Titel: Die Kraftübertragungen auf der elektrischen Ausstellung in Wien 1883.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1883, Band 250/Miszelle 1 (S. 470–472)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj250/mi250mi10_1

Die Kraftübertragungen auf der elektrischen Ausstellung in Wien 1883.

In einem Berichte über die in der Wiener Ausstellung vorhandenen elektrischen Kraftübertragungen wird in der Wochenschrift des österreichischen Ingenieur- und Architektenvereins, 1883 S. 258 zunächst darauf hingewiesen, daſs die Wiener Weltausstellung 1873 die erste eigentliche elektrische Kraftübertragung vorgeführt habe: Am 3. Juni, am Tage, da der österreichische Kaiser die Ausstellung besuchte, lieſs Fontaine, Director der Société Gramme, eine seiner zwei kleinen Gramme'schen Maschinen als primäre Maschine durch einen Lenoir'schen Gasmotor in Rotation bringen, leitete den Strom in eine ziemlich weit entfernt aufgestellte, ganz gleiche, nur etwas kleinere Gramme'sche Maschine, welche auf diese Weise zum Motor wurde und eine kleine Centrifugalpumpe von Neut und Dumont betrieb, welch letztere Firma auf der gegenwärtigen Ausstellung mit einer durch elektrische Kraftübertragung betriebenen 30e-Centrifugalpumpe erschienen war, womit der groſse Springbrunnen im Mittel der Rotunde gespeist wurde.

Dann wird erwähnt, daſs der Wiener Ingenieur Josef Popper schon in einem am 6. November 1862 der Wiener Akademie der Wissenschaften versiegelt überreichten Schreiben auf die groſsen Vortheile aufmerksam gemacht habe, welche eine Ausnutzung der Naturmotoren, wie Ebbe und Fluth, heftige Winde in öden Gegenden, Wasserfälle in den Tiefen der Gebirge u.s.w., mittels elektrischer Kraftübertragung bieten würde: „Dies alles ist aber zu bewerkstelligen, wenn der Motor, z.B. der Wasserfall, eine passend aufgestellte magnetelektrische Maschine bewegt, der hierdurch entstehende galvanische Strom in einer Art Telegraphenleitung über Berg und Thal geleitet und am gewünschten Orte mittels einer elektro-magnetischen Maschine zu mechanischer und unmittelbar zu chemischer Arbeit – also zur Elektrolyse im Groſsen – verwendet wird... Als Beispiel der Anwendung will ich im Allgemeinen einiges Auffallendere hier gleich anführen und glaube, man sieht sogleich ein, daſs in kleinen wie gröſseren Städten die Kraft centralisirt und durch Leitungen an die Einzelnen – Industrielle und Gewerbsleute – ähnlich der Ueberlassung des Leuchtgases übergeben werden kann; Luftströmungen, wie z.B. an den Mündungen der Schornsteine, können unseren Wohnungen Licht verschaffen- die bisher so schwierige Füllung der Luftballons mit Wasserstoffgas kann durch mechanische Kraft bewerkstelligt werden, u. dgl. in.“ Und es wird vom Berichterstatter unserer Quelle mit Recht hinzugefügt: „Unleugbar wären zu jener Zeit mit den damals bekannten Maschinen nur sehr geringe Nutzeffecte zu erzielen gewesen.“

Von ausgestellt gewesenen Kraftübertragungen werden hierauf angeführt:

1) Eine den groſsen Springbrunnen der Rotunde bedienende Dumont'sche Centrifugalpumpe betrieben durch eine nächst dem englischen Pavillon stehende, 30e übertragende Gramme'sche Dynamomaschine.

2) Die 1km,7 lange elektrische Eisenbahn von Siemens und Halske in Berlin mit Stromzuleitung durch die Schienen. Die zwei Generator-Siemens-Dynamomaschinen (Modell G. E. 20) mit neuartiger sogen. Compound-Wickelung werden durch eine 60e-Dampfmaschine mit Meyer'scher Steuerung von Brand und Lhuillier |471| angetrieben. Nutzeffect der Dynamomaschinen nach den angestellten Versuchen 40 bis 50 Proc.

Den Strom für die folgenden unter Nr. 3 bis 5 aufgeführten Kraftübertragungen lieferten Brückner, Roß und Consorten mit ihren gleichfalls durch eine 60e-Hochdruck-Dampfmaschine von Brand und Lhuillier angetriebenen Gramme'schen Dynamomaschinen.

3) Der elektrisch betriebene Aufzug von Freißler erfordert 3e; die secundäre Dynamomaschine war im obersten Theile des beim Ostflügel gelegenen (3m,80 langen, 2m,60 breiten und 27m,00 hohen) Rotundenpfeilers, in welchem sich der Aufzug bewegt, aufgestellt. Ein auf der Welle des Flaschenzuges, dessen Kette den Aufzugskasten trägt, befindliches gröſseres Zahnrad, ist mit einem auf der Welle der secundären Dynamomaschine aufgekeilten Getriebe in Eingriff. Diese Anordnung ist also ganz verschieden von derjenigen des Fahrstuhles von Siemens und Halske (vgl. 1881 239 * 22).

4) Die Kohlenförderbahn der Leobersdorfer Maschinenfabrik mit 2 bis 4e Kraftbedarf. Hierbei sei auch des gleichfalls mittels Elektricität angetriebenen Seilbahn-Modelles von Obach Erwähnung gethan.

5) Die zum Betriebe ⅓e erfordernde Buchdruck-Schnellpresse der Steyrermühl-Gesellschaft im Nordflügel.

6) Antrieb von zwei Gramme'schen Einlichter-Maschinen zu je 4000 Kerzenstärken durch eine direkt mit derselben gekuppelte 6e -Brotherhood'sche Dreicylindermaschine zur Drehung und Beleuchtung des Leuchtthurm-Reflectors von Sautter, Lemonnier und Comp. im Nordflügel.

7) Der Werkzeugmaschinen Pavillon der Firma Heilmann, Ducommun und Steinlen, schon von der Pariser elektrischen Ausstellung 1881 her bekannt; die Vorgelege der ausgestellten Werkzeugmaschinen waren durch zwei Transmissionsreihen von zwei secundären Gramme'schen dynamo-elektrischen Maschinen angetrieben, welche gegen 1200 Umläufe in der Minute machten und ihren Strom von zwei gleich groſsen, in einem zweiten Pavillon aufgestellten Primär-Dynamomaschinen erhielten, die ihrerseits wiederum mit noch 6 gleichen Gramme'schen Maschinen von einer halbstationären 50e-Zwillingsdampfmaschine der Gebrüder Sulzer in Winterthur angetrieben wurden. Diese Halblocomobile heizte nicht selbst, Sondern wurde aus dem Kesselhause mit Dampf versorgt.

8) Die Gewehrschloß-Einlaßmaschine der Oesterreichischen Waffenfabriks-Gesellschaft (Werndl) im Westflügel, betrieben durch eine Schuckert'sche Dynamomaschine E. L. 1, für welche die primäre Dynamomaschine bei S, Schuckert aufgestellt war.

9) Zwei Polirmaschinen, im Betriebe bei der Corporativ-Ausstellung von Pfannhauser, Kalmar's Nachfolger und C. Haas, im Galvanoplastik-Raume, angetrieben durch zwei Schuckert'sche Dynamomaschinen E. L. 1, deren primäre Maschinen, zwei gekuppelte Schuckert-Dynamos (Type J. L. 5 und J. L. 3) in der Westgalerie, nahe dem Westflügel standen und, wie der gröſste Theil der Schuckert'schen Dynamomaschinen, von einer 80e horizontalen Zwillingsmaschine mit Flachschieber-Präcisionssteueuerung, System Regnier (vgl. 1879 234 * 433), von Bolzano, Tedesco und Comp. angetrieben werden.

10) Egger, Kremenezky und Comp. hatten in der Maschinenhalle zwei Flachring-Maschinen für Kraftübertragung in Betrieb, welche, wie alle Dynamomaschinen dieser Installation, von dem groſsen liegenden 40e zweicylindrigen Gasmotor von Langen und Wolf angetrieben werden. Beide Dynamomaschinen machten 900 Umgänge und geben 10 Ampère Strom; die eine derselben repräsentirt (bei 8e Kraftverbrauch) eine Spannung von 500 Volt, die andere (bei 4e Kraftverbrauch) eine Spannung von 300 Volt. Diese Maschinen speisten eine gröſsere Anzahl Boston-Lampen und betrieben auſserdem die secundären Dynamomaschinen, welche sich im Nordosthofe befanden, woselbst sie:

11) Eine Tiegeldruck-Schnellpresse von Haufler, Schmutterer und Comp. und:

12) Eine Schweifmaschine für Holzbearbeitung von W. Riedel in Gang setzten.

13) Gleichfalls in der sogen. Reparatur-Werkstätte im Nordosthofe wurden von Siemens und Halske durch elektrische Kraftübertragung verschiedene Werkzeugmaschinen in Bewegung gesetzt, Bohrmaschinen, Schweifmaschinen, eine Kreissäge der Ottakringer Maschinenfabrik u.a.

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14) Nach der Stromvertheilung System Gravier betrieb die Firma Kuksz, Luedtke und Grether in Warschau in der Westgalerie die secundären Dynamomaschinen als Motoren für Schleif- und Bürstenapparate, sowie für elektro-chemische Bäder bei der Ausstellung von Robert Plage's Nachfolger im Galvanoplastik-Raume. Von der gleichen Stromvertheilung wurden die elektrischen Kochapparate von Jüllig und Altschul in der südwestlichen Halbgalerie, nahe dem Südflügel mit elektrischem Strome versehen; desgleichen ein Griscom-Motor zur Betreibung eines kleinen Ventilators.

Für die unter 14 genannten, sowie für einige andere bei Demonstrationsapparaten verschiedener Art verwendeten elektrischen Kraftübertragungen lieferten zwei Dynamomaschinen, System Gravier, von je 20 bis 30e den Strom; diese und noch mehrere andere für Beleuchtungszwecke dienende Gravier'sche Dynamomaschinen, sowie die benachbarte Aufstellung von Bürgin und Crompton erhielten ihre Kraft von einer nebenstehenden horizontalen 28e-Dampfmaschine mit Proell'scher Präcisionssteuerung, ausgestellt von der Fürst Salm'schen Maschinenfabrik zu Blansko.

15) Betrieb einer Dreschmaschinen-Garnitur durch Accumulatoren, System De Cálo (vgl. S. 263 d. Bd.). Diese wurden geladen von einer secundären Dynamomaschine, welche durch den Halladay'schen Windmotor betrieben wurde.

16) Die Firma Ganz und Comp. lieſs eine im Nordosthofe stehende Flachmühle betreiben; die primären 3 Dynamomaschinen (Type Nr. 6) waren in der Nordgalerie (West) aufgestellt und nebst anderen Wechselstrom-Maschinen, System Zipernowsky, für Beleuchtungszwecke durch eine 25e vertikale Hochdruck-Compoundmaschine Invincible von John and Henry Gwynne angetrieben.

17) Das von der Electrical Power Storage Company mittels Faure-Sellon- Volckmar'scher Accumulatoren betriebene, rückwärts des englischen Pavillons im Parterre der Rotunde aufgestellte Tricycle (vgl. S. 262 d. Bd.).

18) Das S. 281 d. Bd. beschriebene elektrisch betriebene Boot.

19) Die von der Electro-Dynamic Company in Philadelphia durch doppelte Inductionsmotoren mit selbstthätigen Batterien getriebene Nähmaschine, zahnärztliche Instrumente und rotirende Fächer.

20) In der Westgalerie hatten Pallausch und Cihlarz das Modell eines Apparates ausgestellt, den sie „Strom-Motor“ (vgl. 1883 248 429. 1878 230 * 468) nennen und welcher in zwei Exemplaren in der groſsen Donau am Praterquai Ende der Ausstellungsstraſse zwischen den Lagerhäusern der Commune Wien und der Unionbank beständig in Thätigkeit war. Lediglich unter Benutzung der Kraft des strömenden Wassers durch eine Schaufelrad-Construction wurden hier Dynamomaschinen betrieben und zwar mit Hilfe der auf dem Schiffe angebrachten Uebersetzungen in einer vollkommen genügenden Geschwindigkeit. Der eine Strom-Motor, mit horizontaler Achsenlage, war auf einem Schiffe, der zweite, mit vertikaler Achsenlage, auf pilotirten Eisenbahnschienen vollkommen unter Wasser montirt. Diese Anlage verdient, wenn ihr derzeit auch noch gewisse Mängel anhaften, entschiedene Beachtung, da sie den Weg zeigt, auf welchem Fluſsläufe ohne groſse und kostspielige Anlage, so wie sie heute sind und strömen, bereits sehr gute Dienste für Zwecke der Elektricitätserzeugung leisten könnten.

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