Titel: Die Gewinnung des Kautschuks am Amazonen-Strom.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1878, Band 228/Miszelle 12 (S. 380–382)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj228/mi228mi04_12

Die Gewinnung des Kautschuks am Amazonen-Strom.

Neuerdings hat sich die Aufmerksamkeit der indischen Regierung auf die Kautschuk liefernden Bäume Amerikas gerichtet, und sie hat Beamte ausgesendet, die nicht nur die Lebensbedingungen dieser Bäume, die Gewinnung und Behandlung ihres Productes studiren, sondern auch junge Pflanzen derselben gewinnen und nach Indien überführen sollen.

Robert Croſs berichtet im Geographical Magazine ausführlich über seine Reise nach Para zum Studium der Hevea elastica, welche den Para-Kautschuk liefert. Hiernach kam dieser Baum ebenso auf tiefem feuchtem Grande vor, welcher von der Ueberschwemmung nicht erreicht wurde, als an den Rändern der Gapos. Die Ausdünstungen des feuchten Bodens, die durch den Waldwuchs von 25 bis 30m Höhe niedergehalten wurden, machten sich sehr fühlbar und brachten Fieberanfälle nach sich. Auch die Kautschuksammler sollen während der Arbeitszeit häufig vom Fieber ergriffen werden. Die Methode des Abzapfens beobachtete Croſs am Ufer des Rio Guama, eines Flusses, der wohl dreimal so breit als die Themse bei London, doch auf keiner Karte ersichtlich ist. Hier waren hunderte Von Kautschuksammlern beschäftigt; jeder hatte sein besonderes Gebiet. Beim Beginn der Sammelzeit werden die Wege von Baum zu Baum gangbar gemacht und am Fuſse eines jeden Baumes eine Anzahl kleiner Becher aus gebranntem Thon niedergelegt, an starken Bäumen bis zu 12 Stück. Der Sammler bricht Morgens auf, so zeitig als möglich und sobald ihm das Tageslicht das Gehen im Walde gestattet. Am Baum macht er dann in 2m Höhe einen tiefen, nach oben laufenden Einschnitt mit dem Beile und setzt sofort einen Becher unmittelbar darunter, der durch ein wenig Lehm an die Rinde angeheftet wird. 10 bis 12cm davon, aber in |381| gleicher Höhe wird ein zweiter Einschnitt gemacht, bis der Kreis um den Baum vollendet ist, worauf ein anderer Baum an die Reihe kommt. Am folgenden Morgen wird 15 bis 20cm tiefer ein neuer Kreis von Einschnitten um den Baum gelegt und so fortgefahren, bis man den Boden erreicht, worauf man wieder oben in der Mitte zwischen den beiden ersten Kreisen von Neuem beginnt. Bei sehr saftreichen Bäumen wird mit dem Abzapfen zugleich von oben und von unten begonnen.

Der Ertrag ist natürlich verschieden. Selten wird der Becher, von dem etwa 30 auf 1l gehen, bis zum Rande voll. Der Sammler ist zufrieden, wenn der Becher zur Hälfte voll ist; aber oft findet er nur einen Eſslöffel voll. Der best milchende Baum, den Croſs beobachtete, hatte 12 Reihen mit je 6 Einschnitten, die er sämmtlich in einem Sommer erhalten hatte. Die trockene Jahreszeit ist jedenfalls die beste für das Einsammeln des Kautschuks, nicht als ob der Saft dann reichlicher flöſse, aber er ist freier von wässerigen Bestandtheilen. Am Vollmond soll, wie die Sammler behaupten, das Erträgniſs am reichsten sein.

Am oberen Amazonas und in der Provinz Ceara verfährt man beim Abzapfen anders. Die äuſsere Rinde wird sorgfältig gesäubert und um sie entweder eine Rinne von Lehm gelegt, oder eine Liane eng geschlungen und nun darüber eine Masse Einschnitte angebracht, worauf man den Saft von der Rinne, bezieh. Liane herab in eine Kalebasse leitet. Hierbei kann aber nicht umgangen werden, daſs mancherlei fremde Stoffe sich dem Safte beimischen, der dann nur als Saramby in den Handel kommen kann. Die Methode, welche in Para Anwendung findet, ist empfehlenswerther; doch sind auch hier manche Sammler bei der Verarbeitung und Verwendung des Lehms nicht so sorgfältig und sauber, als es zu wünschen wäre. Sowie alle Bäume mit Einschnitten versehen sind, kommt der Sammler zum ersten Baume zurück und entleert die Becher desselben in eine groſse Kalebasse, wobei er den Finger zum Ausstreichen der Becher zu Hilfe nimmt. Die zerstreuten Tropfen am Stamme oder am Boden der Becher werden ebenfalls sorgfältig gesammelt und in ein Gefäſs gethan; sie liefern den geringer werthigen Saramby. Da nun die Bäume oft weit aus einander stehen, so ist die Arbeit des Sammlers aufhältig und anstrengend, und es ist zu verwundern, daſs die Eingebornen nie darauf verfallen sind, Pflanzungen von Kautschukbäumen anzulegen, wobei viel Zeit und Mühe erspart werden könnte.

Der erbeutete Saft wird nun zu Schuppen getragen, die am Ufer des Flusses stehen. Hier wird der Kautschuk weiter verarbeitet. Ueber einem Holzfeuer und so, daſs die Luft von unten herzutreten kann, steht ein etwa 45cm hoher irdener Krug, dessen Boden ausgebrochen ist. Man wirft von oben Holz und Palmnüsse hinein, bis nur noch wenige Centimeter vom Rande fehlen. Es entsteigt ihm ein regelmäſsiger Rauch von bedeutender Hitze, nach Croſs etwa 42°. Die Form, auf welcher Kautschuk bereitet wird, gleicht einem flachen Ruder; sie ist meist an der Decke aufgehängt, da ihr Gewicht auſserdem die Handhabung erschweren würde. Ein dünner Ueberzug von feinem Lehm verhindert das Ankleben des Saftes, von dem 2 bis 3 Becher auf einmal über die Form ausgegossen werden. Man läſst erst abtropfen und dann bewegt der Arbeiter die Form in einer Höhe von 5cm über dem Krug und in einer so regelmäſsigen Schwingung, daſs alle Theile der Formfläche gleichmäſsig von dem heiſsen Rauche getroffen werden. Sofort nimmt die Milch einen gelblichen Schimmer an und bei der Berührung ergibt sich, daſs sie noch feucht ist und viel Wasser ausschwitzt. Nun wird die andere Fläche der Form verwendet, dann wieder die erste, und es werden so viele Lagen über einander gelegt, bis die Masse 10 bis 12cm dick ist. Dann setzt man die Form bei Seite und läſst sie abkühlen. Tags darauf wird sie herausgezogen; wenn dann der Kautschuk noch ein paar Tage zum Trocknen aufgehängt gewesen ist, kann er zum Verkauf gebracht werden. Croſs bezweifelt nicht, daſs man an der Stelle dieser umständlichen Bearbeitungsweise den Kautschuk ebenso gut zum Ausschwitzen des Wassers veranlassen könnte, wenn man die Milch in flachen Schüsseln der gleichmäſsigen Hitze durch kochendes Wasser aussetzt. Für Anpflanzung des brasilianischen Kautschukbaumes hält Croſs |382| viele Gegenden der malayischen Halbinsel, Britisch-Birmas, Ceylons und Coromandels ganz geeignet. Dieselben müssen aber noch südlich von 20° nördlicher Breite liegen und ihre Temperatur darf nicht unter 15° sinken, also etwa gleiche Verhältnisse, wie sie das Zuckerrohr verlangt. Für die Kautschukbäume eignen sich Oertlichkeiten, welche für andere Pflanzungen nicht benutzt werden können, z.B. häufig überfluthete Fluſsränder, Sumpf- und Marschländer. Groſs spricht die Hoffnung aus, daſs in wenigen Jahren indischer Para-Kautschuk in den Handel gebracht und dann den amerikanischen an Güte und Reinheit übertreffen werde. (Nach dem Oesterreichischen Handelsjournal, 1878 Nr. 7.)

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