Titel: Meidinger, über die Ausstellungen in Wien und Dresden.
Autor: Meidinger, H.
Fundstelle: 1884, Band 254 (S. 133–137)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj254/ar254042

Die Ausstellung von Motoren und Werkzeugmaschinen für das Kleingewerbe in Wien bezieh. Ausstellung für Handwerkstechnik in Dresden; von Prof. Dr. H. Meidinger.

(Fortsetzung des Berichtes S. 86 d. Bd.)

Beginnen wir unsere Betrachtungen mit den kleinen Kraftmaschinen (Kleinmotoren). Die Gröſse derselben sollte an beiden Orten bis zu etwa 3 Pferdestärken |134| gehen; einige etwas gröſsere Maschinen wurden jedoch auch noch zugelassen. Es fallt vor Allem auf, daſs die Dampfmotoren in sehr groſser Zahl erschienen sind; dieselben herrschen geradezu vor, Wasser-, Gas- und Luftmotoren treten gegen sie fast ganz zurück. Die Gasmaschine kann das Bedürfniſs nach kleiner Triebkraft doch nur da befriedigen, wo Gas vorhanden und nicht zu theuer ist; die Heiſsluftmaschine erscheint noch nicht hinreichend dauerhaft bei längerem Betriebe, auch etwas schwerfällig in ihren Abmessungen bei gröſserem Kraftbedarf. Wassermotoren sind überhaupt nur unter beschränkten Verhältnissen anwendbar. So wendet sich denn neuerdings die Aufmerksamkeit der Ingenieure ganz besonders der Entwickelung der Kleindampfmaschine zu. Es ist hier eigentlich lediglich der Kessel, welcher in Frage kommt, der so construirt sein muſs, daſs derselbe als ganz ungefährlich (nicht explosibel) anzusehen ist, rasch und ökonomisch Dampf entwickelt und nicht bald durchbrennt bezieh. daſs er keinen Kesselstein ansetzt, oder daſs der Ansatz leicht entfernt werden kann. In der Anordnung des Kessels unterscheiden sich die verschiedenen Systeme. Die Maschine selbst: Cylinder mit Kolben und Steuerung, bietet nichts Besonderes, wenn nicht etwa darin noch Unterschiede gefunden werden wollen, daſs die Maschine bald liegend, bald stehend angeordnet ist, daſs sie bald mit dem Kessel oben oder unten direkt verbunden ist, bald beide nur durch eine Sockelplatte zusammenhängen, oder endlich gar keinen Zusammenhang zeigen, indem die Maschine an der Wand oder auf besonderem Sockel befestigt ist.

Wien hat 12 Aussteller von Dampfmotoren, Dresden 8. Diejenigen Firmen, welche bloſs Maschinen ohne Kessel aufgestellt haben, sind dabei nicht mitgezählt; deren hat Wien 1, Dresden 2. Die meisten Kessel sind stehend mit zahlreichen senkrechten Feuerröhren oder wagerechten oder lothrechten (Field'schen) Siederöhren im Inneren. Von Dresden sind hierfür namhaft zu machen: G. A. Kroll und Comp. in Hannover (Elze's Motor), Vogel und Schlegel in Dresden, Beyer und Zetzsche in Plauen i. V., die Sächsische Stickmaschinenfabrik in Kappel bei Chemnitz, die Sächsische Dampfschiff- und Maschinenbau-Anstalt in Dresden, E. Berger in Pulsnitz, C. E. Rost und Comp. in Dresden. In Wien haben Motoren mit stehenden Kesseln ausgestellt: Die Dampfmotoren-Fabrik Arndt und Marichal in Aachen, Klotz, Günther und Kops in Merseburg, Müller und Klasek in Wien, Goetjes und Schulze in Bautzen, Salomon Frères und Tenting in Paris, F. X. Komarek in Wien, G. A. Kroll in Hannover (Elze's Motor), Baechlé und Comp. in Wien, C. Schranz und G. Rödiger in Wien, G. Bernhardts Söhne in Wien-Gaudenzdorf.

Unter diesen Dampfmaschinen ist besonders bemerkenswerth der Elze'sche Motor (vgl. * D. R. P. Kl. 14 Nr. 12934 vom 20. Juni 1880 mit Zusatz Nr. 14663 vom 20. Januar 1881 bezieh. Nr. 18846 vom 1. December 1881). Der Dampferzeuger setzt sich zusammen aus einer Anzahl gerader Rohre, welche den Feuerraum umgeben, und einem centrisch angeordneten gröſseren Gefäſse, in welchem der Dampfcylinder eingebaut ist. Die Maschine gleicht daher äuſserlich vollkommen der bekannten Baxter'schen Kesseldampfmaschine, wenn auch ihr Dampferzeuger ein ganz anderer ist. Eine wirkliche Baxter-Maschine war jedoch der in Wien von Müller und Klasek ausgestellte Motor. Bei allen anderen Motoren ist der Cylinder seitlich gelegt.

Nur zwei Systeme sind mit liegendem Kessel ausgeführt: das von H. C. Hoffmeister in Wien bezieh. von Friedrich und Jaffé in Wien (vgl. 1881 239 * 423). Beide sind in Wien ausgestellt, die Hoffmeister'schen Maschinen auch in Dresden, hervorgegangen aus der Fabrik von Ad. Altmann und Comp. in Berlin. Die beiden Arten Motoren sehen sich äuſserlich ähnlich: etwas lang gestreckte vierseitige Kasten mit darauf stehender, in den Dampfdom eingelassener Maschine; doch sind die Kessel im Inneren ganz verschieden; bei Hoffmeister eine Anzahl schräger, an den Hauptkessel vorn und hinten anschlieſsender Röhren, bei Friedrich eine Anzahl lothrechter, bloſs oben mit dem Kessel verbundener (Field'scher) Röhren, welche eine Reinigung ermöglichen. Die Hoffmeister'schen Motoren haben in den letzten Jahren eine groſse Verbreitung erlangt.

Ganz eigenartig ist der Dampferzeuger von Lilienthal, welcher in Wien von J. Brogle in Budapest, in Dresden von U. Pornitz in Chemnitz ausgestellt war. Derselbe besteht, wie schon früher (vgl. 1882 245 * 315) berichtet wurde, |135| aus einem zu einem dichten Cylinder schraubenförmig gewundenen Rohr (wie bei Heiſswasserheizung), dessen Inneres als Füllschacht für den Brennstoff (Kokes) dient; das Feuer zieht im Inneren durch die Koke aufwärts und dann auſsen an dem Rohre nieder.

Verschiedene von den Dampfmotoren sind mit Oberflächencondensation ausgerüstet, um reines Speisewasser in den Kessel zurückpumpen zu können, wodurch der Kesselsteinbildung vorgebeugt wird. Da jedoch immer etwas Kesselwasser verloren geht, so muſs man auch bei dem Ersatze dafür Sorge tragen, daſs nur reines Wasser verwendet wird, sonst setzt sich im Laufe der Zeit doch eine Kruste an, welche das Kesselblech zerstört, weil bei der Bauart der Kessel an eine mechanische Entfernung des Steins häufig nicht zu denken ist.

Als einer Neuheit ist noch des in Dresden ausgestellten, in Wien nur als Zeichnung vorhandenen sogen. combinirten Dampf- und Wassermotors mit Gasheizung von F. Siemens in Dresden Erwähnung zu thun. Derselbe ist ohne Steuerung, der Dampf wird zeitweilig entwickelt und wieder condensirt dadurch, daſs man das Wasser abwechselnd in dem Heizapparate steigen und wieder fallen läſst. Näheres liegt hierüber nicht vor.

Ueber den Werth der verschiedenen Dampfmotoren läſst sich nach dem Ansehen nicht urtheilen. Leistung und Kohlenverbrauch werden durch die amtlichen Versuche bestimmt. Doch auch hierauf allein wird sich ein sicheres Urtheil über die Rangstellung der einzelnen Systeme nicht gründen lassen. Nicht ein kleines Mehr oder Minder an Brennstoff kann den Vorzug entscheiden, sondern die Bequemlichkeit der Bedienung, insbesondere die Dauer im Gebrauche. Das letztere ist ein Faktor, über welchen nur die Zeit selbst, die Praxis, das entscheidende Wort sprechen kann. Daſs man sich bei den Kesselconstructionen nach so verschiedenen Richtungen hin versucht hat, scheint darauf hinzudeuten, nicht etwa daſs die Aufgabe eines sehr dauerhaften gedrungenen Kessels mehrere Lösungen möglich macht, als daſs es bis jetzt noch nicht gelungen ist, eine einzige vollkommene Lösung ausfindig zu machen.

Zu den Dampfmotoren darf man noch den in Wien ausgestellten Nähmaschinen-Motor (von 1/12 Pferdestärke) von L. Heinrici in Zwickau rechnen. Es ist dies – wie bekannt (vgl. 1884 253 * 261) – ein über dem Nähtische angebrachter, durch eine Erdöllampe, welche bei Dunkelheit zugleich Licht verbreitet, erhitzter kleiner Kessel mit schwingendem Dampfcylinder im Gewichte von 18k; der Preis mit Nähmaschine wird zu 250 M. angegeben.

Was die Gasmotoren anlangt, so nehmen die Deutzer Maschinen (vgl. 1878 227 * 99. * 104) bis jetzt noch immer die erste Stelle ein; in Dresden sind sie von der Gasmotoren-Fabrik Deutz zu 4, 2 und le, in Wien von Langen und Wolff in Wien zu 8, 4, 2, 1 und 0e,5 ausgestellt. In Wien hat die Leobersdorfer Maschinenfabrik und Eisengießerei in Leobersdorf bei Wien Robsn'sche Gasmotoren (vgl. * D. R. P. Kl. 46 Nr. 20095 vom 16. December 1881) zu 6, 3 und 1e ausgestellt, ferner C. Schranz und G. Rödiger in Wien einen Clerk'schen Gasmotor (vgl. 1883 247 * 151) zu 2e. Die beiden Systeme haben liegende Cylinder wie die Deutzer Motoren und lassen bei regelrechtem Gange während jeder Umdrehung eine Explosion erfolgen; dabei ist der Clerk'sche Motor mit einer besonderen Luftpumpe versehen, um mit verdichtetem Gasgemenge arbeiten zu können. C. Lenz und Comp. in Wien haben zwei stehende Bisschop'sche Motoren von 1½ Manneskraft (vgl. 1878 230 * 375), die Compagnie Parisienne d'éclairage par l'électricité einen stehenden Bénier'schen Motor von 0e,25 (vgl. * D. R. P. Kl. 46 Nr. 20978 vom 16. Mai 1882) ausgestellt, beide Maschinen ohne Verdichtung arbeitend, mit Zündung direkt nach Ansaugen des Gasgemisches.

In Dresden sind noch Gasmotoren ausgestellt von Gebrüder Körting in Hannover (vgl. 1883 247 * 148) bezieh. von Buß, Sombart und Comp. in Magdeburg-Friedrichstadt (vgl. 1883 247 * 150). Beide Systeme sind sich etwas ähnlich, indem sie stehende Cylinder mit besonderer Luftpumpe besitzen und bei jedem Umgange Explosion stattfindet; die Verschiedenheit liegt in der Steuerung und Zündung. – Die letztere Firma hat auch noch einen kleinen Bisschop'schen Motor vorgeführt.

Ein Erdölmotor (3 bis 4e), bei welchem Luft mit zerstäubtem Petroleum in einen liegenden Cylinder eingeführt und elektrisch entzündet wird, war |136| von S. Markus in Wien für die dortige Ausstellung angemeldet, aber nicht vorgeführt worden. Dagegen wurde nachträglich noch ein im Kataloge nicht aufgezählter Erdölmotor nach System Etève mit stehenden Cylindern und elektrischer Zündung von V. Veysy und Comp. in London zur Ausstellung gebracht. In Nordamerika, wo das Erdöl sehr billig ist, sollen damit betriebene Motoren vielfach in Anwendung gekommen sein; bei uns ist ihre Verbreitung des hohen Materialpreises wegen noch gering, obzwar dieselben gewiſs ebenso sicher wirkend gemacht werden können wie die Gasmotoren, mit denen sie im Wesen übereinstimmen.

Die Heißluftmotoren treten auf den beiden Austellungen ganz in den Hintergrund. Von allen in dem letzten Jahrzehnte so viel besprochenen Motoren ist keiner erschienen: nicht der von Lehmann-Moabit, nicht der von Hock-Wien, nicht der von Buschbaum-Darmstadt, nicht der von Zipf-Oberrad, nicht der von Rennes-Offenbach, nicht der von Stenberg-Roſsalu. In Dresden hat Civilingenieur R. Hartwig-Dresden einen Rider'schen Motor (vgl. 1876 222 * 409. 1878 230 379) zu 0e,5 ausgestellt. Dies ist Alles. Einige von H. Heim in Oberdöbling bei Wien angemeldete kleine Motoren neuen Systemes waren nicht zeitig fertig geworden. Verfasser sah ein kleines Modell davon in der Werkstätte in Betrieb; dasselbe machte constructiv den besten Eindruck. Ebenso kam der von dem technischen Bureau F. J. Zifferer in Wien angemeldete Bailey'sche Motor (vgl. 1882 246 * 491) nicht zur Ausstellung.

Soll man aus dem vollständigen Fehlen deutscher Heiſsluftmaschinen den Schluſs ziehen, daſs deren Herstellung sich nicht mehr lohnt, – nachdem lange Jahre so groſse Erwartungen an dieselben sich geknüpft hatten und so viel darin probirt worden war? Die Antwort bleibt den seitherigen Fabrikanten überlassen.

Eine kaum minder geringe Rolle wie die Heiſsluftmaschinen spielen die Wassermotoren. In Wien hat F. A. Herbertz in Köln einige ganz kleine Turbinen ausgestellt (von 18 bis 50 M.); dieselben sollen bei 3at 4 bis 12l Wasser in der Minute verbrauchen und 0,05 bezieh. 0e,25 leisten; dieselben sind zum Nähmaschinenbetriebe und in der Küche dienlich, die gröſste auch in der Werkstätte. Ferner J. J. Rieter und Comp. in Wintherthur, Ziegler und Roßhard in Zürich und A. Kuhnert in Löbtau-Dresden mit gröſseren und kostspieligeren Turbinen, sowie K. Steller in Czernowitz mit einer Fluſsturbine. Kolbenmaschinen sind gebracht von W. J. Schumacher in Köln mit schwingendem Cylinder bezieh. von Ph. Mayer in Wien mit festem Cylinder. Der letztere Motor ist sehr charakteristisch und unterscheidet sich von allen anderen Cylindermaschinen dadurch, daſs derselbe mit variabler Füllung arbeitet und dadurch befähigt ist, nur so viel Wasser zu verbrauchen, als der jeweiligen Kraftäuſserung entspricht; dieselbe kann bei dem ausgestellten Motor zwischen 0,5 bis 2e schwanken. Groſse Maschinen dieser Art wurden bei der Durchbohrung des Arlberg-Tunnels verwendet. In Dresden ist nichts in dieser Art vorhanden. Herbertz hatte seine kleinen Turbinen zwar angemeldet, war aber ausgeblieben.

Wassermotoren werden im Kleingewerbe nur wenig in Frage kommen können. Verhältnisse wie in Zürich, wo eine besondere Wasserleitung gewerblicher Verwendung zu einem mäſsigen Preise zur Verfügung gestellt wird, wiederholen sich nicht oft; das Trinkwasser steht aber sonst immer zu theuer als Triebkraft. Bis in die entlegensten Schluchten des Gebirges hinein sind im Uebrigen in den civilisirten Ländern fast alle Wasserkräfte schon in Beschlag genommen. Bemächtigt sich auch allmählich die Industrie der noch wenigen freien, so ist es doch in der Regel nur die groſse; der kleine Mann hat selten einen Nutzen davon.

Zum Schlüsse ist bei den Kraftmaschinen noch eines in Wien vorhandenen Kraftansammlungs-Apparates (sogen. Muskelkraft – Accumulator) zu erwähnen, welcher beim Betriebe der Nähmaschinen in Wirkung kommt. Derselbe ist, als Kraftaccumulator für Nähmaschinen bezeichnet, von A. Dohis und Comp. in Paris ausgestellt. Statt mit gelindem Drucke, aber in rascher Bewegung fortwährend das Schwungrad der Nähmaschine in gewohnter Weise zu treiben, spannt der Arbeiter mit verstärktem Drucke in mäßiger schwingender Bewegung der Unterbeine eine Feder, von welcher dann erst die Nähmaschine in Gang gesetzt wird. |137| Der Arbeiter kann auf diese Weise eine Zeitlang vorarbeiten, die Feder ganz aufziehen und dann ruhen, oder aber bei fortgesetzter mäſsiger Fuſsbewegung eine Zeitlang mit groſser Nadelgeschwindigkeit nähen. Das Ganze ist geistreich erdacht und mit allen Regulirungen gut constructiv durchgeführt. Preis 40 M.

Zu den Motoren werden neuerdings auch die dynamo-elektrischen Maschinen gerechnet. Solche sind in Wien von 10 Ausstellern vorgeführt, darunter 2 von Gramme, welche zum Treiben kleiner Tiegeldruckpressen dienen und ihren Strom von einer durch den gröſsten Hoffmeister'schen Motor betriebenen primären Maschine erhalten. In Dresden hatten 4 Firmen elektrische Maschinen ausgestellt, worunter ebenfalls zwei für Kraftübertragung. Diese Maschinen werden gröſstentheils zur Erzeugung von Licht verwendet und besitzen bis jetzt eine zu geringe klein gewerbliche Bedeutung, um hier näher besprochen zu werden.

Im Anschlüsse an die Motoren kann auch kurz der Transmissionen und sonstiger für den allgemeinen Betrieb nothwendigen Dinge, wie Schmierapparate und Schmieren, Wasserstandsanzeiger, Injectoren, Regulatoren, Kitte, Isolirmassen, Kesselstein-Compositionen u. dgl. kurz Erwähnung geschehen. Ziemlich stark sind auf beiden Ausstellungen die Riemen vertreten, Dresden zählt hierin 3, Wien 9 Aussteller. Für das Uebrige sind in Dresden 2, in Wien 16 Aussteller erschienen. Es darf hier auch diese allgemeine Angabe genügen.

(Fortsetzung folgt.)

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