Titel: H. Fischer, über Neuerungen in der Gewebefabrikation.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1881, Band 240 (S. 351–360)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj240/ar240135

Neuerungen in der Gewebefabrikation; von Hugo Fischer.

Mit Abbildungen.

(Patentklasse 86. Fortsetzung des Berichtes S. 105 dieses Bandes.)

B) Gewebe-Erzeugung: III) Eintragen des Schusses. (Taf. 29.)

Das Werkzeug zum Einführen des Schuſsfadens in das Fach, die Schütze (auch „der Schützen“ genannt), nimmt den auf eine Spule gewundenen Fadenvorrath auf. Die Befestigung dieser Spule im Schützenkörper erfolgt durch Festklemmen der Spulenhülse auf der Schützenspindel, einem in der Längenrichtung getheilten federnden Dorn, welcher parallel zur Achse der Schütze einseitig befestigt ist und meist für das Aufstecken einer neuen Spule aufgerichtet werden kann. Die einfache Zweitheilung dieses Domes und einseitige federnde Verbindung dieser Theile genügt dem Zweck des Festhaltens nur unvollkommen, da durch den Zug des Fadens und die Trägheit der Spule bei dem Abstoſsen der Schütze in derjenigen Richtung, bei welcher das befestigte Dornende voran schreitet, leicht eine Lockerung der Spulenhülse auf dem Dorn eintritt. Auch das bei Holzspulen beliebte Aufrauhen der Dornoberfläche durch Feilenhieb beseitigt die Lockerung nur unvollkommen und bedingt überdies eine rasche Erweiterung der Hülsenbohrung und damit Untauglichkeit der Spule für fernere Verwendung.

Zu den einfacheren neuen Constructionen, welche diesem anerkannten Uebelstand abzuhelfen bestimmt sind, gehört u.a. die Schützenspindel von W. Witz in Greiz i. V. (* D. R. P. Nr. 4380 vom 13. August 1878). Dieselbe ist speciell für die Befestigung papierner Kötzerdüten bestimmt und besteht, wie die Fig. 1 und 2 Taf. 29 zeigen, aus einer cylindrisch oder kegelförmig gestalteten, aus Runddraht gewundenen Schraubenfeder, welche bei B mit dem Schützenkörper verbunden ist. Die mit geringer Drehung aufgeschobene Papierspule bildet die Gegenform der Drahtwindungen und ist hierdurch am Herabgleiten von der Spindel gehindert.

Eine andere Einrichtung zur Festhaltung der in die Schütze eingebrachten Spulen von Joh. Kraus in Ratingen (Erl. * D. R. P. Nr. 9837 vom 27. September 1879) ist durch Fig. 3 Taf. 29 dargestellt. Sie schlieſst sich unmittelbar der älteren Einrichtung an und unterscheidet sich von dieser vortheilhaft dadurch, daſs dem beobachteten baldigen Erlahmen des federnden Spindeltheiles b durch eine Feder g vorgebeugt wird, welche gegen die Kröpfung c dieses Spindeltheiles drückt. In gehobener Stellung der Spindel nähert sich b dem Dorn a und gestattet so das leichte Aufstecken einer Spule; bei dem Einlegen der Spindel wird dagegen die Feder b durch die Wirkung von c und g gestaucht und damit die Spulenhülse auf den Dorn festgeklemmt. Die Feder g |352| läſst sich leicht erneuern und dadurch die Schütze lange Zeit brauchbar erhalten. Stift d und Feder h sichern die Stellung der Spindel in den beiden Grenzlagen.

Vollkommenen Schutz gegen Herabgleiten den Spule bietet die Webschützenspindel von J. E. Wadsworth in Leeds und J. Delbanco in Hamburg (Erl. * D. R. P. Nr. 5401 vom 8. November 1878) durch Uebergreifen des vorderen Spulenrandes durch Haken a und c der Spindel (Fig. 4 Taf. 29). Diese Spindel ist hier aus zwei bei n scherenartig zusammengefügten Hebeln B, B1 gebildet, deren Drehpunkt im Schützenkörper bei e liegt. Dieser Zapfen e ist fest mit dem Hebel B verbunden, ragt aber durch eine Aussparung in dem Endbacken des Hebels B1, so daſs sich dieser gegen B verdrehen kann. Die Gestalt der Backen B, B1 bedingt, daſs bei eingelegter Spindel die Hebel durch die Feder g so gegen einander verstellt werden, daſs die Haken a und c den Spulenrand übergreifen; bei ausgehobener Spindel bringt dagegen der gegen B und B1 drückende Stift o die beiden Hebel zur gegenseitigen Deckung, so daſs die Haken a und c in die Spulenbohrung zurücktreten und die Spule abgezogen werden kann. (Vgl. 1879 232 * 323.)

Der gleiche Grundgedanke findet sich bei der Schützenspindel von Louis Tuchscherer in Schloſschemnitz (* D. R. P. Nr. 10901 vom 13. Januar 1880). Der Haken h (Fig. 5 Taf. 29) bildet hier das Ende einer Feder f, welche in einer Nuth der Spindel ruht und mit dieser durch einen Zapfen m drehbar verbunden ist. Bei gestreckter Lage der nochmals bei l gestützten Feder tritt der Haken h über die Auſsenfläche des Dornes hervor. Die Wirkung dieser Feder ist die zweier doppelarmiger Hebel, deren Drehpunkte bei m und l liegen und welche bei x verbunden sind. Die Drehung des Dornes um den Punkt n der Schützenwand und der Druck des Lagerstückes gegen das anliegende Ende der Feder f bewirkt demnach deren Drehung um m und damit das Zurücktreten des Hakens in den Dorn. Die Verlegung des Drehpunktes von m nach m1 bedingt Aenderung des Hebelarm Verhältnisses und der Gröſse des Hakenvortrittes.

Für die Befestigung von Holzspulen empfiehlt Aug. Schultze in Sommerfeld (Erl. * D. R. P. Nr. 7671 vom 4. Mai 1879) eine Schützenspindel, auf welcher die Befestigung der Spule durch einen in den Spulenkörper eintretenden spitzen Dorn erfolgt. Derselbe gehört, wie Fig. 6 Taf. 29 zeigt, einem einarmigen Hebel a an, welcher in einem Ausschnitt der Spindel s gelagert ist und dessen freies Ende durch einen Vorsprung an den Schützenkörper derart unterstützt wird, daſs bei dem Auslegen der Spindel der Dorn d unter die Auſsenfläche derselben zurücktritt und freies Aufschieben der Spule gestattet. Diese Einrichtung, von dem Erfinder „Dornfeder“ genannt, ist ebenfalls einfach, leidet aber wie einige ältere Constructionen an dem Uebelstand der schnellen Ausnutzung der Spulenbohrung durch den eindringenden Dorn. Dagegen |353| bietet sie, wie der Patentinhaber hervorhebt, auch für solche Spulen eine gute Befestigung, deren Bohrung nicht genau mit der Form der Spindel übereinstimmt

Ernst Köhler in Guben (Erl. * D. R. P. Nr. 7563 vom 14. März 1879) sichert die lose auf den Spulendorn B (Fig. 7 und 8 Taf. 29) geschobene Blechspule A gegen Herabgleiten durch Uebergreifen eines geschlitzten Bügels D über die Spulenscheibe b. Dieser Bügel ist um den an der Schützenwand befestigten Zapfen e drehbar und wird durch die federnde Falle k, h niedergehalten. Lösen dieser Falle durch einen Druck auf den Knopf m bewirkt Hebung des Bügels D durch die Feder f und damit Freigeben der Spule.

Andere Neuerungen beziehen sich auf den Bau des Schützenkörpers. H. E. Kühn in Chemnitz (Erl. * D. R. P. Nr. 8878 vom 23. Sept. 1879) gibt der Schütze einen Blechboden, dessen federnde Enden zwischen feste Stifte der Schützenwand geklemmt sind. Hierdurch soll nicht nur das Auswechseln des alten abgenutzten Bodens erleichtert, sondern auch die Umwandlung einer Rollenschütze in eine Gleitschütze schnell bewirkt werden können. – W. Börner und Klaus in Groſsenhain (Erl. * D. R. P. Nr. 8781 vom 22. August 1879) beanspruchen als neu das Einsetzen stählerner Spitzen an den Enden des Schützenkörpers mittels Mutterschrauben, sowie die elastische Lagerung der Laufrollen auf Kautschukkissen in verticalen Coulissen. – Auf unrichtiger Anschauung beruht die Schützenconstruction von R. J. Gülcher in Biala bei Bielitz (* D. R. P. Nr. 10271 vom 23. Januar 1880), durch welche den Gleitschützen ein gleich sicherer Lauf auf der Ladenbahn ertheilt werden soll, wie ihn die Rollenschützen mit convergirenden Laufrollenachsen besitzen. Derselbe verlegt die Verbindungsgrade der Schützenspitzen, d. i. die Gerade in deren Richtung der Stoſs des Treibers wirkt, aus der verticalen Schwerebene der Schütze nach der von dem Riet abgewendeten Seite des Schützenkörpers und bringt hierdurch die sonst bei dem Schlag im labilen Gleichgewicht befindliche Schütze in stabiles Gleichgewicht, indem das aus Stoſskraft und Abstand der Stoſslinie von der verticalen Schwerebene gebildete Kräftepaar im Augenblick des Abstoſsens eine Drehung der Schütze nach der verticalen Ladenbahn hin bewirkt. Dies gilt jedoch nur für den Moment des Stoſses, da auf dem weiteren Weg die Bewegung der Schützen durch ihre Trägheit erfolgt, die Trägheitskraft aber im Schwerpunkt der Schütze angreift. Unebenheiten der Ladenbahn oder sonstige Widerstände müssen daher auch hier auf dem weiteren Weg ebenso leicht Ablenkung der Schütze verursachen wie bei der älteren Schützenform.

Besonderes Interesse verdient die Einrichtung an Bandstühlen zur Eintragung des Schuſsfadens von Alb. Schmitz und Friedr. Suberg in Barmen (* D. R. P. Nr. 3025 vom 1. Januar 1878). Wie die mehrnadelige |354| Bonnaz-Stickmaschine von E. Cornely in Paris1) den Uebergang von der Stickerei zur Wirkerei bildet, so stellt die genannte Einrichtung an Bandstühlen die Brücke dar zwischen den beiden Arbeitsverfahren: Weben und Nähen. Die Vereinigung zweier oder mehrerer Stoffe mittels des Doppelsteppstiches kann auf zwei Arten a und b (Fig. 9 Taf. 29) erfolgen; a liefert eine unvollkommene, b eine vollkommene feste Naht, da hier durch die Abbiegungen des Unterfadens und Eintreten der Schleifen desselben in das Gewebeinnere eine starke Umfangsreibung an den sich berührenden Ober- und Unterfäden erzeugt wird, welche die Haltbarkeit der Naht wesentlich erhöht. Wie die Figur zeigt, hat die in der Näherei zu vermeidende Ausführung a der Naht sehr viel Aehnlichkeit mit einem Gewebe, wenn man sich die daselbst im Querschnitt dargestellten vereinigten Stoffstücke β, γ durch Fäden ersetzt denkt und diesen den Unterfaden a zuschlägt; alsdann vertritt der Oberfaden δ die Stelle des Schuſsfadens eines Gewebes. Wenn derselbe mit den übrigen Fäden in entsprechender Weise verschränkt wird, so gewinnt das Ganze das Ansehen der Fig. 10 Taf. 29, welche die Ansicht eines schmalen gewebten Bandes darstellt. Der links liegende Randfaden α der Kette vertritt hier den Unterfaden, der Schuſsfaden δ den Oberfaden der Näharbeit. Diese Auffassung des Gewebes führt zu einer zweckmäſsigen Herstellung desselben, welche namentlich für die Erzeugung von Bändern Wichtigkeit besitzt, da hier in Folge der Kleinheit der Schütze der Vorrath an Schuſsfaden klein, dieser daher sehr oft unterbrochen wird. Es genügt nämlich, den Schuſsfaden nur theilweise, in Schleifenform, durch das Fach zu führen und diese Schleife durch einen Randkettenfaden zu binden.

Zur Ausführung dieser Arbeit dienen bei der genannten patentirten Einrichtung2) zwei Werkzeuge, eine Nadel n (Fig. 11 und 12 Taf. 29) für das Eintragen des Schuſsfadens und eine in verticaler Ebene schwingende Schütze s, welche den aufgespulten Randkettenfaden enthält und durch die Schleife des Schuſsfadens führt; der Schuſsfaden wird der Nadel von einer am Stuhlgestell befestigten Spule zugeleitet. Die Schützenbahn S und die Drehachse a der schwingenden Nadel n sind an dem Brustbaum M gelagert. Die parallel zu diesem liegende Welle w erhält schwingende Bewegung und überträgt dieselbe mittels Zahnbogen z und Triebräder r in der bei Bandstühlen üblichen Art auf die Schütze. Eine parallel zum Brustbaum verschiebbare Zahnstange c ertheilt der Nadel Oscillation. Jedem Spiel der Nadel entspricht ein Spiel der Schütze, so daſs bei eingetragenem Schuſsfaden |355| (Stellung I Fig. 11) die Schütze den von Faden, Nadel und Gewebe umschlossenen Raum 1, 2, 3 durchschreitet; der Schuſsfaden tritt hierbei in einen Ausschnitt der Schützenbahn. (Vgl. 1879 233 83.)

Zur zwangläufigen Führung der Schütze durch das Fach ordnet B. Woodman in Laco, Nordamerika (Erl. * D. R. P. Nr. 3884 vom 17. Mai 1878) an jedem Ende der Lade Kurbelmechanismen an, deren Schubstangen die auf der Ladenbahn geführten Treiber bewegen. Mit beiden Treibern stehen Stäbe in Verbindung, welche in Hülsen zum Festklemmen der Schütze endigen. Beide Hülsen treten gleichzeitig in das Fach ein, begegnen sich in dessen Mitte und kehren dann zurück. Die in der Hülse M1 (Fig. 13 und 14 Taf. 29) gehaltene Schütze wird hierbei in die Hülse M2 der zweiten Treiberstange geschoben und bei deren Rückgang vollends durch das Fach gezogen. Die Lösung der Schütze aus Hülse M1 und Festhaltung durch M2 erfolgt dadurch, daſs die Federklinke k2 unter die Klinke k1 tritt, diese über die Nase n1 der Schütze hebt und selbst über die Nase n2 herabsinkt.

Eine andere Einrichtung zur zwangläufigen Schützenführung enthält der Bandwebstuhl der New-York Silk Manufacturing Company in New-York (* D. R. P. Nr. 7776 vom 28. Februar 1879). Hier wird die Schützenbewegung durch ein Curvenschubgetriebe hervorgebracht. Die in die Umfläche des Cylinders a (Fig. 15 u. 16 Taf. 29) eingeschnittene Schubcurve ertheilt dem Schlitten b eine Schwingungsbewegung auf horizontaler Bahn. Diese Bewegung überträgt sich vergröſsert durch die Räder r1, r2 auf den Schlitten c, da sich r1 auf der Zahnstange d abwälzt. In verticalen Führungen des Schlittens c gleiten die Stäbchen e1, e2; sie treten abwechselnd in Bohrungen der Schütze f ein, so daſs dieselbe an der Bewegung des Schlittens c theilnimmt, und führen sie hierbei durch das Fach. Den Ein- und Austritt der Stäbchen e1, e2 bestimmt der Schlitten g, welcher in Prismenführungen des Schlittens c gleitet und zu der Zeit, wo die Schütze die Mitte der Kette durchläuft, durch den Zahnbogen h und die Zahnstange i relativ zu c verschoben wird. Die Stäbchen e1, e2 werden hierbei von den schrägen Schlitzen s1, s2 im Schlitten g gehoben, bezieh. gesenkt. Tritt die Schütze links in das Fach ein, so ist sie durch e1 gehalten; auf der Mitte des Weges durchläuft der Zapfen z des Zahnbogens h die Kröpfung k der Leitbahn l, der Schieber g senkt e1 und führt e2 in die Schützenbohrung ein, so daſs dieses Stäbchen die Schütze auf der zweiten Weghälfte durch das Fach zieht. In ähnlicher Weise wird der Linksgang der Schütze bewirkt.

Die Erzeugung von Geweben mit mehrfarbigem Einschlag erfordert die Anwendung mehrerer die verschiedenfarbigen Fäden enthaltender Schützen und Schützenkästen am Ende der Ladenbahn, welche abwechselnd in die letztere eingestellt werden. Dieses Einstellen erfolgt |356| entweder durch geradlinige Verschiebung der Schützenzellen (Steig- und Schieblade), oder durch Drehung der auf einer Cylinderumfläche angeordneten Kästen um die horizontal liegende Cylinderachse (Dreh- oder Revolverlade). Von diesen Einrichtungen unterscheidet sich die Wechsellade von A. H. Berger in Montbéliard (* D. R. P. Nr. 9436 vom 24. October 1879) durch Feststellung der Schützenkästen an den Enden der Ladenbahn. Die Kästen k1, k2 (Fig. 17 Taf. 29) sind entweder neben, oder über einander angeordnet und werden durch eine um a drehbare Weiche w mit der Ladenbahn b abwechselnd verbunden. Die Weiche wird durch Zwischenlage von Hebeln und Zugstange z durch eine unrunde Scheibe der Stuhlwelle gesteuert. Die Richtungsänderung der Schützenbahn bei dem Eintritt der Schütze in den Kasten oder bei dem Verlassen desselben bedingt offenbar einen starken Schlag des Treibers und dürfte leicht zu unsicherer Bewegung der Schütze durch das Fach Veranlassung geben – dies letztere namentlich dann, wenn nach dem Vorschlag des Erfinders mehr als zwei Schützenkästen an einer Ladenseite angeordnet werden.

Eine einfache Steiglade für Bandwebstühle, welche leicht für beliebig viel Schützen eingerichtet werden kann, gibt F. Lüdorf und Comp. in Barmen (* D. R. P. Nr. 11259 vom 14. April 1880) an. Die Lade besteht aus zwei in verticaler Ebene getrennten Theilen, der Vorderlade und der Hinterlade. Letzterer gehören der Ladenklotz A (Fig. 18 Taf. 29) und die Leitstäbe i an, welche die Verticalführung der Vorderlade bilden. Diese Leitstäbe greifen in Lücken von Zahnstangen ein, welche mit den einzelnen Schützen e verbunden sind, und hindern diese hierdurch an einer Horizontalverschiebung in den Prismenführungen f der Vorderlade. Nur an der Stelle, welche bei gesenkter Vorderlade der obersten Schütze gegenüber steht, besitzen die Leitstäbe i einen Ausschnitt c, welcher das äuſsere Profil der Zahnstange umschlieſst, so daſs eine Horizontalverschiebung der jeweilig vor diesem Ausschnitt stehenden Schütze erfolgen kann. Zahntriebe d, welche von den an der Hinterlade gelagerten Wellen a und b getrieben werden, bewirken die Führung der Schütze durch das Fach. Das Heben und Senken der Vorderlade geschieht in der bei Bandstühlen üblichen Art.

Durch Kammmaschinen gesteuerte Schützenwechsel bilden gegenwärtig die vollkommensten Einrichtungen dieser Art, da sie jede beliebige Auswahl der Schützen zulassen. Die Kammmaschine ist für die Bewegung der Schieb- und Drehladen gleich gut anwendbar. In dieser Richtung liegt eine Neuerung an Schützenwechselvorrichtungen für mechanische Webstühle der Groſsenhainer Webstuhl- und Maschinenfabrik, vormals Anton Zschille in Groſsenhain vor (* D. R. P. Nr. 6276 vom 24. September 1878, Umwandlungspatent), die in ihrer Gesammtanordnung als eigenartig zu bezeichnen ist, in der Wahl der einzelnen Theile |357| sich aber mehr oder weniger den Wechseleinrichtungen von Schönherr, Crompton und Hartmann anschlieſst. Die Höhenlage der Schützenzellen bedingen zwei zu beiden Seiten des Stuhles angeordnete Hubseetoren a1, a2 (Fig. 19 Taf. 29), deren Drehung durch Hebel b auf die Schützenkästen c übertragen wird. Die Senkung der Kästen bewirkt die Feder d. Parallel zum Brustbaum ist die Welle e gelagert. An einem Ende derselben ist der Sector a1 befestigt; das andere Ende trägt fest zwei Stoſsscheiben f1 f2, lose zwei Stoſsscheiben f3, f4 und den anderen mit diesen verbundenen Hubsector a2. Die Stoſsscheiben werden durch die Backenbremse g in jeder Lage erhalten. In gleichen Ebenen mit den Stoſsscheiben sind die Stoſsklinken h1 bis h4 an dem Hebel i gelagert und werden durch die Feder k kraftschlüssig mit der Hubscheibe l verbunden. Diese rotirt mit der Stuhl welle und verschiebt die Stoſsklinken gegen die Stoſsscheiben. Den Angriff der Stoſsklinken an den Stoſsscheiben steuert eine Kammmaschine derart, daſs durch Drehung der Hubsectoren a1 a2 die Schützenzellen I bis III in bestimmter Reihenfolge in die Ladenbahn eingestellt werden. Die Stoſsklinken sind durch Drähte mit den Winkelhebeln m der Kammmaschine verbunden, welche noch die Klinken n tragen. Directes Aufsetzen der Hebel m auf den Anschlag o begrenzt die Höhenlage, Aufsetzen der Klinken n die Tieflage der Stoſsklinken. Oberhalb der Hebel m werden die von der Musterkette M unterstützten Messer p durch das Excenter q, Zugstangen r und Winkelhebel s horizontal verschoben. Die gehobenen Messer stoſsen gegen die entsprechenden Hebel m und bewirken hierdurch Senkung der daran hängenden Stoſsklinken h. Diese Stellung wird durch Aufsetzen der Klinken n auf o erhalten, bis nach erfolgter Senkung des betreffenden Messers die Klinke n durch dasselbe ausgelöst wird und der Hebel m der Wirkung der Feder t folgt. Die Wendung des Prismas, welches die Musterkette M stützt, wird von der Bewegung des Winkelhebels s abgeleitet.

Den Betrieb einer Wechsellade mit vier Schützenkästen durch eine Kammmaschine mit zwei stehenden Platinen gestattet die Wechseleinrichtung der Sächsischen Webstuhl-Fabrik, vormals Louis Schönherr in Chemnitz (* D. R. P. Nr. 9488 vom 31. October 1879). Die Platinen p (Fig. 20 Taf. 29) der Kammmaschine erfassen zwei Hubsectoren a1, a2, welche um die Achse b drehbar sind. Sie werden bei entsprechender Stellung, welche durch die Musterrolle M in der aus der Skizze ersichtlichen Weise herbeigeführt wird, von den Messern c1, c2 vertical verschoben. Sector a4 wirkt auf den um d drehbaren Hebel e1; Sector a2 auf den Hebel e2, welcher mit e1 bei f drehbar verbunden ist und die Zahnstange g führt. In der Mittellage der Platinen stützen sich die Hebel e1 und e2 bei f gegen einen mit der Stuhlwand fest verbundenen Anschlag. Die Zahnstange g ist durch einen Schlitz auf der |358| Achse h geleitet, welche einen mit g im Eingriff stehenden Zahntrieb und die Riemenrolle i trägt. Der auf dieser letzteren aufwickelbare Riemen k hebt und senkt den Wechselkasten. Bei der gezeichneten

Hebelstellung steht ................ Zelle I tritt in der Ladenbahn.
Drehung von a 1 dreht e 1 um d; Zelle II tritt in die Ladenbahn.
a 2 e 2 f Zelle III
a1 + a2 e 1
e 2
d
f
IV

In der Patentschrift ist die Riemenrolle i excentriseh zur Achse h gezeichnet; eine einfache Rechnung zeigt jedoch, daſs auch bei concentrischer Stellung derselben die Bewegung des Wechselkastens eine vollkommen richtige wird, nämlich dann, wenn zwischen den Hebelverhältnissen die Gleichung besteht ; hierbei stehen die Wege eines Zahnstangenpunktes, also auch die Wege des Wechselkastens, in den obigen drei Fällen in dem geforderten Verhältniſs wII : wIII : wIV = 1 : 2 : 3. Die Lage der Schützenkästen sichert eine Bremsvorrichtung, welche auf der Drehachse der Sectoren a1 und a2 angeordnet ist; dieselbe bildet in ihrer Einrichtung einen besonderen Anspruch in dem genannten Patente.

Bartels, Dierichs und Camp, in Barmen (* D R. P. Nr. 9940 vom 18. December 1879) nehmen den bereits zu Anfang der sechziger Jahre ausgesprochenen Gedanken wieder auf, die Steuerung der Wechsellade direct durch die Jacquardmaschine des Musterstuhles zu bewirken.3) Die Einrichtung ist für Bandstühle bestimmt. Zur Wechselung dient eine Drehlade, bestehend aus einer auf dem Ladenklotz a (Fig. 21 bis 23 Taf. 29) gelagerten Walze b, welche zwischen je zwei Bandketten einen Wechselkasten w trägt. Zur Herstellung eines Bandes können 2 bis 6 Schützen Anwendung finden; in der Skizze sind deren vier angenommen. Die Zahnstangen z1 bis z4, welche parallel zur Walzenachse in den Walzenkörper eingelassen sind, führen mittels der Triebe t1, t2... die Schützen durch das Fach. Ihre Verschiebung bringen zwei Messer c1 und c2 hervor, welche von den Hubscheiben d, Tritten e und Schnuren f abwechselnd hin und zurückgezogen werden. Die Messer sind in Rahmen g1, g2 gelagert und werden durch Federn stets gegen die obere Platte h gedrückt. Auf dem Weg αβ treten sie in den Rahmen ein, in den Endstellungen ragen sie auf der Unterseite des Rahmens hervor und erfassen die Zahnstangen z1 bis z4 an deren Vorsprüngen i.

Die Wechselung erfolgt durch Oscillation der Walze b, welche durch abwechselndes Auf- und Abwickeln der mit den Tritten k1, k2 verbundenen Schnüre l1, l2 erzeugt wird. Die Rechts- bezieh. Linksdrehung |359| bestimmt die Jacquardmaschine, deren Platinen auf die Nadelhebel m1, m2 einer Kammmaschine K wirken und mit dieser die mit den Tritten k1, k2 verbundenen Platinen n1, n2 heben und senken. Die Platinennasen treten hierbei in den Weg des um o schwingenden, durch Kurbel p der Stuhlwelle und Stange q bewegten Messers r. Die Feststellung der Walze b und damit die Auswahl der einzuschieſsenden Schütze geht ebenfalls von der Jacquardmaschine aus. Die Drehung der Walze b wird verhindert, sobald der Zapfen eines der Hebel s in eine Grube des mit der Walze verbundenen Bundes u tritt. Die Zahl der Gruben 1 bis 4 ist gleich der Schützenzahl, die Anordnung erfolgt auf einer Schraubenlinie. Die mit Körnern versehenen Enden der Hebel s werden durch Federn γ hoch gehalten und durch die Jacquardmaschine, mit deren Platinen sie durch die Schnüre v in Verbindung stehen, auf den Bund u niedergesenkt. Bei der Drehung der Walze b schleifen sie auf der Umfläche des Bundes, treten im bestimmten Augenblick in die unter ihnen angekommene Grube ein und hindern so die fernere Drehung der Lade. Die hierdurch erlangte Hebelstellung sichert die Klinke x so lange, bis sie durch einen folgenden Hebel s ausgelöst wird, um diesen letzteren allein zu stützen. Während dieses Wechsels übernimmt der ebenfalls durch die Jacquardmaschine angedrückte Klinkhebel y die Sicherung der Ladenstellung.

Im J. 1866 gab zuerst Eyssautier in Paris4) ein Verfahren an, Perlengewebe, d. s. die Perlenhandstickerei nachahmende gewebte Erzeugnisse, mittels einer sogen. Perlenkette herzustellen, nachdem bereits 3 Jahre früher die Erzeugung dieser Gewebe dem Weber Eckhardt zu Frankenberg in Sachsen mit Anwendung von Perlenschuſs gelungen war. Das Eigenthümliche des Eyssautier'schen Verfahrens bestand in der Aufreihung verschiedenfarbiger Perlen auf Kettenfäden, welche im Stuhl gesondert aufgebäumt waren und in der Benutzung eines eigenartig construirten Rietes zum zeitweisen Abtheilen der Perlen behufs deren Einführung in das Gewebe. Dieses Riet, bestehend aus einem unteren Theile mit enger Rohrstellung, dem Webkamm, für das Anschlagen der Schuſsfäden und einem oberen Theile mit weiterer Rohrstellung, dem Stickkamm für das Abtheilen der Perlen, wurde bereits i. J. 1867 von dem Fabrikanten Fr. Markgraf zu Buchholz in Sachsen wesentlich verbessert. Derselbe gab nicht nur den Rietstäbchen eine zweckmäſsigere Form, sondern ersetzte auch die vor dem Stickkamm angeordneten feststehenden „Drahtbroschen“ zur Zurückhaltung der Perlen durch bewegliche, welche nach der Gröſse der Perlen stellbar sind. Weitere Verbesserungen gab Markgraf i. J. 1870 an, aus denen in der Folge die zu besprechende, in Fig. 24 und 25 |360| Taf. 29 dargestellte Construction (Erloschenes * D. R. P. Nr. 3640 vom 5. December 1877) hervorging. Dieses verbesserte Riet enthält zwei Stickkämme S1, S2', deren jeder in zwei Abtheilungen s1, s1' und s2, s2' zerfällt; zwischen beiden Kämmen ist der Webkamm W durch enge Rietstellung gebildet. Bei der früheren Construction sind in dem Webkamm die Riete gruppenweise angeordnet und zwischen je zwei Gruppen ein Perlenkettenfaden eingezogen; bei der neuen Anordnung liegen in jedem Zwischenraum des Webkammes ein oder mehrere Perlenkettenfäden, von denen jeder Perlen von einer Farbe trägt. Während daher früher die Zahl der Perlenkettenfäden gleich der Zahl der Rietgruppen im Kamm war, sind gegenwärtig mindestens ebenso viel Perlenkettenfäden in das Blatt eingezogen, als dasselbe Riete enthält; die Mannigfaltigkeit der Mustergebung durch Auswahl der Farben ist daher bedeutend vergröſsert. Jeder Zwischenraum des Webkammes steht mit einem Hohlraum von einem der beiden Stickkämme in Verbindung. Jede Abtheilung dieser letzteren wird durch eine Broschenreihe r1, r2 bedeckt, welche um die Perlendicke von der vorderen Rietfläche absteht und durch ihre Schlitze zwar die Fäden, nicht aber die Perlen durchtreten lassen. Die Perlenfäden gelangen aus der normalen Lage a durch Heben oder Senken in die Lagen β oder γ, eine der Perlen tritt durch die Oeffnungen des Stickkammes, stützt sich gegen die Broschen und gelangt bei Rückführung der Fäden in die normale Lage von den übrigen Perlen getrennt auf die vordere Seite des Webekammes. Die Auswahl der Farben und das Ausheben der Perlenkettenfäden wird durch eine Jacquardmaschine bewirkt. Ein Riet mit 20 Zwischenräumen im Webkamm besitzt demnach im oberen und unteren Stickkamm je 10 Perlendurchlässe, so daſs jede in das Gewebe eingetragene Perlenreihe 10 Stück Perlen enthält. Die Perlen der 1., 3., 5.,.. Reihe gehören den Kettenfäden 1, 3, 5,..., die Perlen der 2., 4., 6.,.. Reihe den zwischenliegenden Fäden 2, 4, 6... an. Die Perlen erscheinen also versetzt im Muster, d.h. es tritt vor jeden Zwischenraum einer Reihe je eine Perle der Nachbarreihen. Steht die Perlenkette beispielsweise 4 Fäden im Blatt, von denen jeder Perlen einer anderen Farbe trägt, so können 8 Perlenreihen oder 80 Perlen in das Gewebe eingetragen werden, ehe die ersten Farben einer Reihe sich wiederholen.

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Civilingenieur, 1880 Bd. 26 * S. 489.

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Eine ähnliche Einrichtung mit Benutzung einer geraden Nadel zum Einführen des Schuſsfadens und eines in horizontaler Ebene schwingenden Schiffchens, welches den Randkettenfaden zur Bindung des Einschlages führt, wurde bereits am 25. October 1866 im Königreich Sachsen an Th. Robjohn zu Paris patentirt.

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Vgl. Sächsisches Patent der Buntweberei zu Walenstadt (Schweiz) Nr. 1502 vom 3. December 1862.

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Hugo Fischer; Technologische Studien im Sächsischen Erzgebirge. Abschnitt Perlenweberei, S. 41. (Leipzig 1878. Wilhelm Engelmann.)

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