Titel: Neuere elektrische Eisenbahnen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1883, Band 250/Miszelle 6 (S. 550–552)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj250/mi250mi11_6

Neuere elektrische Eisenbahnen.

Am 24. September d. J. wurde die in dem Querschlage zwischen dem Valeska- und Gerhardflötz der Gräflich Schaffgotsch'schen Hohenzollerngrube angelegte elektrische Eisenbahn dem Betriebe übergeben. Diese Anlage bietet in so fern Interesse, als es nicht nur die erste derartige Anlage in Schlesien ist, sondern hierbei auch die stärkste überhaupt bis jetzt gebaute elektrische Locomotive zur Anwendung kommt. Der für die Locomotive erforderliche elektrische Strom wird durch eine in einem Gebäude über Tage aufgestellte Dynamomaschine erzeugt, welche ihrerseits durch eine Dampfmaschine betrieben wird. Von der Dynamomaschine aus wird der Strom in einem starken Kupferkabel durch den Schacht nach der von der Locomotive zu befahrenden Strecke geleitet und schlieſst sich hier an eine schmiedeiserne, am Firste der Strecke angebrachte Schiene an, von welcher aus derselbe durch einen von der Locomotive auf dieser Schiene geschleiften Contactschlitten nach der Locomotive geführt wird und diese in Bewegung setzt. Die Rückleitung des Stromes erfolgt durch einen zweiten Contactschlitten nach einer der ersten parallel laufenden Schiene und von dieser in ein zweites Kupferkabel durch den Schacht zurück nach der Dynamomaschine über Tage. Die elektrische Locomotive, sowie die Dynamomaschine sind von der Firma Siemens und Halske in Berlin geliefert. |551| Die Locomotive ist im Stande, auſser ihrem eigenen Gewichte, welches 2125k beträgt, eine Last von 15000k auf horizontaler Bahn bei einer Fahrgeschwindigkeit von 3m in der Secunde fortzubewegen. Die gegenwärtige Länge der von dem Zuge zu befahrenden Strecke miſst 750m; der Zug durchläuft die Strecke in 4 Minuten bei voller Belastung. – Die beiden ⊥-Schienen für die beiden Contactschlitten sind nach der Internationalen Zeitschrift für die elektrische Ausstellung in Wien, 1883 S. 126 und * S. 269 alle 4m mittels eines gemeinschaftlichen guſseisernen, verzinkten Trägers am Firste des Querschlages befestigt. Jeder Contactschlitten umfaſst den unteren Theil der ⊥-Schienen mit zwei -förmigen Bronzeklammern, welche an den beiden Berührungsflächen mit je einer stählernen Platte belegt sind; um den Contact inniger zu machen, sind an jedem Schlitten 6 stählerne Blattfedern angebracht, welche mit ihren 12 mit kleinen halbrunden Stahlstücken belegten Enden von unten gegen die Schienen drücken. Die Vorrichtung zum Mitnehmen federt in beiden Zugrichtungen, damit Stöſse vermieden werden. Kleine Behälter mit Dochten, welche an den Schlitten befestigt sind, schmieren von Zeit zu Zeit die Contacte und die Schienen und beseitigen dadurch Schmutz und Host. Die Anlage hat sich bis jetzt so gut bewährt, daſs man zum Frühjahre schon den elektrischen Betrieb für das zweite Geleise in Aussicht genommen hat.

Die erste elektrische Bahn in Oesterreich, welche einem Verkehrsbedürfnisse dient, naht ihrer Vollendung. Am 25. September fand die Probefahrt auf der nach dem Systeme Siemens angelegten elektrischen Bahn von Mödling-Brühl (vgl. 1882 246 367) statt. Es wurde die Theilstrecke Bahnhof-Feldgasse befahren. Die Probefahrt gelang vollkommen. Der elektrische Strom wird oberirdisch geführt durch eine Metallröhre, welche nicht allein als Stromleiter dient, sondern auch das Schiffchen führt, welches die Ueberleitung des Stromes in die Secundär-Dynamomaschine vermittelt. Die Bahn ist 2km,9 lang und von der Firma Schlepitzka hergestellt. Vorläufig ist die Eröffnung einer Theilstrecke in Aussicht genommen; die ganze Bahn dürfte nicht vor dem Frühjahre dem Verkehre übergeben werden. – Bei der von Siemens und Halske vom Praterstern bis zum Nordportale des Ausstellungsgebäudes gebauten elektrischen Bahn wird der Strom durch die Schienen zugeführt. Auf dieser Bahn fuhren von der Eröffnung am 28. August bis zum Schlüsse der Ausstellung am 3. November im Ganzen 269050 zahlende Personen, also täglich im Durchschnitte 3900.

Wie durch die Tagesblätter bereits allgemein bekannt wurde, hat die Firma Siemens und Halske mit der Oesterreichischen Länderbank ein Uebereinkommen über den Bau und Betrieb von elektrischen Lokalbahnen in Oesterreich-Ungarn getroffen. Vor Allem soll in Wien die Strecke Praterstern-Elisabethbrücke-Westbahnhof zur Ausführung gelangen. Im Uebrigen handelt es sich in Wien um ein Schienennetz, welches sich auf die 9 Stadtbezirke innerhalb der Linienwälle beschränken und die letzteren nur an zwei Stellen mit kurzen Abzweigungen zur Westbahn und zur Südbahn überschreiten soll. Der Entwurf besteht aus zwei Ringbahnen, indem ein gröſserer äuſserer Ring die acht vorstädtischen Bezirke durchziehen und ein kleinerer innerer Ring mitten durch die innere Stadt laufen und den westlichen Theil derselben von der Elisabethbrücke bis zum Salzgriese umfassen würde. Unter einander sollen diese beiden Ringe durch 4 Zweiglinien verbunden sein. Ein groſser Theil der Strecken soll unter der Straſse in Tunnels aus Eisenconstruction geführt werden, der übrige Theil als Hochbahn auf eisernen Säulen sich durch die Straſsen hinziehen.

In Paris wurde von Boistel, Chabrier und Charton der Plan einer elektrischen Eisenbahn dem Municipalrathe vorgelegt. Hiernach soll die Bahn den äuſseren Boulevards von La Villette bis zum Platze Moncey folgen, auf einem Viaducte von 3077m Länge geführt und mit 9 Stationen versehen werden. Eine Bahnlänge von etwa 4m,75 würde über den Straſsen liegen; die Curven sollen 300m gröſsten Radius erhalten. Es wird beabsichtigt, die Bahn in mehrere Abschnitte zu theilen, denen durch je ein besonderes Kabel der erforderliche elektrische Strom für die Förderung auf dieser Strecke zugeführt wird.

Am 4. August d. J. ist nach Engineering, 1883 Bd. 36 S. 245 eine etwa 0km,4 lange, noch bis 3km zu verlängernde, elektrische Eisenbahn eröffnet worden, welche bei Brighton vom Eingange zum Aquarium entlang dem Strande nach |552| dem „Chain Pier“ läuft und in etwa 18 Tagen nur aus gewöhnlichem Materiale hergestellt worden. Den Strom liefert eine Siemens'sche Dynamomaschine (D5) mit 55 Volt elektromotorischer Kraft, 18 Ampere Stromstärke, bei 1700 Umläufen in der Minute. Die Croßley'sche Gasmaschine (2e) hat 2 Schwungräder und macht 160 Umläufe. Die von Volk gebaute, getriebene Dynamomaschine wiegt 140k und macht ungefähr 700 Umdrehungen und treibt mittels Riemen eine Zwischenachse und von dieser aus die eine Achse des Wagens, beidemal mit Uebersetzung von 2 : 1; auf einer Steigung von 1 : 100 läuft der Wagen mit 8km in der Stunde, abwärts mit 10km. Der Wagen ist auſser dem Führer auf 12 Personen berechnet, hat aber schon 16 gefahren; er wird bei Nacht durch eine 20-Kerzen-Swanlampe erleuchtet. Die gewöhnlichen Schienen mit 0m,6 Spurweite liegen auf Langschwellen und sind durch Kupferdrahtschleifen (Nr. 8 engl.) verbunden. Die Schienen allein führen den Strom zu, mit weniger als 5 Proc. Verlust bei trockenem Wetter und nicht über 10 Proc. bei Regen.

Für 60 Fahrten hin und zurück mit 12 Personen werden die Betriebskosten berechnet: Gas, 10 Stunden zu 25 Pf. = 2,50 M., Oel und Abnutzung 0,75, Führer 3,35 (?), Arbeiter 4,20 und Amortisation 5,00, zusammen 15,80 M.

Zum Vergleiche werden die Zahlenangaben der Bahn in Chicago beigefügt: Maschine 2e nominal, 3e,5 indicirt; Stromstärke 18 Ampère, elektromotorische Kraft 55 Volt; Motorgewicht 140k, Wagengewicht 366k, Ladung (12 Personen) 1t. Steigung 1 : 100, mittlere Geschwindigkeit 11km in der Stunde, täglicher Weg 40 bis 48km und mittlere tägliche Personenzahl 350.

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