Titel: Ueber Neuerungen an Patronen.
Autor: Anonymus
Fundstelle: 1885, Band 256 (S. 438–441)
URL: http://dingler.culture.hu-berlin.de/article/pj256/ar256165

Ueber Neuerungen an Patronen.

(Patentklasse 72. Fortsetzung des Berichtes Bd. 247 S. 203.)

Mit Abbildungen.

Bekanntlich geht man in der neueren Zeit mit dem Gedanken um, das Kaliber der Militärgewehre zu verkleinern, um dem Soldaten das Tragen einer gröſseren Zahl von Patronen zu ermöglichen, was besonders bei Einführung von Mehrladern von groſser Bedeutung sein würde, trotzdem aber die ballistischen Leistungen der Gewehre auf gleicher Stufe zu erhalten, oder sie sogar zu erhöhen. Mit der Verkleinerung des Kalibers fällt natürlich bei unveränderter Länge des Geschosses auch das Gewicht desselben, nicht die Pulverladung, da man das Patronenlager in der bisherigen Gröſse beibehalten kann.

Um die Gewichtsverminderung jedoch möglichst gering zu machen, schlagen Dr. Bischoff in Dürkheim und Major Mieg in Landau (* D. R. P. Nr. 22891 vom 26. November 1882) vor, die Geschosse aus Wolfram herzustellen, welches ein specifisches Gewicht von 15,5 bis 16 hat, während das Eigengewicht von Blei nur 11,3 beträgt.

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Die Wolframgeschosse werden durch Pressen von durch chemische Fällung hergestelltem Wolframpulver erzeugt. Eine Maschine zur Herstellung dieser Wolframgeschosse ist von den Genannten unter Nr. 22892 vom 2. December 1882 patentirt. In derselben wird das Wolframpulver in mehreren kleinen Posten in die Preſsform gebracht und dann durch ebenso viele Schläge eines Stempels zusammengedrückt. Ein Geschoſs von 7mm,5 Durchmesser und 22mm,5 Höhe hat 14g,5 Gewicht. Das Geschoſs des deutschen Infanterie-Gewehres M. 71 wiegt 25g bei 11mm Durchmesser.

Statt der Papierumwickelungen versehen G. Vinc. Fosbery in Bitton bei Bristol und H. Pieper in Lüttich (* D. R. P. Nr. 23901 vom 20. März 1883) die Geschosse mit einem dünnen Messingcylinder.

Der Messingcylinder wird dadurch gebildet, daſs ein Kreuz, aus dünnem Messingblech ausgestanzt, in einer Presse so zusammengeschlagen wird, daſs die 4 Arme den Mantel bilden. An dem Mantelende, welches aus der Patronenhülse heraussieht, werden Riefelungen eingedrückt, welche mit Fett vollgestrichen werden. Hat das Geschoſs den Lauf verlassen, so trennt sich der Cylinder vom Geschosse. Die Messingmäntel sollen vor Allem das Verbleien der Läufe verhüten, letztere besser schmieren und die Anwendung eines härteren Geschoſsmaterials gestatten.

Um die Rasanz der Flugbahn der Geschosse zu erhöhen, versuchte man verdichtetes Pulver statt des gewöhnlichen in die Patronenhülsen geschütteten Kornpulvers; dasselbe soll die schädliche Wirkung des plötzlich bei der Explosion auftretenden Stoſses mildern und eine allmählich steigende Kraftäuſserung ergeben.

Bisher wurde bei Metallpatronenhülsen mit verdichtetem Pulver das Pulver entweder von vorn in ganz kleinen Mengen in die Hülse gebracht und nach Einbringung einer jeden einzelnen Menge zusammengepreſst, oder es wurde in einer besonderen Form Pulver in kleinen Mengen verdichtet und dann der fertige Pulverklotz von vorn in die noch vollständig cylindrisch gelassene Hülse eingesteckt, worauf letztere vorn bis auf den Durchmesser des Geschosses zugewürgt wurde.

Das erste Verfahren hat den Nachtheil, daſs die Art der Füllung eine zu umständliche ist, das zweite hingegen hat auſser der umständlichen Art der Verdichtung den Nachtheil, daſs der fertige Pulverklotz in die Hülse gebracht werden muſs, dadurch dieser nur unvollkommen an den Boden und an die Hülsenwand anschlieſst und so das Feuer am Boden und Umfang mehr oder weniger rasch zum Angriffe kommt, was unregelmäſsige Wirkung und daher groſse Unterschiede in der Anfangsgeschwindigkeit mit sich bringt. Da man in die schon einmal benutzte, vorn zugewürgte Hülse keinen neuen Pulverklotz einbringen kann, läſst sich auſserdem die Hülse nur einmal benutzen.

Textabbildung Bd. 256, S. 439
Diese Nachtheile sind bei Verwendung der zweitheiligen Hülse von Wilh. Hebler in Zürich (* D. R. P. Nr. 28250 vom 5. Februar 1884) vermieden. Behufs Füllung kann folgendes Verfahren angewendet werden: Das Rohr A wird, in ein Füllungslager (ähnlich dem Patronenlager) gebracht; dieses Füllungslager hat nach hinten bezieh. oben eine Erweiterung, in welche ein Hohlcylinder l mit dem inneren Durchmesser des hinteren Rohrtheiles eingepaſst ist und auf dem Rande e des Rohres aufsitzt. Ein Dorn n bildet den Pulverkanal g; der Stempel m geht über den Dorn und paſst gleichzeitig in den inneren Durchmesser des Hohlcylinders l, entsprechend dem hinteren Durchmesser des Rohres. Wenn der Stempel m herausgezogen ist, wird das Pulver (gewöhnliches Gewehrpulver, das mit einem genügenden Feuchtigkeitsgehalte, etwa 4 Proc., versehen ist, um etwas plastisch zu werden) eingeschüttet und mit dem Stempel m, dessen Bodenfläche genau die innere Form des Patronendeckels hat, von hinten unter starkem Druck verdichtet, so daſs das Pulver zu einer |440| festen Masse wird. Hierauf wird der Stempel m und der Hohlcylinder l herausgezogen und es kann das nun mit dem verdichteten Pulver gefüllte Rohr mit dem Hülsendeckel durch Eintreiben des letzteren versehen werden. Schlieſslich wird dann das Zündhütchen aufgesetzt und die Patrone in einen Raum gebracht, in welchem das verdichtete Pulver bei gewöhnlicher Temperatur vollständig austrocknen kann. Die zweitheilige Hülse macht es mithin möglich, die ganze Ladung auf einmal in die Hülse zu bringen und mit einem einzigen Drucke zusammenzupressen.

Für den Schrotschuſs schlägt F. v. Dreyse in Sömmerda (* D. R. P. Nr. 23890 vom 23. Januar 1883) Treibspiegel aus Pappe mit Metalleinsatz vor. Dieselben werden wie gewöhnlich aus einem auf einander gewickelten und geklebten Papierstreifen gebildet, welcher, nachdem letzterer getrocknet worden ist, einen Metalleinsatz erhält; der Rand desselben legt sich auf die dem Pulver zugekehrte Fläche des Treibspiegels auf, so daſs letzterer mit dem Metalleinsatze aus dem Laufe geschleudert wird. Die vordere ausgehöhlte Fläche des Treibspiegels besitzt Längsschlitze, um sich beim Schusse fest gegen den Lauf anlegen zu können. Beim Schrotschusse wird eine schärfere Deckung mittels dieser Treibspiegel, beim Kugelschusse eine gröſsere Anfangsgeschwindigkeit und Sicherheit erzielt.

Für Schrotpatronen wendet H. Pieper in Lüttich (* D. R. P. Nr. 28044 vom 21. Februar 1884) Deckplättchen aus Glimmer an. Dieselben werden auf den Schrot gelegt, so daſs man durch dieselben sofort die Schrotsorte erkennen kann. Die umständliche Numerirung der Patronen fällt dadurch fort.

Eine eigenthümliche Abart der Patronen sind die sogen. Einsatzläufe. Es sind dies kurze, sehr klein kaliberige Läufe, meistens von der Gestalt einer Patrone, welche statt letzterer in den Gewehrlauf geschoben werden und dann den Gebrauch sehr kleiner Munition gestatten. Hiermit kann das Schieſsen, ausgenommen das auf gröſsere Entfernungen, ebenso betrieben werden wie mit gewöhnlicher scharfer Munition, nur daſs die kleine Munition viel billiger zu stehen kommt. Die Einsatzläufe sind gewöhnlich gezogen; die Munition besteht aus einer kleinen Kugel von etwa 3 bis 4mm Durchmesser und einem starken Zündhütchen, welches auf die Kugel in das hintere Ende des Einsatzlaufes hinein gedrückt wird. Wird letzterer nun wie eine gewöhnliche Patrone geladen, so trifft beim Abfeuern der Schlagbolzen auf das Zündhütchen und schleudern hierauf die Pulvergase die kleine Kugel aus dem Einsatzlaufe durch den Gewehrlauf hinaus.

F. r. Dreyse in Sömmerda (* D. R. P. Nr. 25823 vom 22. August 1883) schlitzt das hintere Ende des Einsatzlaufes und bringt in diesem Schlitze einen herausklappbaren Steg an, mit welchem einerseits die Kugel in den Lauf eingedrückt werden kann und durch den andererseits das Zündhütchen unterstützt wird, indem eine Spitze des Steges als Ambos dient. Nach abgefeuertem Schusse kann man den Steg mit dem Fingernagel fassen und herausklappen, wonach das Einsetzen einer neuen Kugel, deren Befestigung durch Zuklappen des Steges und das Aufsetzen eines neuen Zündhütchens erfolgen kann. Diese Einrichtung ist eine sehr einfache und äuſserst praktische. Der Einsatzlauf hat die äuſsere Gestalt einer Patrone und ist seine Seele mit Haarzügen versehen.

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Um die wie eine Patrone gestalteten Einsatzläufe regelmäßiger herzustellen, zieht und preſst dieselben Wilh. Lorenz in Karlsruhe (* D. R. P. Nr. 26602 vom 19. Juni 1883) aus Messing; sie bestehen gewöhnlich aus mehreren Theilen; der Hülse mit Boden, dem Geschoſs ähnlichen Einsatze zur Centrirung des vorderen Laufendes und dem eigentlichen Laufe.

Hat der Einsatzlauf die Länge der gewöhnlichen Patrone, so kann von einer groſsen Sicherheit des Schusses natürlich keine Rede sein. Man hat deshalb auch schon vorgeschlagen, die Einsatzläufe ebenso lang wie die Gewehrläufe zu machen.

Nach Rich. Morris in Lewisham, England (* D. R. P. Nr. 18234 vom 22. Mai 1881) z.B. wird in den einer Patrone ähnlichen Einsatzlauf, welcher wie eine gewöhnliche Patrone von hinten in den Gewehrlauf eingeschoben wird, von vorn durch letzteren hindurch eine dünne, als Lauf für die kleine Munition dienende Röhre geschoben, mit dem Einsatzlaufe verschraubt und dann beide Theile mittels einer über die Laufmündung geschraubten Mutter mit dem Gewehrlaufe fest verbunden. Um mit dieser Einrichtung aber doch wie mit gewöhnlichen Patronen exerciren zu können, schlägt Morris (vgl. * D. R. P. Nr. 28043 vom 31, Januar 1884) vor, Einsatzlauf und Röhre nicht mit einander zu verschrauben, sondern nur von hinten bezieh. vorn lose in einander hinein zu schieben und die Röhre vorn an der Gewehrlaufmündung für sich allein zu befestigen, so daſs sie weder in den Lauf hinein, noch aus dem Laufe heraus gleiten kann. Man kann in diesem Falle den eigentlichen einer Patrone ähnlichen Einsatzlauf genau so behandeln wie eine gewöhnliche Patrone.

Textabbildung Bd. 256, S. 441
Derartige Einsatzläufe hat man auch schon bei großkaliberigen Revolverkanonen und Geschützen versucht. Bei ersteren werden Metallpatronenhülsen angewendet und die Einsatzläufe dazu können also gerade wie die für Gewehre gebräuchlichen eingerichtet sein. Für Geschütze, welche als Ladung von einander getrennte Geschosse und Kartuschen verwenden, gibt Th. Nordenfelt in London (* D. R. P. Nr. 24690 vom 1. Juli 1882) seinen Zielübungspatronen folgende Einrichtung: Der das Geschoſs darstellende Körper A aus Holz besitzt einen Einsatzlauf a zur Aufnahme einer Gewehrpatrone b. In dem Kartuschkörper B dagegen ist ein Schlagbolzen c geführt, welcher entweder unmittelbar durch die Explosionsgase der Schlagröhre, oder durch eine Feder gegen die Gewehrpatrone geworfen wird, in welch letzterem Falle die Explosionsgase auf den Abzug wirken, welcher den Schlagbolzen in gespanntem Zustande erhält. Auch hierbei kann man das Geschütz genau so handhaben wie beim Schieſsen mit scharfer Munition. Daſs dann die Ersparniſs noch bedeutender ist als bei den Handfeuerwaffen, liegt auf der Hand.

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