Titel: Ueber die Temperatur von Wien nach 100jähr. Beobachtungen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1878, Band 229/Miszelle 11 (S. 485–486)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj229/mi229mi05_11

Ueber die Temperatur von Wien nach 100jähr. Beobachtungen.

Dr. Hann legte in der Sitzung der Akademie der Wissenschaften am 16. November 1877 einen Bericht vor, welchem wir nach der Wochenschrift des österreichischen Ingenieur- und Architectenvereines, 1878 S. 116 folgende Angaben entnehmen.

Nach den tabellarischen Zusammenstellungen beträgt die mittlere Jahrestemperatur von Wien 10,02°, der kälteste Monat ist danach der Januar mit –1,61° und der wärmste der Juli mit +20,83° im Mittel. Die mittlere Tagestemperatur erreicht ihr Minimum mit –2,5° am 7. Januar und ihr Maximum am 1. und 2. August mit +21,4°; die Jahresschwankung beträgt sonach 23,9°. Die Periode der Wärmezunahme umfaſst 207 Tage, während die Wärmeabnahme nur 158 Tage, d. s. 1½ Monate kürzer währt. Die Temperatur schreitet aber nicht etwa regelmäſsig progressiv vom Minimum zum Maximum fort und so wieder zurück, sondern es treten besonders im aufsteigenden Arm der Wärmecurve bemerkenswerthe Störungen ein, welche auf eine gewisse Constanz in ihrem Eintreffen schlieſsen lassen. So beginnt z.B. mit dem 8 Februar ein Wärmerückgang, der erst am 15. wieder ausgeglichen ist; ebenso kommen Ende Februar und Mitte April erwähnenswerthe Unterbrechungen vor. Der stärkste Wärmerückgang ist zwischen dem 13. und 22. Juni beobachtet worden. (Dove hat dies durch den Eintritt unserer Sommerregen erklärt.)

Die allgemeine Aufmerksamkeit hat bisher immer die Periode der gefürchteten Eismänner, d. i. die dritte Pentade des Mai, auf sich gezogen; sie ist deshalb zu einer traurigen Berühmtheit gelangt, weil in dieser Jahreszeit, wo die mittlere Temperatur noch niedrig ist, durch starke nächtliche Wärmestrahlung bei heiterem Himmel und verminderter relativer Feuchtigkeit in der eben rasch entwickelten, noch zarten Vegetation sehr leicht schädliche Fröste eintreten können. Besonders auffallend ist die rasche Aufeinanderfolge sehr kalter Maimonate seit 1871. Im J. 1876 war er um 3,7°, im J. 1874 sogar um 4,7° kälter als im Mittel; in diesem Jahre überhaupt der kälteste Mai in der 100jährigen Reihe. Eine völlig genügende Erklärung des ziemlich constanten Eintrittes dieser Temperaturdepression ist bisher nicht gegeben worden. Erwähnenswerth sind noch die starken negativen Abweichungen des Februar 1865 und 1870, im Mittel 4,4°.

Nach dem Jahresmittel würde sich das J. 1822 als das wärmste, die J. 1829 und 1838 als die kältesten ergeben. Die kältesten Dezember hatten die J. 1778 und 1840, die kältesten Januare die J. 1830 und 1838. Ein ausgezeichnetes Weinjahr muſs das J. 1811 gewesen sein, da in demselben sowohl die Monate Mai und Juni, als auch der October unter 100 als die wärmsten obenan stehen. Im J. 1807 dürfte in Wien der August bei der mittleren Monatstemperatur von 26,4° recht unbequem gewesen sein.

Da es dem Verfasser nicht gelang, eine ausgesprochene Relation zwischen der Fleckenfrequenz auf der Sonne und der Temperatur zu Wien mit Bestimmtheit festzustellen, so untersuchte er die Frage, ob man aus dem Temperaturcharakter einer bestimmten Jahreszeit mit einiger Wahrscheinlichkeit auf den der folgenden oder nächstfolgenden schlieſsen könne, und fand, daſs |486| wenn die Temperaturabweichung einer Jahreszeit eine beträchtliche Gröſse (1° und darüber) erreicht, die Wahrscheinlichkeit, daſs die folgende Jahreszeit im selben Sinne vom Mittelwerthe abweicht, 0,68 ist; die Wahrscheinlichkeit, daſs auf einen sehr kalten oder warmen Winter ein kühler, bezieh. ein heiſser Sommer folgt, ist sogar 0,70. Hingegen beträgt die Wahrscheinlichkeit einer Uebereinstimmung der Temperaturanomalie des Winters mit der des vorausgegangenen Sommers blos 0,45. Die Wahrscheinlichkeit, daſs auf einen kalten Winter wieder ein kalter folgt, ist nur 0,24; die Wahrscheinlichkeit der Aufeinanderfolge zweier warmer Winter hingegen nur 0,21.

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