Titel: Das Polizei-Telephon in Chicago.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1881, Band 241/Miszelle 2 (S. 403–404)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj241/mi241mi05_2

Das Polizei-Telephon in Chicago.

Die Stadt Chicago betrachtet die telegraphischen und telephonischen Einrichtungen geradezu als einen ganz wesentlichen Theil des Polizeisystemes. Sie bezweckt dadurch, einerseits die Schnelligkeit und Wirksamkeit der polizeilichen Hilfe in dringenden Fällen zu vergröſsern und andererseits die Anzahl der Patrouillen und die Kosten zu verringern, welche das dazu nöthige groſse Personal verursacht. Ein dringendes Bedürfniſs, einen Wächter oder Schutzmann auf einen bestimmten Punkt der Stadt herbeizurufen, tritt im Allgemeinen selten ein und es ist das Hauptaugenmerk in Amerika gegenwärtig darauf gerichtet, den jedem einzelnen Wachtposten zur Bewachung anvertrauten Raum zu vergröſsern. In Chicago beschafft man dazu die Möglichkeit, die Polizei leicht und schnell herbeizurufen. Jeder Mann der Patrouille oder auf Posten kann sich sofort mit seiner Unterabtheilung in Verbindung setzen, nötigenfalls auch mit dem nächsten Polizeiposten des Bezirkes oder der Centralstelle. Ferner kann jeder angesehene und achtbare Bürger im Falle der Noth sehr schnell die Polizei herbeirufen.

An bestimmten und passend gewählten Punkten jedes Bezirkes sind nämlich Polizeiposten errichtet; bei denselben befinden sich 1 Wagen, 1 Pferd und 3 Mann in steter Bereitschaft. Der Wagen führt eine Bank, Decken und die notwendigsten Gerätschaften, um eine kranke oder verwundete Person bezieh. ein verloren gegangenes Kind mitzunehmen und für sie zu sorgen, Verbrecher festzunehmen o. dgl. Diese Polizeiposten stehen in telephonischer Verbindung mit öffentlichen Alarmstationen, welche Schilderhäusern gleichen und längs der Straſsen in entsprechender Entfernung vertheilt sind. Diese Wachthäuser sind groſs genug, um einen Menschen aufzunehmen und ihm bei Gelegenheit als Zufluchtsort zu dienen.

Die Alarmstationen werden mittels Schlüssel geöffnet, welche man an alle angesehenen Bürger, sowie an die Schutzleute ausgibt. Um Miſsbrauch zu verhüten, sind die Schlösser so eingerichtet, daſs man den Schlüssel nicht mehr herausziehen kann, wenn er in das Schloſs gesteckt ist; es kann dies nur die Polizei. Jeder Schlüssel ist mit einer Nummer bezeichnet und dadurch wird jederzeit die Person bekannt, welche das Alarmhaus geöffnet und das Signal zum Herbeieilen der Polizei gegeben hat. Befindet sich der wachthabende Schutzmann nahe dem Alarmhause, so öffnet er dasselbe und spricht mit Hilfe des darin enthaltenen Fernsprechers mit dem nächsten Polizeiposten. Ist das Alarmhaus durch einen Bürger geöffnet worden, so ruft er die Polizei mit einem Zeigerapparate herbei. Dieser Apparat gestattet 11 verschiedene Zeichen (1 = Polizeiwagen. 2 = Diebe. 3 = Gewaltthat. 4 = Aufstand. 5 = Betrunkene 6 = Mörder. 7 = Unfall. 8 = Einbruch. 9 = Streit. 10 = Leitungsprüfung. 11 = Brand) nach der Centralstelle zu geben, indem man den Zeiger auf das entsprechende Zeichen einstellt.

Um ein Zeichen zu geben, stellt der Rufende den Zeiger auf das entsprechende Signal und drückt die an der rechten Seite des Apparates befindliche Kurbel nieder. Laſst er dieselbe los, so telegraphirt der Apparat dem Polizeiposten |404| die Nummer des rufenden Postens und das entsprechende Zeichen auf einem gewöhnlichen Morseapparate mit Selbstauslösung.

Der diensthabende Schutzmann kann sich telephonisch mit dem Polizeiposten seines Bezirkes verbinden. Das Kohlenplättchen des Senders befindet sich mit unter Verschluſs, und zwar liegt es gerade dem Munde gegenüber, wenn der Kasten geöffnet ist. Jede Stunde oder jede halbe Stunde kommt der Dienstofficier auf eine Alarmstation und berichtet dem Polizeiposten seines Bezirkes durch das Telephon, was den Dienst sehr vereinfacht und erleichtert. Der Commandant des Postens kann hiernach seinen Dienst ohne Störung anordnen.

Auch in Privatwohnungen und Geschäftsräumen können Kästchen mit gleichen Signalen, mit oder ohne Fernsprechvorrichtung aufgestellt werden. In letzterem Falle werden die Zeichen auf einem Zeigertelegraphen gegeben wie für die Alarmposten. Der Polizeiposten besitzt einen unter Siegel befindlichen Schlüssel zur Wohnung eines jeden Abonnenten. Wird in der Nacht ein Signal gegeben, z.B. bei einem Diebstahle mit Einbruch, so begibt sich der Schutzmann mit dem betreffenden Schlüssel zu dem rufenden Abonnenten, um rasch den Dieb festzunehmen.

Chicago besitzt gegenwärtig nach dem Scientific American, 1881 Bd. 44 * S. 255 etwa 100 Alarmstationen; man will sie jedoch noch im Laufe dieses Jahres verdoppeln.

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