Titel: Verderber's Locomotivkessel ohne Feuerbüchse.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1879, Band 233 (S. 442–443)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj233/ar233142

Verderber's Locomotivkessel ohne Feuerbüchse.

Ein äuſserst interessantes und für die zukünftige Praxis des Locomotivbaues folgenschweres Experiment wurde im vergangenen Jahr von dem Generalinspector der Ungarischen Staatsbahnen, Stephan Verderber, vorgenommen und nach einigen Zwischenstadien zum vollständigsten Erfolge geführt. Es handelt sich um nichts geringeres als die Verwerfung der bis jetzt als vorzüglichstes Kennzeichen der Locomotivkessel betrachteten Innenfeuerung und Ersatz derselben durch die Vorfeuerung (*D. R. P. Nr. 4899 vom 3. September 1878), welche ja selbst bei Stabilkesseln oft genug aufs miſsgünstigste beurtheilt wird. Und zudem herrscht seit jeher der feste und durch Versuche wohl begründete Glaube unter den Locomotivconstructeuren, daſs der Feuerbüchse der Löwenantheil der Arbeitsleistung des Kessels zukomme und daſs sie groſs und gröſser gemacht werden müsse, die Siederohre dagegen über eine gewisse Länge von etwa 3m hinaus ganz werthlos seien.

Indem nun Verderber einerseits wohl zugibt, daſs thatsächlich die Büchse bei den jetzigen Constructionen den gröſsten Theil der Wärme aufnimmt und den meisten Dampf erzeugt, will er andererseits nicht daraus gefolgert wissen, daſs darum die Siederohre, bei ihren engen Querschnitten und geringen Wandstärken, nicht auch im Stande wären, genügend Dampf zu liefern, sondern erklärt ihre anscheinende Unwirksamkeit treffend damit, daſs eben die Feuerbüchse so viel von der vorhandenen Wärme aufnimmt, daſs bei dem raschen Zug der Gase für die Siederohre zu wenig übrig bleibt.

Entsprechend dieser Anschauung müſsten nach Entfernung der Feuerbüchse, die ja nur den 10- bis 15ten Theil der Gesammtheizfläche bildet, die Siederohre ohne groſse Schwierigkeit dieselbe Dampfmenge allein erzielen, welche sie früher mit der Büchse gemeinsam gehabt hatten; der Locomotivkessel aber würde durch den Wegfall der Kupferbüchse um 6000 bis 8000 M. billiger, einfacher herzustellen und die bei nur einigermaſsen schlechtem Wasser endlosen Schwierigkeiten der Instandhaltung wären mit einem Schlage behoben.

Alles dies, so ungläubig es noch vor einem Jahre aufgenommen worden wäre, ist nun thatsächlich bestätigt. Verderber hat, nach verschiedenen Vorversuchen, bei einer in Reparatur kommenden Maschine die Kupferbüchse herausgenommen und das hintere Ende des Rundkessels gleichwie das Rauchkastenende durch eine Rohrwand abgeschlossen, den inneren Raum des eisernen Büchsenmantels mit Chamotte ausgemauert und so als Vorfeuerung benutzt. Die Maschine läuft seit Mai 1878 im regelmäſsigen Betrieb und versieht den gleichen Dienst wie eine Zahl mit ihr gleichzeitig gelieferter und mit Ausnahme der unverändert gebliebenen Büchse völlig identischer Maschinen. Während |443| letztere als Mittel mehrwöchentlicher Versuchsfahrten mit guter Salgo-Tarjaner-Braunkohle 4,62fache Verdampfung ergaben, hatte die mit Vorfeuerung betriebene Locomotive 4,55fache Verdampfung – ein Resultat, welches mit dem anderen praktisch identisch ist. Im übrigen zeigte sich gleichfalls keine Veränderung, die Bedienung kann in völlig gleicher Weise stattfinden und nur die Kesselstein-Ablagerungen finden jetzt, statt wie früher in der Büchse, am hinteren Ende des Rundkessels statt, wo sie jedoch durch Anbringung eines Auswaschloches und Entfernung der untersten Rohre leicht entfernt werden können.

Die näheren Einzelheiten der Construction, sowie die eingehende Beschreibung der verschiedenen Versuche würde hier zu weit führen und wir verweisen diesbezüglich auf einen im Organ für Eisenbahnwesen, 1879 S. 172 erschienenen ausführlichen Bericht des Erfinders.

Wilman.

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