Titel: Roscher's Neuerung an Strickmaschinen.
Autor: Z., J.
Fundstelle: 1878, Band 230 (S. 402–404)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj230/ar230098

Roscher's Neuerung an Strickmaschinen.1)

Mit Abbildungen auf Tafel 35.

Die Lamb'sche Strickmaschine hat durch den Wirkwaaren-Fabrikanten C. A. Roscher in Markersdorf bei Burgstädt i. S. eine so |403| wesentliche Verbesserung erfahren (*D. R. P. Nr. 611 vom 24. August 1877 und Nr. 1773 vom 2. November 1877), daſs sie nun vielfach zur Herstellung geschmackvoller Muster in doppelflächigen Waaren Verwendung finden. Diese Muster bilden die sogen, versetzten oder verschobenen Fang- und Ränderwaaren, welche an und für sich wohl schon längst bekannt sind, bisher aber nur in der Weise ausgeführt werden konnten, daſs eine ganze Seite der Maschine, also eine ganze Nadelreihe während der Arbeit um eine Nadel seitlich hin und her geschoben wurde.

Der Erfinder hat zunächst schon am Hand-Fangstuhle die Einrichtung getroffen, daſs er die Maschinennadelreihe nicht als ein einziges festes Stück herstellt, sondern aus mehreren Theilen zusammensetzt, deren jeder irgend eine Anzahl Nadeln trägt und einzeln für sich, unabhängig von den übrigen, seitlich verschoben werden kann. Hiermit ist es nun möglich, ein solches Stück, oder mehrere derselben, um einzelne Nadeln zu verrücken, während die anderen fest stehen bleiben; dann erhält die Waare das verschobene Muster nicht in ihrer ganzen Breitenausdehnung, sondern in einzelnen Längs streifen. Dieselbe Einrichtung, auf die Lamb'sche Strickmaschine übertragen, hat zu der in Fig. 1 und 2 Taf. 35 dargestellten Construction geführt.

Die Nadelbetten, oder wenigstens eins derselben, bestehen nicht mehr aus je einem einzigen Stücke, sondern sind in mehrere Platten p1, p2 u.s.w. getheilt, welche auf den Verbindungsstäben der Gestellseitenwände sich hin und her schieben lassen. Durch Schienen r, s und q werden einzelne Platten, welche gleiche Verschiebung erhalten sollen, mit einander verbunden, und die verschiedenen Partien kann man nun in verschiedener Weise bewegen, so daſs gröſsere Abwechslung der Musterstreifen unter einander ermöglicht wird. Die Verschiebung kann mit der Hand, durch Anwendung von Schrauben an den Enden der Stäbe r, s und q, oder auch von der Strickmaschine geschehen unter Verwendung der Muster- oder sogen. Schneidräder. Letzterer Fall ist in den Figuren dargestellt.

Die Kurbelwelle A der Maschine trägt ein Zweizahnrad B, da während einer Umdrehung von A zwei Maschenreihen der Rechts- und |404| Rechts-Waare gearbeitet werden; die Zähne C dieses Rades B greifen in das Stirnseitenrad D und drehen dasselbe bei jeder Maschenreihe um einen Zahn weiter. Auf der Nabe von D sind nun weiter die Schneidräder Q, S und R befestigt, deren Ränder stufenförmig ausgearbeitet sind und von den Gabeln F, G und H der Zugschienen g, s und r umfaſst werden. Während der Umdrehung der Welle A, und zwar immer zu geeigneter Zeit am Ende jeder Maschenreihe und vor Beginn der nächsten, werden damit die Plattenstücke p1, p2 u.s.w. seitlich verschoben. Um eines der Musterräder Q, S, R ist ein Bremsband gelegt, welches man mit einem Ende an der Gestellwand befestigt hat, während das andere ein Gewicht trägt, so daſs dadurch eine allzu leichte Drehung der Nabe D mit den Musterrädern und ein Verstellen der letzteren vermieden werden kann.

Sollen die Plattenstücke still liegen bleiben, so rückt man mit dem Schieber K das Rad B aus D heraus. Beide Nadelbetten können in einzelne Platten getheilt oder aus solchen zusammengesetzt sein und beide kann man in irgend einer Weise während der Arbeit verschieben. Durch passende Wahl der verschobenen Maschenlagen ist auch die Petinetwaare nachzuahmen, da eine Verbindung in den Verziehungen der vorderen und hinteren Maschen in Ränderwaare auch leicht Durchbrechungen hervorbringt. Die Ausschmückung von Strumpflängen, Jackentheilen und sonstigen Kleidungsstücken hat durch diese Art der Musterung auſserordentlich gewonnen und der Einrichtung schnell Verbreitung verschafft.

Die Roscher'schen Strickmaschinen werden im Auftrage des Erfinders von Seyfert und Donner in Chemnitz (Wiesenstrasse) gebaut.

Wir verweisen bei dieser Gelegenheit auf das kürzlich vollendete Werk von Gustav Willkomm: Die Technologie der Wirkerei. (Leipzig 1875 und 1878. Verlag von Arthur Felix. Zwei Theile mit je 142 bezieh. 381 S. in gr. 8 und mit 8 bezieh. 16 lithographirten Tafeln in besonderen Mappen. Preis zusammen 32 M.) In diesem grundlegenden Werk hat der bekannte Verfasser (vgl. *1871 200 93. 1873 208 13. 1874 212 28. 1876 221 121. 1877 223 62. 1878 228 223) eine Bearbeitung seiner Vorträge über Wirkerei-Technologie an der Fachschule zu Limbach in solcher Gestalt unternommen, daſs sie auch einem gröſseren Leserkreis nützlich sein können. Der erste Theil enthält die Elemente der Handwirkerei und die Waarenuntersuchungen, der zweite Theil die mechanische Wirkerei, die Herstellung der Formen gewirkter Gebrauchsgegenstände und das Nähen der Wirkwaaren. – In welcher Weise und mit welcher Liebe der Verfasser seinen Gegenstand behandelt, davon geben die im Journal erschienenen, oben angeführten Arbeiten ein annäherndes Bild. Es darf Willkomm's Buch geradezu als ein Fundamentalwerk der Wirkerei-Technologie von unvergänglichem Werthe bezeichnet werden, welches dazu beitragen muſs, in immer weitere Kreise eine klare Uebersicht der höchst interessanten Wirkerei-Arbeiten zu bringen und dadurch letztere selbst wirksam zu fördern. (Das Werk selbst mit seinen 550 Figuren ist vortrefflich ausgestattet.)

J. Z.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Tafeln


Orte
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: