführter Bohrversuch traf bei 78m auf ein bedeutendes Steinsalzlager. Ein anderes nahe liegendes Erdölvorkommen wird wegen des zu hohen Grundwasserstandes nicht ausgenutzt. Das Erdöl beim Dorf Hänigsen, Station Burgdorf, wird seit mehr als 300 Jahren mittels Binsen vom Wasser abgeschöpft, ähnlich wie es einst die Seneca-Indianer in Nordamerika thaten. Bei einem von einer belgischen Gesellschaft ausgeführten Bohrversuche wurden zunächst 7m Theersand, zum Diluvium gehörend, dann 400m Steinsalz-haltiger Keupermergel aufgeschlossen. Bei dem Dorfe Klein Eddesse ist der Boden derartig mit Steinöl getränkt, daſs durch dessen Verdunstung an der Oberfläche eine Schicht Asphalt entstanden war, die von der Hannoverschen Asphaltfabrik abgefahren und verarbeitet wurde. In einem nahe liegenden Steinbruch ist der Deistersandstein mit Erdöl getränkt. Auf den Wiesen bei den Dörfern Oedesse und Edemissen sammelt sich in sogen. Fettlöchern oder Theerkuhlen Erdöl, welches abgeschöpft wird. Ein i. J. 1874 von einer Hamburger Gesellschaft 80m tief niedergebrachtes Bohrloch |535| liefert täglich 120 bis 150k Oel von 0,84 sp. G.; ältere, mit Wasser gefüllte Bohrlöcher geben täglich 4 bis 5k von 0,92 sp. G. Jetzt wird von Ingenieur Kleissen aus Bremen weiter gebohrt. In der Nähe von Braunschweig sind auf dem sogen. Reitling etwa 30 Bohrlöcher von geringer Tiefe in den Jurathon niedergetrieben, die sämmtlich etwas Erdöl geben. Bei dem nahe liegenden Dorfe Hordorf quillt das Steinöl direct aus dem Boden. Bei Oberg, südlich von Peine, wurde ein kleines Bohrloch im Jurathon bis 120m niedergebracht, welches 35 Fässer (5565l) Erdöl lieferte, dann aber unbegreiflicher Weise aufgegeben wurde. Bei 75m Tiefe fand ein heftiger Ausbruch brennbarer Gase statt, welcher die gesammten Bohrgebäude zerstörte; eine solche Gasansammlung deutet auf groſsen Petroleumvorrath; noch heute entweichen aus dem Bohrloch brennbare Gase. Bei Oelsburg, in der Nähe der Ilseder Hütte, hat man intermittirende Erdölquellen beobachtet. Bei Sehnde (zwischen Hannover und Hildesheim) ist auf dem Gipfel des Theerberges seit alter Zeit eine Oelquelle bekannt. Zwei niedergebrachte Bohrlöcher, die bis zum Lias und Räth herunter gehen, liefern wöchentlich 400k Oel (vgl. 1865 178 326. 1866 180 167). In der Nähe von Hannover tritt in einem kleinen Brunnen, der im Thon (Senon) steht, etwas dunkles Oel zu Tage, das zu Wagenschmiere verwendet wird. Kaum 1km davon liegt der bekannte Asphaltbruch von Limmer, welcher zum oberen Jura gehört. Auſserdem findet sich Asphalt bei Vorwohle im südlichen Hils und Bergtheer bei Verden.8) Auch die Bohrungen bei Heide in Holstein haben beträchtliche Mengen Erdöl nachgewiesen (vgl. 1870 198 184). Die hier erschlossene, 300m mächtige weiſse Kreide enthält 13 Proc. Oel, so daſs hier mindestens 15000000t Petroleum lagern. Es scheint somit die nordwestdeutsche Ebene einen Vorrath von Erdöl zu haben, der dem amerikanischen nicht nachsteht, und welcher volkswirtschaftlich mehr bedeutet als die Goldwäschereien Californiens.

Von sonstigen deutschen Erdölvorkommen sind zu erwähnen das Elsasser bei Hagenau (vgl. 1873 207 176), Lobsann, Pechelbronn und Schwabweiler. Nach Le Bell9) und Mosler10) ist hier namentlich der miocene Sand von dem Oel durchdrungen. Man gewinnt in Pechelbronn seit d. J. 1785, in Schwabweiler seit 1841 mittels 68 und 83m tiefer Schächte sowohl das aussickernde dickflüssige Erdöl, als auch den ölhaltigen Sand, der in Schwabweiler abdestillirt wird. Geringe Mengen Oel finden sich auch am Tegernsee in Bayern und im Taunus.

In England ist Erdöl aufgefunden bei Alfreton und Coalbrookdale-Newcastle; in Frankreich bei Pzenas und Gabian und an den Abhängen |536| der Sevennen; in der Schweiz bei Neufchatel; in Italien am nördlichen Abhang der Apenninen, in Modena, bei Marzolaro und Neiano de Rossio, bei Armiano, Ritorbido und Voghera, bei Tocco im Pescarathal am östlichen Abhänge der Abruzzen (vgl. 1866 180 167), welches Vorkommen den untersten Subappenninenschichten angehört, die der oberen Kreide unmittelbar aufgelagert sind; dann bei Agrigent auf Sicilien.

Für Oesterreich11) ist besonders das galizische Erdöl wichtig (vgl. 1860 156 464. 1865 175 87. 1868 189 271. 1873 210 207). Nach v. Cotta (1866 181 153) erstreckt sich dieses Erdölgebiet in einer Breite von etwa 20km durch ganz Galizien hindurch bis westlich nach Mähren und Schlesien, östlich in die Bukowina, Moldau und Walachei hinein. Strippelmann gibt eine Karte des galizischen Erdölvorkommens und betont, daſs als Hauptsammelplätze des galizischen Erdöles die Sandsteine und Conglomerate des zur Kreideformation gehörenden neocomen Karpathensandsteines, weniger die eocänen Schichten der Tertiärformation für Westgalizien, für Ostgalizien die miocänen Mergel, Thone und Sandsteine mit Steinsalzeinlagerungen zu bezeichnen sind. Im Westen in Rupniow, Modarko, Mencina, Klenczany, Ubiad, Klimkowka, Mogilno, Posadowa wird das Oel vorläufig nur aus eocänen Schichten gewonnen, in Librantowa und Starawies auch aus neocomen Karpathensandstein, in Wawrska, Ropa, Losie, Petna, Watkowa, Mrukowa, Samokleski, Pilgrzymka, Lencyny, Ciechlin, Ropica ruska, Mencina wielka, Mencina mala, Sekowa und Siary gewinnt man das Oel wieder aus eocänen Schichten, während Dominikowice, Kryg, Kobylanka, Lipinki, Libusza, Wojtowa, Pagorcyna, Harclowa das Oel bereits aus zwei neocomen Sandsteinzonen entnehmen.

Die etwa 3400qkm umfassende Oelzone Westgaliziens beginnt nach Strippelmann (a. a. O. S. 6) an den äuſsersten westlichen, durch Oelspuren gekennzeichneten Orte Rupniow, wird gegen Süden begrenzt von Przyszowa, Neu- und Alt-Sandeck, Klimkowka, Wotowie, Krempna; gegen Osten durch die den west- und ostgalizischen Oelbezirk geographisch trennende Linie Krempna, Zmigrod, Lencyny, Jaslo, Szebnie; gegen Norden von Joslo aus durch das Ropathal bis Biecz und von hieraus durch eine etwa 25km von der südlichen Begrenzung rechtwinklig entfernte und annähernd parallel laufende Linie, die in Rupniow-Tymbark die Westgrenze bildet. Die etwa 10000qkm umfassende, fast 25km breite Oelzone Ostgaliziens, die bis jetzt nicht ausgenutzt wird, schlieſst gegen Westen an die östliche |537| Begrenzungslinie der westgalizischen Oelzone an, verfolgt gegen Süden eine den Hochkarpathen parallel laufende Richtung bis nach Zubie und setzt sich von hier in die Bukowina fort. In der Bukowina selbst hat man bei Kimpolung, Briaza, Stulpekany und Watramoldowitza mehrfach durch 15 bis 40m tiefe Schachte Erdöl gewonnen; auſserdem ist an vielen anderen Punkten Erdöl, meist mit Schraufit zusammen, nachgewiesen, während in Galizien dasselbe von Ozokerit begleitet ist.

An den südlichen Abhängen der Karpathen erstreckt sich in Ungarn ein Petroleumzug, der jedoch noch nicht ausgebeutet wird, festgestellt durch Erdöl in Kupfergruben des Grünsteinporphyrs, namentlich aber im Gebiet von Buch, Zemplin, Ungh-Bereg bis in die Marmaros und nach Siebenbürgen und Oesterreichisch-Schlesien. Erdöl ist ferner nachgewiesen in Niederösterreich, Salzburg, Kärnten, Tirol, Kroatien, Dalmatien, der Militärgrenze (vgl. 1867 185 164),

Rumänien12) hat Erdöl in der Walachei (vgl. 1864 171 239) namentlich in Matitza, Colibasch, Serada, Chiojda, Plojeschti, Valeburga (vgl. 1868 190 80); i. J. 1867 wurden 17000000l rohes Oel gewonnen, welches namentlich in Braila verarbeitet wird und nach O. Buchner (1864 172 392) allerdings weniger Leuchtöl gibt als pennsylvanisches Rohöl. Auſserdem ist Erdöl bei Mojanestin in der Moldau nachgewiesen.

Griechenland hat auf der Insel Zante bei Keri Erdöl; eine Gesellschaft schöpft jährlich aus einem Brunnen mittels Pumpen etwa 400 Fässer.

Ruſsland hat Erdöl in der Krim (vgl. 1866 181 79), im Kaukasus (vgl. 1866 181 160), namentlich im Gouvernement Baku auf der Insel Apscheron, berühmt durch die heiligen Feuer, Tiflis u.s.w. Erdöl ist ferner nachgewiesen in Sibirien an der Petschora und neuerdings reiche Lager von Chandor im Wolgagouvernement im Ssamaraschen und Ssimbirskschen Gebiete an der Wolga.13) Die Naphtaquellen von Baku erscheinen nach neueren Mittheilungen von Churchill unerschöpflich; an manchen Stellen springen im Sommer Oelfontainen von 30m Höhe und flieſst dann die Naphta meist unbenutzt ab. Im J. 1874 waren hier 180 Fabriken im Betriebe, von denen die beiden gröſsten sich zu Surakh Khana bei Balakhana befinden, welche das der Erde entströmende Gas als Brennmaterial benutzen.14)

In Asien findet sich ferner Erdöl in Ostindien15) am Euphrat, bei Doulokee in Persien, in Birma (Rangoon)16), bei Yenau Gyong (i. J. 1875 |538| 2000hl Oel), auf Java17), in China und Japan. Nach den neuesten Berichten soll das Erdöl in 10 Provinzen Japans gefunden werden, zwar seit 1200 Jahren bekannt sein, aber erst seit 6 Jahren benutzt werden. Japan hat jetzt 5 Raffinerien, welche das sehr flüchtige Oel verarbeiten.18)

In Centralafrika hat Livingstone stark Paraffin-haltiges Erdöl entdeckt. Auch in Südaustralien bei Gimarocha und auf Neuseeland soll Petroleum gefunden werden.19)

Amerika20) hat Erdöl auf Cuba, Trinidad (vgl. 1864 173 483) und Barbados, in Mexiko21), Venezuela, Ecuador, Peru, Bolivia22), Brasilien und neuerdings reiche Quellen in der argentinischen Provinz Jujuy. Besonders reich an Petroleum ist aber Nordamerika (vgl. 1865 176 328. 1877 225 504). Bezüglich des geologischen Vorkommens kommt Höfer (a. a. O. S. 80) zu folgenden allgemeinen Schlüssen:

1) Sämmtliche Vorkomnisse des östlichen Nordamerikas gehören der paläozoischen Gruppe an.

2) Die verschiedenen Vorkommen liegen nicht in gleichem geologischen Horizont, ja nicht einmal in derselben Gruppe.

3) Die tiefsten oder ältesten ölführenden Schichten gehören der untersilurischen Trentongruppe an (Manitouline-Insel und andere Punkte Canadas); das nächst höhere Niveau, von den bituminösen Niagarakalken von Chicago abgesehen, wird der Lower Heldenberg- und Oriskany-Gruppe zugerechnet (Vorkommen von Gaspé). Im Devon ist der Corniferous-Kalkstein der Träger des Rohöles von Enniskillen (Canada), den tiefsten Punkt der rentabeln Vorkommen bildend. Die darauf folgende Hamiltongruppe enthält an ihrer oberen Grenze schwarze Schiefer (Genesee-Zone) mit bis 16 Proc. Bitumengehalt. Diese sind vorwaltend der Sitz der Gasquellen in Nordpennsylvanien und Ohio, ohne Petroleum in nennenswerthen Mengen zu führen. Die darauf liegende Chemuny-Gruppe führt die für die dermaligen Handelsverhältnisse dominirenden Oellager Pennsylvaniens. Selbst bis zu den untersten Gliedern der produktiven Steinkohlenformation läſst sich die Oelführung nachweisen; weiter hinauf, also im Carbon, ist keine beachtenswerte Petroleum-führende Schicht.

4) Ein Theil der Vorkommen zeigt das Oel an bestimmte concordante Schichten gebunden (Pennsylvanien, Canada zum Theil), ein anderer führt das Petroleum in Spalten (Ohio, Westvirginien). In ersterem Falle sind durchweg die porenreichen Gesteine (Conglomerate, grobkörnige Sandsteine, cavernöse Kalksteine) die hervorragenden Träger des Oeles; an nur vereinzelten Stellen erwiesen sich auch die Schieferthone als ölführend, haben jedoch in den günstigsten Fällen nicht die Bedeutung der vorher genannten Gesteine.

5) In Canada, Ohio und Westvirginien, auch Pennsylvanien, ist die Hauptmenge des Oeles zweifelsohne an den Rücken der Anticlinalen aufgehäuft, welche letztere zuweilen so unbedeutend sind, daſs sie erst durch genaue geodätische Messungen constatirt werden können. Die Anticlinalen sind somit der sicherste Anhalt beim Schürfen, und zwar führen die sanftgewellten das Oel in hervorragenden Quantitäten, während in den stärkeren Aufbrüchen derselben Formation im Alleghanygebirge nur vereinzelte Spuren von Petroleum gefunden werden.

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6) Innerhalb einer Oelregion, welche das Oel in Schichten führt, liegen die einzelnen Niveaux nicht in gleicher Hohe, bezieh. sie sind nicht gleichalterig.

7) In Klüften auftretendes Oel ist weder an eine Formation, noch an den petrographischen Habitus der Glieder derselben gebunden. Diese Klüfte pflegen am Rücken der Anticlinalen zu erscheinen.

8) Die einzelnen Oelgebiete von Pennsylvanien, Ohio, Westvirginien und Kentucky-Tennessee liegen westlich vom Alleghanygebirge, und zwar zu diesem parallel.

Die eigentliche Oelregion Pennsylvaniens ist ein schmaler, etwa 100km langer Landstrich, der sich in SSW = NNO-Richtung zwischen den Eriesee und Pittsburg hinzieht; von dieser über 8000qkm groſsen Fläche sind bis jetzt erst etwa 100qkm productiv. Zwischen dem Eriesee und Huronsee in der Grafschaft Enniskillen, namentlich in den Bezirken Bothwell, Lambion und Kent, liegt das technisch wichtige Erdölvorkommen Canadas, und zwar auf einer Fläche von etwa 30qkm zusammendrängt. Die übrigen Fundorte in Canada am Cap Gaspé, in der Georgsbucht u.s.w. sind ohne Bedeutung. In Nord-Ohio, an der Südküste des Eriesees, dem Oelgebiet von Enniskillen gegenüber, liegen die Nachbarcounties Cuyahoga und Lorain, in denen jahrelang wenig ergiebige Erdölbrunnen im Betrieb waren, jetzt aber aufgegeben sind. Auch Süd-Ohio, Westvirginien, Kentucky, Tennessee liefern nur wenig Oel.

Nach neueren Mittheilungen23) sind auch die Oelbohrungen in Californien von Erfolg gewesen. Das Oelterrain ist in Ventura County (Landschaft), dem südlichen Theile des Staates Californien, und die Oelstrata erstreckt sich durch die ganze Landschaft von Osten nach Westen, das Schwefelgebirge (sulphur mountain) genannt, welches sich bis zur Höhe von 600m erhebt und auf 21km ausdehnt. Es sind sowohl nördlich wie südlich dieser Gegenden Oelquellen erbohrt worden; die meisten jedoch in 400 bis 500m Tiefe. Die geologische Beschaffenheit gleicht ganz der pennsylvanischen; die Qualität des Oeles macht es jedoch weniger für Leucht- als mehr für Schmierzwecke geeignet, da es ein hohes specifisches Gewicht hat (0,840 bis 0,860). Im rohen Zustande hat es eine dunkelgrüne Farbe und ist merkwürdig geruchlos. Vorläufig werden im Ganzen nicht mehr wie 300 Barrels täglich gewonnen und die in Betrieb gesetzten Quellen sind auf Pumpwerke gestellt. An der Südküste Californiens flieſst bereits seit 50 Jahren das Bitumen aus der Erde dem Meere zu – ein Bitumen, gleich dem in Trinidad, welches seinerzeit bereits von den Spaniern zum Anstrich der Boote und Schiffe, sowie zur Dachdeckung gebraucht wurde, eine Anwendung, welche sich auch heute noch bewährt.

Entstehung des Erdöles. Ueber die Bildung des Erdöles gehen die Ansichten noch weit aus einander; stellte man doch, wie Wrigley (Special report, S. 143) berichtet, in Nordamerika sogar allen Ernstes |540| die Vermuthung auf, daſs es der Urin von Wallfischen sei, welcher durch unterirdische Kanäle vom Nordpole hier zusammenflieſse.

Nach Berthelot24) sollen sich im Innern der Erde aus Kohlensäure und Alkalimetallen Acetylüre bilden, die mit Wasserstoff Acetylen (C2H2) geben, aus dem Erdöl und theerähnliche Producte entstehen.

H. Byasson25) hat durch Erhitzen von Wasser, Kohlensäure und Schwefelwasserstoff in Eisengefäſsen zur Rothglut flüssige, dem Erdöl ähnliche Kohlenstoffverbindungen bekommen. Da nun Petroleum in der Nähe von Vulcanen auftritt, begleitet von Salz, Kohlenwasserstoff, Wasserstoff, Schwefelwasserstoff und Kohlensäure, so nimmt er an, daſs Meerwasser in Erdspalten eingedrungen sei, verschiedene Stoffe, namentlich Meereskalke mitgerissen und unter dem Einfluſs der hohen Temperatur in Berührung mit metallischem Eisen oder auch Schwefeleisen Erdöl gebildet habe.

Auch D. Mendelejeff26) führt aus, daſs die Bildung des Erdöles vorsilurisch sein müsse, die Entstehung desselben aus Organismen daher unwahrscheinlich sei. Von der Kant-Laplace'schen Hypothese von der Entstehung der Erde ausgehend, nimmt er in der Erde eine Ansammlung von Metallen an. Wenn man nun voraussetzt, daſs unter den Metallen Eisen vorwaltet, was nicht unwahrscheinlich ist, da dasselbe in Menge auf der Sonne und in den Meteorsteinen verbreitet ist, und die Existenz von Kohlenstoffverbindungen der Metalle zuläſst, so wird dadurch nach seiner Ansicht nicht nur die Entstehungsweise des Steinöles, sondern es werden auch alle Eigenthümlichkeiten seines Vorfindens an solchen Orten, wo die Erdschichten in Folge von Gebirgsemporhebungen von der inneren Seite einen Bruch erlitten haben müssen, begreiflich. Durch einen auf diese Weise entstandenen Riſs muſste das Wasser zu den Kohlenstoffmetallen dringen, bei der hohen Temperatur und Druck auf dieselben einwirken und dabei Metalloxyde und gesättigte Kohlenwasserstoffe bilden. Die letztern stiegen in Dampfform bis zu denjenigen Erdschichten empor, wo sie sich verdichteten und die lockeren Sandsteine, welche viel ölartige Producte aufzunehmen fähig sind, durchtränkten. Mit einer solchen Erklärung der Steinölgenesis vertragen sich angeblich viele andere Naturerscheinungen: das Vorherrschen von Elementen von geringem Atomgewicht an der Erdoberfläche; die Verbreitung des Mineralöles in geraden Linien oder in Bogen groſser Kreise; der Zusammenhang desselben mit dem Vulcanismus, welcher von vielen Forschern und besonders von Abich beobachtet war; die magnetischen Erscheinungen der Erde und viele andern Naturerscheinungen. Die fernem Metamorphosen des Steinöles, die Entstehung von Grubengas und ungesättigten Kohlenwasserstoffen aus |541| ihm, die chemische Zusammensetzung des Mineralöles aus verschiedenen Gegenden und des Salzwassers, welches das Steinöl stets begleitet, läſst Mendelejeff vorläufig unerörtert.

Dumas, H. Rose und Bunsen nehmen an, daſs das Erdöl den Kohlenwasserstoffen des Steinsalzes entstamme. Beim Lösen desselben durch unterirdisches Wasser entwichen dieselben theils gasförmig, theils wurden sie durch hohen Druck verdichtet.

Fötterle glaubt das Erdöl Galiziens aus den sehr bitumenreichen schwarzen Schiefern der eocänen Menilitgebilde herleiten zu müssen, durch welche dasselbe zu Tage tritt, und schreibt der Zersetzung von Schwefelkiesen, sowie äuſseren Temperatur- und Witterungsverhältnissen hierbei einen wesentlichen Einfluſs zu. Windakiewicz hält dem entgegen, daſs dann die Oelbildung ein an der Oberfläche vor sich gehender Proceſs sei; Erdöl findet sich aber auch in gröſseren Tiefen und meist an Orten, an denen die Schiefer gar nicht vorkommen.27)

Der sonst weit verbreiteten Ansicht, daſs das Erdöl unterirdischen Verkohlungs- oder Verbrennungsvorgängen von Steinkohlenlagern entstamme, trat Reichenbach28) mit der Thatsache entgegen, daſs das beim Verkohlen von Steinkohlen erhaltene Oel völlig verschieden sei von Erdöl; letzteres enthalte namentlich kein Paraffin und Eupion, welches in den Producten der trocknen Destillation niemals fehle. Da er nun beim Destilliren von Steinkohle mit Wasser ein Oel erhielt, welches dem Steinöle von Amiano und auch dem Terpentinöl sehr ähnlich war, so hielt er dieses für das Terpentinöl der vorweltlichen Pinien und als solches in den Kohlen fertig gebildet, aus denen es durch die Erdwärme abgeschieden werde. Gregory wies dann im Steinöle von Rangoon Paraffin und Eupion nach und betrachtete dasselbe daher wieder als ein Product der trocknen Destillation. Auch Kobell29) schloſs sich dieser Ansicht an, meinte aber, daſs die das Material liefernden Kohlen alles Bitumen verloren haben müſsten, weshalb nicht die gewöhnliche Steinkohle, vielleicht aber der Anthracit als Destillationsrückstand anzusehen sei. F. v. Hochstetter30), der i. J. 1865 die galizischen Oelfelder bereist hat, meint, daſs das dortige Erdöl aus einer unter dem Karpathensandsteingebirge sich hinziehenden Steinkohlenformation herzuleiten sei – eine Ansicht, welcher Strippelmann (a. a. O. S. 84) entgegentritt.

B. Kerl31) führt aus, daſs gegen die Annahme einer trocknen Destillation die Umstände sprechen, daſs dasselbe auch in altern Schichten vorkomme. Das durch trockne Destillation aus Kohle und bituminösen Schiefern erhaltene Oel enthält neben gesättigten viel ungesättigte |542| Kohlenwasserstoffe, Glieder der Benzolreihe, Säuren (Phenol, Cresol u.s.w.) Ammoniumverbindungen, Naphthalin, Anthracen u.s.w., die dem Steinöl fehlen. Da nun nach den Versuchen von J. A. Le Bell die ungesättigten Kohlenwasserstoffe in Berührung mit Wasser sich langsam verändern, so könnten auf diese Weise die ungesättigten Kohlenwasserstoffe aus einem durch trockne Destillation entstandenen Erdöl verschwunden sein.32)

Wahrscheinlicher ist die Bildung des Erdöles durch Zersetzung von Organismen bei niedriger Temperatur. Nach T. St. Hunt33) und Lesquereux sind es ausschlieſslich Meerespflanzen, namentlich Algen, bei deren langsamer Zersetzung unter Meerwasser, welchem das die Erdölquellen begleitende Salz entstammt, Gase und bituminöse Stoffe entstanden, die, durch übergelagerte thonige Gebirgsschichten eingeschlossen, das Erdöl bildeten. Dieser Ansicht wird entgegengehalten, daſs Steinöl auch oft unmittelbar aus Steinkohlenflötzen hervortritt, welche nachweisbar nur aus Landpflanzen gebildet worden sind. In manchen Steinkohlenwerken schwitzt und flieſst es aus dem davon imprägnirten Gesteine aus. Bei Coal-Port in Skropshire wurde sonst ein Faſs täglich gesammelt, und in den Schichten von Dawley und The Dingle bildet das Bergöl förmliche Traufen, gegen welche die Bergleute durch Breter geschützt werden müssen.34)

Well und Krüger haben auf Trinidad fossile Pflanzen gefunden, welche theils in Erdöl, theils in Lignit verwandelt waren, nicht durch Destillation, sondern durch einen eigenthümlichen chemischen Vorgang bei gewöhnlicher Temperatur und unter den gegebenen Bedingungen des dortigen Klimas. Auch Windakiewicz (a. a. O. S. 116) hält das Petroleum lediglich vegetabilischen Ursprunges, da dasselbe kein Ammoniak enthalte, meint aber, daſs Kohlenflötze, bituminöse Schiefer, fein durch ein Gestein vertheilte Pflanzentheile, Algen oder Baumstämme diese Kohlenwasserstoffe abgesondert haben können. Aehnlich äuſsert sich Draper (1865 178 111).

Im Gegensatz hierzu hält Höfer (a. a. O. S. 88) es zwar für möglich, daſs Ueberbleibsel einer marinen Flora zur Oelbildung mitgewirkt haben, obgleich keine bituminöse Fucoidenschiefer bekannt sind; ihm will es jedoch scheinen, daſs nach dem gegenwärtigen Stande der Wissenschaft man nur thierische Reste (Saurier, Fische, Mollusken) als Ausgangspunkt zur Erklärung der Petroleumgenesis mit Sicherheit voraussetzen darf, aus welchen sich unter Mitwirkung der Erdwärme durch eine allmälige Destillation unter entsprechendem Drucke das Rohöl gebildet hat. Schon früher hatte Bertels35) angegeben, daſs die |543| Naphta im Kaukasus durch die Zersetzung von Mollusken entstanden sei. Nach Müller36) häuften sich am Boden der Urmeere die zahllosen thierischen Leichen ganzer Schöpfungsperioden an, wurden mit Schlamm bedeckt und bildeten nun durch langsame Zersetzung das Erdöl, welches sich theils in unterirdischen Becken sammelte, theils in den auflagernden Erdschichten verbreitete. Nach Fraas entstammen die in Syrien auftretenden bituminösen Ablagerungen (Asphalt u.s.w.) der Thierwelt des Kreidemeeres. Der in den oberen Schichten der Juraformation vorkommende, von Erdöl begleitete Asphalt in Limmer bei Hannover ist ebenfalls thierischen Ursprunges.

Harper führt in seinem erwähnten Buche die Bildung des Erdöles auf die Zersetzung groſser Massen organischer Körper des Thier- und Pflanzenreiches zurück, namentlich in der Devon- und Kohlenformation. In der mesozoischen Gruppe, von der Triasformation bis zur Kreide ist daher nur wenig Erdöl zu finden, noch weniger in der Tertiärformation. Strippelmann (a. a. O. S. 84) schlieſst sich dieser Ansicht an. Er führt aus, daſs das Erdöl aus der Silur- und Devonformation nur thierischen Ursprunges sein kann, da die Bedingungen für das Pflanzenleben noch zu ungünstig waren, daſs das Erdöl der Kohlenformation theils thierischer, theils pflanzlicher Abstammung sei, daſs schlieſslich die jüngeren Formationen nur wenig Erdöl liefern konnten. Er hält es für zweifellos, daſs die Petroleumbildung an die Silur-, Devon- und Kohlenformation gebunden sei, daſs die unter Mitwirkung gröſserer Erdwärme vor sich gehende Zersetzung der massenhaft angehäuften pflanzlichen und thierischen Stoffe in ungekannten Tiefen sich noch in Thätigkeit befindet und, je näher wir derselben durch Bergbau rücken, wir auch auf eine Zunahme der Erdölmengen rechnen können. Aus diesem Herd der Erzeugung und dessen Sammelräumen sind die jetzt productiven Oelzonen zum Theil durch Gascondensationen, theils durch Capillaranziehung erfüllt worden und werden noch jetzt gefüllt.

Gewinnung, Verarbeitung und Anwendung des Erdöles sollen in einem folgenden Referat besprochen werden.

F.

|531|

Vgl. Leonhardi: Macquers chymisches Wörterbuch. 2. Th. (Leipzig 1788) S. 193.

|532|

H. F. Wrigley: Special report on the petroleum of Pennsylvania, 1874. Berg- und hüttenmännisches Jahrbuch, 1876 S. 137. H. Höfer: Die Petroleumindustrie Nordamerikas (Wien 1877). Louis Simonin: Souvenirs de mes voyages aux Etat-Unis, Paris 1876. B. Kerl in Muspratt's Chemie, 3. Auflage, Bd. 5 S. 967.

|533|

Vgl. American Chemist, 1871 S. 18. 1872 S. 409. 1875 S. 359.

|533|

Windakiewicz: Das Erdöl und Erdwachs in Galizien (Wien 1875). Berg- und hüttenmännisches Jahrbuch, 1875 S. 1. Strippelmann: Die Petroleumindustrie Oesterreich-Deutschlands (Leipzig 1878).

|534|

Wochenschrift für Oel- und Fettwaaren, 1878 S. 159.

|534|

Tageblatt der 49. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte, 1876 S. 37. Vgl. Wagner's Jahresbericht, 1862 S. 668. 1874 S. 977.

|534|

Harper: Rapport géologique sur un gisement de pétrole dans le Hanôvre (Bruxelles 1872).

|535|

Vgl. Berg- und hüttenmännische Zeitung, 1867 S. 288. 1870 S. 44.

|535|

Comptes rendus, 1871 Bd. 73 S. 499.

|535|

Katalog für die Bergwerks- und Hüttenproducte von Elsaſs-Lothringen für die Wiener Weltausstellung (Straſsburg 1873) S. 23.

|536|

Strippelmann: Petroleumindustrie, S. VIII und 52 bis 103. Berg- und hüttenmännisches Jahrbuch, 1875 Bd. 8 S. 4. Industrieblätter, 1869 Bd. 6 S. 112. Berg- und hüttenmännische Zeitung, 1866 S. 352. Oesterreichische Zeitschrift für Berg- und Hüttenwesen, 1873 S. 365. Wagner's Jahresbericht, 1862 S. 668. 1864 S. 672. 1866 S. 664. 1867 S. 727. Verhandlungen der geologischen Reichsanstalt, 1871 S. 356. Jahresbericht der Chemie, 1871 S. 1189.

|537|

Jahresbericht der Chemie. 1873 S. 1092. Notices sur la Roumanie (Paris 1867). S. 135.

|537|

Zeitschrift für Paraffinindustrie, 1877 S. 6.

|537|

Wagner's Jahresbericht, 1876 S. 1173. 1877 S. 1025.

|537|

Jahresbericht der Chemie, 1869 S. 1129.

|537|

Berg- und hüttenmännisches Jahrbuch, 1876 Bd. 14 S. 148. Zeitschrift für Paraffinindustrie, 1876 S. 17.

|538|

Wagner's Jahresbericht, 1862 S. 668.

|538|

Wochenschrift für Oel- und Fettwaaren, 1878 S. 153.

|538|

Chemisches Centralblatt, 1871. S. 752.

|538|

Höfer: Petroleumindustrie Nordamerikas, S. 35 bis 89. Berg- und hüttenmännisches Jahrbuch, 1876 Bd. 14 S. 152 bis 187. American Chemist, 1872 Bd. 2 S. 401. Bulletin de la Société d'Encouragement, 1876 Bd. 2 S. 502. Engineer, 1878 Bd. 45 S. 93.

|538|

American Chemist, 1872 Bd. 2 S. 290.

|538|

Wagner's Jahresbericht, 1868 S. 728.

|539|

Wochenschrift für Oel- und Fettwaaren, 1878 S. 84.

|540|

Comptes rendus, 1866 Bd. 62 S. 949.

|540|

Revue industrielle, 1876 S. 454.

|540|

Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft, 1877 S. 229.

|541|

Berg- und hüttenmännisches Jahrbuch, 1875 Bd. 23 S. 115. Vgl. Bischof: Geologie, 1863 Bd. 1 S. 789.

|541|

Schweiger's Journal, Bd. 59 S. 19.

|541|

Journal für praktische Chemie, Bd. 4 S. 1. Bd. 8 S. 305.

|541|

Jahrbuch der k. k. geologischen Reichsanstalt, Bd. 15 S. 206.

|541|

Muspratt's Chemie (Braunschweig 1877), Bd. 5 S. 984.

|542|

Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft. 1876 S. 60. Comptes rendus, 1875 Bd. 81 S. 967.

|542|

Chemical and geological essays, 1875 S. 168.

|542|

Industrieblätter, 1877 S. 158.

|542|

Wagner's Jahresbericht, 1875 S. 1059.

|543|

Zeitschrift für Paraffinindustrie, 1876 S. 70 und 97.

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