Titel: H. Fischer, über Bindung der Kartenketten für Jacquardmaschinen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1881, Band 242 (S. 345–348)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj242/ar242115

Die Bindung der Kartenketten für Jacquardmaschinen; von Hugo Fischer.

Patentklasse 86. Mit Abbildungen auf Tafel 28.

Die Vereinigung der Jacquardkarten zu einer endlosen Kette erfolgt durch Bindefädenpaare, welche an den Enden und in der Mitte der Karte durch Löcher geführt und gegenseitig verschlungen sind. Die Einfügung einer Fadenverschlingung in die Trennungsspalte zweier benachbarten Kartenblätter hält diese letzteren in einer solchen Entfernung, daſs bei dem Zusammenklappen der Kartenkette Klemmungen nicht eintreten können und die einzelnen Blätter genau auf einander |346| zu liegen kommen. Die Zahl der Bindestellen richtet sich nach der von der Platinenzahl der Jacquardmaschine abhängigen Kartenlänge; Kartenblätter für Maschinen mit 200 bis 600 Platinen erfordern drei, solche für 800 bis 1200 Platinen vier Bindestellen, welche in gleichen Zwischenräumen über die Kartenlänge vertheilt sind.

Die angewendeten Vereinigungsarten der Bindefäden sind verschieden, je nachdem die Bindung durch Hand- oder Maschinenarbeit erfolgt. Bei den durch Handarbeit gebundenen Kartenketten bildet jedes Bindefadenpaar eine doppelfadige Reihnaht (Schuhmachernaht), deren Fadenschränkungen innerhalb der Kartenlöcher und in dem Kartenspalt liegen, wie dies Fig. 1 Taf. 28 zeigt. Die auf Maschinen erzeugten Bindungsarten stellen die Figuren 2 und 3 dar.

Die Fig. 2 zeigt eine Doppelfadensteppnaht, deren Entstehung auf der von O. Werner in Glauchau erfundenen Maschine (* D. R. P. Nr. 12862 vom 5. August 1880) die Fig. 4 bis 7, welche das Zusammenspiel der Maschinenwerkzeuge während der Bildung einer Bindestelle darstellen, zur Anschauung bringen. Die stichbildenden Werkzeuge sind eine um ihren Krümmungsmittelpunkt o schwingende Rohrnadel n zur Zuführung des Oberfadens und ein geradlinig schwingendes Schiffchen s, welches den Unterfaden auf einer Spule trägt und in entsprechender Weise leitet. Der Oberfaden durchdringt die hohle Nadel und verläſst sie durch ein Oehr am unteren Ende. In der tiefsten Nadelstellung (Fig. 4) bildet der von dem Oehr nach der letzten Bindestelle führende Faden die Sehne des Nadelbogens, das Schiffchen tritt bei der Linksbewegung zwischen Faden und Nadel ein und hält den ersteren während des Nadelaufganges zu einer Schleife gebogen zurück (Fig. 5). Der in diese Schleife eingetretene Unterfaden wird nach erfolgtem Schiffchendurchgang und Rechts Verschiebung der Kartenblätter um die Länge eines neuen Stiches von der sich verengenden Fadenschleife in die Bindungsstelle gezogen (Fig. 6). Den Anzug des Oberfadens bewirkt die aufsteigende Nadel und ein federnder Fadenspannhebel. Der Abwärtsgang der Nadel und Rücklauf des Schiffchens (Fig. 7) führt die Werkzeugstellung der Fig. 4 wieder herbei.

Die Einrichtung der Werner'schen Maschine geht aus den Fig. 8 und 9 hervor. Die zu vereinigenden Kartenblätter werden durch zwei endlose Ketten a1, a2 getragen. Diese sind über die drei Prismenwalzen b1, b2, b3 geleitet und erfassen die vom Arbeiter bei A aufgelegten Karten k mittels aufwärts gerichteter Stifte, welche in die für den Eingriff der Zähne an dem Prisma der Jacquardmaschine bestimmten Lochungen eintreten. Das Prisma b2 dient zur Spannung und Leitung, b3 zur Fortbewegung der Kette. Die Gröſse der letzteren ändert sich mit dem gegenseitigen Abstand der Bindungsstellen und |347| wird durch ein Schaltwerk, bestehend aus dem mit Stiften d besetzten Sperrrad e und der Schaltklinke f, bestimmt. Die Stellung der Stifte d entspricht dem Abstand der Bindungsstellen, die einfallende Klinke f hindert die Weiterdrehung der Prismenwalze b3, die Rückdrehung ist durch die Gegenklinke g gehemmt. Durch die von der Kurbelwelle W ausgehende Drehung der Kurbel h wird die Stange i gehoben, so daſs der zwischen zwei Rollen l dieser Stange fassende, um die Achse von b3 schwingende Hebel m gehoben wird. Der an diesen angeschlossene Sperrzahn gleitet über den Umfang von e, hebt kurz vor Beendigung des Stangenhubes die Klinke f aus und versetzt bei dem Sinken der. Stange i das Rad e so lange in Drehung, bis die ebenfalls sinkende Klinke f wieder in die Bahn der Stifte d tritt Der Umlauf der Kurbel h wird hierbei nicht gestört, da dieselbe durch die sich öffnende Weiche p aus der Leitbahn q tritt.

Die Schwingungsachse o der Nadeln n liegt parallel zur Schiffchenbahn. Die Nadel schwingt daher in einer zur letzteren normalen Ebene, so daſs das Schiffchen einen möglichst groſsen Durchgangsraum zwischen dem Oberfaden und der gesenkten Nadel findet. Der Oberfaden gelangt von der mit einer kleinen Seilbremse r versehenen Spule t über den beweglichen Fadenleiter u nach der Nadel n. Die auf den Fadenleiter wirkende Schraubenfeder v regulirt die Fadenspannung.

Das Schiffchen s gleitet in einer Lade L und wird nach Analogie der Schützenbewegung an Bandstühlen mittels Zahnstange w und Rädehen x verschoben. Die Kurbelschleife y, welche die Zahnstange w bewegt und von der Kurbelwelle W aus durch Zahnräder z1, z2 angetrieben wird, bewirkt rasches Zurückziehen des durch die Fadenschleife getretenen Schiffchens, also sicheres Freilegen der Schiffchenbahn für die niedergehende Nadel.

Die Vortheile der vorstehenden Maschine beruhen zum groſsen Theil auf der erhöhten Leistungsfähigkeit gegenüber dem Handbinder. Während bei Handarbeit von zwei Personen in der Stunde etwa 250 Karten bei 3 maliger Bindung vereinigt werden können, bindet die von einem Arbeiter bediente Maschine bei 30 Kurbelumdrehungen in der Minute 30/3 × 60 = 600 Kartenblätter in 1 Stunde, da zum Einbinden eines derselben 3 volle Stiche erforderlich sind. Die Generalagentur von Alex. Marzin in Chemnitz, Logenstraſse 38, liefert die Maschinen zum Preise von 530 M. bezieh. 650 M., je nachdem dieselben mit 3 oder 4 Nadeln gleichzeitig arbeiten.

Nach dem Verfahren von J. L. Peschkes in Krefeld (* D. R. P. Nr. 14 868 vom 21. November 1880) findet die Bildung der Kartenkette dadurch statt, daſs die paarweise angeordneten Bindefäden stets nach Einlage einer neuen Karte durch Zwirnen vereinigt werden. Wie Fig. 3 zeigt, nehmen in den Kartenrand geschnittene Kerben die |348| erzeugten Drehungen auf und verhindern die Längenschiebung der Karte an der Bindestelle. Durch die von den Spulen a (Fig. 10 Taf. 28) ausgehenden, über die Leitröllchen r1 bis r6 nach der bereits fertig gebundenen Kartenkette umgeleiteten Bindefäden α, β wird ein offenes Fach gebildet, welches die neu eingelegte Karte k aufnimmt. Hierbei steht die durch die Fäden α, β bestimmte Ebene normal zur Achse des Prismas b, dessen Zähne den Transport der Karten bewirken. Die Drehung der Handkurbel c überträgt sich durch die Radvorgelege z1 bis z2 auf die hohle Spindel d, welche die durch Federn e gebremsten Fadenspulen und Leitröllchen trägt. Der Kartentransport findet nicht periodisch statt, indem während ¼ Drehung des Prismas b die Hülse d so viele Umdrehungen ausführt, als Zwirnungen auf die Fäden übertragen werden sollen. Nach der Patentschrift erhalten die Fäden 1½ Drehungen; diesen entspricht daher eine Uebersetzung zwischen b und d von 1 : 6. An jeder Bindestelle der Jacquardkette befindet sich einer der hier beschriebenen Drehapparate. Dieselben haben gemeinsamen Antrieb, so daſs sämmtliche Bindestellen gleichzeitig geschlossen werden. Die Leistungsfähigkeit dieser Maschine dürfte wahrscheinlich derjenigen der Werner'schen Maschine nicht nachstehen; auch besitzt sie neben einfacher Construction den Vortheil der Anwendbarkeit groſser Fadenspulen, während die Schiffchenspule immer nur eine kleine Fadenmenge aufzunehmen vermag.

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