Titel: Ueber Alizarinblau.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1878, Band 230 (S. 433–436)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj230/ar230111

Ueber Alizarinblau.

C. Grabe bespricht in den Berichten der deutschen chemischen Gesellschaft, 1878 S. 522 einen neuen Farbstoff, welcher von der Badischen Anilin- und Sodafabrik in Mannheim seit Anfang dieses Jahres unter dem Namen Alizarinblau in den Handel gebracht wird. Angeregt durch eine Mittheilung Prud'homme's über die Einwirkung einer Mischung von Glycerin und Schwefelsäure bei höherer Temperatur auf Alizarin und insbesondere auf Nitroalizarin ist es H. Brunck in der genannten Fabrik gelungen, obigen Farbstoff zu isoliren und technisch darzustellen.

Das Alizarinblau kommt in Form eines dünnen, bräunlich violetten, Proc. Farbstoff enthaltenden Teiges in den Handel. Der neue Farbstoff Wasser fast unlöslich, in Benzol und Alkohol löst er sich ziemlich schwer mit rother Farbe. Aus der Lösung in Benzol erhält 270° Alizarinblau in metallglänzenden blauvioletten Nadeln, welche bei 270° schmelzen und, höher erhitzt, orangerothe, in der Kälte sich wieder zu blauschwarzen Nadeln condensirende Dämpfe bilden. Leichter löst sich das Alizarinblau in Eisessig; doch wird es beim Kochen mit letzterem verändert. Mit concentrirter Schwefelsäure bildet es gleichfalls eine rothe Lösung; wird dieselbe einige Zeit erhitzt und dann |434| mit Wasser verdünnt, so scheidet sich ein blaugefärbter Niederschlag aus, welcher als Farbstoff ungefähr dieselben Eigenschaften besitzt, wie das Alizarinblau. Eine concentrirte Arsensäurelösung von 1,9316 sp. G. löst das Alizarinblau sehr leicht mit orangerother Farbe auf. Wird dieser Lösung Glycerin zugefügt, so nimmt sie eine fuchsinrothe Färbung an; wird hierauf erhitzt und dann Wasser zugefügt, so scheidet sich der unveränderte Farbstoff in blauen Flocken wieder aus. Dieses Verhalten gegen Säuren gestattet, aus alten Resten von Druckfarben das Alizarinblau wieder zu gewinnen.

In verdünnten Alkalien löst sich der neue Farbstoff mit blauer oder grünblauer Farbe. Nach einiger Zeit, besonders bei Ueberschuſs von Alkali, scheidet er sich in Form eines unlöslichen Salzes wieder aus. Mit Kalk-, Baryt- und Strontiansalzen bildet er grünblaue, mit Eisensalzen grünlichblaue, mit Thonerde violettblaue, mit Chromoxyd violette und mit Zinn rothviolette Farblacke. Aehnlich wie der Indigo läſst sich das Alizarinblau in alkalischer Lösung reduciren. Mit Zinkstaub, hydroschwefliger Säure oder Traubenzucker erhält man bei Gegenwart eines Alkalis eine gelbbraune Lösung, aus welcher sich der Farbstoff durch Einwirkung der Luft mit schön blauer Farbe wieder ausscheidet. Ungebeizte Stoffe, in eine solche Küpe gebracht, färben sich an der Luft blau. Die Küpe selbst ist roth gefärbt und zeigt eine blaue Blume. Nach der Oxydation an der Luft werden die gefärbten Stoffe noch durch ein kaltes Chlorkalkbad oder durch eine mit Kalk versetzte Chromkalilösung genommen.

H. Köchlin und Prud'homme geben im Bulletin de Mulhouse, 1878 S. 667 folgende Vorschrift für ein mit dem neuen Farbstoff herzustellendes Solidblau: 0l,25 Alizarinblau (zu 10 Proc.) werden gelöst mittels 0l,06 Natronlauge (1,3298 sp. G.) und 25g Zinkstaub, dann mit 0l,06 Glycerin (1,2390 sp. G.) versetzt, mit 0l,75 Dextrinwasser (1000g Dextrin auf 1l) verdickt und so auf Baumwolle aufgedruckt. Nach ihrer Angabe erhält man damit ein lebhaftes, aber nicht sehr echtes Blau; ein besseres Resultat soll durch Zusatz eines Chrom- oder Eisensalzes zur obigen Druckfarbe erzielt werden. Vermuthlich wird aber auch die Druckfähigkeit und Haltbarkeit der Druckfarbe zu wünschen übrig lassen.

Dieselben Verfasser haben ferner gebeizte Baumwolle mit Alizarinblau gefärbt, indem sie der Flotte auf 1 Th. 10proc. Blau 1 bis 2 Th. Sulfoleïnsäure unter Zusatz eines geringen Ueberschusses von Ammoniak zufügten. Bei 70° beginnt der Farbstoff wirksam zu werden; man erhitzt sodann in 1 Stunde zum Kochen und bleibt ½ Stunde im Kochen. Gegenwart von phosphorsaurem Natron wirkt vortheilhaft auf das Färberesultat, Zusatz von Kreide schadet nicht; dagegen bildet freier Kalk mit dem Farbstoff einen unlöslichen Farblack, verhindert also die volle Ausnutzung der Flotte. Da die weiſsen, ungeheizten Stellen des |435| Baumwollstoffes sich im Farbbade einfärben, so muſs zur Herstellung eines reinen Weiſs ein 50 bis 60° warmes Seifebad gegeben werden.

Als die vortheilhafteste Verwendung des Alizarinblaus dürfte sieh mit der Zeit die als Dampf blau erweisen, so zwar, daſs es auf der Baumwolle mit Hilfe von Ferrocyankalium und von essigsaurem Chrom befestigt wird. Zusatz von Essigsäure sowie von essigsaurem Kalk, zur Dampffarbe ist nicht vortheilhaft; dagegen empfehlen Köchlin und Prud'homme derselben Chlormagnesium zuzufügen, wonach ihre Vorschrift folgendermaſsen zusammengesetzt ist: Auf 250g Verdickung kommen 50g 10proc. Alizarinblau, 16cc essigsaures Chrom, 16cc Chlormagnesium, 8cc Ferrocyankaliumlösung je von 1,0740 sp. G. und 32cc Glycerin. Die Verdickung besteht aus 1l Wasser, 42g weiſser, 125g lichtgebrannter Stärke und 50g Olivenöl.

Die Baumwolle wird vor dem Bedrucken mit einer Lösung von 1 Th. Sulfoleïnsäure in 20 bis 30 Th. Wasser präparirt. Nach dem Drucke wird die Waare 1½ bis 2 Stunden gedämpft, gewaschen, 20 Minuten bei 50° geseift, durch kochendes Kalkwasser (1g Kalk auf 1l Wasser) genommen, worin das Blau einen grünlichen Stich annimmt, nochmals gut gewaschen und schlieſslich kochend geseift, womit ein ganz reines Blau erzielt wird. Das auf diese Weise erhaltene Dampfblau widersteht der Einwirkung des Chlors und des Sonnenlichtes, obgleich zugegeben wird, daſs das Blau unter dem Einfluſs des letzteren einen grauen Ton annimmt. Dieses Verhalten des Alizarinblaus gegen das Sonnenlicht hat der Einführung des neuen Farbstoffes in die Druckereien wesentlich geschadet, während sonst über die Echtheit der Farbe nur Vortheilhaftes berichtet wird.

Witz betont im Bulletin de Rouen, 1878 S. 82 namentlich die Echtheit der Farbe gegenüber dem Chlorkalk, welche weit bedeutender sei als die des Indigoblaus, des Alizarins oder des Anthraviolettes und der verschiedenen, nicht überoxydirten Anilingraufarben gegenüber demselben Oxydationsmittel. Concentrirte Salzsäure verändert das Alizarinblau gar nicht und Natronlauge verschwächt dasselbe nur langsam. Witz gibt auch an, daſs er unter Anwendung von etwas mehr Schwefelsaure und Glycerin, als Prud'homme ursprünglich vorgeschrieben hat, das Nitroalizarin in 10 bis 15 Minuten unter Erhitzen auf 150° vollständig in Alizarinblau übergeführt hat. Es bildet sich gleichzeitig eine schmutziggrüne Substanz, welche durch fortgesetzte Behandlung des Rohproductes mit Sodalösung entfernt wird.

Gräbe hat Alizarinblau mit seiner 10fachen Menge Zinkstaub erhitzt und dabei eine Base von der Zusammensetzung C17H11N erhalten; gleichzeitig ergaben die Analysen des Alizarinblaus Zahlen, welche am 1878 S. 1646) besten der Formel C17H9NO4 entsprechen. Er spricht also (Berichte, 1878 S. 1646) diese Formel, eventuell die verdoppelte, dem Alizarinblau zu. Das Alizarinblau bildet nicht nur mit Basen Salze, sondern es |436| vereinigt sich auch mit Säuren. Mit Schwefelsäure und Salzsäure liefert es roth gefärbte Nadeln, welche nur bei Ueberschuſs von Säuren beständig sind und durch Auswaschen mit Wasser zerlegt werden.

Gräbe erhielt die oben erwähnte Base C17H11N direct in fast absolut reinem Zustand, wenn auch in geringer Ausbeute. Durch Auflösen in heiſser verdünnter Salzsäure, Fällen des Filtrates mit Ammoniak und Umkrystallisiren aus Alkohol erhält man sie frei von den geringen Mengen anderer Körper; sie krystallisirt in Blättchen oder Tafeln, die häufig eine etwas bräunliche Farbe annehmen. Sublimirt, bildet sie ganz farblose Blättchen; sie löst sich leicht in Alkohol und Aether, nicht in Wasser. Ihre Lösungen besitzen namentlich in verdünntem Zustande eine schöne blaue Fluorescenz. – Die Salze der Base sind alle goldgelb gefärbt und zeigen die Lösungen derselben eine intensiv grüne Fluorescenz, die besonders schön in verdünnten alkoholischen Lösungen auftritt. Das salzsaure Salz C17H11N.HCl bildet, aus Wasser krystallisirt, kleine Säulen, aus einer alkoholischen Lösung der Base durch Salzsäure gefällt, feine Nadeln. Es löst sich wenig in kaltem, viel reichlicher in heiſsem Wasser und sehr wenig in Alkohol auf. – Das schwefelsaure Salz, durch Fällen einer alkoholischen Lösung der Base mit verdünnter Schwefelsäure erhalten, hat die Zusammensetzung C17H11N.H2SO4. Daselbe bildet Nadeln, welche sich reichlich in heiſsem, ziemlich leicht in kaltem Wasser und schwer in Alkohol lösen. – Durch Vermischen alkoholischer Lösungen der Base und von Pikrinsäure erhält man feine Nadeln, die sich nicht in Wasser, kaum in Alkohol lösen und der Formel C17H11N,C6H2(OH)(NO2)3 entsprechen. – Das Platinsalz (C17H11N,HCl)2PtCl4 besteht aus mikroskopischen Nadeln und ist in Wasser unlöslich.

Kl.

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