Titel: Ueber den photographischen Process.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1878, Band 229/Miszelle 10 (S. 195–197)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj229/mi229mi02_10
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Ueber den photographischen Proceſs.

Nach Lermontoff (Beiblätter zu den Annalen der Physik, 1878 S. 38) erblickt man in einer trocknen Schicht von jodirtem und bromirtem Collodium unter dem Mikroskope bei 300 bis 500maliger Vergröſserung krystallinische durchsichtige Körnchen von Jod- und Bromsalzen in regelmäſsiger Lagerung. Nach dem Eintauchen der Platte in ein Silberbad werden die Körner gröſser, wobei sie sich in Silbersalze verwandeln; die Entfernungen ihrer Mittelpunkte scheinen sich aber nicht zu ändern. Jedes einzelne Körnchen scheint sich in ein entsprechendes Haloidsalz des Silbers zu verwandeln. Begieſst man die Platte mit einer Erzeugerflüssigkeit, so werden die Körner rasch undurchsichtig und wachsen ununterbrochen, wie bei der Erscheinung der Krystallisation unter dem Mikroskope. Bei lang anhaltender Berührung mit dem Erzeuger, welchem Silbernitrat beigemengt ist, wachsen die Körner bis zu gegenseitiger Berührung, wodurch die Platte schwach spiegelnd wird.

Davanne bemerkte, daſs ein mit Silber auf Papier gezogener Strich durch eine Erzeugerflüssigkeit mit etwas Silbernitrat deutlich sichtbar wird. Die Wirkung des Erzeugers ist demnach durchaus nicht bedingt durch eine vorausgegangene Einwirkung des Lichtes; sie kann vielmehr auch ganz unabhängig von demselben eintreten, wenn die Flüssigkeit mit Silbertheilchen in Berührung kommt. Dieser Umstand und das unbegrenzte Wachsen der Körner machen es wahrscheinlich, daſs hier eine galvanische Reduction des Silbers aus dem Silbernitrate vor sich geht. Beim Begieſsen der Platte mit Eisenvitriol, welchem Silbernitrat beigemengt ist, können sich in der That moleculare galvanische Elemente bilden aus Theilchen von Eisenvitriol, Silberlösung und metallischem Silber, wie beim Davanne'schen Versuche, oder auch durch andere Theilchen, die das Silber ersetzen können. Wahrscheinlich können als solche alle Leiter des Stromes dienen, wenn nur die elektromotorische Kraft groſs genug ist, um das Silber zu reduciren. Der Davanne'sche Versuch wurde so abgeändert, daſs auf einer Glasplatte Zeichen gemacht wurden mit Bleistift, Platin, Kupfer, Paraffin und Gummi elasticum; an anderen Stellen wurde die Platte mit Ammoniak und Jodlösung betupft, oder mit dem Finger stark berührt. Die mit den Metallen gemachten Zeichen waren nur als Hauchbilder sichtbar, die übrigen Zeichen waren sehr deutlich zu sehen. Die Platte wurde nun mit einer Lösung von Eisenvitriol und Höllenstein übergossen, denen etwas Essigsäure zugesetzt war. Es traten nun die mit Metallen gemachten Zeichen sehr deutlich hervor, während die anderen unsichtbar blieben, das Paraffinzeichen war negativ geworden, weil die ganze Platte sich mit einem Hauche bedeckte und das Paraffin beim Waschen sich ablöste. Unter dem Mikroskope betrachtet, erwiesen sich die Zeichen als aus Körnchen gebildet, ganz von demselben Aussehen wie auf einem photographischen Negative. Pyrrogallussäure wirkte ebenso wie Eisenvitriol. Um zu zeigen, daſs es galvanische Niederschläge waren, die sich bildeten, wurde ein Element aus denselben Bestandtheilen hergestellt. Ein Trichterchen von Pergamentpapier wurde mit Silbernitratlösung von 2 Proc. gefüllt und in ein Gefäſs mit Eisenvitriollösung getaucht. Ein zum Bügel gebogener Silberstreifen wurde mit dem einen Ende in die eine, mit dem anderen in die zweite Flüssigkeit getaucht. Schon nach wenigen Minuten zeigten sich Silberkrystalle an dem in Silbernitrat getauchten Ende des Bügels, die nach einiger Zeit zu Büscheln heranwuchsen. Ein Platindraht statt des Silberbügels gab dasselbe Resultat.

Man ist daher zu dem Schlusse berechtigt, daſs der Proceſs des Erzeugens und Belebens photographischer Negative in galvanoplastischen Niederschlägen besteht, die durch moleculare Elemente hervorgebracht werden. Die Wirkung des Lichtes würde dann darin bestehen, daſs durch dasselbe die an der Oberfläche des Negatives liegenden Theilchen der sensibeln Schicht zu metallischen Leitern des Stromes verwandelt werden. Wahrscheinlich wird das Jod- und Bromsilber durch das Licht in Haloid und Metall zerlegt, In dem übrigen Theile der Arbeit wird eine Erklärung der Topenau'schen photographischen Methode gegeben, die von der üblichen abweicht, indem das Erscheinen des Bildes nicht einem chemischen Einflusse des Albumins zuzuschreiben ist, sondern |197| dem Umstande, daſs das Albumin die Grundlage ist, auf welcher die Silbertheilchen haften. Der Beweis hierfür liegt darin, daſs die Albuminschicht durch das Glas des Negatives ersetzt werden kann, wenn man die Glasplatte in die Camera umgekehrt, mit dem Glase nach vorn, einstellt, wo dann die Glasoberfläche die Basis für die Silbertheilchen wird. Bei solcher Einstellung kann die Albuminschicht fortgelassen werden.

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