Titel: W. Smith, über Kohlenverkokung.
Autor: Smith, Watson
Fundstelle: 1884, Band 252 (S. 36–43)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj252/ar252011

Ueber Kohlenverkokung und Gewinnung der dabei entstehenden Nebenproducte1); von Watson Smith, F. C. S., F. I. C.

Zur Erzeugung von Kokes für metallurgische Zwecke bedient man sich zur Zeit verschiedener Arten von Vorrichtungen, die sich etwa folgendermaſsen klassificiren lassen: 1) Solche, bei denen auf Verwerthung oder Wiedergewinnung der Nebenproducte überhaupt keine Rücksicht genommen wird; 2) solche, welche die Nebenproducte, ohne sie als solche abzuscheiden, nur als Brennmaterial benutzen; 3) solche, welche die Nebenproducte zurückgewinnen und gleichzeitig den gasförmigen Antheil derselben als Brennmaterial verwerthen.


Vertreter des 1. Syste-
mes, bei welchem die
Nebenproducte weder
nutzbar gemacht, noch
wiedergewonnen
werden
Vertreter d. 2. Systemes:
Oefen, bei denen die Gase
und Theerdämpfe als
Brennmaterial, zum Er-
hitzen der Wände und
des Bodens benutzt
werden
Vertreter des 3. Systemes: Oefen mit Vorrich-
tungen zur Gewinnung der Nebenproducte und
zur Verwendung des Gases als Brennmaterial.
A
Mit Luftzutritt und da-
durch bedingter gleich-
zeitiger Verbrennung
eines Theiles der Kohle
B

Geschlossene Oefen.
Trockene Destillation.
1) Der Meiler oder
„Mound“

2) Der „Beehive“-
Ofen
1) Appolt'scher Ofen


2) Coppée'scher Ofen


Jameson's Ofen
Ofen von Knab, Pau-
wells und Dubochet,
Pernolet, Simon-
Carvès.

Daneben bestehen noch manche andere Oefen; doch mag die Erwähnung dieser Vertreter genügen, wie ich mich denn auch darauf beschränke, die Entwickelung zweier der vollkommensten modernen typischen Formen, von ihren Anfängen an, in Kürze aus einander zu setzen und etwas länger nur bei den Resultaten zu verweilen, wie sie mit diesen beiden Oefen bisher gewonnen worden sind.

Meiler oder „Mound“. Derselbe gleicht vollkommen dem bekannten Meiler, wie er zur Gewinnung von Holzkohle aus Holz benutzt wird; er bedarf kaum einer weiteren Beschreibung und es genüge die Bemerkung, daſs die Kokes, wie sie in demselben gewonnen werden, gut und freier von Schwefel sind als die Ofenkokes; der letztere Umstand dürfte jedenfalls der entschwefelnden Einwirkung des Wasserdampfes zuzuschreiben sein, welcher sich aus der Feuchtigkeit an der Basis des Meilers entwickelt. Absichtlich wird der Boden an der Basis oft feucht gehalten zu dem Zwecke, daſs Wasser von dem Meiler absorbirt wird. Die Meilerkokes sind nicht so hart wie die in Oefen erzeugten.

„Beehive“-Ofen. Bei diesem Ofen, welcher eine für metallurgische Zwecke unübertrefflichen Koke liefert, gehen alle Gase und Dämpfe verloren. Noch bis in jüngster Zeit ging das Urtheil ziemlich aller englischer Kokeserzeuger dahin, daſs es unmöglich sei, die Nebenproducte zu condensiren, ohne zugleich den Werth der gewonnenen Kokes zu beeinträchtigen. Selbst heute noch wollen manche dieser Fabrikanten nichts von solchen Versuchen zur Gewinnung der Nebenproducte wissen und betrachten dieselbe als unbedingt schädlich für die Güte der Kokes.

Appolt'scher Ofen. Wenn nun auch solchermaſsen die Gewinnung und Aufsammlung der verdichteten Nebenproducte als unzulässig betrachtet wurde, so |37| schien doch für den Einsichtigeren kein Grund, diese Producte mit ihrem beträchtlichen Heizwerthe als Rauch und halbverbrannte Gase durch den Schornstein des Ofens entweichen zu lassen, und so wurde man denn zur Construction jener bekannten Oefen hingeführt, welche von Appolt und Coppée ihren Namen tragen und deren nähere Einrichtung als bekannt hier übergangen werden mag.

Zunächst möchte ich nun etwas näher auf die Art und Weise eingehen, wie sich zwei der besten dermaligen Ofensysteme, welche auch die gleichzeitige Gewinnung der Nebenproducte ins Auge fassen, aus solchen einfacheren Formen entwickelt haben, die ursprünglich mit keinem Apparate oder Zubehör zur Aufsammlung dieser Nebenproducte versehen waren. Ich meine die Entwickelung des Jameson'schen aus dem Beehive-Ofen, und des Simon-Carvès'schen Ofens aus dem Knab'schen.

Jameson (vgl. 1883 250 * 528) veränderte den gewöhnlichen Beehive-Ofen in folgender Weise: Er ersetzt den gewöhnlichen massiven Ofenboden, auf welchem die Verkokung stattfindet, durch einen Boden aus durchbohrten Kacheln, welche auf Tragwänden aufruhen und mit kurzen vertikalen Röhren unterhalb des Bodens verbunden sind. Von hier zweigt sich in rechtem Winkel eine Röhre nach der in der Nähe des Ofens befindlichen Vorlage ab. Von jedem einzelnen Ofen der Batterie geht eine solche Zweigröhre aus, welche kurz vor ihrem Eintritte in die Vorlage mit einem Hahne versehen ist, so daſs man die Auspumpung des Apparates, die übrigens in derselben Weise wie in den Gaswerken bewerkstelligt wird, nach Belieben reguliren bezieh. unterbrechen kann.

Das Gas soll sich nach Jameson's Angaben in beliebige Entfernung vom Ofen transportiren und zum Erhitzen und zur Dampfentwickelung verwenden lassen- für den Verkokungsprozeſs selbst findet es keine Verwendung. Sofern die Resultate befriedigend sind, möchte dieses Verfahren namentlich wegen der geringen Anlagekosten Berücksichtigung verdienen; denn Jameson schlägt einfach vor, seine neuen Böden in den alten Beehive-Ofen einzusetzen und einen Condensations- und Saugapparat beizufügen. Ob dieses in der That möglich ist oder nicht, oder ob es sich nicht besser verlohnt, statt dieser Umänderung des Bodens und des Gewölbes einfach einen neuen Ofen zu bauen, bei welchem sich der allzu reichliche Luftzutritt besser vermeiden lassen würde, muſs die Praxis entscheiden.

Die Richtigkeit des Jameson'schen Kostenanschlages vorausgesetzt, würde die Ausgabe von 400 M. für jeden Ofen (für den durchbohrten Boden, die Röhrenanlage und den entsprechenden Antheil des Condensationsthurmes und Saugapparates) nicht gerade übermäſsig sein. Die Hauptfrage aber ist: Welcher Erfolg wird gewonnen? Wie ist die Zusammensetzung des Theeres; welchen Werth haben seine Bestandtheile: wie groſs ist die Ausbeute an Ammoniak u. dgl.?

Die Kokes sind von befriedigender Qualität und werden von den Eisenhütten bereitwillig abgenommen. Dasselbe gilt indeſs auch von den Beehive-Kokes.

In dem gewonnenen Ammoniakwasser soll, wie man mir mittheilt, ein ziemlicher Antheil des Ammoniaks als Ammoniumsulfit enthalten sein, ein Umstand, welcher jedenfalls der in den Ofen gesaugten Luft zuzuschreiben ist. Jameson gibt an, die Menge des Ammoniakwassers entspreche etwa 2 bis 7k Ammoniumsulfat auf 1t Kokes, also ungefähr 1,4 bis 4k auf 1t Kohlen; eine weite Grenze in der That und eine eigenthümliche Unsicherheit in den Angaben.

Der Theer, wie er früher genannt wurde, wird nun, wie ich betone, als „Oel“ bezeichnet und Jameson gibt an, daſs er etwa 27 bis 70t Theer |38| auf je 1t verkokter Kohle gewinne. Ueber diesen Theer hört man verschiedene Lesarten. Nach einer Angabe im Journal of the Society of Chemical Industrie, 1883 S. 75 soll es ein ausschlieſsliches Gemisch von festen und flüssigen Paraffinen sein, nach einer anderen Angabe (1883 S. 217) an gleicher Stelle keine aromatischen, zur Farbstoffgewinnung verwerthbaren Verbindungen enthalten. Keine dieser Angaben ist ganz richtig, beide nur zum Theile. Von Benzol findet sich in Jameson's Theer keine Spur; hingegen enthalten die Paraffine kleine Mengen von Toluol und Xylol beigemischt, von deren Anwesenheit ich mich durch Darstellung ihrer Nitroverbindungen überzeugte. Benzol, Toluol und, wenn ich nicht irre, auch Xylol wurden bereits in dem schottischen Schieferöle, wie es in den Werken der Young Paraffin Light Company gewonnen wird, nachgewiesen; so fand ich es zum wenigsten im J. 1868. Aber in diesem Schieferöle sind den aromatischen Kohlenwasserstoffen Körper der Olefinreihe von ziemlich derselben Dampftension beigemengt und beim Versuche der Nitrirung wurde immer das Auftreten stechender, heftig reizender Dämpfe, ähnlich denen des Acroleïns, beobachtet. Abgesehen davon, daſs dadurch die Nitrirung sich zu einer höchst lästigen und unangenehmen Operation gestaltet, lassen sich diese stechend riechenden Körper auch nur schwierig vom Nitrobenzol und seinen Homologen trennen. Der Vorlauf des Jameson'schen Theeres hingegen enthält hauptsächlich Sumpfgaskohlenwasserstoffe CnH2n+2, so daſs die Nitrirung und nachherige Trennung der Nitroproducte mit Dampf keine Schwierigkeiten bietet. Leider ist die Menge der Benzolkohlenwasserstoffe nur gering und das Anfangsglied (Benzol) konnte in keiner der untersuchten Proben mit Sicherheit nachgewiesen werden.

Die Hauptmenge des Jameson'schen Theeres von 0,960 sp. G. besteht aus Oelen, die zwischen 250 bis 350° sieden und beim Erkalten nichts Krystallinisches ausscheiden. Ich habe diese Oele bezüglich ihrer Verwendbarkeit als Lampen- und Schmieröl untersucht und mich überzeugt, daſs sie in ersterer Beziehung ziemlich geringwerthig und auch als Schmiermaterial nur zweiten Ranges sind. Merkwürdig ist, daſs ihnen ganz die bläuliche Fluorescenz abgeht, welche die meisten derartigen Oele zeigen; sollten diese Oele auf den Markt gelangen, so möchte ich alle Benutzer vegetabilischer und animalischer Oele rechtzeitig warnen, in dem Mangel der bläulichen Fluorescenz eine sichere Gewähr für die Abwesenheit solcher Mineralöle zu erblicken!

Ein ziemlich beträchtlicher Antheil der Oele destillirt oberhalb 350°, hauptsächlich von etwa 400° bis zu dem Punkte, wo nur noch Pech in der Retorte rückständig ist. Dieses Oel scheidet Plättchen von Paraffin ab, zwar nur in mäſsiger Menge, aber von hohem Schmelzpunkte (58°). Es ist ein Charakteristikum des Paraffins, wie es (wenn auch natürlich nur in kleiner Menge) aus den eigentlichen Kohlentheeren, namentlich aus dem Theere der Wigan-Cannel-Kohle, gewonnen wird, |39| daſs es stets einen hohen Schmelzpunkt besitzt. Der höchste Schmelzpunkt des Paraffins aus den schottischen Schieferdestillerien ist ungefähr 52.°

Durch Behandeln der zwischen 200 bis 300° siedenden Oele mit Natronlauge und Extrahiren der Phenole in üblicher Weise erhält man eine eigenthümliche Reihe von Phenolen mit aufsteigenden Siedepunkten. Einige derselben ähneln den Bestandtheilen des Holztheercreosots; Phenol selbst findet sich nur in Spuren, Cresol etwas reichlicher darin vor. Bei weitem die Hauptmenge der rohen Phenole destillirt zwischen 250 bis 300°; was gegen 300° übergeht, stellt eine zähflüssige Substanz dar, welche sich leicht und mit röthlicher Färbung in kaustischer Natronlauge auflöst.

Einige dieser Phenole liefern mit Alkalien blaue und rothe Färbungen und ähneln in dieser Hinsicht der Eupittonsäure, dem bekannten phenolartigen Oxydationsproducte des Reichenbach'schen Holztheer-Pittakals.

Naphtalin und Anthracen sind in dem Theere auch nicht spurenweise enthalten. Schon das geringe specifische Gewicht (geringer als das des Wassers) stellt ihn ganz jenen Theersorten zur Seite, welche durch Destillation der Kohle bei niedrigeren Temperaturen gewonnen werden.

Der Theer, wie ihn der Jameson'sche Ofen liefert, bietet unzweifelhaft ein lohnendes Arbeitsgebiet für Untersuchungen wissenschaftlicher wie auch technischer Art; vorderhand aber scheint er mir, mit Rücksicht auf seine von anderen Theersorten so abweichende Zusammensetzung kein sonderlich einladender Gegenstand für kaufmännische Spekulation, zumal da, wie ich im Folgenden zeigen werde, in der That die Möglichkeit vorliegt, einen wirklichen, d.h. aus aromatischen Verbindungen bestehenden und zur Farbstoffgewinnung verwerthbaren Theer als Nebenproduct bei der Kokesbereitung zu gewinnen.

Die Proben Jameson'schen Theeres, die mir zu obiger Untersuchung dienten, verdanke ich der Güte des Hrn. H. L. Pattinson jun. (aus Felling-on-Tyne), welcher sich längere Zeit eingehender mit dem Jameson'schen Verfahren beschäftigt hat und auch so freundlich war, mir erhebliche Mengen der rohen Phenole zur Verfügung zu stellen.

Ich wende mich nun zu der folgenden Klasse, zu den geschlossenen Oefen, in denen die trockene Destillation in ihrer reinsten Form stattfindet. Der beste Ofen dieser Art ist unstreitig der Simon-Carvès'sche (vgl. 1883 250 * 525), welcher, wie ich im Folgenden zeigen werde, ganz vorzügliche Resultate liefert. Dieser Ofen ist ein direkter Nachkömmling, um mich so auszudrücken, des Knall'schen, des ersten Ofens, der mit der Verkokung auch zugleich die Gewinnung der flüchtigen Nebenproducte verband. Die Oefen von Pauwell und Dubochet können als Zwischenschritte in dieser Richtung betrachtet werden. Fragt man sich, wohin diese Schritte zielten, so ist die Antwort: in der Erreichung einer |40| höheren Temperatur; um diese gesteigerte Temperatur zu erlangen, waren stete Verbesserungen in der Construction dieser Oefen erforderlich. In dem Simon-Carvès'schen Ofen, wie er auf den Werken der HH. Pease in Crook bei Darlington angewendet wird, läſst sich eine Temperatur von 2200° erzielen; bei dem neuerdings verbesserten „Recuperative“-Ofen erreicht die Temperatur im Augenblicke lebhafter Verbrennung sogar 3000°. Einen ersten Schritt in der erwähnten Richtung bildet der zuerst im J. 1856 eingeführte Knab'sche Ofen, welcher schon mit Seiten- und Bodenkanälen zur Verbrennung der Gase, aber noch mit keinem Apparate zur Gewinnung der Nebenproducte versehen war. Carvès verbesserte den Ofen durch Anbringung eines solchen Apparates; indeſs erwies sich die Temperatur als zu niedrig zur Erlangung eines Theeres von richtiger Beschaffenheit. Von den noch weiter verbesserten Methoden von Pauwell und Dubochet, wie sie in den Pariser Gaswerken angewendet wurden, sagt Prof. G. Lunge zu Zürich in seiner Abhandlung über Kohlentheerdestillation, daſs der dort erhaltene Theer sich in seiner Zusammensetzung wesentlich von den gewöhnlichen Gastheeren unterscheidet, offenbar in Folge der viel niedrigeren Temperatur, wie sie dort angewendet wird. Die „niedrigere Temperatur“ bedeutet hier den Eintritt von Paraffinen in den Theer, mit anderen Worten den Verlust einer gewissen Menge Anthracen, die sich anderenfalls bilden könnte; sie bedeutet ferner die wahrscheinliche Abwesenheit von Naphtalin und die Zumischung von Paraffinen und Olefinen zu den aromatischen Hydrocarbüren. Es war also Carvès, der zuerst (durch eine Abänderung des Knab'schen Ofens) einen für die Gewinnung des Theeres und Ammoniaks geeigneten Ofen ersann und construirte.

Vor 2 oder 3 Monaten hatte ich Gelegenheit, auf den Kohlengruben ( West-Collieries) von Pease in Crook bei Darlington die Simon Carvès'schen Oefen in Thätigkeit zu sehen, und Direktor Dixon hatte die Freundlichkeit, mir eine gröſsere Menge des dort gewonnenen Theeres und der Kokes zur Untersuchung zu überlassen.

Das Ammoniakwasser ist von ziemlicher Concentration und wird zu dem nämlichen Preise wie Gaswasser an eine Theerdestillerie in Middlesbrough verkauft. Betrachten wir nun die Einrichtung der Simon-Carvès'schen Oefen etwas genauer und sehen wir zu, auf welche Weise die schon erwähnte hohe Temperatur erreicht wird. Die Oefen sind mit Saug- und Condensationsapparaten versehen, ganz ähnlich denen, wie sie in den Gaswerken benutzt werden.

Bei Besichtigung der Theercisterne des Pease'schen Werkes fand ich die Wände und den Innenrand des Mannloches bedeckt mit einem Sublimate von Naphtalin und den Theer von ganz demselben Aussehen und Gerüche wie den der gewöhnlichen Gasretorten. Jedenfalls ergibt sich aus diesem Auftreten des Naphtalinsublimates die groſse Mangelhaftigkeit der Condensations- und Kühlvorrichtungen; dem entsprechend |41| fand ich denn auch das specifische Gewicht des Theeres ziemlich hoch. Es unterliegt keinem Zweifel, daſs viel uncondensirtes Benzol und Tokio) mitgerissen und im Ofen verbrannt wird.

Der gewonnene Theer unterscheidet sich ganz wesentlich von dem nach Jameson's Methode erhaltenen. Sein specifisches Gewicht beträgt 1,20: er ist schwarz und dickflüssig und riecht ganz anders wie das Jameson'sche Product. Der erstere sinkt sofort in Wasser unter, während der letztere obenauf schwimmt. In seiner Zusammensetzung stimmt er fast genau mit dem Theere der groſsen Londoner Gaswerke überein, d.h. er enthält sehr viel Naphtalin und Anthracen, hingegen etwas weniger Benzol, Toluol, Xylol und Phenol als manche andere, z.B. die Lancashirer Theere; aber immerhin ist ihre Menge so groſs wie die in irgend einem der Londoner Theerproducte. Von Paraffinen ist er ganz frei. Diese groſse Verschiedenheit des Carvès'schen Theeres von dem Jameson'schen ist zweifellos bedingt durch seine Bildung in einem geschlossenen Ofen, durch die sehr hohe Temperatur und die rasche Destillation, alles Bedingungen, wie sie auch in den Gaswerken sich vorfinden. Ich erwähnte schon, daſs ein groſser Theil des Benzols bei dem Carvès'schen Prozesse mit den Gasen weggeführt und unter dem Boden des Ofens verbrannt wird. Bei vollkommeneren Condensationsvorrichtungen – und zweifellos werden sich solche anbringen lassen – dürfte der Simon-Carvès'sche Prozeſs wohl allen seinen Rivalen überlegen sein.

Mellor's Verfahren zur Wiedergewinnung des Benzols als Nitrobenzol. Neuerdings hat sich Mellor in Patricroft ein Verfahren patentiren lassen, den Gasen das Benzol zu entziehen durch Waschen derselben mit starker Salpetersäure in einem mit Glasscherben angefüllten Thonthurme. Das Nitrobenzol ist ein Oel, welches seinerseits wieder leicht Benzol auflöst; so kann man also das Gemisch von Nitrobenzol und Säure nach einer Waschoperation und nach Zusatz von Schwefelsäure (zur Verstärkung) aufs Neue und immer wieder den Thurm durchlaufen lassen, ohne zu befürchten, daſs aus Mangel an Säure Benzol verloren geht; denn ist die Säure erschöpft, so wird es von dem gebildeten Nitrobenzol aufgenommen. Das Benzol (das Toluol wird sehr leicht nitrirt) kann dann durch Dampfdestillation und nachfolgende Condensation entfernt werden. Mellor bezieht sich in seinem Patente nur auf Nitrobenzol, obgleich Benzol, wie ersichtlich, sich gleichfalls auf diesem Wege gewinnen läſst.2)

Davis' Prozeſs. Nach G. E. Davis in Manchester wäscht man die stark abgekühlten Gase mit gleichfalls erkaltetem schwerem Kohlentheeröle, wovon alles Benzol gelöst wird. Durch nachherige Destillation mit Wasserdampf wird das Benzol übergetrieben und nachher rectificirt.

Sollten die Herren Pease sich veranlaſst sehen, das eine oder andere dieser Verfahren oder ein ähnliches dem Simon-Carvès'schen Prozesse |42| noch beizufügen, sollten sie ferner dazu übergehen, ihre Theerproducte und ihr Ammoniaksulfat selber aufzuarbeiten und namentlich die groſsen in ihrem Theere enthaltenen Mengen von Anthracen für die Alizarinfabrikation abzuscheiden, ich bin überzeugt, der Erfolg wird sie schon von selbst dazu hindrängen, alle ihre zahlreichen Beehive-Oefen in Simon-Carvès'sche umzuwandeln und so zu Geld zu machen, was vorläufig noch als nutzlose Gase und Rauch aus den Oefen entweicht.

So verbleibt denn nur noch die eine allerdings sehr wichtige Frage nach der Beschaffenheit der Kokes. Bei allen früheren Versuchen zur Gewinnung der Nebenproducte wurde, wie schon erwähnt, nur eine schlechte, für den Hochofenbetrieb unbrauchbare Koke gewonnen. Wie erklärt sich demnach die vorzügliche Beschaffenheit und harte, dichte Struktur der Kokes vom Carvès'schen Ofen, während doch der Theer derselbe ist wie in den Gaswerken, wo nur ungenügende Kokes erhalten werden.

Beim Simon-Carvès'schen Ofen wird eine sehr groſse Beschickung, gegen 4t,5 Kohlen, angewendet. Die Höhe der Masse ist sehr beträchtlich, gegen 2m, die Breite viel geringer, nur etwa 0m,5, so daſs die Hitze von den Seiten wänden aus die Masse genügend leicht durchdringen kann, um ein gleichartiges Product zu liefern. Wie in den Gasretorten beginnt die Masse bald zusammenzubacken; aber in Folge der gröſseren Dicke und daher langsameren Erhitzung erlangt sie einen mehr durchgebackenen oder teigigen Zustand als die dünnere Schicht in den Gasretorten. Als ein weiterer und sehr wesentlicher Faktor zur Erzeugung harter, fester Kokes ist ferner das gewaltige Gewicht zu betrachten, mit welchem die gegen 2m hohe Masse die unteren halbgeschmolzenen Schichten bei der hohen Temperatur des Ofens zusammenpreſst. Auch folgender Umstand dürfte, als eine weitere Wirkung der hohen Ofentemperatur, wohl noch in Betracht kommen: Wenn eine so gewaltige Beschickung von 4t,5, weit gröſser als die in den Gasretorten, unter einem gewissen Gasdrucke verkohlt wird, so werden sich die entweichenden Theerdämpfe sicherlich zum Theil völlig zersetzen, mit ihren Zersetzungsproducten die Poren der Masse ausfüllen und sonach sowohl die Ausbeute, wie auch die Dichtigkeit der Kokes verbessern.

Das gewöhnliche Verfahren, wie es zur Erzeugung von Hochofenkokes dient, also der Prozeſs im Beehive-Ofen und in geringerem Grade auch im Jameson'schen Ofen, stellt eine Art von theilweiser Verbrennung dar, wobei die in den Ofen eintretende Luft den Wasserstoff mit einem Theile der Kohle wegverbrennt; wohingegen der geschlossene Carvès'sche Ofen die trockene Destillation in ihrer reinsten Form darstellt.

Es kann nicht überraschen, daſs die Kokes, wie sie im Carvès'schen Ofen erzeugt werden, äuſserlich sich wesentlich von den Jameson'schen und Beehive-Kokes unterscheiden: sie besitzen nicht den Silberglanz der letzteren, sind aber reichlich ebenso dicht, hart und fest als diese. |43| Direktor Dixon theilte mir mit, daſs manche ihrer Kunden nach den Erfahrungen, welche sie mit den Beehive- und Carvès-Kokes gemacht, letzteren den Vorzug gäben und für die Folge nur diese wünschten.

Ich bin überzeugt, das Verfahren nach Carvès, das so eng mit der Entwickelung und Construction seines Ofens verbunden ist, wird den Verkokungsprozeſs der Zukunft bilden und jeglicher Versuch, seine groſsen Vorzüge, auch in weiteren Kreisen bekannt zu machen, dürfte sich wohl als eine Förderung der heimischen Industrie erweisen.

Owens College in Manchester, December 1883.

Verlesen vor der Versammlung der British Association in Southport, Section B.

|41|

Der Vorschlag ist nicht neu (vgl. Wagner's Jahresbericht, 1869 S. 563 und 1882 S. 1130).

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