Titel: Ueber mechanische Tüllstickerei.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1878, Band 230/Miszelle 5 (S. 282–283)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj230/mi230mi03_5

Ueber mechanische Tüllstickerei.

Die Industrie der mechanischen Tüllstickerei, deren Erzeugnisse als Vorhänge, groſse Fuſsdecken und sonstige Gegenstände der Zimmerausstattung allgemein bekannt sind, datirt aus dem J. 1850. Seit dieser Zeit und insbesondere innerhalb der letzten 12 Jahre, hat sie bedeutende Fortschritte gemacht. Die Maschine, deren man sich auf dem Continente anfänglich dazu bediente, kam aus England. Es ist der Bobbinetstuhl, dessen Kettenfäden, 1200 bis 1500 an der Zahl, in gröſseren oder geringeren Abständen, je nach der Feinheit des Spitzengrundes, in einer Verticalebene angeordnet sind. Zwischen diesen Kettenfaden gleiten in einem horizontalen Kamme als Führung jene Spulen hin und her, welche, indem sie ihre Fäden um die Kettenfäden schlingen, den einfachen Tüll bilden. Mit diesen Fäden vereinigt sich in den Stickmaschinen ein dritter Faden, der sogen. Sticker, welcher die Stelle des Schuſsfadens eines gewöhnlichen Webstuhles vertritt und neue Gebilde erzeugt, deren Gestaltung von der Gruppirung der Nadeln eines Jacquardmechanismus abhängt. Der Lauf des stickenden Fadens quer durch die Kette erstreckt sich von einem Kettenfaden zum andern; er kann je nach den Bedürfnissen der Fabrikation 2 oder 3 Fäden umfassen. So lange die Jacquardvorrichtung nicht auf diesen Faden wirkt, so folgt er demjenigen Kettenfaden, mit welchem er durch die beide bedeckenden Spulfäden verbunden ist. Der Einschuſs ist also auf eine besondere Weise, ohne die gewöhnliche Verschlingung, mit der Kette vereinigt. Man wird daher leicht begreifen, daſs die stickenden Fäden zwischen zwei auf einander folgenden Kettenfäden beliebige volle Partien bilden, während der Spulfaden sie nur mit der Kette vereinigt, indem er diese umschlingt, und daſs endlich die parallelen Kettenfäden bald sichtbar hervortreten, bald von dem Stickfaden bedeckt sind. So entstehen nach Maſsgabe des durch die Jacquardkarten repräsentirten Musters jene durchbrochenen Gebilde. Diese aus beinahe ausschlieſslich rectangulären Elementen zusammengesetzten Muster sind dadurch noch vervollkommnet worden, daſs man den Kettenfäden durch Heranziehung eines andern Jacquard eine gewisse Biegung gab. Der hervorragendste Fortschritt in dieser Beziehung war die Erfindung der unter dem Namen fond filet eingeführten Vorrichtung ums J. 1872, welche mittels eines Spulfadens zwei Kettenfäden unter einem Winkel von 45° vereinigt. Ein von Ch. Babey in Calais angefertigter Rouleaux-Vorhang aus jener Epoche ist das Vorzüglichste, was in dieser Art je geleistet worden ist. Der fond filet verleiht nicht allein dem matten Muster eine ganz eigenthümliche Zartheit, sondern die Kettenfäden lassen sich auſserdem in den Zwischenräumen nach complexen Regeln und unter mannigfachen Neigungen gruppiren.

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Mit diesen Hilfsmitteln, welche eine Durchbrechung des Musters in verschiedenartiger Weise gestatteten, ist es im J. 1874 gelungen, die alten venetianischen Stickereien, insbesondere die des Museums zu Cluny nachzumachen. Die letzten von Babey im J. 1877 ausgeführten Muster zeigen uns getreue Nachahmungen jener Kunststickereien, welche wir in den Gemälden der venetianischen Meister bewundern. Ohne den so luftigen, aus freier Hand geklöppelten Spitzen zu gleichen, bei denen ein begrenzender Faden sich um das Muster zieht, bilden diese Producte unzweifelhaft eine kostbare Zimmerzierde, und ihre mechanische Fabrikation ist äuſserst merkwürdig.

Man hat die mechanische Tüllstickerei versuchsweise auch auf Atlas in Anwendung gebracht und haben diese Fabrikate hauptsächlich in Südamerika Absatz gefunden. Durch die Verbindung des Colorites mit dem Reichthum des Musters hat Babey ein neues Ziel angestrebt. Es handelte sich dabei um die Ermittlung von Farben, welche durch einfaches Auftragen festhaften. Die Anwendung von holzessigsaurem Eisen und der Anilinfarben hat dabei eine wesentliche Rolle gespielt. Bei der Veränderlichkeit der Dimensionen des betreffenden Gewebes konnte freilich die Farbe nur aus freier Hand aufgetragen werden, wodurch das Fabrikat vertheuert wurde. Dieser Umstand brachte den Erfinder auf den Gedanken, die Partien durch die stickenden Fäden ganz ausfüllen zu lassen, ihnen das Korn des d'Aubusson'schen Teppiches zu geben und auf die betreffenden Stellen farbige Muster aufzudrucken, welche dem Ganzen ein Teppich ähnliches Aussehen gaben. Mit Hilfe der Nähmaschine konnten endlich die Stickereigebilde mit einer weiſsen oder farbigen Gimpe eingefaſst werden. Der erste im J. 1875 angefertigte Vorhang mit aufgedruckten und in Farbe gestickten Partien hat auf der Ausstellung in Philadelphia 1876 eine Medaille erhalten. (Nach dem Bulletin de la Société d'Encouragement, 1878 Bd. 5 S. 170.)

A. P.

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