Titel: Neue Wandtafeln für den technologischen Unterricht.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1878, Band 230/Miszelle 24 (S. 371–372)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj230/mi230mi04_24

Neue Wandtafeln für den technologischen Unterricht.1)

Unter den Hilfsmitteln des technologischen Unterrichtes steht die Demonstration oben an. Bekanntlich sind aber an den meisten Unterrichtsanstalten, von der Universität und der technischen Hochschule an bis zur gewerblichen Fortbildungsschule hinab, die verfügbaren Mittel nicht im Einklang mit dem unumgänglich nothwendigen Apparate. Technologische Ausflüge, in der mechanischen Abtheilung mit groſsem Erfolge ausführbar, erstrecken sich in der chemischen Technologie nur auf gewisse Gewerbszweige, wie metallurgische Anstalten, Zuckerfabriken, Brennereien und Brauereien; der gröſste Theil der eigentlichen chemischen Fabriken (namentlich die Farbenfabriken) verweigert, und in den meisten Fällen nicht mit Unrecht, den Eintritt in ihre Räume und die Einsicht in ihre Processe. Auch sind derartige Studienreisen gewöhnlich kostspielig, und der Erfolg der Excursionen steht durchweg nicht im normalen Verhältnisse zu den Kosten und der darauf verwendeten Zeit. Der Besuch der groſsen Industrieausstellungen, so bildend und empfehlenswerth derselbe auch ist, kann immer doch nur von wenigen Auserwählten ausgeführt werden. Es bleiben somit für die Demonstration nur noch die technologischen Sammlungen von Modellen, Apparaten, Rohstoffen, Zwischenproducten und fertigen Fabrikaten übrig. Aber auch diese setzen groſse Dotationen für Anschaffung und Unterhaltung voraus, wie sie nur wenigen Unterrichtsanstalten zur Verfügung stehen, abgesehen von dem Umstände, daſs viele Modelle, und zwar nicht immer die einfachsten, bald veralten, so daſs ältere Modellsammlungen, wenn sie nicht zugleich eine Geschichte der Technologie illustriren sollen, in einzelnen Theilen für den Unterricht durchaus unbrauchbaren „Altväterhausrath“ darbieten.

So ist es denn von selbst gekommen, daſs alle Docenten der technologischen Fächer zu denjenigen Hilfsmitteln griffen, welche mit geringem Aufwände das meiste leisten, nämlich zu der Demonstration mittels Abbildungen, die entweder von dem Lehrer der Technologie selbst entworfen und unter seinen Augen ausgeführt, oder auf buchhändlerischem Wege, mit Hilfe der graphischen Künste reproducirt, zur Anwendung kommen. Daſs der letztere Weg der bei weitem vorzüglichere ist, bedarf keiner weiteren Auseinandersetzung und die vor mehr als 30 Jahren auf Anregung des Conservatoire des arts et métiers in Paris und etwas später durch das Kensington-Museum in London durch den internationalen Buchhandel dem technischen Unterricht gelieferten Tableaux fanden auch in Deutschland vielen Beifall; sie behandelten jedoch vorzugsweise das Maschinenwesen und einzelne Zweige der mechanischen Technologie. Auch war der Preis dieser Abbildungen ein ziemlich hoher und nur gut dotirte Unterrichtsanstalten machten von ihnen Gebrauch.

Da faſste der Reformer des chemisch-technologischen Unterrichts in Deutschland, Friedrich Knapp (damals Professor in München), im J. 1856 den Gedanken, technologische Wandtafeln in sehr groſsem Maſsstabe herstellen zu lassen und zwar nicht durch Druck, sondern durch organisirte Handarbeit vervielfältigt. Die literarisch-artistische Anstalt der J. G. Cotta'schen Buchhandlung lieh dem |372| Unternehmen ihre kräftige Stütze. Und so entstanden die Knapp'schen Wandtafeln, welche, über fast alle Gebiete der chemischen Technologie, der Hüttenkunde und auch der mechanisch-technologischen Gewerbe sich erstreckend, dem Unterricht in der Technologie mächtig Vorschub geleistet haben. Es gibt wohl keinen Docenten der chemischen Technologie in und auſserhalb Deutschland, bis jenseits des atlantischen Oceans, welcher nicht die Knapp'schen Tafeln nebst den beigegebenen Texten mit groſsem Erfolge benutzt und dankbarlichst des Urhebers derselben gedacht hätte.

Sind nun gleich heute noch zahlreiche dieser Tafeln verwendbar, so hat sich doch auf dem Gebiete der vervielfältigenden Künste seit etwa 20 Jahren, seitdem die letzten der Knapp'schen Wandtafeln erschienen, eine solche Wandlung vollzogen, daſs die Ausführung einzelner Tableaux der gegenwärtigen Anschauungsweise nicht mehr entspricht. Dazu kommt noch der schwer ins Gewicht fallende Umstand, daſs in dem Betriebe der groſsen Mehrzahl auf chemische Grundsätze sich stützender Industriezweige so durchgreifende Veränderungen und Verbesserungen eingeführt wurden – es sei hier nur in der Schwefelsäure-Fabrikation an die neuen Röstöfen von R. Hasenclever und von Malétra, an den Gloverthurm, an die modernen Platinapparate, in der Rübenzuckerindustrie an die Diffusion, die Osmose und die Elution u.a. erinnert – daſs eine neue Auflage der Wandtafeln seit Jahren als ein unabweisbares Bedürfniſs erschien.

Es konnte daher nur mit aufrichtiger Freude begrüſst werden, als das rühmlichst bekannte Chemisch-physikalische Institut von Lenoir und Forster in Wien mit der Herausgabe neuer technologischer Wandtafeln in Oelfarbendruck (Format 170 × 125cm) an die Oeffentlichkeit trat und durch die erste Serie der zur Ausgabe gelangten Tableaux der chemisch-technologischen Welt den Beweis lieferte, daſs das Institut seine Aufgabe ernst genommen. Die bisher erschienenen Wandtafeln (der Gloverthurm, die Bessemerstahl-Fabrikation, die Condensation der Salzsäure für einen Sulfatofen, die Diffusionsbatterie, die Ammoniak-Eismaschine und die Sudhaus-Einrichtung einer Bierbrauerei), unter Mitwirkung der besten Kräfte aus der Praxis ausgeführt (so ist z.B. das den Gloverthurm darstellende Tableau von Max Schaffner in Aussig a/E., der Bessemerproceſs von A. v. Kerpely in Schemnitz entworfen), sind nicht nur in zahlreichen Exemplaren über alle Theile der civilisirten Welt verbreitet, sondern haben auch auf der Pariser Weltausstellung 1878 von der Jury der Unterrichtsgruppe beurtheilt die höchste Anerkennung gefunden. Angesichts solcher Erfolge ist eine weitere Empfehlung für Hochschulen, Industrie-, Real- und Gewerbeschulen, Gewerbemuseen, polytechnische Vereine und wie die Institute alle heiſsen, denen die Pflege der Technologie obliegt, unsererseits überflüssig und eine kurze Besprechung vollständig genügend. Für Unterrichtszwecke ist es von hohem Werthe, daſs den Wandtafeln beschreibende Texte (in deutscher, italienischer, französischer und englischer Sprache) und verjüngte photolithographische Reproductionen der Tableaux beigegeben sind. Der Preis der Tafeln (5 fl. ö. W. in Gold das Stück) ist ein verhältniſsmäſsig niedriger; die photolithographischen Abdrücke nebst dem polyglotten Texte kosten 50 kr. das Stück.

Würzburg, November 1878.

Dr. Rudolf v. Wagner.

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Technologische Wandtafeln, herausgegeben unter Mitwirkung ausgezeichneter Professoren und Technologen des In- und Auslandes von Lenoir und Forster, Chemisch-physikalisches Institut in Wien (VI, Magdalenenstraſse Nr. 14).

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