Titel: Uebertragung der Cholera durch Trinkwasser.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1884, Band 252/Miszelle 4 (S. 261–263)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj252/mi252mi06_4

Uebertragung der Cholera durch Trinkwasser.

Dem Leiter der deutschen wissenschaftlichen Commission zur Erforschung der Cholera Dr. Rob. Koch ist es gelungen, im Darme der an Cholera Verstorbenen sowohl in Egypten, als auch in Calcutta bestimmte Bacillen aufzufinden. Mit den im Gesundheitsamte ausgebildeten Methoden (vgl. Jahresbericht der chemischen Technologie, 1883 S. 1019) war es möglich, aus dem Darminhalte der reinsten Cholerafalle die Bacillen zu isoliren und in Reinkulturen zu züchten. Die genaue Beobachtung der Bacillen in ihren Reinkulturen führte dann zur Auffindung von einigen sehr charakteristischen Eigenschaften bezüglich ihrer Form und ihres Wachsthums in Nährgelatine, wodurch sie mit Sicherheit von anderen Bacillen zu unterscheiden sind. Damit waren nun aber die Mittel an die Hand gegeben, um die Frage endgültig zu entscheiden, ob diese Bacillen zu den gewöhnlichen Bewohnern des Darmes gehören, oder ob sie ausschlieſslich im Darme der Cholerakranken vorkommen. Zuerst wurden mit Hilfe der Gelatinekulturen ebenfalls die Bacillen in den Abscheidungen der Cholerakranken und im Darminhalte der Choleraleichen nachgewiesen und zwar gelang dies in sämmtlichen Fällen. Dann aber wurde der Darminhalt anderer Leichen in gleicher Weise untersucht und es stellte sich heraus, daſs die Bacillen des Choleradarmes stets fehlten.

In Städten auſserhalb Indiens, welche nur in längeren Zeiträumen der Cholerainfection ausgesetzt sind, kann der Einfluſs, welchen sanitäre Verbesserungen, z.B. Zufuhr von gutem Trinkwasser, Bodendrainage u. dgl., auf die Cholera ausüben, nicht mit Sicherheit bestimmt werden, da das einmalige oder wiederholte Verschontbleiben eines solchen Ortes immer noch durch Zufälligkeiten bedingt sein kann. Dagegen muſs in Städten, welche wie Calcutta alljährlich eine beträchtliche Cholerasterblichkeit haben, jede Maſsregel, welche der Cholera erfolgreich entgegen wirkt, eine mehr oder weniger bemerkbare und andauernde Herabsetzung der Sterblichkeitsziffer zur Folge haben. Nun hat aber in Calcutta in der That seit dem J. 1870 die Cholera plötzlich in ganz auffallender Weise abgenommen. Vor 1870 war die alljährliche Cholerasterblichkeit |262| in Calcutta durchschnittlich 10,1 auf 1000 Einwohner. Seit 1870 ist sie auf 3, also um mehr als das 3 fache, her abgegangen. Es ist dies eine Thatsache, welche die höchste Beachtung verdient und zu Fingerzeigen für die erfolgreiche Bekämpfung der Krankheit führen muſs. Nach dem fast einstimmigen Urtheil der dortigen Aerzte ist die Abnahme der Cholera allein der Einführung einer Trinkwasserleitung zuzuschreiben.

Nach dem letzten Berichte Koch's vom 4. März 1884 (vgl. Reichsanzeiger vom 30. März 1884) ist es auffallend, daſs die Cholera sich sehr oft an bestimmte Oertlichkeiten gebunden zeigt und daselbst unverkennbare und deutlich abgegrenzte Epidemien bildet. Besonders häufig werden derartig begrenzte kleine Epidemien in der Umgebung der sogen. Tanks beobachtet, d. s. kleine von Hütten umgebene Teiche oder Sümpfe, welche den Anwohnern ihren sämmtlichen Wasserbedarf liefern und zu den verschiedensten Zwecken, wie Baden, Waschen der Kleidungsstücke, Reinigen der Hausgeräthe und auch zur Entnahme des Trinkwassers benutzt werden. Daſs bei so mannigfaltigem Gebrauche das Wasser im „Tank“ verunreinigt wird und keine den hygienischen Anforderungen entsprechende Beschaffenheit haben kann, ist selbstverständlich. Sehr oft kommt aber hierzu noch, daſs Latrinen, wenn Einrichtungen der primitivsten Art so genannt werden dürfen, sich am Rande der Tanks befinden und ihren Inhalt in dieselben ergieſsen und daſs überhaupt das Tankufer als Ablagerungsstätte für allen Unrath und insbesondere für menschliche Fäcalien dient. Die Tanks enthalten deswegen in der Regel ein stark verunreinigtes Wasser und es ist unter diesen Verhältnissen erklärlich, daſs die indischen Aerzte solche um einen Tank gruppirte Cholera-Epidemien mit der schlechten Beschaffenheit des Tankwassers in Zusammenhang bringen.

Aus Saheb Bagan, zu Baliaghatta, einer der Vorstädte von Calcutta, gehörig, wurden nun während weniger Tage ungewöhnlich viele Cholerafälle gemeldet. Die Erkrankungen beschränkten sich ausschlieſslich auf die rings um einen Tank gelegenen, von einigen hundert Personen bewohnten Hütten und es starben von dieser Bevölkerung 17 Personen an Cholera, während in einiger Entfernung vom Tank und im ganzen zugehörigen Polizeidistricte die Cholera zur selben Zeit nicht herrschte. Bemerkenswerth ist, daſs derselbe Platz in den letzten Jahren wiederholt von Cholera heimgesucht ist. Ueber den Beginn und Verlauf der Epidemie wurden nun von der Commission sorgfältige Untersuchungen angestellt, wobei sich herausstellte, daſs der Tank in der gewöhnlichen Weise von den Anwohnern zum Baden, Waschen und Trinken benutzt wird und daſs auch die mit Choleraauswürfen beschmutzten Kleider des ersten tödtlich verlaufenen Cholerafalles im Tank gereinigt waren. Es wurde dann ferner eine Anzahl Wasserproben von verschiedenen Stellen des Tank und zu verschiedenen Zeiten entnommen, mit Hilfe der Nährgelatinekultur untersucht und die Cholerabacillen in mehreren der ersten Wasserproben ziemlich reichlich gefunden. Unter den späteren Proben, welche am Ende der Epidemie geschöpft waren, enthielt nur noch eine, welche von einer besonders stark verunreinigten Stelle des Tank herstammte, die Cholerabacillen und zwar auch nur in sehr geringer Zahl.

Wenn man berücksichtigt, daſs bis dahin vergeblich in zahlreichen Proben von Tankwasser, Kanal- bezieh. Fluſswasser und sonstigem, allen Verunreinigungen ausgesetztem Wasser nach den Cholerabacillen gesucht wurde und daſs sie zum ersten Male mit allen ihren charakteristischen Eigenschaften in einem von einer Cholera-Epidemie umschlossenen Tank gefunden sind, dann muſs dieses Resultat als ein höchst wichtiges angesehen werden. Es steht fest, daſs das Wasser im Tank inficirt wurde durch Cholerawäsche, welche nach den früheren Beobachtungen die Cholerabacillen besonders reichlich zu enthalten pflegt; ferner ist festgestellt, daſs die Anwohner des Tank dieses inficirte Wasser zu häuslichen Zwecken und namentlich zum Trinken benutzt haben. Es handelt sich also hier gewissermaſsen um ein durch den Zufall herbeigeführtes Experiment am Menschen, welches den Mangel des Thierexperimentes in diesem Falle ersetzt und als eine weitere Bestätigung für die Richtigkeit der Annahme dienen kann, daſs die specifischen Cholerabacillen in der That die Krankheitsursache bilden.

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Bemerkenswerth ist ferner, daſs die Cholerabacillen nur dadurch längere Zeit lebensfähig zu erhalten sind, daſs man sie vor dem Eintrocknen bewahrt. In Flüssigkeiten bleiben sie wochenlang entwickelungsfähig und es scheint Alles darauf hinzuweisen, daſs sie nur in feuchtem Zustande verschleppt und dem menschlichen Körper wirksam einverleibt werden können.

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