Titel: Ueber Chinovin und Chinovasäure.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1883, Band 250/Miszelle 9 (S. 426–427)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj250/mi250mi09_9

Ueber Chinovin und Chinovasäure.

Bei der Gewinnung der Chinaalkaloide durch Alkoholextraction gehen auſser den Basen und deren Salzen Chinovin-Chinin u. dgl. in die alkoholische Lösung. Wird aus dem Filtrate der Alkohol abdestillirt, so treten nach dem Zusätze verdünnter Mineralsäuren aus dem Rückstande nur die Basen als Salze in Wasser über, während eine in Wasser unlösliche, braune, harzige Masse zurückbleibt. Diese wurde nun von C. Liebermann und F. Giesel (Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft, 1883 S. 926) mit Kalkmilch erwärmt und das Filtrat mit Salzsäure gefällt. Der nunmehr entstehende ziemlich hellgelbe Niederschlag wurde getrocknet und mit Alkohol behandelt. Ein kleiner Theil Chinovasäure bleibt hierbei als weiſses Pulver ungelöst, während die Hauptmenge mit brauner Farbe in Lösung geht. Verdünnt man letztere bis fast zur beginnenden Fällung mit Wasser, so scheiden sich nach längerem Stehen kleine, nur wenig gefärbte Krystalle von Chinovin ab. Ein einmaliges Umkrystallisiren derselben aus verdünntem Alkohole genügt meist, es frei von Chinovasäure in Form kleiner, glitzernder, weiſser Schüppchen zu erhalten. Die Ausbeute an reinem Materiale beträgt etwa 26 Procent vom Rohproducte, da mittels des amorphen Hauptproductes ein groſser Theil krystallisirbaren Chinovins in Lösung bleibt. Von der Anwesenheit groſser Mengen des letzteren in den Mutterlaugen überzeugt man sich leicht dadurch, daſs kochende Salzsäure aus ihnen noch viel Chinovasäure abspaltet, auf welche man daher die Mutterlaugen zweckmäſsig verarbeitet.

In dieser Weise lieſs sich jedoch bei einem harzigen Rohmateriale, bei welchem statt der Chinchonarinden sogen. Cuprearinden benutzt wurden, kein Chinovin gewinnen. Die Lösung wurde dann mit der nöthigen Menge concentrirten Ammoniaks in der Wärme versetzt, worauf nach kurzer Zeit die ganze Masse zu einem Krystallbreie gestand; derselbe wurde durch Abpressen von der Mutterlauge getrennt, das Ammoniak mit Essigsäure fortgenommen, in Alkohol gelöst und nochmals mit Ammoniak zur Krystallisation gebracht. Nachdem die Substanz von neuem durch Essigsäure in Freiheit gesetzt |427| war, krystallisirte sie aus der alkoholischen, bis zur beginnenden Trübung mit Wasser versetzten Lösung in feinen, weiſsen Nadeln. Die weitere Untersuchung ergab, daſs die aus den Cuprearinden erhaltene Substanz zwar in der Zusammensetzung und der Spaltung zu Chinovasäure mit dem früheren Chinovin übereinstimmt, aber nicht damit identisch, sondern isomer ist. Es wurde daher das aus den Cuprearinden gewonnene Chinovin als β-Chinovin von der aus den Chinchonarinden stammenden α-Verbindung unterschieden.

Das α-Chinovin bildet ein weiſses, sehr lockeres, leicht verstäubendes krystallinisches Pulver, ist in kaltem Wasser ganz, in heiſsem fast unlöslich, löst sich aber in den kalten wässerigen Lösungen der Alkalien, des Ammoniaks, in Kalkmilch und Barytwasser auf. In Benzol, Chloroform und absolutem Aether ist es sehr schwer löslich. Leichter löst es sich in verdünntem Alkohol und wird durch geeigneten Wasserzusatz daraus in glitzernden Schüppchen gefällt. Aus stärkerem Alkohol krystallisirt es in rosettenförmig gruppirten, klaren, sehr kleinen Nädelchen. Sehr leicht löslich ist es in 98procentigem Alkohol, namentlich bei gelindem Erwärmen. Beim Verdunsten des Alkoholes über Schwefelsäure trocknet das Ganze zu einer gummiartigen Masse ohne Abscheidung von Krystallen ein. Die Lösungen des α-Chinovin drehen nach rechts, der Versuch ergab α = + 56,6. Fehling'sche Lösung reducirt es nicht.

β-Chinovin ist im Allgemeinen der vorbesprochenen sehr ähnlich. Es ist aber in absolutem Aether und in Essigäther nicht löslich, wohl aber in absolutem Alkohol. Die Lösung findet unter Erwärmung statt; nach einiger Zeit beginnt dann, selbst wenn die Verdunstung des Alkoholes ausgeschlossen ist, eine freiwillige Ausscheidung von Krystallen. Man erhält diese Alkoholverbindung am schönsten, wenn man eine Lösung von β-Chinovin in etwa ihrem 25 fachen Gewichte absoluten Alkoholes langsam in einem tiefen Gefäſse über Schwefelsäure verdunsten läſst. Die Verbindung scheidet sich in groſsen glasglänzenden, anscheinend rhombischen Prismen ab, welche aber, aus der Flüssigkeit genommen, sofort verwittern und porzellanartig undurchsichtig werden. β-Chinovin, mit concentrirter Schwefelsäure auf dem Uhrglase angerieben, gibt eine gelbe Lösung, welche an der Luft schön kirschroth wird; α-Chinovin zeigt diese Reaction weit schwächer. Eine 2,7 procentige Lösung in absolutem Alkohol ergab ein specifisches Drehungsvermögen α = + 27,9 oder gerade die Hälfte vom Drehungsvermögen der α-Verbindung.

Die von Hlasiwetz zuerst beobachtete Spaltung in Chinovasäure und Zucker zeigt sowohl α- wie β-Chinovin.

Die Chinovasäure wird in einfacher Weise so dargestellt, daſs man das braune harzige Rohmaterial auf Chinovasäure verarbeitet, indem man das in Alkohol gelöste Harz mehrere Stunden auf dem Wasserbade mit viel concentrirter Salzsäure erhitzt. Die dann ausgeschiedene schlammige Chinovasäure ist trotz der stark gefärbten Mutterlauge weiſs. Sie wurde mit Alkohol, in welchem sie unlöslich ist, gewaschen und dann in diesem unter Beihilfe von Ammoniak gelöst. Kocht man nun das Ammoniak fort oder setzt in der Wärme Salzsäure zu, so fällt die Chinovasäure als sandiges, rein weiſses und gut filtrirbares Pulver aus. Die Ausbeute aus dem Rohmateriale beträgt etwa 60 Procent des Rohproductes. Beide Chinovine ergeben identische Spaltungsproducte. Die aus der Spaltung der Glykoside erhaltenen Mengen Chinovasäure machen folgende Spaltungsgleichung wahrscheinlich: C38H62O11 = C32H48O6 + C6H12O4 + H2O.

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