Titel: Allgemeine Gewerbeausstellung der Provinz Hannover.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1878, Band 229 (S. 259–263)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj229/ar229086

Allgemeine Gewerbeausstellung der Provinz Hannover.

Mit Abbildungen.

(Fortsetzung von S. 185 dieses Bandes.)

Physikalische Instrumente. Obgleich die Landwirtschaft noch immer den hauptsächlichsten Nahrungszweig für die Bewohner der Provinz Hannover, eine der schwächst bevölkerten Preuſsens1), bildet, haben |260| sich doch auch einige Industriezweige zu einer Vollkommenheit entwickelt, daſs ihre Erzeugnisse weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt und gesucht sind. Zu diesen gehört die Herstellung physikalischer Apparate, deren Entwicklung die Gründung der Universität Göttingen (1737) und des Polytechnicums in Hannover (1830), ferner die Vornahme der Landesvermessungen und der Gradmessung unter Gauſs, sowie die rasche Entwicklung des Weg- und Eisenbahnwesens wesentlich begünstigt wurde.

Unter den von W. Apel in Göttingen ausgestellten Apparaten fällt zunächst das Totalreflectometer von F. Kohlrausch in die Augen, dessen einfachste Form bereits beschrieben wurde (vgl. *1878 228 425). Fig. 1 bis 4 Taf. 23 zeigen die Bestandtheile des verbesserten Instrumentes.

Der ausgeschnittene Fuſs des eisernen Gestelles a gestattet, die Beleuchtungslampe und etwaige Schirme beliebig zu nähern. Die 28cm hohe Säule ist so abgeschrägt, daſs sie die Beleuchtungsrichtungen möglichst wenig beschränkt; die beiden schrägen Seitenflächen bilden einen Winkel von 66° mit einander, so daſs man nur an einer von ihnen einen schwarzen Spiegel zu befestigen braucht, wenn man zu irgend einem Zwecke polarisirtes Licht bedarf. Der eiserne Ring b, welcher mit einem unten angegossenen seitlichen Vorsprung auf die Säule aufgeschraubt ist, dient zum Tragen des Theilkreises.

Der Theilkreis c mit Alhidade und Objectträger d (vgl. Durchschnitt Fig. 2), welcher letztere in der durchbohrten conischen Drehungsachse verschoben werden kann, hat an dem ausgeführten Instrument einen Durchmesser von 10cm. Die in Zehntelgrade getheilten Nonien2) erlauben die Einstellung der Alhidade bis auf einige Hundertel des Grades zu schätzen. Diese Dimensionen reichen aus, wenn die Winkelablesung |261| eine Genauigkeit des Brechungsverhältnisses auf einige Einheiten der 4. Decimale ergeben soll, welche für die meisten praktischen Bedürfnisse genügt, und welche einer Temperaturbeobachtung des Schwefelkohlenstoffes auf etwa 0,2° entspricht.

Das etwa 1½mal vergröſsernde kleine Fernrohr e hat eine Objectivöffnung von etwa 6mm und eine Länge von 40mm. Zum Visiren dient ein Fadenkreuz oder bei doppelt brechenden Substanzen eine Mikrometertheilung, um den Unterschied der zwei Strahlen genauer ablesen zu können, als es die Kreistheilung bei gesonderter Einstellung beider Grenzen gestattet. Mittels eines aufgeschnittenen Stieles f kann man das Fernrohr an einem Träger g längs einer Führung auf- und niederschieben. Die genaue Visirrichtung auf die Drehungsachse des Instrumentes wird vermöge dreier Schrauben in dem Träger bewirkt, an deren abgerundete Spitzen der Fernrohrstiel durch eine Zugschraube mit Mutter angedrückt wird. Der Kreis kann an den eisernen Ring in zwei um 90° verschiedenen Stellungen angeschraubt werden, so daſs das Fernrohr entweder nach der Säule gerichtet ist, oder dieselbe links liegen läſst.

Als Objectträger kann in die centrirte Durchbohrung des drehbaren Conus ein mit zwei Kugelgelenken versehener Halter d eingesetzt werden, an welchen nach der Natur des Objectes eine kleine Zange oder eine Doppelspitze (zum Aufstecken eines Korkes) angeschraubt werden kann. Ein zweiter Objectträger h für bequemere Orientirung ist in Fig. 2 in zwei Stellungen abgebildet. Derselbe besteht aus einer Platte mit einem Fensterchen, dessen Wände vorn abgeschrägt und möglichst zugeschärft sind, um noch sehr seitlichem Lichte den Zutritt zu ermöglichen. Die Vorderwand des Fensters ist geschwärzt. Die Rückwand ist eben abgehobelt und für manche Objecte zweckmäſsig vergoldet. Die Rückwand soll der Drehungsachse parallel sein, zu welchem Zwecke mit den drei Schrauben am Kopfe, gegen welche der Kopf durch eine starke Spiralfeder angedrückt wird, nachgeholfen werden kann. Die Objectplatte wird durch eine Feder i, nötigenfalls mit Unterlegung eines Korkes, an die Hinterwand des Fensters angedrückt. In der Mitte des Fensters kann ein verticaler Faden gespannt werden, den man mittels der Correctionsschrauben am Kopfe genau in die Drehungsachse bringen kann. Verzichtet man auf den Gebrauch dieses Fadens, so ist die Correctionsvorrichtung nicht nöthig.

Das Fläschchen k (Fig. 3) endlich, welches die Flüssigkeit aufnimmt, ist an seinem dickwandigen Bauche eben angeschliffen und mit einem angekitteten Stück Spiegelglas bedeckt. Dickflüssiges Gummi arabicum hält als Kitt gegen Schwefelkohlenstoff sehr gut. Am Theilkreise wird das Fläschchen durch einen Bajonnettverschluſs mit drei flachköpfigen Schrauben befestigt, welche genau in die Einschnitte der an das Fläschchen gekitteten Messingfassung einpassen. Die Form der |262| Einschnitte ermöglicht das Ansetzen des Fläschchens ohne viel Probiren. An den Kreis kann ein kleines Thermometer angehängt werden. Um zerstreutes Licht im Fläschchen zu erhalten, umgibt man das letztere mit Ausnahme der ebenen Wand mit stark durchscheinendem Oelpapier, welches mit etwas Wachs angeklebt wird. Passende Blenden dienen dazu, falsches Licht und strahlende Wärme möglichst abzuhalten. Insbesondere muſs der Hintergrund des Fläschchens dunkel sein.

Schlecht spiegelnde oder nicht ganz ebene Objecte lassen im Fernrohre die Grenze der totalen Reflexion schwierig erkennen. Durch theilweise Abblendung des Objectives kann man allerdings nachhelfen; in einzelnen Fällen aber beobachtet man besser mit blosem, auf unendlich accomodirtem Auge. Um hierbei zugleich eine unendlich entfernte Marke zum Visiren zu haben, wird anstatt des Fernrohres ein Rohr mit einem Faden hinter einer kleinen halben Linse (Fig. 4) eingesetzt. Das Auge kann alsdann zugleich direct nach der spiegelnden Fläche und durch die Linse nach dem Faden blicken. Auch der centrirte Faden des zweiten Objectträgers kann mit vorgesetzter, sehr kleiner Linse den Visirgegenstand vorstellen.

Das beschriebene Instrument sucht den Bedürfnissen zu genügen, welche etwa als diejenigen des Mineralogen und Krystallographen oder des praktischen Optikers charakterisirt werden können. Es steht nichts im Wege, dasselbe Verfahren zu einer gröſseren Feinheit auszubilden. Zu diesem Zwecke wird zunächst ein gröſserer Theilkreis verlangt; auch läſst sich ein gröſseres Fernrohr verwenden, da fehlerfreie Objecte vorausgesetzt werden. Um die Dispersion zu bestimmen, würde, abgesehen von der möglichen Verwendung von Lithium-, Natrium- und Thalliumlicht, ein Spectroskop als Ocular sich empfehlen. Auf einzelne Spectrallinien einzustellen, würde eine Abänderung des Verfahrens voraussetzen. Ohne Schwierigkeit aber würde das sinnreiche Abbe'sche Ocular aus zwei geradsichtigen Prismen zur Bestimmung der Gesammtdispersion anwendbar sein.

Es bedarf kaum der Erwähnung, daſs das Instrument auch als Reflexionsgoniometer, sowie als Achsenwinkelapparat für Krystalle ohne Mühe eingerichtet werden kann.

Ueber die Theorie dieses recht gut gearbeiteten Apparates und die damit ausgeführten Messungen macht F. Kohlrausch in den Annalen der Physik, 1878 Bd. 4 S. 1 ausführliche Mittheilungen.

Apel hat ferner eine groſse Anzahl Krystallmodelle aus Glas mit eingezogenen Achsen, welche den Unterricht in der Krystallographie ungemein erleichtern, wie Referent aus Erfahrung bestätigen kann, einen Anlegegoniometer, Polarisationsapparat, Spectralapparat und eine Elektrisirmaschine ausgestellt, die sämmtlich tadellos sind, schlieſslich auch den früher (*1878 227 259) beschriebenen Apparat zur Untersuchung der Rauchgase. Referent kann denselben als in jeder Beziehung gut gearbeitet bei dem billigen Preise von 65 M. nur bestens empfehlen. (Ein vor wenigen Wochen von Rohrbeck in Berlin bezogener Apparat war dagegen sehr mangelhaft. Die Absorptionsgefäſse |263| kamen dreimal zerbrochen an, das viertemal zersprang eines derselben, ohne auch nur berührt worden zu sein; die Bürette zerbrach bei dem ersten Versuche. Die Glastheile muſsten daher durch Apel ersetzt werden.)

C. Bube in Hannover hat eine reiche Sammlung von Längenmaſsen ausgestellt, Meſsketten, Bandmaſse, Maſsstäbe aus Metall und Holz der verschiedensten Form. Die gewöhnlichen Metermaſsstäbe, wie sie für den täglichen Gebrauch in der Tasche getragen werden, sind aus solch vorzüglichem Holz angefertigt, daſs sie, ohne zu zerbrechen, zu einem Kreise von 0m,1 Durchmesser aufgerollt werden können.

Nivellirinstrumente sind ausgestellt von G. Diefenhardt und F. Randhagen in Hannover, sowie von Wanke in Osnabrück, das betriebsfähige Modell einer Schraubenschiffsmaschine vom Polytechniker Hartmann, während Zimmermann aus Göttingen das bereits in Wien ausgestellte Modell einer Tenderlocomotive bringt.

Borchardt in Hannover hat einfache und doppelte Influenzmaschinen von Holtz (*1878 227 446) ausgestellt, deren Weltruf durch schöne Arbeit, leichte Annahme der Elektricität und groſse Schlagweite durchaus gerechtfertigt erscheint.

Sartorius in Göttingen hat kurzarmige Wagen für Chemiker ausgestellt, die sich von den bekannten Bunge'schen dadurch unterscheiden, daſs die Balken aus Aluminium hergestellt wurden.

Westphal in Celle hat eine groſse Anzahl seiner längst als vorzüglich bekannten Wagen für Laboratorien und Eichämter geschickt.

Nicht minder vortheilhaft sind die Manometer und Vacuummeter von Löhdefink und von Dreyer, Rosenkranz und Droop bekannt, die in reicher Auswahl ausgestellt wurden. Die übrigen Aussteller liefern nichts Hervorragendes, oder sind mit ihren Aufstellungen noch nicht fertig.

Von Uhren sind namentlich die Kirchenuhren von Beyes in Hildesheim, Furtwängler und Söhne in Elze (die auch eine sehr schöne Orgel ausgestellt haben) und von Weule in Bokenem, sowie mehrere Chronometer hervorzuheben; von chirurgischen Instrumenten u. dgl. künstliche Gebisse von Wahle in Hannover, die in Celluloid (vgl. 1877 225 520) 226 646) gefaſst sind.

(Fortsetzung folgt.)

|259|

Am 1. December 1875 fanden sich in Preuſsen auf einer Fläche von 347509qkm überhaupt 25742404 ortsanwesende Personen; hiervon waren in |260| gewerblichen Betriebsstätten 3639252 Personen beschäftigt und in der Landwirthschaft 2985384 Bewohner erwerbthätig. Auf 1qkm lebten:


In den Provinzen

ortsanwesende
Bewohner
darunter Erwerbthätige
im Gewerb-
fleiſse
in der Land-
wirthschaft
Preusen51,2 3,7 7,6
Brandenburg78,413,2 6,3
Pommern48,5 4,6 5,4
Posen55,5 3,5 7,2
Schlesien95,414,311,2
Sachsen85,913,8 8,5
Schleswig-Holstein58,8 8,1 8,5
Hannover52,7 6,9 8,7
Westphalen94,317,412,5
Hessen-Nassau93,714,010,2
Rheinland141,0 26,913,5
Hohenzollern58,2 8,611,7
Im ganzen Staate74,110,5 8,6
|260|

Seitdem man die vortrefflichen fünfstelligen Tafeln von Bremiker hat, welche die Minutentheilung des Grades mit der Hunderttheilung vertauscht haben, erscheint es unzweckmäſsig, kleinere Theilungen nach Minuten zu beziffern.

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