Titel: Zur Lage der deutschen Sodaindustrie.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1878, Band 229/Miszelle 14 (S. 99–101)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj229/mi229mi01_14
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Zur Lage der deutschen Sodaindustrie.

Seit der Reduction des Sodazolles für Deutschland im Juni 1873 ist die jährliche Production von 58000 auf 42500t gewichen. Dagegen stieg die Einfuhr nach Deutschland an fremder Soda ganz erheblich und betrug auf calcinirte Soda von 90 Proc. berechnet:

1872 14400t
1873 18900
1874 26500
1875 30500
1876 32100.

Etwa 57 Proc. des Bedarfes deckt das Inland und 43 Proc. das Ausland, während früher nur 22 Proc. des Gesammtverbrauches eingeführt wurden.

Wie R. Hasenclever (Chemische Industrie, 1878 S. 8) ausführt, haben in Folge dieser ungünstigen Verhältniſse bereits 9 deutsche Fabriken die Herstellung von Soda eingestellt, andere wegen geringerer Production und dadurch erhöhter Nachfrage nach Salzsäure die Chlorkalkfabrikation, Darstellung von Leim, Bicarbonat und die Schwefelregeneration. 5 deutsche Fabriken haben die Chlorkalkfabrikation nach Weldon eingeführt, einige verwenden spanische Kiese.

Der mechanische Sulfatofen von Jones und Walsh (*1876 220 232) wird bereits in mehreren Fabriken angewendet, nicht aber der rotirende Sodaofen (vgl. 1875 215 66) 1877 224 199). Nach Hasenclever beträgt nun der Arbeitslohn beim Handofenbetrieb für 1t Sulfat 2,88 M.; beim rotirenden Ofen ergaben sich dagegen für Amortisation und Zinsen 1,20, Kohlen für die Maschine 0,64 und für Arbeitslohn 0,96, zusammen also 2,80 M.

G. Lunge (daselbst S. 87) führt dagegen aus, daſs man zur Verarbeitung von 100t Sulfat in 6 Arbeitstagen 5 Handöfen nebst Pfannen gebraucht, welche 15000 M. kosten, so daſs die Mehrkosten an Zinsen und Amortisation des 40000 M. kostenden rotirenden Ofens für 1t Sulfat nur 0,75 M. betragen; dazu 0,96 M. Arbeitslohn macht 1,71 M. Gesammtkosten. Für den Handofenbetrieb ergeben sich dagegen an Kosten für den gröſseren Verbrauch an Kohlen 0,80, dann an Arbeitslohn 2,88, zusammen 3,68 M., also 1,97 M. Vortheil für den rotirenden Ofen. Ferner ist nach Lunge die Reaction im rotirenden Ofen so viel vollständiger als beim Handofenbetriebe, daſs das Ausbringen an Soda, nach zuverlässigen Nachrichten, für 1t Sulfat sich auf 30 bis 60k Na2CO3 mehr beläuft. Nimmt man auch nur die niedrigste dieser Zahlen an, so kann man doch rund weitere 3 M. Mehrgewinn bei den rotirenden Sodaöfen ansetzen; aber in Wirklichkeit kommt mehr heraus, namentlich bei dem Mactear'schen Verfahren, welches freilich für deutsche Verhältniſse zu groſs angelegt ist. Auſserdem gewinnt man die Soda von sehr bedeutender Stärke, selbst bis 96 Proc. und kann somit auch in dieser Beziehung besser mit der Ammoniaksoda concurriren.

Hasenclever (daselbst, 1878 S. 115) führt dagegen aus, daſs er nicht von Neuanlagen, sondern von bereits bestehenden gesprochen habe, daher die 15000 M. für die fünf Handöfen von den 40000 M. für den mechanischen Ofen nicht abgesetzt werden können, daſs somit die 1,20 M. für Zinsen und Amortisation in seiner Rechnung stehen bleiben müssen.

Bezüglich des Kohlenverbrauches führt Hasenclever aus, daſs man in Deutschland bei Anwendung kleiner Gasfeuerungen Rohsoda mit 350k Kohlen für 1000k Sulfat schmilzt. Hierbei entweicht allerdings wenig Hitze zur Abdampfung der Lauge, und ist der allgemein übliche Planrost gerade so rationell, bei dessen Verwendung für 1000k Sulfat 480k Kohlen erforderlich sind und die entsprechende Menge Rohlauge verdampft wird. In deutschen Fabriken wird man daher auf keine Ersparniſs an Kohlen beim Betrieb mit rotirenden Oefen rechnen dürfen.

Was den Dampfverbrauch betrifft, so hat eine Dampfmaschine, welche einen rotirenden Sodaofen treibt, 305mm Cylinderdurchmesser, 460mm Hub und sie arbeitet durchschnittlich bei 2,5 bis 3at Dampfspannung mit 60 Umdrehungen in der Minute, also mit etwa 12e. Der Kohlen verbrauch für eine solche Maschine in 24 Stunden beträgt 1440k, davon 140k abgezogen für die |101| kurzen Stillstände während des Füllens und Entleerens bleiben 1300k Kohlen. Der wirkliche Kohlen verbrauch wird wohl noch höher sein. Zu 8 M. für 1000k können sich auſserdem nur wenige chemische Fabriken in Deutschland die Kohlen verschaffen, so daſs auch in dem zweiten Punkte der Kostenanschlag von 0,64 M. für die zum Maschinenbetrieb erforderlichen Kohlen bestehen bleiben muſs.

Einen directen Vortheil im Betrieb vermag Hasenclever also nicht zu erkennen und glaubt, wir können in Deutschland nach den bisherigen Angaben auch kein besseres Ausbringen durch den rotirenden Ofen erwarten. In England steht am Handofen ein Arbeiter in der Schicht und zieht jede Stunde das fertige Product aus dem Ofen. Man arbeitet dort bei den hohen Löhnen mitunter am vortheilhaftesten bei hauptsächlicher Berücksichtigung der quantitativen Leistung, wenn auch die Qualität der Arbeit zu wünschen übrig läſst. So scheint die Zersetzung des Sulfates in den englischen Handöfen eine sehr unvollständige zu sein, und sind mit dem rotirenden Rohsodaofen dort nach übereinstimmenden Angaben viel günstigere Betriebsresultate erzielt worden. In Deutschland, wo meist mehrere Leute gleichzeitig am Rohsodaofen arbeiten, ist die Zersetzung des Sulfates eine bessere und steht die gewöhnliche englische Soda mit einem Gehalte von 88 Proc. kohlensaurem Natron dem deutschen Producte wesentlich nach. Eine Soda selbst bis zu 96 Proc. zu gewinnen, ist für deutsche Verhältniſse kein Fortschritt; vielmehr dürfte die Furcht, unter dem von Lunge bezeichneten Maximalgehalt zu bleiben, dazu beitragen, die Anlage eines rotirenden Rohsodaofens einstweilen zu unterlassen.

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