Titel: Einfluſs des elektrischen Lichtes auf das Pflanzenwachsthum.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1883, Band 250/Miszelle 8 (S. 552–553)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj250/mi250mi11_8

Einfluſs des elektrischen Lichtes auf das Pflanzenwachsthum.

Wie H. de Parville im Journal des Débats mittheilt, zeigte schon im J. 1806 A. P. de Candolle, daſs das Licht von 6 Argand'schen Lampen hinreicht, um die grüne Farbe dünn aufgeschossener Blätter und junger Triebe von Senf und Kresse zu entwickeln, aber ohne behaupten zu können, daſs wirklich eine Zersetzung von Kohlensäure stattgefunden habe. Biot gelangte mit stärkeren Lampen doch zu keinem neuen Ergebnisse. Inzwischen stellte Daubeny (1836), Draver (1844), Sachs (1865) und Pfeffer (1871) fest, daſs die gelben Strahlen der gewöhnlichen Lampen gerade so gut auf die Pflanzen wirken als alle Strahlen des Spectrums mit einander. Herré-Mangon unterwarf im J. 1861 zum ersten Male Pflanzen der Einwirkung des elektrischen Lichtbogens, konnte aber dabei nicht herausbringen, ob unter dessen Einfluſs eine Zersetzung von Kohlensäure und direktes Wachsthum der Pflanzen stattgefunden habe. Es erwies sich jedoch deutlich, daſs das elektrische Licht die Pflanzenstengel nach sich zieht wie das Sonnenlicht. Herré-Mangon schrieb mit Recht diesen sogen. Heliotropismus dem Einflüsse der violetten Strahlen zu, welche in dem elektrischen Lichte sehr zahlreich sind und ebenso in groſser Menge das Sonnenlicht zusammensetzen helfen. Endlich im J. 1866 setzte W. Wolkow Triebe von Kresse, welche im Dunkeln gezogen waren, 8 Stunden lang der Flamme eines Bunsen'schen Brenners aus, welche durch kohlensaures Natrium leuchtend gemacht |553| war. Die farblosen Kressenkeime wurden schnell grün. Die Bildung des Chlorophylls oder Blattgrüns ist also unabhängig von den chemischen Strahlen, den violetten. Prilleux hat durch eine Reihe von Versuchen, welche er im Laboratorium der Sorbonne mit verschiedenen Lichtquellen (elektrische Lampe, Drummond'sche Lampe, Gasbrennern u. dgl.) anstellte, in allen Fällen Bildung der grünen Farbe, Wachsthum und Zersetzung von Kohlensäure festgestellt.

Durch die bereits (1882 245 191) besprochenen Versuche von C. W. Siemens wurde die wissenschaftliche Thatsache erwiesen, daſs einer künstlichen Beleuchtung ausgesetzte Pflanzen vollkommen wachsen. Siemens hat sogar der Royal Agricultural Society einen annähernden Ueberschlag mitgetheilt, was der elektrische Gartenbau in seiner Anwendung auf Obst- und Gemüsegärten kosten könnte. Nimmt man die Anbaufläche zu 58qm an, so wären hierfür 9 elektrische Herde je in der Stärke von 600 Carcelbrennern, 3m über dem Boden angebracht, erforderlich. Um die Beleuchtung besser auszunutzen, wäre es gut, wenn dieses Feld von Mauern, mit Spalierbäumen daran, eingefaſst wäre. Die Dampfmaschine zur Bewegung würde 36e erfordern, was für eine Nacht, zu 12 Stunden gerechnet, eine Ausgabe von 8 M. machte. Mit den in den Lampen verbrannten Kohlenstiften würde die Ausgabe auf 16 M. steigen. Die sehr beschleunigte Entwicklung von Gemüse und Obst während der kalten Jahreszeit soll die Anwendung des Verfahrens gewinnbringend machen.

C. W. Siemens, welcher sein Landhaus in Sherwood bei Tunbridge Wells für alle Anwendungsarten der Elektricität eingerichtet hat, benutzt den von einer Dampfmaschine erzeugten elektrischen Strom während des Tages zum elektrischen Betriebe von Pumpen und verschiedenen Wirthschaftsmaschinen, Abends für die Beleuchtung und den verbrauchten Dampf für die Beheizung. Bei dieser Ausnützung der Maschine ist der Kostenaufwand ein verhältniſsmäſsig geringer. In dem Glashause hat Siemens an der Decke eine Lampe mit. 1400 Kerzen Leuchtkraft, mit Ventilation nach auſsen, in einer Glaskugel angebracht, während eine zweite von gleicher Stärke nahe am Boden ihr Licht auf zwei eingesenkte Glashäuser und einen offenen Versuchsgarten wirft, welcher mit Weizen, Gerste u. dgl. im December v. J. besäet wurde. Am 1. Juni d. J. hatte der Weizen die doppelte Höhe der gewöhnlichen Kultur erreicht und begann Blüthen zu zeigen. Alle Früchte auf dem elektrisch erleuchteten Grunde waren durchaus kräftig entwickelt. Bereits am 25. Januar reiften Erdbeeren von vorzüglichem Geschmacke, am 15. April Melonen, am 18. April Trauben und Mitte Juni Pfirsiche.

Auf der Wiener Ausstellung waren diese Bestrebungen durch die chemische Versuchsstation für Gartenbau und Handelsgärtnerei von A. Bronold in Ober-St. Veit vertreten. Eine Gruppe von Pflanzen, welche theils unter Einwirkung des elektrischen Glühlichtes, theils durch Einleitung von elektrischen Strömen in das Erdreich gezogen wurden, war in der österreichischen Abtheilung zu sehen. Bronold setzte bei Tag die Pflanzen in seiner Versuchsanstalt dem Sonnenlichte aus. Nach der Dämmerung wurde denselben 2 Stunden Ruhe gegönnt, dann das elektrische Glühlicht in Anwendung gebracht, bis wieder die Tageshelle eintrat. Nach seinen Erfahrungen ist zum Gedeihen der Pflanze nöthig, daſs die künstliche Lichtquelle unter demselben Einfallswinkel die Pflanzen treffe wie das Sonnenlicht, um die sonst durch verschiedene Beleuchtung hervorgerufene Bewegung oder Drehung der Pflanzen nach der Lichtquelle zu vermeiden, da dies dem Wachsthume nicht förderlich scheint.

Suche im Journal   → Hilfe
Alternative Artikelansichten
  • XML
  • Textversion
    Dieser XML-Auszug (TEI P5) stellt die Grundlage für diesen Artikel.
  • BibTeX
Feedback

Art des Feedbacks:
Ihre E-Mail-Adresse:
Anmerkungen: