Titel: Die Seilbahn am Gieſsbach.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1881, Band 241 (S. 269–271)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj241/ar241112

Die Seilbahn am Gieſsbach.

Mit Abbildungen auf Tafel 21.

Den Besuchern des Gieſsbaches – des weltberühmten Wasserfalles von 300m Höhe im Canton Bern an der Nordseite des Faulhorns – ist von dem Besitzer des in der Nähe befindlichen Gasthofes eine neue Annehmlichkeit durch die Anlage einer kleinen Touristenbahn vom Dampfschifflandungsplatze am Lienzersee bis zum Gasthof geboten worden. Diese 346m lange und sehr interessante Bahn (vgl. Fig. 3 bis 8 Taf. 21), welche die Vorzüge einer Seilbahn mit der Sicherheit der Zahnradbahn verbindet, läſst in der glücklichen Lösung der Aufgabe, sowie in der Einfachheit und Billigkeit der Anlage und des Betriebes nichts zu wünschen übrig. Die Bahn ist mit Ausnahme einer kurzen Strecke, durch welche die Kreuzung von zwei Zügen ermöglicht wird, eingleisig und hat in der Mitte eine Steigung von 280‰, am oberen Ende jedoch 320‰ und unten 240‰. Diese Steigungsänderung hat den Zweck, um das Ingangsetzen von oben und das Anhalten der Züge unten zu erleichtern. Die Spurweite beträgt 1m.

Beide Züge sind an ein und dasselbe Drahtseil befestigt, welches über eine groſse Seilrolle am oberen Ende der Bahn gelegt ist. Befindet sich also der eine Zug unten, so steht der andere oben und die Bewegung der Züge geschieht entweder einzig und allein nur durch das Gewicht der oben eingestiegenen Personen, oder durch die Schwere von Wasser, welches in Behälter der Wagen oben eingefüllt und unten am See wieder abgelassen wird. Das Füllen dieser Behälter erfolgt von einem gemauerten Sammelraum aus, welcher von einer Wasserleitung gespeist wird. Die Entleerung der Behälter geschieht selbstthätig; hierzu dient ein am Boden angebrachtes groſses Tellerventil, dessen Spindel in Form eines Stiftes durch den Behälterboden ragt. Kommt nun der Wagen am Ende der Bahn an, so läuft dieser Stift auf den Schenkel eines Winkels im Bahngeleise auf, das Ventil wird gehoben und das Wasser läuft ab. Zur Verständigung der Führer über die zu fassende Wassermenge dient eine Telegraphenleitung mit Läutewerk.

Da beide Züge am nämlichen Seil befestigt sind, so kreuzen sie sich stets auf derselben Stelle der Bahn, welche hier in genügender Länge zweigleisig angelegt ist. Damit die Ausweichung der beiden Züge selbstthätig durchgeführt werden kann, sind die Spurkränze der Wagen des einen Zuges inwendig, des anderen auswendig, wodurch stets der eine Zug nach rechts, der andere nach links über die Schienenkreuzung geführt wird. Sind die Züge an einander vorüber gefahren, so gelangen sie beide wieder in das Hauptgeleis. Selbstredend muſste auch in der Kreuzung die Sicherheit mittels Zahnrad und Zahnstange |270| beibehalten werden, welche Schwierigkeit dadurch behoben wurde, daſs die Oberkanten der Zahnstangenzähne auf gleicher Höhe mit dem Schienenkopf liegen und in die betreffenden Zähne bei a (Fig. 8) für den Durchgang des Spurkranzes eine Rille eingehobelt ist, so daſs das Rad fast unvermerkt die Zahnstange überläuft und auf der Schiene weiter rollt. Damit der Wagen auch über das Seil ohne Hinderniſs und ohne Nachtheil für dasselbe geleitet wird, ist an richtiger Stelle, bei b, der innere Schienenstrang der beiden Geleise schräg durchschnitten und die Führung des Seiles so tief gelegt, daſs der Spurkranz, ohne dasselbe zu berühren, darüberrollt.

Die Regulirung der Geschwindigkeit des Zuges erfolgt von Hand durch kräftige Bremsen mittels geeigneter Hebelübersetzung auf zwei Bremsklötze aus Bronze, welche gegen eine Riffelscheibe aus Stahl auf der Achse des Wagens gepreſst werden. Hierdurch kann man den Wagen anhalten, sowie dessen Schnelligkeit nach Belieben mäſsigen. Zur vollkommenen Sicherheit ist noch eine selbstthätige Bremse angebracht, welche mit dem Seil in Verbindung steht und bei allfälligem Bruch desselben, den Wagen anhält. Diese Bremse wirkt mit zwei ebensolchen Bremsklötzen auf das Zahnrad und wird von einem Gewicht (120k) an einem langen Hebel bei Nachlassen der Seilspannung oder Bruch des Seiles durch Herabfallen des Hebels bethätigt.

Das Drahtseil ist aus englischem Tiegelguſsstahl hergestellt und besteht aus einer Hanfseele und 5 Litzen mit je 14 Drähten von 2mm Dicke, welche einen Durchmesser von 23mm ausmachen. Der Kranz der groſsen Seilrolle (3m Durchmesser), um welche das Seil nur einmal geschlungen ist, ist zur Vermehrung der Reibung zwischen Seil und Rollenkranz mit Segmenten aus Nuſsbaumholz gefüttert und das Seil wird in Abständen von 14 bis 16m von guſseisernen Seilrollen (24cm Durchmesser, 8cm hohe Ränder) getragen.

Die Anordnung des oberen Theiles der Bahn ist in Fig. 3 und 4 ersichtlich. Die Befestigung des Oberbaues geschieht theils auf dem gewachsenen Boden, theils auf einer Ueberbrückung von Schluchten, auf ersterem mittels Eichenschwellen von 1m,6 Länge, 18cm Breite, 15cm Dicke, welche auſser der Verbindung durch die Schienen, noch zur Sicherheit durch Längsschwellen von ⊔-Eisen verbunden sind, auf letzteren durch Zoreseisen von 12cm Höhe, welches gleichzeitig die Schwelle auf der Brücke bildet. Auſserdem wird der ganze Oberbau durch eine Anzahl Mauersätze am Abrutschen verhindert.

Die Wägen (6rädrig) zur Aufnahme der Personen sind nach englischem System äuſserst leicht gebaut; die gegenüber stehenden Sitzplätze befinden sich auf gleicher Höhe und über diesen ragen einige Pfosten empor, welche das mit Segeltuch überspannte Dach tragen. Auf der oberen Seite des Wagens ist eine Platform für den Führer |271| angebracht, von wo aus er die unter dem Wagen befindlichen Wasserkästen füllen und die Geschwindigkeit des Zuges reguliren kann. (Nach dem Organ für die Fortschritte des Eisenbahnwesens, 1881 S. 49.)

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