Titel: Neuheiten in der Explosivstoff-Industrie und Sprengtechnik.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1884, Band 251 (S. 118–126)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj251/ar251063

Neuheiten in der Explosivstoff-Industrie und Sprengtechnik.

Patentklasse 78. Mit Abbildungen auf Tafel 11.

Marc E. Sanlaville und R. Laligant in Paris (D. R. P. Nr. 19839 vom 12. April 1881) wollen im Augenblicke der Explosion Nitroglycerin bilden lassen, indem sie folgendes Pulver herstellen: A) 36,06 Th. doppeltschwefelsaures Kali oder Natron, 28,60 Th, salpetersaures Kali oder Natron, 9,20 Th. Glycerin. B) Brandsatz (Calorigène) = 50 bis 55 Th. chlorsaures Kali oder Natron, 50 bis 45 Th. kohlenartige Körper. – Das Kohlenstoff haltige Material kommt in eine concentrirte Lösung der Salze, die Mischung beider wird getrocknet. Hierauf setzt man unter Umrühren Glycerin zu. Die Masse wird in Patronen gepreſst und mit getheertem Papier umhüllt. Die Zündung erfolgt direkt.

J. Gemperlé in Wien (D. R. P. Nr. 23933 vom 10. December 1882) hat folgendes (in Oesterreich-Ungarn „Amidogène“ benanntes) Pulver angegeben: 73 Th. Kalisalpeter, 8 Th. gemahlene Holzkohle, 8 Th. gemahlene Kleie, 10 Th. Schwefel, 1 Th. Magnesiumsulfat. Salpeter und Magnesia werden mit ⅓ ihres Gewichtes kochendem Wasser in einem mit Dampf oder überhitzter Luft auf 140° geheizten Kessel unter Umrühren erhitzt. Nach erfolgter Lösung werden die übrigen vorher gemischten Theile zugesetzt, 2 Stunden lang bei 140° gekocht, sodann 5 Stunden lang bei 50° getrocknet und bei 5000at Druck zu Patronen gepreſst. Die Erzeugungsweise ist dieselbe, welche in den letzten Jahren für Sprengstoffe mehrfach mit Erfolg aufgenommen wurde; der angegebene Druck beim Pressen ist nur sehr oberflächlich angenommen, der zehnte Theil ist stets genügend. Der Patentinhaber bemerkt, das Pressen sei gefahrlos und auch das Ausbohren versagter Schüsse könne ohne Gefahr erfolgen. Gegen derlei Anpreisungen sei hiermit Verwahrung eingelegt. Es gibt kein vollkommen gefahrloses Pulver, und obzwar Pulver mit elastischen voluminösen Cellulose-Bestandtheilen stärkere mechanische Einwirkungen vertragen als Schieſspulver, so ist es doch schon wiederholt geschehen, daſs Explosionen oder mindestens starke Verbrennungen die Folge des durch vielfaches Gelingen hervorgerufenen Leichtsinnes waren.

Um die Länge der Nadeln zur Herstellung der Kanäle in prismatischem Pulver herabmindern zu können und dadurch denselben längere Dauer zu verleihen, macht die Berliner Maschinenbau-Actiengesellschaft |119| L. Schwartzkopff (* D. R. P. Nr. 16712 vom 17. April 1881) in den Träger a der Unterstempel (Fig. 15 und 16 Taf. 11) der Länge nach im Inneren eine rechteckige Aussparung, in welche der an den Enden mit dem Preſsgestelle verschraubte Nadelbalken b eingesetzt wird. Dieser ist der Stempelzahl entsprechend durchbohrt und nach oben mit Röhren d versehen, die mit Hilfe durchbohrter und eingeschraubter Platten f geschlossen werden, gegen welche wieder die Nadelcylinder g mittels der Gewindebolzen h gepreſst werden.

F. C. Glaser in Berlin (D. R. P. Nr. 16763 vom 17. Juli 1881) bringt die Anwendung von Hartgummiplatten zum Pressen der Pulverkuchen in Vorschlag, welche in Folge ihrer Elasticität dem Drucke fortgesetzt Widerstand leisten sollen, ohne daſs die Gleichmäſsigkeit und Glätte der Fläche leidet.

Zur Ladung flüssiger Sprengstoffe bedienen sich Herm. Gruson in Buckau-Magdeburg und Hellhoff in Berlin (* D. R. P. Nr. 19430 vom 3. März 1882) aus Zinnröhren geschnittener und beiderseits verschlossener Patronenhülsen. Wie aus Fig. 17 bis 20 Taf. 11 zu entnehmen, ist der Patronenboden durch Pressen in eine sternförmige Matrize gefalten (Fig. 17), oder mit einem Stricke gewürgt und verlöthet (Fig. 18), oder durch schraubenartiges Verdrehen des Rohres geschlossen (Fig. 19). In den Hals wird eine eiserne, mit Gewinde versehene, nach oben conisch erweiterte Hülse eingelöthet, in diese eine Zünderhülse aus Zinn (vgl. Fig. 20) eingesetzt und mit einem Gewindedorne in das Muttergewinde der Hülse eingepreſst. In diese kommt sodann der Knallsilberzünder sammt Schnur, an welche der vorstehende Rand der Hülse angekniffen und gegen Wasser durch Abdichten mit einer klebrigen Masse geschützt wird. Diese Patronenhülsen sind offenbar dazu bestimmt, die praktische Verwendung der schon früher (1882 246 184) beschriebenen flüssigen Nitrokörper zu ermöglichen, lösen jedoch diese schwierige Aufgabe nicht weniger umständlich, als dies seinerzeit beim Nitroglycerin der Fall war.

In diesen Tagen der Bickford'schen Zündschnur und des Zündhütchens muthet ein von Joh. Pielzka in Morgenroth, Oberschlesien (* D. R. P. Nr. 16866 vom 14. Mai 1881) hergestellter Apparat zum Füllen von Strohhalmen mit Schieſspulver gewiſs eigenthümlich an. Dennoch entspricht er einem lokalen Bedürfnisse, da ja die Bergknappen gewisser Gegenden mit groſser Zähigkeit an Strohhalm, Schilfrohr, Ludelfaden u.s.w. festhalten. Die Strohhalme werden in einen Rahmen eingelegt, mit Klemmen und Haltern festgestellt, in conische Mundstücke eines gemeinsamen Trichters eingeschoben und durch eine von einer gekröpften Welle bewegte Schüttelvorrichtung gefüllt.

Hauptmann Ph. Heſs hat eine neue Reihe von Versuchen in, den Mittheilungen über Gegenstände des Artillerie- und Genie-Wesens, 1883 Notizen S. 85 veröffentlicht. In Pergamentpapier laborirtes Dynamit hat die Eigenthümlichkeit, das Nitroglycerin auszuschwitzen, wenn es nach |120| dem Gefrieren aufgethaut wird. Eine Patrone Kieselguhr-Dynamit von 71,63 Th. ursprünglichem Nitroglycerin-Gehalte enthielt nach 3maligem Gefrieren und Aufthauen an der Oberfläche nur 67,52 Th., der ganzen (wieder sorgfältig abgemischten) Masse nach 71,42 Th. und, nachdem sie in eine Paraffinpapierhülle neuerlich umlaborirt wurde, nach abermals 3 maligem Gefrieren und Aufthauen an der Oberfläche 70,99 Th. Nitroglycerin. Bei ersterem Versuche war die Patrone in Kieseiguhr gebettet; die auffallende Verminderung des Nitroglycerin-Gehaltes an der Oberfläche ist daher durch Aufsaugen des ausgeschwitzten Sprengöles hauptsächlich bewirkt. Die absolute Verminderung an der Oberfläche ist der Volumenverminderung des Nitroglyeerins beim Gefrieren zuzuschreiben, welche wohl ein theilweises Austreten desselben aus den capillaren Röhrchen der Kieseiguhr und somit ein Zusammenziehen gegen den Kern der Patrone zur Folge hat.

Ein neuer Apparat von Heſs zur Beobachtung der chemischen Stabilität von Explosivstoffen ist in Fig. 21 Taf. 11 abgebildet. In einem doppelten Wärmekasten W, dessen Wände mit Wasser ausgefüllt sind, werden die Proben p der Explosivstoffe in schlecht leitende Gefäſse (Doppelgläser mit Kieselguhrfüllung) eingelegt; in denselben sitzen durch den Kasten hindurchgehende Thermometer t. Die Temperatur des Heizraumes, welche durch den Brenner B auf entsprechender Höhe erhalten wird, kann an dem Thermometer T abgelesen werden; der Thermoregulator R dient dabei zur Erhaltung einer Innentemperatur von 70°. Die durch regelmäſsige Beobachtung etwa gefundene Ueberschreitung der Temperatur von T in den Explosivstoffen ist die Folge einer Zersetzung, deren Fortgang somit zu verfolgen ist. Proben von 100g werden genügenden Aufschluſs geben. Um die Beobachtung ohne Gefahr anstellen zu können, kann sie aus der Entfernung mittels Fernrohres erfolgen. Die Proben können, wie bei dem mittleren Gefäſse p angedeutet ist, in einer durchlochten, mit Deckel verschlossenen und durch Flansche eingehängten Kapsel sich befinden, welche mit einer über Rollen geführten Schnur S sich ausheben und in kaltes Wasser setzen läſst.

Diese Methode läſst an Einfachheit und leichter Ausführbarkeit kaum etwas zu wünschen übrig und gibt viel genauere Auskunft als die bisherigen, nachdem das Ergebniſs als Durchschnittsvorgang in einer gröſseren Menge des Sprengstoffes anzusehen ist. Es wäre höchstens dagegen einzuwenden, daſs gewisse Vorgänge sich in einer kleinen Probemenge rascher abspielen und eine beschleunigtere Temperaturerhöhung im Gefolge haben können, was mit Rücksicht darauf, daſs Dynamit gewöhnlich in Patronen, also gewissermaſsen in selbstständigen kleinen Körpern vorkommt, durch vergleichende Versuche festzustellen, nicht ohne Interesse wäre.

Englische sogen. Bickford'sche Zündschnüre sind nach Heſs' Versuchen schon durch sorgfältiges Einreiben mit Unschlitt, sicher aber durch mehrmaliges |121| Durchziehen durch eine auf 160° erwärmte Tauche von 6 Th. Wachs, 1 Th. Asphalt, 1 Th. Harz wasserdicht zu machen, wenn die Schnur von einem auch im Trockenen ohne Funkensprühen verbrennenden Ringe herstammt. Ist dies nicht der Fall, so ist Wasserdichtigkeit niemals herzustellen, weil der Funke die Hülle durchbricht und Wasser eindringt; jeder Zündschnurring ist daher vor dem Dichten auf ruhiges Brennen an einem Probestücke zu prüfen.

Um die Verbindung der elektrischen Zündhütchen mit den Leitungsdrähten nicht unmittelbar oberhalb des aus Schwefel und Glaspulver hergestellten Zünderkopfes machen zu müssen, hat Heſs mit Kautschuk und gummirten Bändern isolirte Kabel von Feiten und Guilleaume in Carlswerk bei Mülheim a. Rh. an Stelle der bisher verwendeten blanken Messingdrähte verwendet. Dieselben haben sich sowohl mit der Schwefelmasse, wie mit einer Guſsmasse aus 3 Th. Asphalt, 1 Th. Wachs, 1 Th. Paraffin und 3 Th. Cement als vollkommen wasserdicht bewährt.

Versuche mit Gewehr- und Revolverpatronen ergaben, daſs alle Metallpatronen mit fest eingesetztem Geschosse durch freie Detonation bis zu 1cm tiefe Eindrücke in Holz erzeugen, daſs also deren Beförderung wohl noch mit Personenzügen der Eisenbahnen, aber nicht mit gewöhnlichen Postfuhrwerken zu gestatten wäre.

Bei Versuchen, welche H. Sébert und Hugoniot mit dem Sébert'schen Velocimeter anstellten (Mittheilungen, 1883 S. 393), wurde die auch in der civilen Sprengtechnik beobachtete Erscheinung völlig sichergestellt, daſs die Geschwindigkeit der Verbrennung einer Ladung proportional dem ihr entgegenstehenden Drucke wächst.

Das bei den Attentaten auf das Regierungsgebäude und die Kanzleien der Times in London am 15. März 1883 verwendete Dynamit hatte nach Untersuchungen Dupré's (Bericht des obersten Explosiv-Inspectors Majendie vom 27. April 1883) folgende Zusammensetzung: 29,8 Th. Nitroglycerin, 63,8 Th. Sägespäne, theilweise schwach verkohlt, 6,4 Th. Feuchtigkeit. Die Sägespäne waren mäſsig grob und dunkelbraun von Farbe, das Dynamit auf Schlag wenig explosiv, sein specifisches Gewicht nur 0,33. In einem Bleicylinder zur Detonation gebracht, war der dadurch erzeugte Hohlraum gegenüber dem von Nobel'schen Dynamit Nr. 1 wie 17:45.

Eine sehr lehrreiche Explosion von fünf Kollermühlen fand am 15. Juni 1883 in der Fabrik von W. H. Wakefield und Comp. in Bassinghyll, England, durch Blitzschlag statt (Bericht des Explosiv-Inspectors Cundill vom 30. Juni 1883). In dieser Fabrik gilt die Regel, daſs die Arbeiter alle Maschinen abstellen und sich zu entfernen haben, wenn bei einem Gewitter zwischen Blitz und Donner weniger als 30 Secunden verstreichen. An diesem Tage kam jedoch das Gewitter so plötzlich, daſs das Zeichen noch nicht gegeben war, und alsbald erfolgten auch 3 Blitzschläge, von denen einer in eine Kollermühle übergin; dieser folgte eine zweite derselben |122| Gruppe und endlich flogen 3 Kollermühlen einer anderen Gruppe nach einander auf. Der Blitz nahm einen ganz merkwürdigen Weg. Er schlug in einen kleinen Eschenbaum an der Umfassungsmauer der Fabrik, zerstörte diese, höhlte unweit davon einen Krater in die Erde, kam auf der anderen Seite einer an die Mauer gebauten Straſse heraus, ging etwa 2m,5 in der Erde horizontal fort, sodann in die Tiefe, kam wieder an zwei Stellen einer steinernen Mauer heraus, sprang auf ein in Stein eingelassenes Eisengitter über, zerbrach in 28m Entfernung das Gitter und die Steinunterlage, ging jedoch im Gitter noch 33m weiter bis zu einer scharfen Biegung, wo ein Theil des elektrischen Stromes in einen 1m,5 entfernt stehenden Eschenbaum übersprang und daran in die Erde ging, während der andere Theil am Gitter entlang bis an das 7m,5 von der ersten Kollermühle abstehende Ende lief, wo die Gitterstangen in die Erde herabgebogen endigten. Zwischen dem Gitter und der Mühle brach sich der Blitz an einer Seite einer hölzernen Platform noch einen kleinen Krater aus, kam auf der anderen Seite wieder heraus und sprang auf den eisernen Tisch des Kollerganges über, wo er die Explosion hervorrief. Die Mühlen waren entgegen den gesetzlichen Vorschriften nicht mit Blitzableitern versehen. Cundill glaubt nun, daſs ein Blitzableiter, besonders, wenn der Kollergang mit ihm in leitender Verbindung gewesen wäre, diesen Blitzschlag unschädlich gemacht hätte.

Referent verhält sich gegen Blitzableiter auf Explosivstoff-Gebäuden überhaupt sehr skeptisch, weil u.a. bekannt ist, daſs es schwierig ist, eine selbst relativ kurze Zeit tadellos wirkende Leitung herzustellen, und weil der Weg des Blitzes durch tausend Nebenumstände geradezu unberechenbar ist. Allein selbst angenommen, daſs der in den Tisch des Kollerganges übersprungene Blitz ungetheilt in die Ableitung und sodann in die Erde geführt worden wäre, so muſs doch bedacht werden, daſs schon beim Ueberspringen desselben die sogen. „Platzung“ eine mehr als genügende Hitze entwickelt, um ein bei etwa 300° entzündliches Pulver zur Explosion zu bringen. Bei diesem Blitzschlage wurde nur bestätigt, daſs scharfe Krümmungen in einer Leitung von Nachtheil sind und daſs die Erdplatte in feuchte Erde zu betten ist; denn in diesem Falle war der Boden in Folge anhaltender Dürre sehr trocken und beförderte den Weiterlauf des Blitzes. Beide Gesichtspunkte wurden auch schon von der Londoner Blitzableiter-Conferenz gebührend gewürdigt und den Besitzern von Explosivstoff-Fabriken deren Beachtung zur Pflicht gemacht.

Ueber die Verwendung von Sprengstoffen beim Steinbruchbetriebe der Hafenbauten von Fiume haben Hajnal, Sántay u.a. interessante Angaben veröffentlicht.1) Die Hafenbau-Unternehmung hatte zur Herstellung der |123| Schutzbauten mehrere Steinbrüche in Angriff genommen, von welchen die von Martinschizza, Zurkovo und Prelucca die gröſsten waren. Das Gestein ist Kalkstein der Karstformation, also häufig von Höhlungen durchsetzt, und war nur in Prelucca ganz compact. Die Ladungsformel war ½ [π(a + ⅓ a)2]bm = 4,188 a3, worin a die kürzeste Widerstandslinie, b die Höhe des auflagernden Gesteines, m den Ladungscoëfficient bedeuten. Diese Formel ist jedoch nur dann richtig, wenn a : b = 2 : 3; da es sich nun hier darum handelte, den Fuſs der Felswand zu untersprengen, wodurch das über der Ladung befindliche Gestein nachbricht, so wurde diese Formel stets beibehalten. m wurde durch Versuche festgestellt: für Diorrexin2) , Petralit3) und Haloxylin4) mit 280g, für Dynamit mit 112g. Die Rücksicht auf den Preis sowie auf die bequeme Beschaffung veranlaſste den ausschlieſslichen Gebrauch von Diorrexin aus Sistiana bei Triest, welchem zur Herabminderung der Brisanz behufs Erlangung eines gröſseren Procentsatzes von Blöcken erhebliche Mengen von Ruſs beigemischt wurden. Praktische Versuche haben in Uebereinstimmung mit der Ladungsformel ergeben, daſs die Ladungsmenge in Kilogramm für Diorrexin aus 1,173 a3 stets genau zu berechnen war. Der Verbrauch an Sprengstoffen stellte sich für 1cbm Gestein in:

Prelucca Martinschizza Zurkovo
bei Bohrlöchern 0,369k 0,278k 0,199k
Kammerminen 0,290 0,485 0,522

Die gelungensten Kammerminen in Zurkovo und Prelucca verbrauchten 0k,197 bezieh. 0k,232 Diorrexin. Diese Kammerminen wurden in der Weise hergestellt, daſs in die vertikale Wand ein horizontaler Stollen getrieben wurde, der sodann in einen vertikalen Schacht überging, an dessen Ende die Pulverkammer hergerichtet wurde. Auf das Pulver kamen 2 bis 8 Zünder, bestehend aus einem Säckchen Schieſspulver, in dessen Mitte eine mit elektrischen Zündhütchen adjustirte Dynamitpatrone eingelegt war. Die Haupt- und Sicherheitsleitungsdrähte wurden in Holzkanälen an das Tageslicht geführt, der noch leere Raum der Kammer mit Stroh ausgefüllt, die vertikale (Gegen-) Mine in Cement vermauert und der horizontale Stollen von Meter zu Meter abwechselnd mit Cement- und Trockenmauerwerk geschlossen. Wo das Abtreiben von Schächten nöthig war, wurden dieselben mit Erde und Steintrümmern ausgefüllt. Das Ergebniſs in Prelucca war: Gemischte Steine bis zu 0t,15 (0cbm,057) 52,7 Proc., Blöcke von 0,15 bis 1t,5 (0cbm,577) 26,9 Proc., Blöcke von 1t,5 bis 4t,0 (1cbm,54) 16,3 Proc., Blöcke über 4t 4,1 Proc. Die gröſste Ladung war in Martinschizza mit 26700k Diorrexin.

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Zur Herstellung kleinerer Kammerminen wurde das Aetzen mit Salzsäure vortheilhaft verwendet (sogen, geätzte Minen). In das Bohrloch wurde eine 27mm im Lichten messende Kupferröhre, am Bohrlochsmunde mit Hanf gedichtet, eingesetzt und in diese ein Kautschukrohr von 11mm Durchmesser, das mit dem hölzernen Hahne eines oberhalb befindlichen Holzgefäſses verbunden war, welches Salzsäure enthielt. Hatte die Säure ihre Schuldigkeit gethan, so wurde der Hahn geöffnet, die nachströmende Säure drängte die abgestumpfte zwischen Kautschuk- und Kupferrohr heraus und durch ein Rohrknie in ein hölzernes Sammelgefäſs zu zweitmaligem Gebrauche; bei einem dritten Gebrauche war die Wirkung schon sehr gering. Mit 1l Salzsäure konnte man in 48 Minuten 0cbm,053 Kammer erzeugen, welche in festem Gesteine die Gestalt eines von zwei Halbkugeln begrenzten Cylinders hatte; zu 1cbm Hohlraum benöthigte man also 18l,87 Salzsäure im Werthe von 3,65 M. (2,15 Gulden) und über 15 Stunden Zeit; für kleinere Minen war deshalb das allmähliche Aussprengen von Kammern mittels Dynamit vortheilhafter.

Hugo Münch berichtet in der Zeitschrift des österreichischen Ingenieur- und Architektenvereins, 1883 S. 121 und in den oben genannten Mittheilungen, 1883 S. 285 über die Sprengarbeiten beim Durchstiche des Kanales von Korinth, wo er eine ebenso originelle als rasch zum Ziele führende Art der Sprengung eingeführt hat. Die Felswände werden in 4 Staffeln eingetheilt, so daſs die oberste Staffel eine Höhe vom Boden ab von 60m hat, die unterste aber 15m. Es wird mittels einer Jarolimek'schen Drchbohrmaschine in etwa 10 Stunden je ein vertikales Bohrloch von 60m Tiefe und 95mm Durchmesser ausgebohrt und dieselben in Reihen angeordnet (vgl. Fig. 22 und 23 Taf. 11). In diese Bohrlöcher wird bis auf 15m, welche frei bleiben, trockener Wellsand geschüttet. Nun werden 3 Ladungen von je 12k,1 Dynamit in das Bohrloch gegeben und zwar die eine am Boden, die zweite 4m,0 darüber, die dritte 2m,5 unter dem Bohrlochsmunde; die Zwischenräume werden mit Wellsand ausgefüllt. Die Sprengung erfolgt reihenweise mit elektrischer Zündung, worauf die Sandausfüllung der Bohrlöcher mit besonderen Räumern (Hohlwalzen mit an 4 Oeffnungen vorstehenden Flügeln und Schneckenbohrer) herausgehoben und dann von Neuem geladen wird. In einer Sprengung wurden 68 Minen mit zusammen 822k,8 Dynamit abgethan, welche 5040cbm Gestein lösten; es entfiel daher auf 1cbm Gestein 163g Dynamit.

Major Joh. Lauer der österreichischen Genie-Truppe hat schon vor mehreren Jahren Versuche mit einer neuen Methode für Sprengungen unter Wasser angestellt und seither öfters Gelegenheit gehabt, dieselbe auf ihre Brauchbarkeit zu prüfen. Mit Rücksicht darauf, daſs die Regulirung der Stromschnellen im „Eisernen Thore“ an der Donau bevorsteht und Lauer's Methode höchst wahrscheinlich daselbst benutzt werden wird, mag eine kurze Beschreibung derselben auf Grund einer Sprengung |125| nicht unwillkommen sein, welche zur Beseitigung eines Felsenhindernisses bei der Pfeilerfundirung der Eisenbahnbrücke zwischen Neusatz und Peterwardein ausgeführt wurde (vgl. Mittheilungen, 1882 S. 1 u. 1883 S. 437).

An Stelle von Bohrschüssen oder Kammerminen verwendet nämlich Lauer freiliegende Ladungen von Dynamit, welche in tiefem Wasser eine verhältniſsmäſsig sehr gute Wirkung ausüben und, obzwar der Verbrauch an Sprengstoff gröſser ist, durch den Wegfall der Bohrkosten ganz gut billiger sein können und raschere Arbeit gestatten. Das Sprengen beginnt an dem stromabwärtigen Ende des Felsens und setzt sich an der so gebildeten Wand stufenweise fort; das abgesprengte Material wird zum groſsen Theile von der Strömung weggeschwemmt. Die Vertheilung der Schüsse erfolgt so, daſs auf je 1qm eine Patrone entfällt,

Die Ausführung dieser Sprengungen ist ebenso einfach, als sinnreich. Auf einem fest verankerten Schiffe befindet sich ein sogen. Ausschuſsgerüst mit einem stellbaren Führungsrahmen, welcher durch bewegliche Eisenhaken in gleich weite Felder getheilt ist. Eine Führungsstange aus schmiedeisernen Röhren wird durch eines dieser Felder auf die Fluſssohle gesenkt. Das Rohr trägt unten einen Muff', in welchen zu jeder Sprengung ein Rundholz mit der Ladung gesteckt wird. Die Stange ist an eine Kette oder ein Drahtseil gehängt, oben, im Gerüste entsprechend geführt und wird mit Winden gehoben und versenkt. Es ist sofort klar, daſs durch Verschiebung des Rahmens und Einsetzen der Stange in die verschiedenen Felder eine groſse Anzahl von einander entfernter Punkte zu treffen ist; auch ist ferner erklärlich, daſs durch Berechnung der Stangenlängen in den verschiedenen Stellungen der Apparat zur genauen Sondirung und Berechnung des abgesprengten Gutes mit Leichtigkeit verwendet werden kann.

Bei den ersten, in Krems durchgeführten Versuchen befand sich bloſs ein Apparat über dem Steuer vorspringend auf dem Sprengschiffe; in Peterwardein wurden zwei Apparate an der Bordwand angebracht. Der zu sprengende Felsen lag zeitweilig 11m,5 unter dem Wasserspiegel und es war hiervon eine Fläche von 20m Länge und 9m Breite für den Pfeiler auf 1m,5 Tiefe auszusprengen. Die hohle Führungsstange muſste wegen ihrer groſsen Länge aus zwei in einander geschobenen Röhren hergestellt werden: in ihren verschiedenen Stellungen gestattete sie bei einer Wassertiefe von 9m eine Fläche von 21m Länge und 3m,50 Breite zu bestreichen. Es wurden Ladungen von 0k,25 und 0k,5 Dynamit Nr. 1, in Papierbüchsen geschachtelt, verwendet und elektrisch gezündet. Das abgesprengte Gut wurde auf 187cbm berechnet, woran 25 Mann 38 Tage zu 10 Stunden arbeiteten, 1200k Dynamit und ein Gesammtkostenbetrag von 9649 M. (5789,37 Gulden) verwendet wurden. Sonach entfallen auf 1cbm Felsensprengung 6k,41 Dynamit und 51,60 M. (30,96 Gulden) Kosten; durchschnittlich wurden täglich 4cbm,92 Felsen gesprengt und die gröſste Vertiefung betrug 2m,05.

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Erwägt man die vorgeführten Thatsachen, so gelangt man zu dem Schlüsse, daſs die Lauer'sche Methode ganz zweifellos die einfachste, unter allen Verhältnissen anwendbare, billigste und am raschesten zum Ziele führende Sprengarbeit unter Wasser ist. Selbst in kleineren, nicht schiffbaren Flüssen wird sich die Sprengung mit freiliegenden Ladungen unbedingt empfehlen; wenigstens erscheint sie in jeder Hinsicht vortheilhafter, als beispielsweise die vor 3 Jahren bei der Regulirung der Mur bei Murau befolgte, mit allen Spitzfindigkeiten ausgeführte Sprengung durch Bohrschüsse.

Die Umlegung eines gemauerten Fabrikschornsteines durch Sprengladungen hat Lieutenant Wiber in Aszód bei Budapest im Juni 1883 ausgeführt. Der Schornstein gehörte zu einer aufgelassenen Zuckerfabrik, welche für die Zwecke einer Besserungsanstalt umgebaut werden sollte; derselbe war 59m,6 hoch, achteckig, sein Durchmesser oberhalb des Sockels 4m,9, die Mauerstärke 1m,7, der Durchmesser an der Krone 1m,8. Bedingung war, daſs der Schornstein nach einer bestimmten, einzig freien Seite hin falle. Wiber sprengte demzufolge an der Seite der Fallrichtung oberhalb des Sockels ungefähr bis zur Hälfte des Durchmessers ein keilförmiges Stück von 1m Grundfläche heraus und zwar zuerst in zwei Abtheilungen je zwei Segmente rechts und links und das Mittel zuletzt durch fünf elektrisch gezündete Bohrschüsse. Der Erfolg war sehr gut; es wurden 15 Bohrlöcher getrieben, an den Seiten 0,2 bis 0m,3, in der Mitte 0m,5 tief. An Sprengmittel wurden insgesammt 4k,61 Dynamit Nr. 1 verbraucht.

In den Vereinigten Staaten Nordamerikas wurden Photographien der Sprengung eines Wrackes aufgenommen: 0,1 Secunde nach der Explosion war das Schiff gebrochen und man sah eine 20m hohe Wassersäule, 1,5 Secunden danach eine 50m hohe Wassersäule, nach Verlauf von 2,3 Secunden eine fast 60m hohe Wassersäule und in die Luft geschleuderte Trümmer, nach 3,3 Secunden die fallende Wassersäule und getrübten Wasserspiegel, nach 4,3 Secunden war Alles vorüber.

O. G.

|122|

Vgl. Zeitschrift des österreichischen Ingenieur- und Architektenvereins, 1882 S. 121. Zeitschrift des ungarischen Ingenieur- und Architektenvereins, 1882 S. 236.

|123|

42,78 Th. Kalisalpeter, 23,16 Natronsalpeter, 13,40 Schwefel, 7,49 Holzkohle, 10,97 Buchensägespäne, 1,65 Pikrinsäure, 0,55 Wasser (vgl. 1877 224 532).

|123|

Besteht aus Kalisalpeter, Schwefel, Holzmehl und Kokespulver (vgl. 1876 221 549).

|123|

75 Th. Kalisalpeter, 15 Th. Sägespäne, 8⅓ Th. Holzkohle, 1 Th. Ferridoyankalium.

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