Titel: Muller-Melchiors, u. Camin und Neumann's entlasteten Drehschieber.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1878, Band 230 (S. 113–115)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj230/ar230028

Camin und Neumann's entlasteter Drehschieber mit selbstthätiger Nachstellung.

Mit Abbildungen auf Tafel 9.

Die groſsen Vorzüge der Drehschieber-Steuerung speciell bei schnellgehenden Dampfmaschinen sind allgemein anerkannt; ebenso ist aber auch die schlechte Meinung über die ungünstigen Abnutzungsverhältnisse derartiger Schieber verbreitet und auch sicher zum Theil gerechtfertigt. Während sich flache Drehschieber in Folge der verschiedenen Umfangsgeschwindigkeiten ungleichmäſsig abnutzen, werden Hähne, falls sie vom Dampf in den Conus gepreſst werden, leicht verklemmt und geben dadurch Veranlassung zu Brüchen; falls aber, wie bei einigen neueren Drehschieber-Steuerungen1) der Dampf so geführt wird, daſs er den Hahnkörper von seinem Sitz abzudrängen strebt, so ist eine stetige exacte Nachstellung erforderlich, um übermäſsigen Dampfverlusten vorzubeugen.

Allen diesen Uebelständen entgeht die hier zu besprechende Construction dadurch, daſs der Drehschieber bis zu beliebigem Grade entlastet werden kann; der geringe Ueberdruck, der noch auf dem Drehschieber lastet, genügt zum dichten Abschluſs, ohne jedoch eine bedeutende Abnutzung hervorzurufen; der dennoch stattfindenden geringen Abnutzung kann der Schieber folgen, ohne daſs die Entlastungsvorrichtung beeinträchtigt würde.

Der von Camin und Neumann, Maschinenfabrik und Eisengieſserei in Frankfurt a. Oder, patentirte Drehschieber (D. R. P. Nr. 1172 vom 30. November 1877) ist in Fig. 1 und 2 Taf. 9 in zwei auf einander senkrechten Längsschnitten und in Fig. 3 im Querschnitt dargestellt; Fig. 4 zeigt das Schiebergesicht in der Ansicht.

Die Arbeitsfläche des Schiebers bildet den Mantel eines stumpfen Kegels; entsprechend ist das Schiebergesicht kegelförmig in den Cylinder hineingedreht und enthält vier Schlitze, von denen je zwei gegenüber liegende zu einem Cylinderende führen, wie dies aus Fig. 4 ersichtlich ist. In Folge dessen entspricht einem Kolbenhub ¼ Umdrehung des |114| Drehschiebers und derselbe darf nur die halbe Tourenzahl der Schwungradwelle haben. Wie dieser Antrieb mittels Kegelräder durch die Steuerwelle s geschieht, ist in der Disposition der Maschine in Fig. 5 dargestellt. Entsprechend den vier Fenstern des Schiebergesichtes hat der Drehschieber zwei Einström- und zwei Ausströmöffnungen, und zwar werden die letzteren einfach durch Ausschnitte in dem Kegelmantel des Drehschiebers gebildet (Fig. 1), durch welche sich der gebrauchte Dampf in den Schieberkasten und von hier ins Freie begibt; die Einströmöffnungen dagegen communiciren mit zwei Kammern im Innern des Drehschiebers (Fig. 2), wohin der Kesseldampf, nachdem er einen Theil des Cylinders umspült hat, gelangt. Damit ist die Functionirung der Dampfvertheilung völlig klar gelegt, und wir gehen – die Expansionsvorrichtung vorläufig bei Seite lassend – zur Entlastungsvorrichtung über.

Der von innen dem Drehschieber zuströmende Dampf, welchem vom Schieberkasten aus nur der Druck des Ausströmdampfes entgegenwirkt, würde den Schieber von seinem Sitze abpressen, wenn sich nicht die rohrartige Verlängerung des Schiebers, durch eine Stopfbüchse aus dem Schieberkasten heraustretend, gegen einen Kolben c anstemmte, der selbst wieder unter dem Drucke des Kesseldampfes steht. Dieser Kolben wird in der cylindrischen Bohrung eines kleinen Ständers p geführt, welcher in der Verlängerung dieser Bohrung dem Kegelrade des Drehschiebers als Lager dient und auſserdem noch ein Lager für die Steuerwelle s trägt. Der Führungscylinder ist hinten mit einem Deckel d verschlossen, welcher durch ein kleines Röhrchen Kesseldampf zugeführt erhält; von dem Deckel festgeklemmt wird ein Diaphragma aus Kautschukleinwand, das andererseits an dem Kolben e befestigt ist. In Folge der Abkühlung des Kesseldampfes ist dieses Diaphragma stets nur mit Wasser in Berührung und wird dadurch vor Zerstörung geschützt; auf den Kolben c wirkt aber doch der volle Dampfdruck, so daſs er im Stande ist, dem Drucke des Drehschiebers zu widerstehen, bezieh. noch einen Ueberdruck nach abwärts auszuüben. Durch entsprechende Wahl der Kolbenfläche, im Verhältniſs zur Auftriebsfläche des Drehschiebers, läſst sich daher ein für alle Mal der Grad der Entlastung bestimmen; die absolute Gröſse des Ueberdruckes nimmt allerdings zu und ab mit steigendem und fallendem Dampfdruck; dies erscheint jedoch völlig gerechtfertigt.

Hiernach bedarf die Wirkungsweise der Entlastungsvorrichtung kaum einer weiteren Erklärung. Der Drehschieber läuft auf der am Kolben c befestigten Stahlplatte i wie auf einem Spurlager, und wird hier, sammt dem Lager des Kegelrades, von der in Fig. 1 gezeichneten Schmiervase geölt. Um den Kolben c am Mitdrehen zu verhindern, wird er durch zwei Schraubenstifte geführt (Fig. 2); andererseits muſs das Rohr des Drehschiebers mit dem Kegelrade durch einen Laufkeil |115| verbunden sein, um dem Schieber das Nachrücken zu gestatten. Dies kann in Folge der elastischen Verbindung des Kolbens c, ohne jede Beeinfluſsung der Entlastungsvorrichtung, geschehen, bis nach einer Länge von etwa 5mm, welche hier als die Grenze der zulässigen Abnutzung angenommen wird, die obere Flansche des Kolbens aufsitzt, worauf dann der Schieber auszuwechseln, oder eine neue Spurplatte einzufügen ist.

Es bleibt schlieſslich noch die Expansionsvorrichtung zu besprechen. Diese besteht aus einem dem Drehschieber eingefügten, nicht mit rotirenden Cylinder, von dessen 4 Schlitzen abwechselnd je zwei mit den Schlitzen des Drehschiebers zusammenfallen (Fig. 3) und dadurch die Dampfeinströmung vermitteln; durch Verdrehung dieses Schiebers in dem Drehungssinne wird die Füllung vergröſsert, entgegengesetzt verkleinert, während Admission, Voreilung und Compression von den Kanten des Vertheilungsschiebers fixirt sind und unverändert bleiben. Die Füllungsgrenzen, deren Differenz bei allen derartigen Steuerungen wegen sonst eintretender Nachfüllung 50 Proc. nicht übersteigen darf, sind hier mit 0 und 40 Proc. gewählt. Der Expansionsschieber ist fast völlig entlastet und kann leicht mittels des Regulators verstellt werden; dies geschieht durch einen Hebel h, welcher auf die verlängerte Spindel des Expansionsschiebers gesteckt ist und mit der Zugstange z des auf der Steuerwelle s angebrachten Regulators in Verbindung steht (Fig. 1 und 5). Die Spindel des Vertheilungsschiebers muſste zu diesem Zwecke als Rohr construirt und oben mit einer Metallbüchse versehen werden, gegen welche sich ein conischer Ansatz der Spindel des Expansionsschiebers anlegt; weiters muſste die Steuerplatte i durchbrochen und endlich, um dem Hebel h den Durchgang zu gestatten, der Kolben c ausgefenstert werden.

In dieser Weise erfüllt die Steuerung von Camin und Neumann alle Anforderungen, welche man für eine schnellgehende Dampfmaschine stellen kann, und wird sich überall bestens bewähren. Müller-Melchiors.

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Vgl. Dingler 1874 212 273. Musil 1876 221 2.

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