Titel: Ueber Reben und Wein.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1878, Band 229/Miszelle 12 (S. 565–567)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj229/mi229mi06_12

Ueber Reben und Wein.

Den Verhandlungen des 3. Congresses des deutschen Weinbauvereines in Freiburg (vgl. Annalen der Oenologie, 1878 S. 222 bis 265) entnehmen wir folgende Mittheilungen.

Entrinden von Rebensetzlingen. Nach dem Berichte von Dr. Dael v. Koeth hat man in neuerer Zeit für das Setzen von Blindholz ein von dem bisherigen abweichendes Verfahren vorgeschlagen. Danach werden die Schnittreben vor dem Setzen zunächst in von der Sonne erwärmtem Wasser eingeweicht und alsdann wird die Rinde, welche sich nach dem Einweichen leichter loslöst, mit einem scharfen Messer bis auf das eigentliche Holz abgeschält, 2 bis 3cm aber über dem Boden und unter demselben belassen. So entrindete Setzlinge sollen leichter, schneller und sicherer anschlagen und mehr Wurzeln, insbesondere an den entrindeten Stellen, ansetzen als nicht abgeschälte Schnittlinge. |566| Sie sollen sich schneller und besser entwickeln und so starke Triebe hervorbringen, daſs sie schon im Herbste des ersten Jahres das Aussehen 2jähriger Reben hätten und der Strenge des Winters, sowie den Frühjahrsfrösten vollständig zu widerstehen vermöchten. Abgesehen davon, daſs durch jene Methode das unangenehme Nachsetzen für ausgebliebene Stöcke erspart bleibe, soll sie es auch ermöglichen, daſs die Stöcke 1 Jahr früher als gewöhnlich Trauben hervorbringen. – Der Vortragende führt aus, daſs dieses Entrinden nicht empfehlenswert!! sei, weil es die Entwicklung der Thau- und Seitenwurzeln begünstige, die der Fuſswurzeln' aber hemme, so daſs der Stock früher oder später Noth leiden werde. – Reich hat dagegen von dem Entrinden sehr günstige Erfolge beobachtet.

Ueber den Zusammenhang zwischen den Laubarbeiten am Weinstock und dem Zuckergehalt des Mostes. H. Müller führt aus, daſs der Zucker unter dem Einfluſs von Licht und Wärme in den Blättern gebildet wird und von hier in die Beeren wandert. Diese Wanderung findet auch statt, wenn die Trauben nicht von den Sonnenstrahlen getroffen werden; ja es ist eine allzu starke Einwirkung des Lichtes auf die Trauben sogar von ungünstigem Einfluſs, weil dadurch die Häute derselben dicker werden. Dagegen wird das Reifen der Traube durch Wärme sehr begünstigt. Es ergeben sich hieraus die praktischen Folgerungen, daſs man dem Weinstock nicht zu viel Laub lassen soll, da sonst die den Trauben zunächst stehenden und ihnen vorzugsweise Zucker liefernden Blätter in Schatten kommen, daſs man aber auch nicht zu stark schneiden darf, um nicht die Anzahl der Zucker bildenden Blätter zu sehr zu beschränken. – Blankenhorn führt aus, daſs die Trauben reif sind, sobald sich in den Beerenstielchen kein Stärkemehl mehr findet:, H. W. Dahlen, daſs weitere Versuche nothwendig seien zur endgültigen Entscheidung dieser Frage der Laubarbeit.

Erfrieren der Reben. Nach H. W. Dahlen ist in den letzten Jahren das Räuchern der Reben (vgl. 1874 214 498) von nur geringem Erfolg gewesen, wohl nur in Folge mangelhafter Ausführung. Durch Ausstrahlung können sich die. Blätter oft auf 2 bis 3° unter 0 abkühlen, während die umgebende Luft noch 2° warm ist. Diese Wärmeausstrahlung kann durch zeitig angestellte Räucherungen vermieden und hierdurch ein Erfrieren der Pflanze verhindert werden. Es ist also dringend erforderlich, im Falle man durch Räucherungen die Rebe gegen Frostschaden schützen will, festzustellen, ob in einer kühleren Nacht die Blätter des Weinstockes einer Wärmeausstrahlung unterworfen sind, indem ein einfaches Ablesen der Lufttemperatur keinen Anhaltspunkt gibt, um die Notwendigkeit der Vornahme des Räucherns erkennen zu lassen. Ob eine Wärmeausstrahlung der Blätter stattfindet, ist leicht dadurch zu ermitteln, daſs man ein Thermometer in ein Blatt einwickelt, dieses oben und unten zubindet und später die Temperatur abliest. Ferner spannt man über mehrere Weinstöcke einen Papier- oder Musselinschirm aus und beobachtet, unter Zuhilfenahme eines andern Thermometers, die unter demselben bemerkbare Temperatur; ferner ermittelt man gleichzeitig den Wärmegrad der Luft. Ergibt sich nun hierbei, daſs die Temperatur des Blattes unter den Temperaturgrad der umgebenden Luft sinkt, während sich an dem unter dem Schirm aufgestellten Thermometer ein Steigen des Quecksilbers bemerkbar macht, so muſs man zur Anzündung der Rauch erzeugenden Feuer schreiten, um ein Erfrieren zu verhindern. Stellt man diese Beobachtungen nicht an, so kann es leicht vorkommen, daſs die Reben schon erfroren sind, wenn die Rauch erzeugenden Feuer angezündet werden. Die Anwendung von Schirmen u. dgl. ist kaum durchzuführen, so daſs allgemeine Räucherung wünschenswerth ist. – Nach den Untersuchungen von H. Müller ist die bisherige Ansicht, daſs beim Gefrieren der Pflanzen in den Zellen sich Eis bilde und diese hierdurch zerrissen werden, schon deshalb unrichtig, weil sich das Eis gar nicht innerhalb der Zellen, sondern zwischen denselben bildet. In den Intercellularräumen entstehen zuerst kleine Eiskrystalle; immer neues Wasser tritt durch die Wände aus den Zellen heraus und schieſst an das bereits vorhandene Eis an, so daſs allmälig ziemlich groſse, mit unbewaffnetem Auge sichtbare, durch das Pflanzenge webe zerstreute Eisdrusen entstehen. Da dieses Eis aus reinem |567| Wasser entsteht, so ist klar, daſs beim Gefrieren der Zelleninhalt concentrirter wird. Je tiefer die Temperatur sinkt, um so mehr Wasser tritt aus den Zellen heraus und um so gröſser werden die Eisstücke. Diese Wasserentziehung kann wahrscheinlich bei ganz niederer Temperatur so weit schreiten, daſs innerhalb der Zellen chemische Zersetzungen vor sich gehen, welche den Tod derselben herbeiführen. Es ist jedoch nicht anzunehmen, daſs bei den bei uns in Betracht kommenden Kältegraden eine solche Art. des Erfrierens stattfindet. Läſst man eine Pflanze langsam aufthauen, so verschwinden die Eiskrystalle, ohne daſs das Auftreten von flüssigem Wasser bemerkbar wird. Es wird dieses von den Zellen sogleich aufgenommen. Erfolgt jenes Aufthauen langsam, so stirbt die Pflanze meist nicht ab; vollzieht es sich jedoch rasch, so scheinen durch die schnelle Wasseraufnahme Structurveränderungen in den Zellen vor sich zu gehen, wodurch der Tod derselben herbeigeführt wird; die Pflanze erfriert. Zwar ist dieser letztere Vorgang nicht vollständig aufgeklärt; allein es ist Thatsache, daſs die Pflanzen in den meisten Fällen nicht durch das Gefrieren selbst, sondern durch das rasche Aufthauen aus dem erstarrten Zustande getödtet werden.

In den Annalen der Oenologie, 1878 S. 207 bezieh. 266 bespricht G. Bauer in einem durch gute Abbildungen erläuterten Aufsatze die natürlichen Feinde der Phylloxera und G. Briosi die Phytoptose des Weinstockes – eine Krankheit, die von einem Acarus, dem Phytoptus, hervorgerufen wird. Auf beide umfassende Abhandlungen kann hier nur verwiesen werden.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: