Titel: Ueber den Schmirgel, seine Gewinnung, Verarbeitung und Verwendung.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1884, Band 253/Miszelle 6 (S. 300–302)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj253/mi253mi07_6
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Ueber den Schmirgel, seine Gewinnung, Verarbeitung und Verwendung.

Früher war Naxos der einzige bekannte Fundort des Schmirgels. Vor längerer Zeit hat man in Kleinasien Schmirgel entdeckt, welcher den Namen „Levantiner“ oder „Türkischer“ Schmirgel führt. Die Qualität des letzteren erreicht die des Naxosschmirgels zwar nicht; doch ist die Ausbeute in verhältniſsmäſsig kurzer Zeit bis zum 10fachen von der des Naxos-Schmirgels gestiegen. Die Fundorte des Levantiner Schmirgels sind sehr ausgedehnt und reich an Material; jedoch haben nur die Orte in der Nähe der Küsten für die Gewinnung und Ausfuhr praktische Bedeutung wegen der mit sehr groſsen Schwierigkeiten verbundenen Beförderung nach den Versand- und Stapelplätzen. Die hauptsächlichsten Fundorte des Levantiner Schmirgels liegen innerhalb der Grenzen der Städte Magnesia, Tiré (südöstlich von Smyrna) und Aïdin (im westlichen Kleinasien in der Thal ebene des Mäanders). Auch auf den Inseln Samos, Chios und Cypern finden sich Schmirgellager, jedoch nur geringfügige. Die Verpachtung der Brüche erfolgt auf Naxos durch die griechische, an anderen Fundstellen durch die türkische Regierung an den Meistbietenden in Loosen von 2000 bis 3000t Schmirgel unter sehr scharfen Bedingungen.

Die Verarbeitung des Schmirgels in der Fabrik von Oppenheim und Comp. in Hainholz bei Hannover ist nach einem Vortrage des Ingenieurs Herhold im Architekten- und Ingenieurverein zu Hannover folgende: Mächtige Steinbrecher zertrümmern zunächst die in Stücken von 0cbm,025 Inhalt gelieferte Masse in Brocken von Faustgröſse, dann in Wallnuſsgröſse, worauf Kollergänge und Walzwerke, die weitere Zerkleinerung übernehmen. Der zerkleinerte Schmirgel wird durch Transportkanäle Becherwerken zugeführt und durch diese in das oberste Geschoſs gehoben. Hier werden auf einem Vorsiebe, einem feineren Siebe und einem Sortirsiebe 34 Sorten abgesondert, wobei der Staub durch Gebläse in eine Staubkammer zum Niederschlagen abgezogen wird. Der gekörnte Schmirgel wird dann zuerst zur Herstellung von Schmirgelpapier mittels Leim verwendet. Aus dem Schmirgelpulver werden ferner durch Beimengung eines äuſserst kräftigen Bindemittels unter dem Drucke hydraulischer Pressen die Schmirgelscheiben gewonnen, welche auf Drehbänken mittels schwarzer brasilianischer Diamanten genau abgedreht werden. Das verwendete Bindemittel ist so vorzüglich, daſs es die Herstellung von 10cm dicken Scheiben von 1m,2 Durchmesser gestattet, welche der Wirkung der Centrifugalkraft einer Umfangsgeschwindigkeit von 40m in der Secunde sicher widerstehen; jede dieser Scheiben wird in der Fabrik sogar auf 70m Umfangsgeschwindigkeit ½ Stunde lang unter dem Drucke hölzerner Bremsklötze geprüft.

Kleinere Scheiben haben in der Industrie, namentlich der Nähmaschinen- und Gewehrfabrikation, dann auch für die Herstellung genau runder Hartguſswalzen groſse Bedeutung gewonnen. Beim Abdrehen mit Stahlschneidezeug werden letztere wegen der Abnutzung des Stahles regelmäſsig merklich conisch, während die Schmirgelscheiben sich fast gar nicht abnutzen und daher genau cylindrische Herstellung gestatten. Vor längeren Jahren wurde Verfasser für ein Paar genau cylindrischer gehärteter Guſsstahlwalzen von 400mm Durchmesser und 500mm Länge von Krupp ein Preis von nahezu 20000 M. gestellt, während Hartguſswalzen mit Schmirgelscheiben abgedreht von Gruson in Buckau jetzt für einige hundert Mark geliefert werden.

Einen ganz besonderen Vortheil gewähren die Schmirgelscheiben dadurch, daſs sie die Bearbeitung bereits gehärteter Maschinentheile ermöglichen und so die häufigen Verluste vermeiden lassen, welche aus dem Werfen in weichem Zustande mit anderen Mitteln fertig bearbeiteter Theile beim nachträglichen Härten so häufig entstehen.

Die Gröſse der Scheiben geht bis zu 15mm Durchmesser herab und dieselben werden dabei mit den verschiedenartigsten Profilen zum Schleifen von Formstücken aus dem vollen Materiale hergestellt. Die Anwendung der Scheiben geschieht entweder mittels eigens für den Zweck construirter Schleifmaschinen, oder unter Benutzung einer Drehbank.

Welch ausgedehnte Verwendung der Schmirgel in allen Formen findet, geht aus der Jahresleistung der einen Fabrik von Oppenheim hervor. Dieselbe verarbeitete im J. 1883 : 800t Stückschmirgel, 244t Rollenpapier, 800000m Nessel, |302| 100t Leim, 900t Glas und Feuerstein. Daraus wurden gewonnen: 25 Millionen Bogen Schmirgel-, Glas- und Feuersteinpapier und Leinen, 50t gekörnter Schmirgel, 9400 Stück Schmirgelscheiben und eine groſse Zahl sonstiger Schmirgel-Handschleifwerkzeuge; auſserdem wurden zu verschiedenen Zwecken 120 Stück Schmirgel-Schleifmaschinen gebaut.

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