Titel: Betrachtungen über den Siedeverzug des Wassers in Dampfkesseln und mögliche Mittel dagegen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1880, Band 235/Miszelle 2 (S. 79–80)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj235/mi235mi01_2
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Betrachtungen über den Siedeverzug des Wassers in Dampfkesseln und mögliche Mittel dagegen.

Der Umstand, daſs das Wasser selbst von dem Punkt ab, wo seine Dampfspannung dem von auſsen wirkenden Druck gleichkommt, unter geeigneten Verhältnissen noch weitere Wärmemengen aufzunehmen vermag, ohne ins Sieden zu gerathen, und daſs diese Wärmemengen dann bei geringfügiger Anregung zu plötzlicher massenhafter Umwandlung von flüssigem Wasser in gasförmiges Verwendung finden können, spielt wohl bei den meisten Kesselexplosionen eine mehr oder minder bedeutende Rolle und kommt vermuthlich ganz ausschlieſslich in Betracht bei den Explosionen, welche unmittelbar mit dem Ingangsetzen der Maschine bezieh. der Speisepumpe zum Ausbruch gelangen.

Das in Laboratorien gebräuchliche Mittel, dieser Erscheinung, dem Siedeverzug von Flüssigkeit, zu begegnen, besteht darin, dieselben mit Gasen in Berührung zu bringen. Auf das Wasser in Dampfkesseln könnte dieses Mittel in Form einer kleinen Luftpumpe Anwendung finden, welche, mit einer Maschine in Verbindung, demselben an geeigneten Stellen beständig geringe Mengen Luft zuführte. Das Wasser selbst enthält übrigens unterhalb der Siedetemperatur immer merkliche Mengen von Luft oder Luftbestandtheilen und läſst vermuthen, daſs es namentlich in kaltem Zustand bei ununterbrochener Zuführung dem Kesselwasser ausreichende Anregung zu geregeltem Sieden liefern würde. Es müſste diese ununterbrochene Wasserzufuhr entweder durch eine besondere Wasserpumpe von geringer Leistungsfähigkeit besorgt, der Speisewasserbedarf in diesem Fall durch eine weitere Speisepumpe ergänzt werden, oder es müſste eine einzige Speisepumpe derart ausgerüstet werden, daſs sie die dem Kessel ununterbrochen zugehende Menge Wasser in einer dem Bedarf entsprechenden Weise zu regeln gestatten würde.

Fig. 12 Taf. 7 veranschaulicht für Kolbenpumpen eine solche Vorrichtung. Sie hat bei A eine feste Achse, ist durch den Arm B mit dem Excenter einer Maschine, durch den Arm C mit dem Pumpenkolben in Verbindung gedacht. Der Angriffspunkt des Armes C an der Vorrichtung läſst sich mittels der Spindel heben oder senken und würde die vom Excenter ausgehende Hin- und Herbewegung je nach seiner Stellung in höherem oder geringerem Grad auf den Pumpenkolben bezieh. auf dessen Hub übertragen und damit die Leistungsfähigkeit der Pumpe beliebig zu regeln gestatten.

Eine Wasserzufuhr mittels Kolbenpumpen könnte aber nur bei Kesseln, die mit Maschinen in Verbindung stehen und selbst da nur während des Ganges von Maschinen in Betracht kommen. Unabhängig vom Maschinenbetrieb würde sie wohl nur werden, wenn und wo sie sich in gleich sicherer und geregelter Weise mittels Dampfstrahlpumpen bewerkstelligen lieſse. – Auch eine entsprechende Berührung mit Wasserdampf könnte nun möglicher Weise das Kesselwasser in geregeltem Sieden erhalten, wenn man den Kesseldampf unter Vermittlung einer Pumpe zum Durchstreichen des Kesselwassers veranlassen, oder wenn von einem den Feuergasen ausgesetzten cylindrischen Ansatz aus dem Kesselwasser beständig Dampf zugehen würde. Der Ansatz müſste allenfalls, um seine Wirkung möglichst wenig durch Kesselsteinbildung zu beeinträchtigen, etwas tief in das Mauerwerk hinabreichen, so daſs von ihm nur senkrecht stehende Wandungen den Feuergasen ausgesetzt wären und es den losen Kesselsteintheilen durch die tiefe Lage des Ansatzbodens ermöglicht würde, sich auf letzterem abzuscheiden und der Siedebewegung des Wassers zu entziehen. – Bei Kesselanlagen mit Vorwärmern finden sich Verhältnisse vor, welche eine ähnliche Wirkung des Wasserdampfes bedingen könnten. Es ist zu vermuthen, daſs bei ihnen namentlich von den Wandungen der senkrechten Verbindungsrohre, welche in Folge ihrer Stellung dem Kesselsteinansatz weniger, den Feuergasen stark ausgesetzt sind, eine Anregung zum Sieden ausgeht.

Um Kesselwasser in innigere Berührung mit Gasen zu bringen, könnten endlich beständig geringe Mengen desselben auf elektrolytischem Wege, entweder in Vorrichtungen, die mit dem Kessel in Verbindung zu setzen wären, oder im Kessel selbst zersetzt werden.

Ed. Seelig.

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