Titel: Ueber Ringspinnmaschinen mit variabler Spindelgeschwindigkeit.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1881, Band 240 (S. 265–274)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj240/ar240106

Ueber Ringspinnmaschinen mit variabler Spindelgeschwindigkeit.

Mit Abbildungen auf Tafel 22.

Das Bulletin de la Société industrielle de Mulhouse, 1880 Bd. 50 S. 437 bringt einen längeren von P. Dupont, Professor an der Schule für Spinnerei – und Webereitechniker in Mülhausen, und V. Schlumberger verfassten Artikel über Ringspinnmaschinen, welcher in Bezug auf Beschreibung neuerer Maschinen viel Beachtenswerthes enthält, so daſs eine theilweise Wiedergabe in diesem Journal geboten erscheint. Dagegen vermiſst Referent sehr, daſs von den genannten Verfassern nicht der Versuch gemacht worden ist, die Theorie der Maschine etwas weiter auszuführen und für die Berechnung der Geschwindigkeiten u.s.w. nutzbar zu machen. Das Nachstehende gibt eine vielleicht willkommene Ergänzung des obiger Quelle entstammenden Berichtes.

In dem Artikel wird zunächst – nachdem darauf hingewiesen ist, daſs in Folge des veränderlichen Durchmessers der Spule bei constanter Geschwindigkeit derselben die Fadenspannung veränderlich ist – eine Formel entwickelt, welche Aufschluſs geben soll über die Abhängigkeit beider von einander. Ist die Spannung in dem vom Läufer nach der Spule laufenden Fadenstück (Fig. 1 Taf. 22) = P, der Spulenhalbmesser ac = r, der Ringhalbmesser ab = ρ so ist die den Läufer im Punkte b erfassende und in Bewegung setzende Tangentialkraft:

Setzt man hierin T constant, so ist die Fadenspannung dem Spulenhalbmesser umgekehrt proportional; bei constanter Fadenspannung wäre die für den Betrieb des Läufers zur Verfügung stehende Kraft direct proportional dem Spulenhalbmesser. Soweit der Bericht a. a. O.

Die gewöhnliche Construction der Ringbänke bedingt, wie Referent in einer kleinen, im Civilingenieur, 1880 Heft 6 und 7 veröffentlichten Abhandlung nachgewiesen hat, sehr starke und an den Enden des Ringbankweges sogar plötzliche Aenderungen der Fadenspannung. Die Grenzen derselben rücken um so weiter aus einander, je gröſser der Unterschied zwischen gröſstem und kleinstem Spulenhalbmesser ist. Um die Fadenspannung in erträglichen Grenzen zu halten, wurde das Garn bisher fast allgemein auf Holzspulen gewunden. Könnte man die Fadenspannung constant halten, so wäre damit ein ganz bedeutender Vortheil erreicht, vorausgesetzt, daſs dadurch nicht andere Uebelstände herbeigeführt würden. Es lieſsen sich dann auf der Ringbank nicht allein Garne mit geringerem Drahte als bisher spinnen; man könnte auch das Garn auf Papierdütchen aufwickeln, wodurch der Inhalt des Garnkörpers beträchtlich wächst. Die theueren Holzspulen würden erspart; die Abzüge erfolgten in längeren Zwischenräumen und die Lieferung der Maschine würde zunehmen.

Zur Beantwortung der Frage: wie läſst sich die Fadenspannung constant halten, muſs man sich zunächst darüber klar werden, welche Kräfte auf den Läufer einwirken, um die der Bewegung entgegenstehenden Widerstände ermitteln zu können. Ein Blick auf Fig. 1 und 2 gibt darüber Aufschluſs. In radialer Richtung wirken: Centrifugalkraft = C und die Componente P cos α, senkrecht abwärts das Gewicht des Läufers = G und in Richtung des |266| vom Fadenführer o kommenden Fadens die Spannung Q. Wie aus den Figuren ersichtlich, ist angenommen worden, daſs der Faden vom Führungsauge nach dem Läufer in gerader Linie läuft, während er sich in Wirklichkeit ausbaucht, und daſs das zwischen Läufer und Spule ausgespannte Fadenstück in einer wagrechten Ebene liegt, während es tangential zu der vom Faden auf der Kötzeroberfläche beschriebenen Schraubenlinie läuft. Wollte man beides berücksichtigen, so würde man zu sehr zusammengesetzten Verhältnissen kommen. Der durch obige Annahme etwa erwachsende Fehler wird auſserdem sehr klein sein.

Die vier Kräfte Q, C, G und P cos α liegen in einer durch die Spindelachse gehenden Ebene. Ihre Resultante R steht senkrecht zur Tangente an den Ring im Punkte b. Multiplicirt man R mit dem Coefficienten der Reibung f zwischen Läufer und Ring, so ist damit der Widerstand des Läufers gegeben, wenn man von den wohl kaum zu ermittelnden Luftwiderständen absieht und davon, daſs der Läufer während des Ganges wahrscheinlich eckt. Für den Beharrungszustand muſs hiernach folgende Gleichung bestehen:

. . . . . . (1)

Sind P, f und α bekannt und soll P für alle Spulenhalbmesser constant bleiben, so muſs die Centrifugalkraft veränderlich sein. Diese läſst sich nunmehr leicht auf graphischem Wege ermitteln, wenn man das Läufergewicht, welches im Verhältniſs zur Centrifugalkraft immer sehr klein ist, vernachlässigt und noch Q = P setzt. P ist in Wirklichkeit gröſser als Q; denn der Faden findet bei dem Durchgang durch den Läufer Reibungswiderstand. Die Gröſse des letzteren entzieht sich zur Zeit noch genauer Angabe. Der Unterschied zwischen P und Q ist aber aller Wahrscheinlichkeit nach gering.

Zur Bestimmung der Centrifugalkraft trägt man in Fig. 3 vom Punkte b aus nach rechts P cos α auf, in Richtung der Linie bo die Gröſse P. Die Resultante beider ist R1. Nimmt man nun den aus Gleichung (1) berechneten Werth von R in den Zirkel und schlägt von b aus einen Kreisbogen, welcher die durch den Endpunkt von R1 gezogene Parallele zu ba in d schneidet, und zieht durch d eine Parallele de zu R1 so schneidet diese auf ba die Strecke be = C ab.

Die augenblickliche Umdrehungszahl u des Läufers, welche C entspricht, folgt aus der Gleichung:

. . . . . . . (2)

worin C und G in Kilogramm, q in Meter einzusetzen ist.

Leider ist weder die Spannung des Fadens während des Spinnens, noch der Reibungscoefficient f bekannt. Verfasser hat, um sich einigen Aufschluſs über die Gröſse des Reibungscoefficienten zu verschaffen, folgenden Weg eingeschlagen: Kennt man die Werthe G und ρ der Gleichung (2), so findet sich die Centrifugalkraft:

. . . . . . . (3)

C wird für verschiedene Werthe von u berechnet und nun unter Zugrundelegung verschiedener Werthe von P mit Hilfe von Fig. 3 R construirt. Dann findet sich aus Gleichung (1):

. . . . . . . (4)

Für die Berechnung nachstehender Tabelle wurden folgende einer Ringspindel der technologischen Sammlung des Braunschweiger Polytechnikums entnommenen Werthe zu Grunde gelegt: Mittlerer Ringhalbmesser ρ = 22mm,225 (⅞'' engl.), gröſster Spulenhalbmesser r1 = 15mm,875 (⅝''), Abstand der Ringbank vom Läuferauge s = 254mm (10''). Bei dem Spinnen von Garn Nr. 16 beträgt das Gewicht des Läufers 0g,1. Das Zerreiſsgewicht eines auf der Ringspindel gesponnenen Baumwollgarnes Nr. 16 der genannten Sammlung beträgt 470g.

|267|
Umdrehungen des Läufers u = 5000 6000 7000 8000
Fadenspannung P = 5g f = 0,06 0,047 0,0297 0,0226
10 f = 0,128 0,086 0,062 0,047
20 f = – 0,132 0,099
30 f = – 0,154
40 f = – 0,216
50 f = – 0,280

Die Tabelle ist berechnet unter der Voraussetzung, daſs der Faden gegen den gröſsten Spulendurchmesser anläuft, d.h., daſs der Läufer die gröſste Umdrehungszahl besitzt.

Der Coefficient der gleitenden Reibung zwischen polirtem Stahl auf polirtem Stahl ohne Schmierung liegt sicher unter 0,2. Berücksichtigt man, daſs u > 8000 (u ist Umdrehungszahl des Läufers) nur selten vorkommen wird, daſs für f = 0,1 und u = 8000 der Werth P ohne die gewiſs nicht geringen Luftwiderstände = 20g ist, so wird man wohl nicht sehr fehlgreifen, wenn man f zu 0,1 annimmt. Die Spannung P = 20g erscheint im Verhältniſs zur Zerreiſsfestigkeit des fertigen Garnes gering. Der Faden befindet sich aber noch in der Bildung und ist dabei mehr oder weniger groſsen Erschütterungen ausgesetzt. Eine geringe Spannung kann nur vortheilhaft sein; es werden um so weniger Fadenbrüche auftreten.

Wird also f = 0,1 angenommen und soll die Fadenspannung P = 20g für 16er Baumwollgarn constant gehalten werden, so lassen sich jetzt aus dem gröſsten Spulenhalbmesser r1, dem kleinsten r2 = 4mm,76 (3/16'' engl.) die entsprechenden Umdrehungszahlen u1 und u2 des Läufers bestimmen. Es ist bei Bewickelung auf:

Nunmehr kann man die Centrifugalkraft auf oben beschriebene Weise construiren und mit Hilfe von Gleichung (2) den Werth u berechnen. Es ist

Ist noch der Drahtcoefficient φ bekannt (Zahl der Drehungen auf 1'' engl. ), so lassen sich die äuſsersten Grenzen der Spindelumdrehungen n1 und n2 ermitteln.

Macht der Läufer u1 Umdrehungen in 1 Minute, so muſs das Streckwerk, wenn durch das Zusammendrehen des Fadens weder Verlängerung, noch Verkürzung eintritt, in derselben Zeit Zoll Garn herausgeben. Um diese Länge aufzuwinden, muſs die Spindel, da auf den Halbmesser r1 gewunden wird, Drehungen mehr machen als der Läufer. Es ist demnach:

Ebenso findet sich, wenn auf den kleinsten Spulenhalbmesser gewunden wird:

Durch Ausrechnen einiger Zwischenwerthe ist die in Fig. 3 verzeichnete Curve f g h der Spindelumdrehungen erhalten werden.

|268|

Die Bildung des Garnkörpers erfolgt bei Ringbänken in derselben Weise wie bei Mulemaschinen. Es liegen aber in der von der Spitze nach der Basis gewundenen Schicht ½ bis ⅓ so viel Windungen als in der von der Basis nach der Spitze gewundenen. An dem Probekötzer war w1 = 22 und w2 = 66. Die Garnlängen in den einzelnen Schichten sind hiernach:

und

Um nun noch die Zeit zu ermitteln, welche für einen Aufgang bezüglich Niedergang der Ringbank erforderlich ist, wurde angenommen, daſs das Garn auf einen Cylindermantel vom Halbmesser ½ (r1 + r2) aufgewunden werde und sich die Ringbank gleichförmig bewege. Bei Bewickelung auf den Halbmesser ½ (r1 + r2) macht der Läufer, wie durch Rechnung zu finden, 6530 Umdrehungen; folglich muſs das Streckwerk in jeder Secunde:

engl.

Garn herausgeben. Dividirt man mit l in die in den einzelnen Schichten liegenden Garnlängen, so erhält man die Zeit für einen

Niedergang der Ringbank: Aufgang der Ringbank:

In Wirklichkeit bewegt sich die Ringbank mit verschiedener Geschwindigkeit. Läuft der Faden von der Basis nach der Spitze, so nimmt die Geschwindigkeit zu, bei umgekehrtem Laufe ab. Die Geschwindigkeiten an gleichen Punkten der Wege sind bei dem Aufgang und Niedergang in Folge der in den Schichten liegenden ungleichen Anzahlen von Windungen verschieden; an den Wegenden müssen also Geschwindigkeitssprünge eintreten, die aber hier auſser Berücksichtigung bleiben sollen. Ebenso ist nicht berücksichtigt worden, daſs die Ringbank beim Aufgang gegen, beim Niedergang mit dem Faden läuft.

Um die Untersuchung zum Abschluſs zu bringen, wären endlich noch die Umdrehungszahlen der Vordercylinder des Streckwerkes zu berechnen.

Läuft der Faden gegen die Kötzerbasis an, so macht der Läufer u1 = 7950 Umdrehungen, wie oben ermittelt. Haben die Streckcylinder 28mm,575 (1⅛'') Durchmesser, so ist die zu u1 = 7950 gehörige Umdrehungszahl derselben:

Auf demselben Wege findet sich die Umdrehungszahl m2 des Streckwerkes, wenn der Faden gegen die Kötzerspitze läuft:

Zusammenstellung der Resultate: Bei dem Spinnen von Baumwollgarn Nr. 16 eng], auf der Ringbank unter Anwendung eines Läufers von 0g,1 Gewicht und der oben angeführten Gröſsen des Ringes und Kötzers liegen die Grenzen der Spindelgeschwindigkeit, wenn man den Coefficienten der Reibung zwischen Läufer und Ring zu 0,1 und die zulässige constant zu haltende Fadenspannung zu 20g annimmt, bei 8020 und 5190 Umdrehungen. Die Vordercylinder machen bei 1⅛'' engl. Durchmesser dementsprechend 161 und 94 Umdrehungen. Liegen in der von der Spitze nach der Basis gewundenen Schicht 22, in der von der Basis nach der Spitze gewundenen Schicht 66 Windungen, so ist die Zeit für einen Niedergang der Ringbank 7,2, für einen Aufgang 2,6 Secunden. – Will man die Fadenspannung constant halten, so muſs während eines in 7,2 Secunden erfolgenden Niederganges der Ringbank |269| die Spindelumdrehungszahl von 5190 auf 8020 und die Umdrehungszahl der Streckcylinder von 94 auf 161 anwachsen; während eines in 21,6 Secunden erfolgenden Aufganges nehmen die Umdrehungszahlen von 8020 auf 5190, bezüglich 161 auf 94 ab.

Es drängt sich sofort die Frage auf, ob wohl dabei die Maschine einen ruhigen Gang behalten kann? Daran zu zweifeln, ist man voll berechtigt. – Eine geringe Besserung der Verhältnisse wäre nur dadurch zu erreichen, daſs die Zahl der Windungen in der fallenden und steigenden Schicht gleich groſs wird. Die Zeit für einen Auf- oder Niedergang ist dann ½ (7,2 + 21,6) = 14,4 Secunden. Die sehr ungünstigen Verhältnisse beim Niedergang haben sich gebessert, die beim Aufgang verschlechtert. Auch erweist sich diese Ausführung in der Praxis als nicht brauchbar.

Die Vaterschaft der Ringbänke mit variabler Spindelgeschwindigkeit behufs Erzielung constanter Fadenspannung ist meines Wissens Jacob Grime in Preston zuzuschreiben, welcher die Ausführung der Firma Samuel Brooks in Manchester übertragen hat. Der Textile Manufacturer brachte bereits im Jahrgange 1879 eine kurze Beschreibung nebst einer völlig ungenügenden Abbildung der Maschine. Unsere Mülhauser Quelle enthält eine ausführliche Besprechung derselben unter Beigabe sehr guter Zeichnungen, deren Wiedergabe angeschlossen werden soll. Auf Taf. 22 gibt Fig. 4 eine Längen-, Fig. 5 eine Stirnansicht der Ringbank. Die Figuren 6 bis 11 enthalten einzelne Mechanismen.

Die Ringbank besitzt, abgesehen von den Theilen, welche die veränderliche Spindelgeschwindigkeit und Streck Werksgeschwindigkeit veranlassen, im Groſsen und Ganzen die gewöhnliche Ausführung. Die Maschine ist zweiseitig. Die Streckwerke liegen etwas geneigt. Nur die Vordercylinder sind mit Lederrollern versehen und erhalten Druck durch guſseiserne Stäbe D, von denen jeder quer durch die Maschine geht und für beide Seiten benutzt wird. Mittel- und Hintercylinder besitzen massive metallene Oberroller ohne besondere Druckvorrichtungen. Das Rad E ist der Verzugswechsel. Das Streckwerk wird von der Spindeltrommelwelle durch die Vorgelege getrieben; das Rad a2 ist hier der Drahtwechsel. Die Spindeln erhalten Betrieb von der Spindeltrommel F aus. Die Führung der Spindelschnuren ist in folgender Weise angeordnet. Neben der Trommel F liegt eine zweite F1 von gleicher Gröſse, aber ohne besonderen Antrieb. Die von der Spindel S ablaufende Schnur umschlingt einmal die Trommel F, geht nach der Spindel S1, zurück nach F1 umschlingt diese Trommel und läuft nach S. Dadurch liegen die gegen die Spindelwürtel anlaufenden Schnurentheile fast in gleicher Höhe.

Die Spindeltrommel wird durch ein Doppelseil getrieben. Diese |270| Seile erhalten von der Antriebwelle H Bewegung. Auf H sitzt ein Riemenkegel I entsprechend zu dem auf der Deckenvorgelegewelle befindlichen Riemenkegel I1. Der treibende Kegel I1 macht 620 Umdrehungen in der Minute. Sind die Enddurchmesser der Kegel I und I1, 252 bezieh. 230mm und hat die Spindeltrommel F 250mm und der Spindelwürtel 22mm Durchmesser, so ergeben sich die Grenzen der Spindelumdrehungen, wenn man vom Gleiten der Riemen und Schnuren absieht, zu bezieh.

Die als zur Maschine gehörig bezeichneten Spulen besitzen an tiefster Stelle vor dem Ansatz ⅝'' und ¼'' engl. Halbmesser, der Ring, wie hiernach anzunehmen, ⅞ Zoll. Um einen Vergleich der oben ermittelten Spindelumdrehungszahlen mit den früher auf Grund der aufgestellten Theorie entwickelten Gröſsen zu ermöglichen, wäre nur noch für den Spulenhalbmesser r = ¼'' engl. die Rechnung durchzuführen. Man erhält folgendes: Beim Spinnen von Garn Nr. 16 mit der angegebenen Spindel unter Anwendung eines Läufers von 0g,1 Gewicht und constanter Spannung des Fadens von 20g sind die theoretischen Grenzen der Spindelumdrehungszahlen 8020 und 5660, die mit der Maschine erreichbaren 7700 und 6430; die Differenz beträgt im ersten Fall 2360, im zweiten Fall 1270. Die Grenzen sind vom Constructeur der Maschine viel enger gezogen, als die obige Theorie verlangt. Daraus ist wohl der Schluſs erlaubt, daſs eine constante Fadenspannung nicht erreicht ist, sondern nur die Grenzen derselben näher an einander gerückt sind. Der Erbauer ist dazu vielleicht durch die Bedenken, welche einer starken Variation der Spindel- und Streckwerksgeschwindigkeit entgegenstehen, veranlaſst worden.

Während des Aufganges der Ringbank ist der Triebriemen von rechts nach links (Fig. 5), während des Niederganges in umgekehrter Richtung zu verschieben. Die Gröſse dieser Verschiebung ist, vorausgesetzt, daſs auf Papierhülsen oder Holzspulen ohne Ansatz gesponnen wird, variabel während der Bildung des Ansatzes von Doppelkegelform, constant während der Bildung des cylindrischen Theiles des Garnkörpers. Bei Beginn der Ansatzbildung auf den leeren Hülsen ist eine Verschiedenheit der Durchmesser an der Basis und Spitze nicht vorhanden, die Spindel rotirt während dieser Zeit mit constanter Geschwindigkeit, der Riemen läuft ganz links auf den Kegeln Fig. 5. Mit dem Auflegen jeder neuen Schicht vergröſsert sich der Basisdurchmesser, während der Durchmesser an der Spitze, wenn man die Spindel als cylindrisch ansieht, constant bleibt. Mit der Vergröſserung des Basisdurchmessers muſs die Zunahme der Spindelgeschwindigkeit gleichen Schritt halten. Für jede neue Schicht ist der Riemen, wenn der Faden gegen die Basis anläuft, etwas weiter nach rechts zu verschieben. Die gröſste Verschiebung tritt ein, sobald der Basisdurchmesser |271| den gröſsten Werth erreicht, also die Ansatzbildung vollendet ist. Da nun für jede Ringspindel der kleinste und der gröſste Kötzerdurchmesser constant sind, so ergibt sich, daſs derselbe Mechanismus zur Erzielung variabler Spindelgeschwindigkeit für das Spinnen verschiedener Garnnummern benutzt werden kann. Je gröber das Garn, mit um so weniger Schichten vollzieht sich die Ansatzbildung, um so stärker ist die Schiebung des Riemens für jede einzelne Schicht. Damit ist der Einfluſs ausgedrückt, welchen die Garnnummer auf die Riemenschiebung ausübt.

Die Bewegung der Ringbank und die Riemenverschiebung werden bei der vorliegenden Maschine von der wagrechten Welle J (Fig. 4 bis 7) abgeleitet, welch letztere von der stehenden Welle J1 aus durch Schneckengetriebe in langsame Bewegung versetzt wird und zur Hebung und Senkung der Ringbank eine Curvenscheibe K (Fig. 7) trägt. K setzt bei der Drehung den Hebel L in eine schwingende Bewegung; in diesem ist vorn eine kurze Achse gelagert, welche die Kettenscheibe m, das Schraubenrad n und einen Bund mit der Nase p trägt. Um dieser Welle eine ruckweise Drehung zu ertheilen, ist die Schnecke o, das Vorgelege s, s1 und das Sperrrad t angeordnet, in welches sich ein am Gestell verbolzter Sperrkegel s2 einlegt. Bei jedem Niedergang des Hebels L erhält somit die Welle r durch die an m und q befestigte Kette Linksdrehung, r trägt noch mehrere Kettenscheiben q2 (Fig. 4), deren senkrecht herablaufende Ketten die cylindrischen Trag- und Führungsstangen der Ringbank tragen. Von der Welle r aus wird aber auch die Welle r1 (Fig. 6) in Bewegung gesetzt, welche die linksseitige Ringbank führt. Beide Ringbänke steigen empor, wenn der Hebel L niederschwingt, und fallen beim Aufgang dieses Hebels. Damit sich die Gleitrolle l des Hebels L jederzeit sicher an die Curvenscheibe K anlegt, ist an den beiden Wellen r und r1 noch ein schweres guſseisernes plattenförmiges Gewicht M (Fig. 4 und 5) angebracht. Bei jedem Niedergang des Hebels L erhält die Kettenscheibe m durch den beschriebenen Mechanismus eine kleine Drehung und windet etwas Kette auf, wodurch das allmähliche Ansteigen der Ringbank bewirkt wird. Je nach der Nummer des gesponnenen Garnes ist die aufzuwindende Kettenlänge zu verändern. Während der Ansatzbildung muſs die nach je einem Auf- und Niedergang der Ringbank erfolgende Hebung der letzteren kleiner sein als nach Vollendung des Ansatzes. Dies wird dadurch erreicht, daſs die Kette m1 während der Ansatzbildung auf einer Nase p2 der Kettenscheibe q aufruht. Ist ein Abzug vollendet, so hat man die Ringbänke durch Abwinden der Kette m1 von m aus mit Hilfe einer auf die Achse t gesteckten Handkurbel zu senken. Die Endstellung ergibt sich durch das Anlegen der Nase p an den am Hebel L angebrachten Anschlag u.

Die Verschiebung des Betriebsriemens auf den Kegeln I und I1 |272| behufs Variation der Spindelgeschwindigkeit ist aus Fig. 8 bis 11 zu ersehen. Die Riemengabel gleitet auf dem Balken a und erhält durch das an die Kette k1, gehängte Gewicht das Bestreben, nach links zu wandern, wenn es die nach rechts ablaufende und an dem Hebel i befestigte Kette k zuläſst. Der Hebel i erhält durch den auf der Welle j festgekeilten Daumen d eine schwingende Bewegung. Läuft die in einem Support f des Hebels i gelagerte Rolle e gegen d1 (Fig. 11) an, so ist die Verschiebung des Riemens am kleinsten, die Ansatzbildung beginnt; läuft sie gegen d2 an, so ist die Verschiebung am gröſsten, die Ansatzbildung ist vollendet. Die Verschiebung des Schlittens f geschieht durch eine Schaltschraube und die Stirnräder l bis l2. Von der Vollendung des Ansatzes bis zur Vollendung des Kötzers bleibt die Verschiebung des Betriebsriemens constant, weshalb der Betrieb der Schaltschraube unterbrochen werden muſs. Das Rad l sitzt mit Nuth und Feder auf der Schaltschraube und wird durch eine Gabel geführt, welche so lange, als die Gleitrolle e von d1 bis d2 wandert, durch einen kleinen Hebel n gesperrt ist; n wird zu gehöriger Zeit ausgehoben, die Gabel verschiebt unter Wirkung einer Feder das Rad l und unterbricht den Eingriff zwischen den Getrieben l und l1. Nach Vollendung eines Abzuges ist der Schlitten f in die Anfangsstellung zurückzuführen und der Eingriff der Räder l und l1 wieder herzustellen.

Schlieſslich sei noch erwähnt, daſs die über den Spindelspitzen befindlichen Fadenführer so angebracht sind, daſs jeder einzelne aufgeklappt werden kann, aber auch alle zugleich gehoben werden können, wodurch die Zeit zum Abziehen der vollen Spulen verkleinert wird. Dem letzteren Zwecke dienen die zwei unterhalb der Fadenführer liegenden Wellen x1 x2 (Fig. 4 und 5), welche von der quer liegenden und mit einer Handkurbel versehenen Achse v Drehung erhalten.

Das Bulletin enthält noch weiter die Beschreibung zweier anderer Anordnungen des Betriebes der Ringbank für Ringspinnmaschinen mit constanter Spindelgeschwindigkeit, welche etwas wesentlich Neues nicht bieten. Es sei nur darauf aufmerksam gemacht, daſs in einem Falle versucht worden ist, das Zurückbringen der Ringbänke in die tiefste Stellung nach Vollendung der Kötzer durch Maschinenkraft zu vollführen. Ferner ist die Maschine mit selbstthätiger Abstellung nach Vollendung der Kötzer und mit einer Bremse zum schnellen Anhalten der Spindeln nach Verlegung des Riemens auf die Losscheibe versehen. Auf den dem Bericht beigegebenen Tafeln ist eine groſse Zahl von Ringspindeln verzeichnet, welche aber mit wenigen unwichtigen Ausnahmen in D. p. J. (vgl. Ziffer, Dobson und Macqueen, Howard und Bullough 1879 231 * 415, Duffiy und Whorwell 1880 236 * 377) bereits beschrieben sind.

Von weit gröſserem Interesse sind die Schluſsbemerkungen des |273| Berichtes über Führung und Leistung der Ringbänke; diese sind kurz folgende:

Die Führung der Ringbank ist sehr einfach und kann bequem durch junge Arbeiterinnen besorgt werden, wodurch die Spinnkosten abnehmen. 1 Arbeiterin genügt für 300 bis 400 Spindeln. Das Anknüpfen gebrochener Fäden ist etwas schwieriger als bei dem Selfactor wegen des rascheren Auf- und Niederganges der Ringbank. Die Arbeiterinnen werden aber auch darin geschickt. Sie heben entweder die Spule von der Spindel, um den Faden durch die Läufer ziehen zu können, oder halten die Spindel mit dem Knie in Ruhe und haben dann beide Hände zum Anknüpfen des Fadens frei, weil die Spule nicht abgehoben wird.

Bei einigen Ringspindeln muſs man, nachdem die Kötzer vollendet sind, die Ringbank bis zur tiefsten Stelle senken und noch eine kleine Länge Garn auflaufen lassen, um den Faden an der Spindel zu befestigen und nach dem Aufstecken leerer Spulen das Spinnen sogleich wieder beginnen zu können. Dank dieser Vervollkommnungen können 4 geübte Arbeiter den Abzug bei einer Maschine von 360 Spindeln in 2,5 bis 3 Minuten bewerkstelligen. Um diesen Stillstand noch mehr zu verringern – was beim Spinnen niederer und mittlerer Nummern, wobei die Abzüge sehr rasch auf einander folgen, von Wichtigkeit ist –, hat man einen Apparat angebracht, durch welchen das Abheben aller gefüllten Spulen mit einem Male geschieht. Das Anlassen der Ringbank erfolgt dann bereits wieder nach 30 Secunden. Leider ist der Apparat bisher nur anwendbar, wenn auf Holzspulen gewickelt wird.

Die Ringbank ist unzweifelhaft eine weit einfachere Maschine als der Selfactor, erfordert weniger Sorgfalt und Geschicklichkeit für gute Instandhaltung und weniger Anstrengung seitens der Arbeiter. Am Selfactor muſs ein kräftiger Mann angestellt werden, die Ringbank können junge Burschen oder Mädchen bedienen.

Das auf Ringbänken gesponnene Garn wird als besser bezeichnet wie das vom Selfactor gelieferte und als Grund dafür der ununterbrochene Gang (?) angegeben. Ringbankgarn soll viel regelmäſsiger sein und weniger Fehler zeigen als Selfactorgarn. Der Raumbedarf ist für Ringspindeln bedeutend geringer. Man kann im gleichen Räume 50 Procent mehr Ringspindeln als Selfactorspindeln aufstellen. Der Kraftbedarf soll sich für gleiche Leistung ziemlich gleich stellen. Die Ringspindeln sind meist so construirt, daſs die Lager thunlichst von Staub und Fäserchen geschützt sind und das Schmieren nur in längeren Zeiträumen zu erfolgen braucht. Die Selfactorspindeln müssen im Tage mindestens 2 mal geölt werden.

Bezüglich der Leistungsfähigkeit scheinen die von verschiedenen Constructeuren und Spinnern veröffentlichten Angaben nicht übertrieben. |274| In der Mülhauser Schule für Spinnereitechniker hat man auf Grund von Versuchen die mögliche Leistung folgendermaſsen gefunden: Bei Kette Nr. 27/29 mit 10 Drehungen auf 1cm, 6500 Umdrehungen der Spindel im Mittel, 90 Umdrehungen der vorderen Streckcylinder 100g für Spindel und Tag, bei Kette Nr. 40/42 dagegen 60g in 12 Stunden. Die Läufer sind bei 6000 bis 8000 Spindelumdrehungen sehr rasch der Zerstörung unterworfen; trotzdem betragen die Kosten dafür nur etwa 17,50 Mark für 1000 Spindeln und Jahr. Die Läufer werden mit Nummern bezeichnet meist in der Weise, daſs Nr. 15 dem schwersten Läufer für das gröbste Garn zuertheilt wird. Die Nummern gehen immer um 1 herunter bis Nr. 1 und steigen dann wieder auf, erhalten aber zum Unterschied einen Bruchstrich mit Null darunter; Nr. 15/0 bezeichnet den leichtesten Läufer für das feinste Garn. Für gleiche Garnnummern müssen je nach Spindelgeschwindigkeit und Ringdurchmesser Läufer verschiedenen Gewichtes angewendet werden, wie dies auch aus der eingangs gegebenen theoretischen Untersuchung hervorgeht.

A. Lüdicke.

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