Titel: F. Fischer, über die Reinigung von Kesselspeisewasser.
Autor: Fischer, Ferd.
Fundstelle: 1883, Band 247 (S. 454–458)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj247/ar247173

Ueber die Reinigung von Kesselspeisewasser; von Ferd. Fischer.

Mit Abbildungen auf Tafel 36.

Im Anschluſs an die früheren Mittheilungen (1876 220 172. * 367. 1877 226 530. 1881 239 * 197. 241 * 362) mögen die neueren Erfahrungen und Vorschläge über Reinigung von Kesselspeisewasser besprochen werden.

Bei einem groſsen Dampfkessel zeigte sich die eigenthümliche Erscheinung, daſs nach etwa 4wöchentlichem Betriebe das Wasser im Kessel stark schäumte und in groſsen Mengen mit dem Dampfe übergerissen wurde. Bei der Untersuchung des zum Speisen verwendeten Brunnenwassers und Condensationswassers, sowie des Wassers aus dem Kessel konnte Verfasser weder Fett, noch nennenswerthe Mengen von Magnesia nachweisen; Kesselsteinbildner waren nur wenige vorhanden, wohl aber zeigte das Wasser eine ziemliche Menge durch übermangansaures Kalium leicht oxydirbarer organischer Stoffe, welche als Ursache des starken Schäumens dieses Wassers anzusehen sind. Da gleichzeitig Ammoniak und Salpetrigsäure zugegen waren, so muſsten diese zersetzlichen Stoffe thierischen Ursprunges sein. Weitere Nachforschungen bestätigten denn auch, daſs sich der fragliche Brunnen in unmittelbarer Nähe einer mächtigen Abortgrube befand. Bei Beurtheilung eines Kesselspeisewassers ist demnach auch hierauf Rücksicht zu nehmen (vgl. 1878 230 137).

Der Vorwärmer von G. S. Strong (Journal of the Franklin Institute, 1882 Bd. 114 S. 327) soll nicht nur das kohlensaure Calcium, sondern auch das schwefelsaure Calcium bei Temperaturen über 130° ausscheiden (vgl. 1874 212 210). Der Maschinenabdampf tritt bei C (Fig. 9 Taf. 36) ein und durchströmt ein System von Doppelröhren D. Die Kapsel, welche die äuſseren Röhren r (vgl. Fig. 8) schlieſst, dient gleichzeitig als Führung für das innere Rohr c, durch welches der Dampf nach unten bezieh. bei F ins Freie geleitet wird. Zur Erhöhung der Temperatur wird durch das Spiralrohr L direkter Dampf geleitet. Das Speisewasser wird nahe am Fuſse des Cylinders durch eine Art Strahlapparat K von der Speisepumpe zugeführt, erwärmt sich auf seinem Wege nach oben, scheidet dabei die erwähnten Verunreinigungen ab, welche theils niederfallen, theils durch das Filter M zurückgehalten werden, während das gereinigte Speisewasser durch Rohr N zum Kessel geht. Die entwickelten Gase sammeln sich im Dom mit leichteren Niederschlägen als Schaum, welcher durch Rohr O in die Düse K zurückgeführt wird. Der abgeschiedene Schlamm wird durch das mit Hahn R versehene trichterförmige Rohr E abgelassen. Der ganze Apparat ist zur Verminderung der Wärmeausstrahlung mit einer Isolirschicht umgeben.

Der bei C eintretende Dampf würde wohl besser ausgenützt werden, wenn derselbe nicht die Ableitungsröhren c umspülte und dadurch an |455| diese Wärme verlöre. Um ferner die Corrosionen der Kesselbleche zu verhüten, dürfte es sich empfehlen, die ausgetriebenen Gase, namentlich Sauerstoff und Kohlensäure, bei O abzuleiten, statt sie wieder in den Vorwärmer und somit schlieſslich doch in den Kessel zu bringen (vgl. 1878 230 42).

Der für gleichen Zweck bestimmte Reinigungsapparat von J. Brian und Ig. v. Plattner in Wien (* D. R. P. Kl. 13 Nr. 19932 vom 3. Januar 1882) wird ausschlieſslich mit direktem Dampf versehen. Das durch Rohr a (Fig. 10 und 11 Taf. 36) zugeführte Wasser wird in der Düse c von dem durch Rohr d zugeführten Dampf erfaſst und gegen den Deckel des Behälters e geschleudert. Das niederfallende Wasser sammelt sich in der Schale n, flieſst durch die Rinne v und i, um durch Rohr z zum Kessel zu gelangen, nachdem es in einem eingeschalteten Behälter den gebildeten Schlamm abgesetzt hat. Der Apparat ist mittels der Rohre k auf dem Dampfkessel befestigt, durch welchen auch der gesammte Betriebsdampf eintritt, um durch Rohr w weitergeführt zu werden. – Die Reinigung dieses Apparates dürfte Schwierigkeit machen.

Der Apparat von Liewellyn besteht nach dem Techniker, 1882 S. 360 aus einem senkrechten Cylinder, welcher durch einen Siebboden in 2 Abtheilungen geschieden wird. Das zugeführte Speisewasser, dessen Zufluſs selbstthätig durch Schwimmer s (Fig. 12 Taf. 36) und Hahn g geregelt wird, flieſst durch den Brausenkopf des Rohres B über die Steine dem bei e eintretenden Abdampf entgegen, dessen etwaiger Ueberschuſs bei A entweichen kann. Das Abfluſsrohr c liegt tiefer als der Wasserspiegel, damit etwa an der Oberfläche abgeschiedenes Oel u. dgl. nicht in den Kessel gelangt, sondern mit dem abgesetzten Schlamme durch Hahn G abgelassen werden kann. Die Steine müssen von Zeit zu Zeit herausgenommen und von den abgesetzten Krusten befreit werden. – Der Apparat erscheint zweckentsprechend, wenn auch im Prinzip nicht neu.

Der Vorwärmer von Chr. Abel in Frankfurt a. O. (* D. R. P. Kl. 13 Kr. 20087 vom 16. Mai 1882) besteht aus drei in einander gestellten Gefäſsen, welche mit gemeinsamem Deckel geschlossen sind. Die durch Rohr v (Fig. 13 und 14 Taf. 36) mit einander verbundenen Behälter a und F nehmen das durch die Brause i zugeführte und durch Rohr m abflieſsende Wasser auf. Der Abdampf von Hochdruckmaschinen tritt in den Raum e, soll hier etwa mitgerissenes Fett absetzen, indem er durch Winkeleisen, welche den Ringraum e in 2 Theile scheiden, gezwungen wird, unter dem Boden des inneren Gefäſses hindurchzugehen. Der übrige Dampf tritt dann bei c durch eine der Brause i gegenüber befindliche Oeffnung in den inneren Raum F, geht durch Rohr f in den Raum a, der Rest entweicht bei n (vgl. 1876 220 369. 1881 239 * 199).

L. S. Dulac beschreibt im Portefeuille économique, 1882 Bd. 7 * S. 170 Kesseleinlagen, welche im Wesentlichen als Verbindung von Popper'schen |456| Einlagen und Field'schen Röhren anzusehen sind (vgl. 1876 220 174. 1881 239 * 198. * 425).

Das Theeren der Kesselwände im Inneren erfordert in so fern Vorsicht, als der Anstrich, wenn nicht vor Einlaſs des Wassers abgetrocknet, sich leicht theilweise ablöst und nun Wasserstandsgläser u. dgl. verunreinigt. Jedenfalls aber erschwert ein derartiger Anstrich die Wärmeübertragung von den Kesselwänden auf das Wasser, wirkt daher selbst wie eine Schicht Kesselstein und kann unter Umständen das Durchbrennen der Feuerplatte veranlassen oder doch befördern.

P. Brauser empfiehlt nun in Glaser's Annalen, 1883 S. 90 eine Mischung von Theer mit 20 bis 30 Proc. Graphit. Ein damit sorgfältig ausgeführter dünner Anstrich wird allerdings die Corrosionen der Bleche vermindern, dabei voraussichtlich als besserer Wärmeleiter weniger bedenklich sein wie ein einfacher Theeranstrich; unbedingt zu empfehlen ist er aber nicht.

Auf Veranlassung von Fried. Krupp beschäftigte sich die in Baden-Baden 1882 abgehaltene Verbandsversammlung der Dampfkessel-Ueberwachungsvereine (vgl. dessen Zeitschrift, 1882 S. 155) auch mit der angeblichen Wirkung des Zinkes zur Verhütung von Kesselstein. Brauser glaubt von der Anwendung des Zinkes entschieden abrathen zu müssen. Eckermann hebt hervor, daſs die Zinkeinlagen in Schiffskesseln lediglich die Corrosionen verhüten sollen, mit der Verhütung von Kesselstein hätten dieselben nichts zu thun (vgl. 1876 222 166. 1879 231 58).

Die bereits von Schwennhagen (1876 220 176) empfohlene Schlämmkreide ist neuerdings von der Anonymen Gesellschaft zu Villeneuve in Frankreich unter der Bezeichnung Französisch metallisches Product in den Handel gebracht; sie läſst sich 100k mit 195 M. bezahlen! Mit Recht ist der Agent dieser Gesellschaft, A. Bernard aus Brüssel, in Stuttgart zu 6 Monaten Gefängniſs verurtheilt worden (vgl. Zeitschrift des Verbandes der Dampfkessel-Ueberwachungsvereine, 1882 S. 43 und 63).

Wie Verfasser bereits in derselben Zeitschrift, 1882 S. 160 mittheilte, gibt A. Schottky über das von Gebrüder Kolker in Breslau „gefundene“ Antikesselsteinmittel „Lapidolyd“ ein ebenso langes, als inhaltloses Gutachten in Glaser's Annalen, 1882 S. 238, welches ohne Angabe der Zusammensetzung mit einer Empfehlung dieses Geheimmittels endigt. Nach Dupré (Wochenschrift des Vereins deutscher Ingenieure, 1882 S. 282) besteht dasselbe aus:

Kohlensaurem Natrium 2,70 Proc.
Kochsalz 0,60
Schwefelsaurem Natrium 0,24
Organischen Stoffen (Gerbsäure) 1,55
Wasser 94,91

Ein neuer Beweis, wie vorsichtig man mit solchen so genannten „Sachverständigen“-Gutachten sein muſs (vgl. 1876 220 265. 1879 231 60).

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Hrn. Voigtländer-Tetzner in Schweizerthal verdanke ich die Probe eines Kesselsteinmittels, welches S. Weber in Chemnitz zu 80 M. für 100k in den Handel bringt. Dasselbe soll nach dem beigegebenen Prospect mit warmem Wasser angerührt in den Kessel gebracht werden. Dr. C. Hebenstreit in Chemnitz empfiehlt dasselbe bestens. Die genannte Probe hatte folgende Zusammensetzung:

Wasser 10,20
Sägespäne und sonstige organische Stoffe 4,10
Im Wasser lösliche Salze 49,20

In Salzsäure löslich

4,34
Al2O3
CaCO3
MgCO3
0,13
3,79
0,42
Unlöslich (Sand u. dgl.) 31,84
–––––
99,68.

Die im Wasser löslichen Salze erweisen sich als unreine Soda. Mit Alkohol wurden geringe Mengen einer seifenartigen Masse ausgezogen; ebenso roch das Gemisch beim Erhitzen an Seife und Leim erinnernd, so daſs bei der Herstellung wahrscheinlich irgend ein sonst werthloses Abfallproduct mit verwerthet ist. Jedenfalls können als wirksam nur die 50 Proc. Soda gelten und die übrigen Bestandteile blos schädlich wirken. Der wirkliche Werth dieses Gemenges stellt sich für 100k auf etwa 8 M.

Nach gefälliger Mittheilung von Hrn. Ingenieur Kobus in Hannover bringen L. Javal frères in Hamburg ein Antikesselsteinextract zu 80 M. für 100k in den Handel. Eine mir von Kobus übergebene Probe desselben bildet eine glänzend braunschwarze, ziemlich zähe Masse, deren Geruch an Fliedermuſs (Sambucus nigra) und Löwenzahnextract (Taraxacum officinale) erinnert. Beim Stehen an der Luft verschimmelt es leicht, im Wasser löst es sich fast völlig auf. Die wässerige Lösung reagirt schwach sauer, wird auf Zusatz von Kalilauge dunkelbraunroth; Salzsäure gibt eine starke, gelblichbraune Fällung. Beim Erhitzen in der Platinschale gibt es 2,35 Procent einer Asche, deren wässeriger Auszug nebst etwas Schwefelsäure und Chlor kohlensaures Alkali enthält, der unlösliche Theil Kieselsäure, Kalk, Magnesia, etwas Eisen, somit die Bestandtheile der Asche eines beliebigen Pflanzenextractes, dessen Identität festzustellen offenbar nicht der Mühe werth war.

Um die Wirkung dieses Kesselsteinmittels festzustellen, wurde 1l eines stark Gyps haltigen Brunnenwassers mit 1g,5 Extract zum Sieden erhitzt; der Niederschlag enthielt 42mg, die stark schäumende Lösung aber noch 410mg Kalk. Von irgend einer Reinigung des Kesselwassers durch dieses Javal'sche Mittel kann somit nicht die Rede sein; wohl aber würden Ventile, Wasserstandsgläser u.s.w. dadurch gründlich verschmiert werden, so daſs vor Anwendung desselben gewarnt werden muſs.

Das Kesselsteinmittel von Baudet in Anzin (D. R. P. Kl. 12 Nr. 17883 vom 2. September 1881) besteht aus 15 Th. Natriumthiosulfat oder unterschwefligsaurem |458| Natrium, 10 Th. Wasser und 10 Th. Glycerin. – Die Verwendung von Glycerin ist bekannt (1876 220 181). Welche Wirkung das Thiosulfat haben soll, ist nicht abzusehen; jedenfalls ist Soda besser und billiger.

E. Bohlig in Eisenach und G. O. Heyne in Leipzig (* D. R. P. Kl. 12 Nr. 16574 vom 14. April 1881) empfehlen die Verwendung einer Anzahl Cylinder, welche in Einsätzen mit Siebböden ein Gemisch von gleichen Theilen Sägespäne und Magnesia enthalten (vgl. 1876 222 244). Das zu reinigende Wasser tritt von unten in die Cylinder ein, steigt in dem Magnesiagemisch auf und flieſst oben ab, um erforderlichen Falles noch durch einen oder mehrere derartige Cylinder zu flieſsen. Die Magnesia wird dadurch allerdings besser ausgenutzt als früher, ohne aber deshalb empfehlenswerther zu erscheinen. Dem entsprechend haben die mir bekannten Dampfkesselbesitzer, welche bisher Magnesia verwendeten, statt dieser jetzt die Reinigung mit Soda eingeführt, weil diese besser und billiger ist als mit sogen. Magnesiapräparat. (Vgl. Ferd. Fischer: Chemische Technologie des Wasser, S. 265.)

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